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Walter Benjamin, Lehre vom Ähnlichen. In: Zur Aktualität W.Bs. Hg. Siegfried
Unseld. Frankfurt am Main 1972
Ähnlich werden (2) Die Schnecken sind sehr mißtrauische Tiere. Sie ertragen es nicht, wenn andere Tiere - Menschen inbegriffen - ihnen nachspüren. Wenn ein Mensch sich nähert, zieht die Schnecke zuerst ihre Hörner ein und versteckt sich dann ganz in. ihrem Schneckenhaus und wartet, bis der Eindringling wieder geht.
Aristodemone wollte ein Buch über das Leben der Schnecken schreiben, wie Fabre eins über das Leben der Bienen geschrieben hat. Um das zu tun, mußte er die Schnecken lange Zeit hindurch aus der Nähe beobachten - wahrscheinlich jahrelang. Aber ein Wissenschaftler schreckt vor solchen Schwierigkeiten nicht zurück.
Aristodemone hatte versucht, sich hinter einem Busch zu verstecken, dann hatte er sich selbst als Busch getarnt, indem er belaubte Zweige auf seinen Kopf und seine Schultern legte - aber die Schnecken hatten es sofort gemerkt. Schließlich kam er auf eine Idee, die ihm erleuchtend schien wie ein Stern am klaren Firmament: um die Schnecken zu beobachten, mußte er sich als Schnecke verkleiden.
Aristodemone ließ ein Gehäuse aus Papiermaché anfertigen, das genauso aussah wie ein Schneckenhaus, nur in groß. Er ließ sich auch ein Gummimaul machen und zwei Hörner, die ein- und ausziehbar waren, genau wie bei den Schnecken. Es gelang ihm auch, einen silbrig glänzenden Lack zu finden, den er beim Gehen auf den Boden strich und der dem von den Schnecken abgesonderten Schleim sehr ähnlich sah.
Jeden Morgen bevor er in den Garten hinausging um die Schnecken zu beobachten mußte Aristodemone über eine Stunde an seiner Verkleidung arbeiten. Zum Mittagessen kam er immer nach Hause, und um nicht zuviel Zeit zu verlieren, setzte er sich oft mit seiner Frau zu Tisch, ohne das Schneckenhaus abzunehmen. Die ersten Male fand seine Frau es lustig, mit einem als Schnecke verkleideten Mann am Tisch zu sitzen, aber als Aristodemone beschloß, sein Kostüm auch abends vor dem Zubettgehen nicht mehr auszuziehen, begann sie zu schimpfen.
»Ich habe doch keine Schnecke geheiratet«, sagte sie.
Der Wissenschaftler schüttelte seinen Gummikopf, zog die Hörner ein und begann zu schnarchen.
An einem bestimmten Punkt verlangte Aristodemone von seiner Frau, sie solle ihm künftig statt des üblichen gegrillten Steaks bestimmte kleine Würmer, die man zwischen den Baumrinden findet, in der Pfanne braten. Seine Frau bereitete ihm dieses Geröste, aber als Aristodemone darauf bestand, daß sie davon koste, protestierte sie lauthals. Schließlich stahl sie sich verzweifelt zur Türe hinaus und lief von zuhause weg.
Aristodemone fuhr fort als Schnecke verkleidet die Schnecken zu studieren.
Darüber vergingen Jahre, aber das Buch über die Schnecken hat er nie geschrieben.
In der Tat hat man nie von einer Schnecke gehört, die ein Buch über das Leben
der Schnecken schriebe. - (
ma2
)
- Bestiarium, nach dem Ms. Ashmole 1511, Hg. Franz Unterkircher.
Graz 1986
Ähnlich
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(4) Als er nicht antwortete, streckte sie die Hand
aus und berührte sein Gesicht. Die Eiseskälte des Todes drang durch ihre Finger,
sie fühlte sie bis ins Herz hinein und zog die Hand zurück. Aber gleich darauf
legte sie sie wieder hin, ließ sie auf der Wange des Jungen ruhen, bis sie das
Gefühl hatte, daß ihre Hand so kalt sei wie die Wange des Toten, und begann,
das stille Gesicht langsam zu streicheln. Sie fühlte mit den Fingerspitzen die
Backenknochen und die Augenhöhlen. Ihr Gesicht nahm denselben Ausdruck an wie
das Gesicht des toten Matrosen; die beiden wurden einander ähnlich wie Bruder
und Schwester. - Tania Blixen, Schicksalsanekdoten.
Reinbek bei Hamburg 1988 (zuerst 1958)
- Wolfgang Hilbig, Die Kunde von den Bäumen. Frankfurt am Main 1994
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(6) Und dann das hohe Stirnbein des Herrn Kurtz!
Man sagt, das Haar wachse gelegentlich weiter, aber dieses - nun -dieses
Exemplar war ergreifend kahl. Die Wildnis hatte ihm den Schädel getätschelt,
und, schaut nur, er war wie eine Kugel - eine Elfenbeinkugel; sie hatte
ihn gestreichelt, und — siehe da! - er war verwelkt; sie hatte Besitz von
ihm ergriffen, ihn geliebt, ihn umarmt, war in seine Adern eingedrungen,
hatte sein Fleisch aufgezehrt und seine Seele an die ihre geschmiedet mit
Hilfe der unvorstellbaren Riten einer teuflischen Initiation.
Er war ihr verwöhnter, verzärtelter Liebling. Elfenbein?
Das möchte ich meinen. Haufenweise, stapelweise. Die alte Lehmhütte quoll
über davon. Man hätte denken können, es sei im Lande weit und breit kein
einziger Stroßzahn oberhalb oder unterhalb des Erdbodens übriggeblieben.
- Joseph
Conrad, Herz der Finsternis. Frankfurt am Main 1968
Ähnlich
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(7) Wer mit Ungeheuern
kämpft, mag zusehn, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du
lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund
auch in dich hinein. - Friedrich Nietzsche, nach
(bar2)
Ähnlich werden (8)
Ähnlich werden (9) Setzen wir voraus, daß alle Eigenschaften der Dinge durch ihre Zusammensetzung aus gewissen Mengen der verschiedensten Energiearten bestimmt werden: dann müssen in gegenseitiger Nähe befindliche Dinge durch den fortgesetzten Bnergietausch einander zunehmend ähnlicher werden. Einige Energiesorten vollziehen die Ausgleichung ihrer Niveauunterschiede rascher (Wärme, Elektrizität einschließlich Magnetismus, Bewegung); andere vollbringen sie langsamer (Stoff- und Formenergie). Die Verähnlichung in Wirkung und Gegenwirkung befindlicher Dinge geht also nicht in bezug auf ihre gesamte Energieladung (in bezug auf all ihre Eigenschaften) gleichmäßig vonstatten; sondern im Maße des leichteren oder schwereren Überganges aus Lage- in lebendige Energie wird der thermische, motorische, elektromagnetische Ausgleich bereits vollzogen, der chemische und plastische noch unvollendet sein. Äußere Bedingungen, z. B. die umgebende Temperatur und Dichte, verschieben die Reihenfolge, verzögern oder beschleunigen den Gesamtausgleich.
Die Verähnlichung der energetischen, letzten Endes also der Gesamtbeschaffenheit
benachbarter Dinge nennen wir Nachahmung (Imitation):
der Ausdruck darf ja nicht dazu verleiten, einen anthropozentrischen Begriff
damit zu verbinden! Der Terminus „Imitation" möge also nicht dahin mißverstanden
werden, als wollten wir im wechselseitigen „Nachahmen" beliebiger, auch
lebloser Dinge eine Willenshandlung erblicken. Eher ist umgekehrt die willkürliche
Nachahmung des Menschen und der Tiere nichts anderes als ein spezieller und
besonders lebhafter Ausdruck des universellen imitatorischen Naturprinzipes,
das sich überall Geltung verschafft — angefangen vom mechanischen Energiestrom
(aus einem Maximum in ein Minimum) durch alle Grade bis zum organischen, unbewußten
Nachahmungstrieb und schließlich empor zur höchsten Stufe wachbewußten Lernens
und Nacheiferns.- Paul Kammerer, Das Gesetz der Serie. Eine Lehre von den Wiederholungen
im Leben und im Weltgeschehen. Stuttgart und Berlin 1919
Ähnlich werden (10)
Ähnlich
werden
(11) 18. Jahrhundert: Ein Zauberer,
sehr bewandert auf dem Gebiet der Uhrmacherkunst,
hatte einen Automaten konstruiert. Die Maschine war
ihm so gut gelungen, ihre Bewegungen waren so geschmeidig
und natürlich, daß die Zuschauer, als beide auf der Bühne erschienen, sie nicht
von einander unterscheiden konnten. Um dem Schauspiel einen Sinn zu geben, sah
sich der Meister veranlaßt, seine eigene Bewegung und darüber hinaus seine ganze
Erscheinung zu »mechanisieren«, denn die Zuschauer überkam immer stärker das
beklemmende Gefühl, sich nicht für den »Echten« entscheiden
zu können, und es war immer noch besser, sie hielten
den Menschen für den Automaten und vice versa. - (
baud
)
Ähnlich werden (12)
- Siné, nach: Boris Vian, Der Voyeur. Berlin 1989
Ähnlich werden (13) Dr. Fell erfaßte in Mr. Geards Gesicht den ungewöhnlichsten Ausdruck, den er je auf den Zügen eines menschlichen Wesens gesehen hatte. Bloody Johnny hatte seine Hand wieder zu der toten Frau erhoben, um diesmal einen Zipfel ihres Kleides zurechtzuziehen, den die Retter bei ihren Wiederbelebungsversuchen in Unordnung gebracht hatten. Doch kaum war seine Hand auf den eiskalten, entblößten Busen gestoßen, als er sie dort auf der Brust der jungen Frau wie einen schweren Wiesenchampignon liegenließ; und während seine Hand dort ruhte, nahm sein Gesicht genau den Ausdruck der toten Frau an. Seine Augen schlossen sich. Sein Kiefer klappte herunter. Seine Nasenflügel wurden verkniffen und dünn. Gewisse Linien verschwanden ganz aus seinem Gesicht, bestimmte völlig neue zeigten sich.
»Sind Sie ohnmächtig? Ist Ihnen schlecht, Mr. Geard?« Der Arzt konnte Jenny
Morgan nicht loslassen, doch der Klang seiner scharfen, besorgten Stimme schien
ohne weiteres auszureichen, um den anderen aus dieser eigenartigen Anwandlung
zu reißen. Dessen Augen flackerten und öffneten sich, die Nasenflügel bebten
und wurden weiter, und der Mund schloß sich fest. -
(cowp)
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