aum, verschlossener  Erstens: Wir haben es mit einem Verbrechen in einem hermetisch versiegelten Raum zu tun, der wirklich hermetisch verschlossen ist und aus dem kein Mörder entkommen ist, weil in Wahrheit gar kein Mörder in dem Raum war. Erklärungen:

1. Es ist kein Mord, sondern eine Kette von Zufällen, die in einen Unfall münden, der wie Mord aussieht. Zu einem früheren Zeitpunkt, bevor der Raum verschlossen wurde, fanden ein Raub, ein Überfall, eine Verwundung oder eine Zertrümmerung von Mobiliar statt, die an einen Kampf denken lassen. Später kommt das Opfer in dem nunmehr verschlossenen Raum entweder durch einen Unfall ums Leben oder verliert das Bewußtsein, und man nimmt an, daß alle diese Vorfälle zur selben Zeit stattfanden. In diesem Fall ist die Todesursache meistens ein Schlag auf den Kopf; man nimmt an, mit einer Art Keule, aber in Wirklichkeit war es ein Möbelstück, vielleicht die Kante eines Tischs oder eines Stuhls, aber am beliebtesten sind eiserne Kamingitter. Seit Sherlock Holmes' Abenteuer mit dem Verwachsenen pflegt das mörderische Kamingitter Menschen auf eine Art und Weise umzubringen, die nach Mord aussieht. Die rundum befriedigendste Lösung dieser Art von Geschichte, in der überdies ein Mörder vorkommt, wird in Gaston Leroux' Das Geheimnis des gelben Zimmers präsentiert - dem besten Kriminalroman, der jemals geschrieben wurde.

2. Es handelt sich um Mord, doch das Opfer wird dazu gebracht, sich selbst zu töten oder einen tödlichen Unfall zu erleiden. Dies kann durch die Illusion eines Raumes, in dem es spukt, bewirkt werden; oder, was gebräuchlicher ist, durch Gas, das von außen in den Raum geleitet wird. Dieses Gas oder Gift läßt das Opfer verrückt spielen; der Bedauernswerte zertrümmert die Einrichtung, als hätte es einen Kampf gegeben, und stirbt endlich an einem Messerstich, den er sich selbst beigebracht hat. In anderen Varianten jagt er sich die Spitze eines Leuchters durchs Haupt, erhängt sich an einer Drahtschlinge oder erdrosselt sich sogar eigenhändig.

3. Es ist Mord, der durch eine mechanische Vorrichtung bewerkstelligt wird, die bereits vorher in dem Raum installiert wurde und unentdeckt in einem unschuldig aussehenden Möbelstück verborgen ist. Es mag eine Falle sein, die von jemandem installiert wurde, der längst tot ist, die automatisch funktioniert oder von einem noch lebenden Mörder ihrem Zweck gemäß verwendet wird, vielleicht auch ein teuflischer Trick, der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entspringt. Beispielsweise kennen wir den Schußmechanismus, der in einem Telefonhörer verborgen ist und eine Kugel in den Kopf des Opfers feuert, sobald es den Hörer abnimmt. Es gibt die Pistole mit einer Schnur am Abzug, oder der Schuß wird durch Wasser ausgelöst, das beim Gefrieren sein Volumen ausdehnt. Wir haben eine Standuhr, die eine Kugel abschießt, sobald man sie aufzieht. Und, da Standuhren nun mal sehr beliebt sind, wir haben die überaus raffinierte Großvateruhr, die ein gräßlich mißklingendes Glockengeläut erklingen läßt, und wenn man dann hinaufreicht, um den Lärm abzustellen, löst man mit der Berührung eine Klinge aus, die einem den Bauch aufschlitzt. Dann gibt es noch das Gewicht, das von der Decke pendelt, und das Gewicht, das dem Opfer von der hohen Lehne eines Ohrensessels auf den Schädel kracht; ein Bett, das ein tödliches Gas ausströmt, sobald es von einem menschlichen Körper erwärmt wird. Die vergiftete Nadel, die keine Spur hinterläßt, ...

4. Selbstmord, der wie Mord aussehen soll. Ein Mann ersticht sich mit einem Eiszapfen, der Eiszapfen schmilzt. Da keine Waffe in dem verschlossenen Raum gefunden wird, geht man von Mord aus. Ein Mann erschießt sich mit einem Revolver, der an einem Gummiband befestigt ist - sobald er nach dem Schuß den Revolver losläßt, wird dieser in den Kamin hinauf außer Sicht katapultiert. Varianten dieses Tricks, die nichts mit dem verschlossenen Raum zu schaffen haben, sind erstens die Pistole, die mit einer Schnur an ein Gewicht gebunden ist, das an der Außenseite eines Brückengeländers hängt und nach dem Schuß die Pistole ins Wasser befördert; zweitens die Pistole, die aus dem Fenster in eine Schneeverwehung geschleudert wird.

5. Ein Mord, dessen Besonderheit auf dem Gebiet der Illusion und Personifikation zu suchen ist: Das Opfer, von dem man annimmt, daß es noch lebt, liegt bereits ermordet in einem Zimmer, dessen Tür sich im Blickfeld von Zeugen befindet. Der Mörder, der entweder als sein Opfer verkleidet ist oder von hinten mit ihm verwechselt wird, eilt zur Tür hinein. Er legt seine Verkleidung ab und kommt als er selbst wieder aus dem Zimmer. Die Illusion besteht darin, daß er beim Verlassen des Raumes seinem Opfer lediglich begegnet sei. Er hat auf jeden Fall ein Alibi, denn wenn der Leichnam später entdeckt wird, wird man glauben, daß der Mord erst einige Zeit, nachdem das vermeintliche Opfer den Raum betrat, geschehen ist.

6. Ein Mord, der von einem Täter begangen wurde, der zur Tatzeit nicht in dem Raum war, aber den Anschein erweckt, als hätte er dort sein müssen.

7. Es ist Mord, der auf einem Effekt beruht, der sich genau umgekehrt zu dem unter 5 verhält, will sagen, das Opfer wird schon lange für tot gehalten, ehe es tatsächlich tot ist. Es liegt bewußtlos, unter der Einwirkung von Drogen, aber unversehrt in einem verschlossenen Raum. Kein Türklopfen kann es wecken. Der Mörder spielt den übrigen Anwesenden Theater vor: Er bricht die Tür auf, stürzt als erster hinein und tötet das Opfer durch Erstechen oder Kehledurchschneiden. Gleichzeitig legt er den Zeugen nahe, etwas gesehen zu haben, das gar nicht existierte. Die Ehre, diese Konstruktion erfunden zu haben, gebührt Israel Zangwill. Sie wurde seitdem in manch abgewandelter Form immer wieder eingesetzt. Diese Art von Mord wurde, gewöhnlich durch Erstechen, schon auf einem Schiff, in einer Ruine, einem Gewächshaus, einer Mansarde und sogar unter freiem Himmel verübt. In letzterem Fall stolpert das Opfer und verliert das Bewußtsein, bevor sich der Mörder über es beugt.

Zweitens: Wir können ein paar Methoden aufzählen, wie man sie manipulieren kann, damit sie von innen verschlossen erscheint:

1. Die Manipulation des Schlüssels, der noch im Schloß steckt. Dies ist seit jeher die häufigste Methode gewesen, aber ihre Spielarten sind heutzutage so bekannt, daß sie niemand mehr mit Erfolg anwenden kann. Der Schlüssel kann mit einer Zange von außen gepackt und umgedreht werden; wir selbst haben das getan, um die Tür von Grimauds Arbeitszimmer von außen zu öffnen. Eine praktische kleine Vorrichtung besteht aus einem dünnen Metallstift, etwa fünf Zentimeter lang, an dem eine Schnur befestigt wird. Bevor man das Zimmer verläßt, wird dieser Stift an der Spitze des Schlüssels ins Schlüsselloch geschoben, ein Schnurende darunter und eines darüber, so daß er als Hebel wirkt. Die Schnur wird fallengelassen und unter dem Türspalt hindurch nach außen geführt. Die Tür wird von außen geschlossen. Nun muß man nur an der Schnur ziehen, und der Hebel dreht den Schlüssel im Schloß. Dann zieht oder schüttelt man den losen Stift mit der Schnur aus dem Schloß, und wenn er heruntergefallen ist, zieht man ihn unter der Tür hindurch zu sich hinaus. Dieses Prinzip kennt mehrere Varianten, die alle auf dem Einsatz einer Schnur basieren.

2. Einfaches Entfernen der Türangeln, ohne dabei etwas an Schloß oder Riegel zu verändern. Dies ist ein netter, kleiner Trick, den die meisten Schuljungen kennen, wenn sie einen abgeschlossenen Schrank aufbrechen wollen. Selbstverständlich müssen sich die Angeln an der Außenseite der Tür befinden.

3. Manipulationen am Riegel; wieder mit Hilfe einer Schnur, diesmal einer Vorrichtung aus Näh- oder Stopfnadeln, mit der der Riegel von außen vorgeschoben wird, indem man eine Nadel, die in der Innenseite der Tür steckt, als Hebel benutzt und die Schnur durchs Schlüsselloch geführt wird. Philo Vance, vor dem ich meinen Hut ziehe, hat uns mit der gelungensten Durchführung dieses Tricks erfreut. Es gibt einfachere, aber weniger wirkungsvolle Spielarten, die mit einem Stück Schnur arbeiten. Ans Ende einer langen Schnur wird mit einem Narrenknoten, der mit einem heftigen Ruck gelöst werden kann, eine Schlinge geknüpft. Diese Schlinge wird um den Riegel gelegt und die Schnur unter der Tür hindurch nach außen gelegt. Die Tür wird geschlossen, und indem man die Schnur nach links oder rechts bewegt, kann man den Riegel öffnen und schließen. Ein Ruck löst den Knoten vom Riegel, und die Schnur kann weggezogen werden. Ellery Queen hat uns eine weitere Methode vorgeführt, bei der die Leiche selbst miteinbezogen wird - aber eine trockene Darstellung dieser Methode, ohne sie in ihren Zusammenhang zu stellen, erschiene so ungeheuerlich, daß wir diesem brillanten Kopf nicht gerecht würden.

4. Manipulationen am Fallriegel. Dies geschieht für gewöhnlich, wenn etwas unter den Fallriegel geklemmt wird, das weggezogen werden kann, nachdem die Tür von außen verschlossen worden ist, und ihn zufallen läßt. Die weitaus erfolgversprechendste Methode bedient sich ebenfalls des immer wieder hilfreichen Eises. Ein Eiswürfel wird unter den Fallriegel geklemmt; sobald er schmilzt, fällt der Riegel, und die Tür ist zu. Eine Situation gibt es, bei der das bloße Zuschlagen der Tür genügt, innen den Riegel zum Fallen zu bringen.

5. Eine Illusion, schlicht, aber wirkungsvoll: Der Mörder hat nach seinem Verbrechen die Tür von außen verschlossen und den Schlüssel behalten. Man nimmt aber an, daß der Schlüssel noch von innen steckt. Der Mörder schlägt als erster Alarm und findet auch die Leiche. Er zerschlägt die oberste Glasscheibe der Tür, streckt seine Hand hindurch, in der er den Schlüssel versteckt, er ›findet‹ den Schlüssel innen im Schloß stecken und öffnet mit ihm die Tür. Dieser Trick kann auch bei einer normalen Holztür angewendet werden, deren Füllung eingeschlagen wird. - John Dickson Carr, Der verschlossene Raum. Köln 1993 (DuMont's Kriminal-Bibliothek 1042, zuerst 1935)

Raum, verschlossener (2)  »Ist es richtig, daß innerhalb des niedrigen Gebäudes eine Tür auf die Treppe zum Kapellenturm führt?«

»Das ist richtig. Die Treppe selbst besteht aus Ziegelsteinen, und den Durchgang vom Hause zu ihr, den einzigen Zugangsweg zum Turm, versperrt eine Tür aus massivem Braúna-Holz. Übrigens sind es zwei Türen, eine unten und die andere oben am Treppenende.«

»Besteht die Treppe selbst aus festen Ziegelsteinen, oder sollte sie nur dazu dienen, das Vorhandensein eines Geheimgangs zu verschleiern?«

»O nein, die Treppe war und ist massiv gebaut, Herr Richter. Ich weiß wohl, in den ausländischen Romanen, die von Blut und Verbrechen handeln, greift man immer zu solchen faulen Tricks, um die Rätsel aufzulösen, aber in meinem Fall gibt es so etwas nicht. Der Fußboden und die gewölbte Decke bestehen ebenso wie die dicken Wände des wuchtigen Turms aus Stein, Ziegeln und Kalk, so daß da für einen Geheimgang irgendwelcher Art kein Platz war noch ist.«

»Wie also sind die Mörder dort eingedrungen?«

»Darin besteht ja eben die Schwierigkeit, Ew. Ehren: niemand weiß, wie das geschehen ist.«

»Ist das Turmzimmer, der sogenannte Wachtturm, für irgendwelche Zwecke benutzt worden?«

»Keineswegs. Vor fünf oder sechs Jahren war jemand dort zum letzten Mal hinaufgestiegen.«

»Gab es dort gar kein Möbelstück? Beispielsweise einen Tisch oder einen Schreibtisch, der den Turm zu einer Art Arbeitszimmer für den Herrn des ›Gefleckten Jaguars‹ gemacht hätte?«

»Nein.«

»Was hat er denn dort eigentlich an seinem Todestage gesucht?«

»Wie soll ich das wissen, Ew. Ehren? Was ich weiß, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe, ist, daß er dort hinaufstieg, sich einschloß und dort gestorben ist. Es gab im Inneren des Zimmers weder Möbel noch Fenster. Es gab nur, als bleibende Erinnerung an den ›Tapuia-Krieg‹, in jeder der vier Wände eine lange, enge Schießscharte, also insgesamt vier. Die Schießscharten öffneten sich nach außen hin in Bogenform, weil im Turmzimmer als einziger Gegenstand die Glocke hing und die Schießscharten als Öffnung für die Glockenschläge dienten, so wie das auch bei den bogenförmigen Fenstern der üblichen Kapellen der Fall ist.«

»Konnte der Mörder durch diese Schießscharten eingedrungen sein?«

»Das ist ganz unmöglich, Ew. Ehren, weil die Schießscharten an ihrer Innenseite nur eine Öffnung von fünfzehn Zentimetern aufweisen, so daß ein Mensch unter keinen Umständen hier eingedrungen sein kann. Auch über die Treppe konnten die Mörder nicht kommen, und zwar wegen der schweren Türen aus Braúna-Holz.«

»Und als man den Leichnam fand, waren die Türen verrammelt?«

»Gewiß doch, Herr Richter. Entschuldigen Sie gütigst, aber Sie scheinen zu meinen, mein Rätsel aus Blut und Verbrechen sei eines von den kleinen ausländischen Rätselchen, die jedermann lösen kann? Da täuschen Sie sich gewaltig. Mein Rätsel ist Feuer, Ew. Ehren, es ist ein brasilianisches Rätsel, das feinstgesponnene, das die Welt je gesehen hat. Die beiden Türen waren massiv, und sie waren verschlossen, und die Treppe war der einzige Zugang zum Turm. Außerdem hatte meine Tante, Dona Filipa Quaderna, die Hausverwalterin des ›Gefleckten Jaguars‹, wie Sie aus den Akten entnommen haben dürften, mit eigenen Augen gesehen, wie Dom Pedro Sebastião eine halbe Stunde vor seiner Ermordung den Turm betrat und beide Türen von innen verschloß: und das nicht nur mit dem großen alten Schlüssel, sondern auch mit den wuchtigen Eisenstangen, die von innen vorgeschoben wurden und ein Aufbrechen der Türen unmöglich machten.«   - (stein)

Raum Rätsel
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