lick (27)
Schwarze Katze
Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,
|
- Rainer Maria Rilke
Blick (28) Ich sitze gern auf der Bank vor
dem Gärtchen, gleich an dem oberen Fußwege, Bauschan sitzt auf meinem Fuß, die
Hühner des Fährmannes umwandeln mich, indem sie bei jedem Schritt den Kopf vorstoßen,
und meistens erhebt sich der Hahn auf die Rückenlehne der Bank, läßt die grünen
Bersaglieri-Federn seines Schwanzes nach hinten herabhangen und sitzt so neben
mir, mich grell von der Seite mit einem roten Auge musternd. - Thomas Mann, Herr
und Hund. Ein Idyll. Frankfurt am Main 1963 (zuerst 1919)
Blick (29) Ich spazierte durch eine Eukalyptus-Allee, als hinter einem Baum eine Kuh hervorgekrochen kam.
Ich blieb stehen, und wir schauten einander Auge in Auge.
Ihre Kühischkeit überraschte derart meine Menschlichkeit - dieser Moment,
in welchem unsere Blicke einander begegneten, war so voller Spannung - daß ich
aus der Fährte und Fassung geriet als Mensch, d.h. in meiner Menschengattung.
Eine sonderbare Empfindung und wohl eine zum ersten Mal von mir erlebte - diese
menschliche Scham einem Tier gegenüber. Ich ließ es geschehen, daß sie mich
anblickte und mich sah - das machte uns einander gleich - dadurch wurde ich
gleichfalls zu einem Tier - aber zu einem seltsamen, ich möchte sogar sagen,
zu einem unerlaubten. Ich ging weiter, aber ich fühlte mich unheimlich ... in
der Natur, die mich von überall her umlauerte und als wenn sie mich . . . betrachtete.
- (
gom
)
Blick (30) Callinan kam näher, ohne Lärm zu machen, aber auch ohne sich zu bemühen, völlig geräuschlos zu sein. Das Mädchen rührte sich nicht. Sie atmete langsam, regelmäßig. Callinan blieb stehen, beugte sich über ihr Gesicht. Ihre Augen waren weit geöffnet.
— Gertie, murmelte er.
Sie sah ihn an. Er wußte ihren Blick nicht zu deuten. Sie rührte sich nicht.
— Gertie, murmelte er wieder.
Sie sah ihn an. Er wußte ihren Blick nicht zu deuten. Sie rührte sich nicht. Er streckte seine breiten Hände nach ihr aus und faßte sie um die Taille. Dann ging er langsam höher bis zu den Brüsten. Es war genau so, wie er es sich dachte: sie trug kein Mieder. Diese Eigentümlichkeit zusammen mit der Tatsache, daß sie kurzes Haar trug, verwirrte Callinan wieder sehr stark. Unter den Achselhöhlen spürte er die Bänder des Büstenhalters ; dieses Unterkleiddetail brachte ihn vollends durcheinander. Alle diese weiblichen Neuheiten erschienen ihm wunderbar und unklar zugleich. Das also war die letzte Mode, aber wie kam es, daß dieses einfache Dubliner Postfräulein mitten im Krieg so genau auf dem laufenden war? Jene Dinge mußten ihren Ursprung in London haben, vielleicht gar in Paris.
— Woran denkst du ? murmelte Gertie plötzlich. Sie lächelte ihn lieb an, ein wenig spöttisch. Callinan kam aus der Fassung. Er ließ sie los und wollte sich wieder aufrichten, aber Gertie fing ihn ein, packte ihn mit den Knien um die Hüften, kreuzte dann die Beine und zog ihn zu sich heran.
— Nimm mich, murmelte sie. Sie fügte hinzu:
— Lange. - (
sally
)
Blick (31) Als Duffy den Hörer auflegte und zum Bett zurückging, drehte sie sich ihm etwas entgegen. Sie hatte ein hübsches rundes Irinnengesicht und kecke, straffe Brüste mit kleinen dunkelbraunen Warzen. Mit nostalgischen Gefühlen sah sie Duffys Schwanz an.
»Duffy«, sagte sie, »weißt du noch, wie das war, mit mir zu vögeln?«
Duffy runzelte die Stirn.
»Das Thema hatten wir schon reichlich«, sagte er und zog sich ins Badezimmer zuruck. Drin öffnete er die Tupperwarebox mit der Aufschrift »Uhren«, sah, daß es auf Carols Timex nach zehn war, wusch sich und begann sich das Kinn einzuseifen. Von hinten horte er Carols Stimme aus dem Bett.
»Weiß ich doch. Ich wollte nur wissen, ob es dir einmal gefallen hat.« - Dan Kavanagh, Duffy.
München 2006 (zuerst 1980)
Blick (32) Dank für das Eichendorffgedicht. Etwas reichlich Adjectiva: innig, träumend, tief, gross, seelig, klar, golden, grün, unsichtbar, farbig, magisch -, aber sonst sehr reizend. Auf einem Abreisskalender sah ich kürzlich das Eichendorff Schloss, ein wunderschöner Bau.
Also Sie geniessen den Frühling. Das freut mich sehr für Sie. Sie haben Recht.
Wenn man einen Moment sich des Zeitgefühls beraubt, die Vergangenheit als Mitprägerm
des Augenblicks und diesen als den Keim der Zukunft olympisch sich vereinigen
läßt; nur um sich sieht mit optischen, nicht weiterleitenden Blicken, wird man
in der Tat manchmal eine Art Lebensgefühl in seinem alternden Gemüt erleben
können. Noch halten Dich die Götter, - sieh den Tisch mit Frucht u Honig und
ein heller Tag um Deine schattenernährten Augen als echteste Natur mit vielen
Knospen u. einer Amsel als Lichtgeburt gebreitet. Noch halten Dich die Götter
-, noch kreisen unzerstört die sammelnden und die Zerstreuungskerne u. führen
eine Bahn - noch unzerstört. Ach, Blicke! Mehr nicht! Wer das Nichts im Auge
führt, kann manche Stunde kleine Dinge über den Abgrund
halten und sieht sie klarer in ihrer begrenzten, so scharf umrissenen, realen
Süsse, - dann aber bewegt sie die Nacht hinunter! Nur Blicke! Optische Blicke!
Nicht weiterleitende zu Urteil und Erkenntniss! Witzenhausener Ode dies, am
Sonntagmorgen, Frühlingssträucher vor der Parterrewohnung, - Gottfried
Benn an F.W. Oelze, 20. März 1938
Blick (33)
- Rudolf Klein-Rogge in Fritz Langs "Das Testament des Dr.
Mabuse", Photo Ullmann (Die Zeit, seinerzeit)
Blick (34) Einer der Gäste bekam eine
Gräte in die falsche Kehle und drohte zu ersticken.
Der ganze große Saal geriet durcheinander bei den gellenden Schreien des von
seinem Platz Aufgesprungenen, welche mehr und mehr in ein Jaulen und Winseln,
und dann in ein Japsen, und zuletzt in ein stummes Um-sichschlagen übergingen.
Der Mensch war inzwischen hingestürzt und wälzte sich kreuz und quer auf dem
Saalboden, das Gesicht rot nah am Tintenfischschwarz. Die Umstehenden gaben
durcheinander Ratschläge, schrieen diese, zu ihm hinabgebeugt. Nur hörte der
Erstickende nichts mehr, und die Brotstücke, die ihm zum Verschlucken mitsamt
der Gräte in den Mund gestopft wurden, spie er konvulsivisch gleich wieder aus.
Es war dann ein Blick, der ihn zu sich kommen ließ, und nach einem solchen Blick
hatte er all die Zeit flehentlich Ausschau gehalten. Ein jeder hätte ihm im
übrigen damit dienen können, es brauchte keine besondere Fähigkeit oder Ausbildung
dazu. Für den Moment lang wurde er so beruhigt, und das genügte, sich helfen
zu lassen. Man boxte ihm von hinten ins Zwerchfell, usw., und schon zog jemand
die Gräte oder was es war ihm aus der Kehle, undsoweiter. - Peter Handke, Don Juan (erzählt von ihm selbst)
Frankfurt am Main 2006 (st 3739, zuerst 2004)
Blick (35)
Blick (36)
Alberto Giacometti: Michel Leiris
- Michel Leiris, Leidenschaften. Frankfurt am Main 1992 (Fischer-Tb.
10560)
Blick (37)
Michel Leiris
Blick (38)
- Riou, in: Jules Verne, Zwanzigtausend Meilen unter Meer.
Zürich 1976 (zuerst 1870)
Blick (39) Vielen war er vom ersten Anblick an suspekt. Der Blick würde als unangenehm empfunden; er war abtastend, entkleidend und konnte eine inquisitorische Schärfe annehmen. Indem er im Gespräch einige Glieder der Kausalkette übersprang und dem Partner mehr oder weniger angenehme Schlüsse »auf den Kopf zusagte«, pflegte er zu überraschen; es trug ihm aber auch den Ruf eines Ausspähers ein.
Primitive Gemüter empfanden ihn einfach als Spitzel; und es konnte vorkommen, daß Händler gegen ihn auftraten, wenn er auf einem Markt oder vor einem Schaufenster stand und das Treiben beobachtete. Die Mädchen, die er ansprach, hielten ihn für einen Agenten der Sittenpolizei. Die drehten ihm den Revers um, hinter dem sie die Marke vermuteten. Damit geschah ihm Unrecht insofern, als, zoologisch gesprochen, zwar die Gattung, nicht aber die Spezies bestimmt wurde. In der Tat lag im Sammeln von Informationen seine Leidenschaft. Seine literarische, gesellige, erotische Existenz war von Kombinationen, Ermittlungen, Entblößungen ausgefüllt. Das befriedigte ihn an sich, als Spiel, als zwecklose Speicherung. Hinsichtlich des Genusses hätte er sich kaum aus dem Lehnstuhl zu erheben brauchen, indessen war er wie einer der Helden Dostojewskis rastlos unterwegs.
Übrigens war er auch ein guter Schachspieler. Ich spielte mit ihm ungern,
denn wenn ihm der vernichtende Zug geglückt war, konnte er ein Behagen nicht
unterdrücken, das mit der Partie nichts mehr zu tun hatte. - Ernst Jünger, Annäherungen. Drogen und Rausch. Frankfurt am Main u.a.
1980 (zuerst 1970)
Blick (40) Es war ein sehr junges
Mädchen - nur mit einer Art zerfetzten Hemdchens bekleidet, das an mehreren
Stellen das nackte Fleisch sehen läßt, an den Schenkeln, am Bauch, an den knospenden
Brüsten, an den Schultern - an einen Baumstumpf gefesselt, ihre Hände sind hinten
zusammengebunden, der Mund öffnet sich vor Entsetzen, und die Augen sind schreckgeweitet
vor dem, was sie auf sich zukommen sieht: einen ausgewachsenen Tiger,
der kaum einige Meter vor ihr steht und sie eine Sekunde lang anschaut, eh er
sie zerfleischt. - Alain
Robbe-Grillet, Die blaue Villa in Hongkong. München 1969 (dtv 548, zuerst
1965)
Blick (41) Einen Augenblick lang saß sie schweigend, mit abgewandtem Gesicht, und ich begann zu fürchten, daß ich äußerst unhöflich und taktlos gewesen sei; dann sah sie mir ernst in die Augen. Augenblicklich wurde mein Geist von der seltsamsten Vorstellung beherrscht, die je in ein menschliches Bewußtsein getreten war. Sie schien mich nicht mit, sondern durch diese Augen anzuschauen - aus einer unermeßlichen Ferne hinter ihnen -, und eine Anzahl anderer Personen, Männer, Frauen und Kinder, auf deren Gesichtern ich seltsam vertraute, in der Ferne verschwimmende Züge entdeckte, schienen sich um sie zu drängen und sich mit sanftem Eifer zu bemühen, mich durch dieselben Augäpfel zu betrachten. Schiff, Ozean, Himmel — alles war verschwunden. Ich war mir lediglich der Gestalten in dieser ungewöhnlichen und phantastischen Szene bewußt. Dann fiel plötzlich Dunkelheit über mich, und wie man sich nach und nach an schwächeres Licht gewöhnt, so nahm meine frühere Umgebung, Deck, Mast und Tauwerk wieder Gestalt an. Miss Harford hielt die Augen geschlossen und hatte sich in ihrem Stuhl zurückgelehnt, anscheinend in Schlaf versunken, das Buch, in dem sie gelesen hatte, aufgeschlagen auf dem Schoß. Getrieben von einem mir selbst nicht klaren Drang, sah ich flüchtig auf den Titel. Es handelte sich um ein Exemplar des seltenen und merkwürdigen Buches ‹Dennekers Meditationen›. Der Zeigefinger der Dame lag auf folgendem Abschnitt:
«Einigen ist es gegeben, hinweggezogen zu werden und vom Körper eine Zeitlang
getrennt zu sein; denn wie es Bäche gibt, deren Läufe sich kreuzen würden, aber
bei denen der Schwächere vom Stärkeren fortgetragen wird, so gibt es auch gewisse
Verwandte, deren Pfade sich kreuzen, deren Seelen sich vereinigen, während ihre
Körper vorbestimmte Wege gehen, unwissend.» - Ambrose Bierce, Ein
psychologischer Schiffbruch. In:
A.B., Der Gnadenstoß. Reinbek bei Hamburg 1965 (rk 184)
Blick (42)
- Brassaï
Blick (43) Vermeide,
den Hai direkt anzusehen. Nach meinen Erfahrungen verfolgen Haie die Augen
des Tauchers. Sie mögen es genau so wenig wie Du, angestarrt zu werden. -
Richard Martin, nach
telepolis
vom17. Januar 2003
Blick (sizilianischer, mafioser?)
- Leonardo Sciascia, Mein Sizilien. Berlin 1995 (Wagenbach,
53. Salto)
Blick (böser) Im Gespräch
fällt der Name eines Mannes, der in dem Ruf steht, den bösen Blick zu haben.
G., der am Fenster sitzt, tastet mit der Linken hastig nach dem Fenstergriff
und umklammert ihn. Das Eisen kann, so glaubt er, die Zauberkraft dieses Namens
neutralisieren. Vielleicht weil er meine Verwunderung bemerkt hat, vielleicht
auch, weil ich es ihm nicht gleichgetan habe, präsentiert er mir, etwas verlegen,
die Rechtfertigung: »Auch Togliatti glaubte daran.« -
(scia)
Blick (tödlicher) Wie ihr vom basilisco seht, derselbige ist auch ein monstrum, und ist ein monstrum über alle monstra, denn keins ist mehr zu fürchten, darum, daß er einen jeglichen Menschen mit seinem Gesicht und Anblick jählings töten kann, denn er ist eines Gifts über alle Gift, dem in der Welt keins gleichen mag.
Und das selbige Gift führt er verborgener Weis in seinen Augen
und ist ein imaginiert Gift, nicht sehr ungleich einer Frau, die in ihrer Monatszeit
ist, die auch ein verborgen Gift in den Augen hat. Das seht ihr daran, daß sie
Masen oder Flecken in einen Spiegel sieht und denselbigen verunreinigt und makuliert,
allein durch ihren Blick. So auch, wenn sie in eine Wunde oder Schaden sieht,
daß sie dieselbigen in gleicher Weis vergiftet und ganz unheilbar macht. Und
so wie sie nun mit ihrem Blick viel Ding vergiftet, so kann sie auch mit ihrem
Atem und Anfassen viel Ding vergiften, verderben und kraftlos machen. Denn ihr
seht, wenn sie in solcher Zeit mit einem Wein umgehen, daß derselbige bald umschlägt
und sauer wird, ein Essig, mit dem sie umgehen, auch umschlägt und verdirbt.
So auch der Branntwein seine Kraft verliert, desgleichen der Bisam, Ambra, Zibeth
und dergleichen wohlriechende Ding von ihrem Dabeiliegen und Anrühren ihren
Geruch verlieren, so auch das Gold und Korallen ihre Farbe, auch viel Edelgestein
davon wie die Spiegel makuliert werden usw. - Paracelsus, De generatione rerum naturalium. Nach: Künstliche
Menschen. Hg. Klaus Völker. Frankfurt am Main 1994 (st 2293)
Blick (47)
- Odilon
Redon
Blick (48)
Blick (49) Wir machten Hochzeit
linker Hand. Bei dieser Frau mit der kleinen Brust eines Cranach starren
die Augen uns in den Augenblicken der Lust, statt sich zu verschleiern und zu
ersterben, wie Traumaugen an. Es ist eine Klarheit, eine seltsame und regungslose
Hellsichtigkeit, etwas Schlafwandlerisches und Ekstatisches, etwas von der Agonie
einer Glückseligen, die ich weiß nicht was jenseits des Lebens anschaut. Dieser
merkwürdige und anbetungswürdige Blick ist weder ein Aufleuchten noch Zärtlichkeit:
er ist Friede und Verklärtheit. Er hat eine tote Verzückung und etwas von mystischer
Ohnmacht. In diesem Blick habe ich alle Jungfrauen der deutschen Primitiven
besessen. - (
gon
)
Blick (50) Die siebenjährige Marie begegnet einem Enterich, der sich vor ihr aufpflanzt und sie mustert.
»Du hast ganz recht«, sagt sie zu ihm, »daß du mich so anschaust mit deiner
Mütze. Wir haben gestern deine Frau umgebracht und mittags haben wir sie zusammen
aufgegessen.« - Marcel Jouhandeau, Das Leben und Sterben eines Hahns.
Tiergeschichten. Stuttgart 1984 (zuerst 1947 u.ö.)
Blick (51)
"Es gibt viele Enden der Welt"
- Richard Oelze 1967, nach: Wieland Schmied, Zweihundert Jahre
phantastische Malerei. München 1980
Blick (über die Schulter)
- Hans Baldung Grien
Blick (soldatischer)
Blick (saugender) Schilasky wandte plötzlich den Kopf und saugte sich an den Augen Todds fest. Der Blick wirkte wie ein Schlag, er durchzitterte des andern Körper und sammelte sich schließlich als schmerzhafte Leere in der Magengrube. Aber zu gleicher Zeit löste dieser Schlag eine Erinnerung aus: Er steht als Sechzehnjähriger auf der hinteren Plattform einer Straßenbahn. Da steigt ein alter Herr ein, mit weißem Franz Josefs-Bart. Und kaum fährt die Elektrische wieder, drängt sich der Alte an ihn. Das gleiche starre Saugen in seinen Blicken, und er hält sie unausgesetzt auf den Jungen gerichtet. Der ist froh, daß er an der nächsten Station aussteigen kann.
Ob da eine Verwandtschaft ist zwischen dem alten Herrn und Schilasky? Ob
sie zur selben ‹Familie› gehören? Todd denkt das Wort <Familie>
höhnisch in Anführungszeichen, und doch fühlt er selbst, wie schwach dieser
Hohn ist. Eine schlechte Verteidigung. Woher kommt meine Angst? Schilasky hat
das Gesicht wieder abgewandt, so daß nur noch das Profil sichtbar ist, dieses
hölzerne Profil, das ein wenig an einen Kasperlekopf erinnert. Das Auge, seltsam
vorgewölbt, sieht aus wie ein künstliches Glasauge. Und nur, um endlich über
dies leere Gefühl in der Magengrube hinwegzukommen, fragt Todd: «Wie hat das
eigentlich bei dir angefangen?» -(
gou
)
Blick (fragender)
Blick (ängstlicher)
"Yeti zivilisiert"
- Reiner Zimnik, Winterzeichnungen. In: Das Tintenfaß. 10. Jahrg.,
24. Folge. Zürich 1974 (Diogenes)
Blick (starrer)
Blick (teuflischer)
Blick (listiger)
- Hans Arp nach Amedeo Modigliani, aus: Richard Huelsenbeck,
Reise bis ans Ende der Freiheit. Autobiographische Fragmente. Heidelberg 1984
Blick (infernalischer) Habt ihr schon einmal einen Menschen gesehen mit abrasierten Haaren, der gerade das gelbe Fieber überstanden hat? Nun, genauso sah dieser Matrose aus. Er war so gelb wie Gummigutt und hatte nicht mehr Bart im Gesicht als ich an meinem Ellenbogen. Das Haar war ihm ausgefallen, und er war völlig kahl. Nur tief unten im Nacken und gerade hinter den Ohren stand es in kurzen kleinen Büscheln und sah aus wie eine abgenutzte Stiefelbürste. Seine Nase war in der Mitte eingedrückt, und mit dem einen Auge schielte er, während er mit dem anderen auch nicht ganz geradeaus sah. Er kleidete sich beinahe wie ein Bowery-Gauner, denn er verachtete die übliche Seemannstakelung und trug eine weite, ganz blaue Hose, die er mit Hosenträgern festmachte, und drei rote Wollhemden, eins über dem anderen. Wie er sagte, litt er an Rheuma und war überhaupt nicht richtig gesund. Und dann trug er einen großen weißen Wollhut mit einer breiten schwankenden Krempe. Er stammte aus der Stadt New York und redete in einem fort von Querulanten und Rowdies, die nach seinen Worten zu nichts gut waren als für den Galgen. Aber mir schien, daß er selbst ganz wie ein Rowdy aussah.
Sein Name war, wie ich schon sagte, Jackson, und er erzählte uns, er sei
nahe verwandt mit dem General Jackson aus New Orleans. Er fluchte fürchterlich,
wenn jemand es wagte, seine Behauptung anzuzweifeln. Tatsächlich war er ein
großer Radaubruder. Da er der beste Seemann an Bord war und in jeder Weise sehr
anmaßend auftrat, fürchteten ihn alle und durften es nicht wagen, ihm zu widersprechen
oder ihm irgendwie in die Quere zu kommen. Das war um so erstaunlicher, als
er körperlich der schwächste der ganzen Mannschaft war. Ich zweifle nicht daran,
daß ich ihn hätte zu Boden werfen können, so jung und klein ich damals auch
war, verglichen mit dem, was ich heute bin. Aber er besaß ein so einschüchterndes
Wesen, war so unverschämt und anmaßend und hatte eine so unerschütterliche Miene,
war überhaupt ein so häßlicher Kerl, daß der Satan selbst vor ihm davongelaufen
wäre. Und überdies war es ganz offenkundig, daß er zwar völlig ungebildet, aber
von Natur so erstaunlich klug und verschlagen war, daß er genau wußte, mit wem
er es zu tun hatte. Und dann war ein Blick aus seinem schielenden Auge so gut
wie ein Tiefschlag. Es war das niederträchtigste, gerissenste, infernalischste
Auge, das ich je in einem menschlichen Gesicht gesehen habe. Ich glaube, von
Rechts wegen hätte es einem Wolf oder einem hungrigen Tiger gehören müssen.
Auf jeden Fall würde ich mir jeden Augenspezialisten verbitten, der ein Glasauge
anböte, das halb so kalt, schlangenhaft und tödlich wäre. Es war ein entsetzliches
Auge, und ich gäbe etwas darum, wenn ich vergessen könnte, daß ich es je gesehen
habe, denn es verfolgt mich bis auf den heutigen Tag. - Herman Melville,
Redburn. Seine erste Reise. München 1967 (zuerst 1849)
- Henry James, nach N.N.
Blick (64) Mein Blick
traf den einer jungen Frau oder eines jungen Mädchens, das in Begleitung
eines Mannes an einem Tisch ganz in unserer Nähe saß. Da mein offensichtliches
Interesse an ihr sie nicht weiter zu genieren schien, musterte ich sie mit Wohlgefallen
vom Kopf bis zu den Füßen, vielleicht auch konnte ich schon von Anbeginn den
Blick nicht mehr von ihr wenden. Sie lächelte mir jetzt zu, ohne die Augen zu
senken, so als habe sie Vorwürfe ihres Begleiters nicht zu befürchten. Bewegungslos,
sehr schweigsam und in Gedanken versunken, die ihn sichtlich sehr weit von ihr
entfernten, machte dieser — er mochte in den Vierzigern sein — auf mich den
Eindruck eines erloschenen, mehr als resignierten Menschen, was übrigens etwas
Rührendes hatte. Ich sehe ihn fast noch vor mir: hager, kahlköpfig, gebeugt,
von sehr abgerissenem Äußeren, die verkörperte Nachlässigkeit. An seiner Seite
wirkte dies Geschöpf so wach, so vergnügt, so selbstbewußt und in seiner ganzen
Art so herausfordernd, daß die Vorstellung, sie lebten zusammen, beinahe zum
Lachen reizte. Ein untadeliges Bein, das sie sehr bewußt durch die Geste des
Übereinanderschlagens bis weit übers Knie enthüllte, schaukelte lebhaft, langsam,
lebhafter noch im ersten fahlen Sonnenstrahl — dem schönsten — des Jahres. Ihre
Augen (ich habe die Augenfarbe nie bestimmen können; diese Augen sind für mich
einfach nur helle Augen geblieben) waren, wie soll ich das erklären, Augen,
die man nie wiedersieht. Sie waren jung, direkt, begehrlich, ohne Sehnsucht,
sie hatten nichts Verspieltes, nichts von Berechnung, waren ohne »Seele« im
poetischen (religiösen) Sinne des Wortes. Augen, über die die Nacht ganz plötzlich
hereinbrechen würde. - André Breton, Die kommunizierenden Röhren. Frankfurt
am Main 1988 (zuerst 1932)
Blick (65) Sie wendete, immerzu
südwärts fahrend und jetzt beschleunigend, den Kopf, blickte ihren üblichen
Blick, die Schulterlinie entlang, und blies so ins Leere, mit einem Atem, der
aus größtem Abstand eine Kerze ausgelöscht oder einen auch dicken Zweig zum
Schaukeln gebracht hätte. - Peter Handke, Der Bildverlust. Frankfurt am Main 2002
Blick (66)
- Nach: Djuna Barnes, Portraits. Berlin 1986
Blick (67)
Blick (68) Blicke, die sich begegnen, erzeugen seltsame Beziehungen. Niemand vermöchte frei zu denken, wenn seine Augen nicht imstande wären, andere Augen, die ihnen folgten, zu verlassen.
Sobald die Blicke einander festhalten, sind wir nicht mehr völlig zwei, und
es wird schwer, allein zu bleiben. - (
pval
)
Blick (69) Ich glaube, und auch
da bin ich kein seltener Fall, daß ich im Traum nie auf wirklich befriedigende
Weise mit einer Frau geschlafen habe. Häufigstes Hindernis
sind Blicke. Aus einem Fenster gegenüber dem Zimmer, in dem ich mit einer Frau
bin, schauen uns Leute lächelnd zu. Wir ziehen in ein anderes Zimmer, manchmal
sogar in ein anderes Haus. Es ist nichts zu machen. Die gleichen spöttischen
und neugierigen Blicke verfolgen uns. Ist dann endlich der Augenblick der Penetration
gekommen, ist das Geschlecht zugenäht, verschlossen. Manchmal ist auch gar kein
Geschlecht zu sehen, es fehlt einfach, wie an dem glatten Körper einer Statue.
- Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer. Berlin, Wien, Frankfurt am
Main 1985
Blick (70) Jeder große Mann
hat einen Blick, den niemand als er mit seinen Augen machen kann. Dies Zeichen,
das die Natur in sein Angesicht legte, verdunkelt alle übrigen Vorzüge und macht
einen Sokrates zu einem schönen
Mann in besonderm Verstande. - Herder, nach: Carl Gustav Carus,
Symbolik der menschlichen Gestalt. Darmstadt 1962 (zuerst 1852)
Blick (71) Der junge Mann wagte
nicht, sich zu rühren, aus Angst, er könnte den langen Strahl ihres musternden
Blicks unterbrechen, den Zauber, der wie ein einziger Lichtstrahl zwischen ihnen
leuchtete, oder sie könnte vor Schreck zu reden anfangen. Er verbarg die Liebe
in seinen Augen nicht, denn das Mädchen konnte ohne Mühe zu ihr vordringen,
gerade wie sie das Herz in seiner Brust Purzelbäume schlagen und lauter pochen
lassen konnte, lauter als das hastige Gespräch der beiden Freundinnen, als das
Klirren der Gläser hinterm Tresen, wo der Barkeeper spuckte und putzte und nichts
übersah, und als das Schnarchen des behaglichen Schläfers. Nichts kann mich
schmerzen. Laß den Barkeeper höhnen. Kicher nur in dein Glas, Mrs. M. Ich sags
der Welt, mir geht es Spitze, ich glotz sie an, blöd stell ich mich an, sie
ist mein Mädel, sie ist meine Lilie. Liebste, o Liebste! Sie ist keine Dame,
mit ihrer Singsang-Glöckchen-Stimme, sie säuft wie ein Tiefseetaucher;
aber Lou, ich bin dein, und du, Lou, bist mein. Er weigerte sich, über ihren
Gleichmut nachzusinnen oder ihre Schönheit in Worten zu verdrehen. Sie war unter
Sonne und Mond nichts als die Seine. Furchtlos und selbstgewiß lächelte er sie
an, und obwohl er auf alles gefaßt war, brachte ihr antwortendes Lächeln seine
Finger wieder zum Zittern, so wie sie in den Gärten gezittert hatten, und rötete
seine Wangen und jagte sein Herz zum Galopp. -
Dylan Thomas, nach (hund)
Blick (72) Die jenseitigen Dinge
sind einem viel näher als die nahen, ja, die gegenwärtigen sind das Fremde schlechthin.
„Ich studiere vielleicht Einzelheiten, aber
ich bin kein Beobachter", gilt für jedes Genie. Dafür hat es jene Blicke,
jene Anfälle von Blicken auf Himmel und Sommertage ferner Zeiten, kommender
Geschlechter, anderer Daseinsempfin-der - Anfälle schleierloser Blicke zum Beispiel
auf Sommerliches, Hohes, etwas Üppiges: heiße Städte, alles sehr ähnlich, derselbe
As-dur-Walzer von Chopin und doch sehr anders. Etwas Unstillbares ist dabei,
etwas, das das Herz zerreißt. Neue ferne Wogen, kaum erkennbare Verwandlungen,
Spätheiten - und unerfüllbar alles. - Gottfried Benn, Roman
des Phänotyp. Landsberger Fragment 1944. In: G. B.,
Prosa und Szenen. Ges. Werke Bd. 2. Wiesbaden 1962
Blick (73) Die jenseitigen Dinge
sind einem viel näher als die nahen, ja, die gegenwärtigen sind das Fremde schlechthin.
„Ich studiere vielleicht Einzelheiten, aber ich bin kein Beobachter", gilt
für jedes Genie. Dafür hat es jene Blicke, jene Anfälle von Blicken auf Himmel
und Sommertage ferner Zeiten, kommender Geschlechter, anderer Daseinsempfinder
- Anfalle schleierloser Blicke zum Beispiel auf Sommerliches, Hohes, etwas Üppiges:
heiße Städte, alles sehr ähnlich, derselbe As-dur-Walzer von Chopin und doch
sehr anders. - Gottfried Benn, Weinhaus
Wolf. In: G. B.,
Prosa und Szenen. Ges. Werke Bd. 2. Wiesbaden 1962
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