ufall  In gewissen Situationen nimmt der Zufallsbegriff eine nicht mehr bloß operationale, sondern eine wesensmäßige Bedeutung an.

Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man von »absoluter Koinzidenz« sprechen kann; ein solches unabhängiges Zusammentreffen resultiert aus der Uberschneidung zweier voneinander völlig unabhängiger Kausalketten. Nehmen wir zum Beispiel an, Dr. Müller sei zu einem dringenden Besuch bei einem Neuerkrankten gerufen worden, während der Klempner Krause mit der dringenden Reparatur am Dach eines Nachbargebäudes beschäftigt ist. Während Dr. Müller unten am Hause vorbeigeht, läßt der Klempner durch Unachtsamkeit seinen Hammer fallen; die (deterministisch bestimmte) Bahn des Hammers kreuzt die des Arztes, der mit zertrümmertem Schädel stirbt.

Wir sagen, er habe kein Glück gehabt. - Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit. München 1996 (zuerst 1970)

Zufall (2) Die Physik hat diesen Begriff längst akzeptiert. Ja, eine der grundlegenden physikalischen Theorien, die Quantenmechanik, basiert auf dem Begriff der Unbestimmtheit, mit der jedes elementare Ereignis behaftet ist. Eingeschränkt wird diese »Unschärfe« elementarer Ereignisse aber durch die große Zahl, mit der sie makroskopisch in Erscheinung treten. Diese Einschränkung geht so weit, daß für makroskopische Vorgänge im allgemeinen exakte Gesetzmäßigkeiten resultieren (z. B. die Gesetze der Thermodynamik oder der klassischen Mechanik und Elektrodynamik).

Doch gibt es Ausnahmen, z. B. wenn der »unbestimmte« Elementarprozeß sich selber - etwa durch autokatalytische Verstärkung - zum makroskopischen Ereignis aufschaukelt. Dann nämlich muß die elementare Unschärfe sich auch makroskopisch »abbilden«. Genau das aber geschieht, wenn eine »vorteilhafte« Mutation sich durchsetzt, d. h. selektiert wird. Die makroskopische Abbildung solcher der Unbestimmtheit unterworfenen Elementarprozesse, mithin die individuelle Form aller - auch makroskopisch in Erscheinung tretenden - Lebewesen verdankt ihre Entstehung also dem Zufall. - Manfred Eigen, Vorwort zu: Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit

Zufall (3) Im Jahre 1791 entdeckte Aloys Galvani, ein Arzt in Bologna, zufällig, daß der abgeschnittene u. von der Haut entblöste Schenkel eines Frosches in dem Augenblick Zuckungen bekam, wo man zwei Metalle, wovon das eine einen Nerv, das andere einen Muskel berührte, unter sich in Berührung brachte. Volta‘s Scharfsinn erkannte den Grund dieser Erscheinung in einer schwachen entgegengesetzten Elektricität welche durch die Berührung zweier Metalle erregt wurde. Nicht Zufall, sondern Nachdenken leitete ihn auf die Entdeckung des Mittels, wodurch diese Art der Elektricität auf eine bewunderungswürdige Weise verstärkt werden kann, und führte ihn auf die Construction der Voltaschen Säule. - Alexander von Humboldt, Über das Universum, 1827

Zufall (4) Wenn man nach gewissen Regeln erfinden lernen könnte, wie z. Ex. die sogenannten Loci topici sind, oder wenn die Vernunft sich selbst in den Gang setzen könnte, so wäre diese[s] gerade eine solche Entdeckung, als die Tiere zu vergrößern, oder Sträuche zur Größe von Eichbäumen auszudehnen. Es scheint, als wenn allen Entdeckungen eine Art von Zufall zum Grunde läge, selbst denen, die man durch Anstrengung gemacht zu haben glaubt. Das bereits Erfundene in die beste Ordnung zu bringen, allein die Haupt-Erfindungssprünge scheinen so wenig das Werk der Willkür zu sein als die Bewegung des Herzens. — Eben so kömmt es mir vor, als wenn die Verbesserungen, die man den Staaten geben kann durch räsonnierende Vernunft, bloß leichte Veränderungen wären; wir machen neue Species, aber Genera können wir nicht schaffen, das muß der Zufall tun. Versuche müssen daher angestellt werden in der Naturlehre, und die Zeit abgewartet in den großen Begebenheiten. Ich verstehe mich. Hierher gehört was ich an einem andern Ort gesagt habe, daß man nicht sagen sollte: ich denke, sondern es denkt so wie man sagt: es blitzt. - (licht)

Zufall (5)  Ist der Zufall  wirklich eine chaotische Kraft außerhalb jeder Regel? Man muß ihn sich anders vorstellen.

Wer hat niemals mit Verblüffung das unerschütterliche Vertrauen beobachtet, mit dem ein Spieler bei der Suche nach Kombinationen vorgeht, von denen er sich einen Gewinn erhofft? Was sucht er? Er möchte das Gesetz des Zufalls finden, und es ergeht all jenen Spielern am schlimmsten, die fest daran glauben, daß das Glück durch genaue Beobachtungen und konsequentes Handeln zu bezwingen wäre. Und sie täuschen sich da nicht im geringsten. Wenn sie dennoch verlieren, so hängt das nur mit ihren falschen Berechnungen zusammen oder damit, daß sie ihren Leidenschaften nachgeben.

Das Phänomen des Zufalls soll hier unter denselben Bedingungen ins Auge gefaßt werden. Der Zufall ist ein Element aus zwei einander gegensätzlichen Strömungen, den glücklichen und den unglücklichen Vorfällen, bei denen Aufstieg und Fall, Schwankungen oder Abweichungen nur dann unregelmäßig erscheinen, wenn man sie in einem beschränkten Raum oder auf einer begrenzten Zeitskala betrachtet. Beispielsweise lernt man, in welche Richtung die glücklichen und die unglücklichen Ströme fließen, und kann dann folgende Beobachtung anstellen:

Die Wechselfälle des Lebens scheinen unter der Herrschaft einer Macht zu stehen, die wir gern als eine gesetzmäßige Verknüpfung oder Folge auffassen, so daß die glücklichen oder unglücklichen Vorfälle alle von einem ursprünglichen Erfolg oder Fehlschlag ableitbar erscheinen. Ein günstiges oder ungünstiges Ereignis schließt in sich eine gewisse Reihe von fatalen oder glücklichen Auswirkungen ein, die alle zu einem gegebenen Zeitpunkt enden. Somit führt wiederum ein sich günstig gestalten des Geschäft durch eine geheimnisvolle Verknüpfung andere gleichermaßen glückliche mit sich. Im allgemeinen nennt man das eine Glückssträhne, gleichsam eine Glücksader, somit auf eine überaus erstaunliche Weise einen Zusammenhang mit jenen kostbaren Flözen herstellend, auf die Bergleute bei ihren ausdauernden Erkundungen stoßen.

All diese Überlegungen führen uns zu einer hervorragenden Definition des Erfolgs. Erfolgreich sein heißt, sich im Strom der Glücksfälle befinden; nicht erfolgreich sein heißt, dessen Richtung aus den Augen verloren zu haben.

Versteht man nun, welche Rolle der Aberglaube bei Liebenden, bei Spielern und vor allem bei Politikern spielt? Er ist nichts anderes als eine Berechnung oder intuitive Ahnung des Glücks. Als Polykrates seinen Ring ins Meer warf, spürte er, daß seine Glückssträhne eine Ende gefunden hatte. Als Gaesar in ein Fischerboot sprang und mitten im Sturm zu dem entsetzten Mann am Ruder sagte: »Keine Angst, du hast Gaesar und sein Schicksal an Bord«, da war es, als wollte er ihm sagen:

Fürchte dich nicht, du hast ein Fatum an Bord, das sich in seiner gesetzmäßigen Entwicklung befindet, Und der Mann am Steuer verstand, ohne zu analysieren, aufs beste, was er gesagt hatte.

In der Politik macht sich ein überlegenes Talent darin bemerkbar, daß man selbst den Zufall steuern kann und ihm nicht unterworfen ist. Im Geschäftsleben gibt es ebenfalls Leute, die den Zufall steuern, man nannte sie früher Gauner. - (joli)

Zufall (6)  Big Joe Pullen ist tot, und während der Trauerfeier stürzt ein Mann aus dem Fenster des Nebenzimmers auf die Straße hinunter — aus dem dritten Stock immerhin. Aber er bleibt unverletzt: Er ist in einen Korb voll frischem Brot gefallen... Nun, Zufälle gibt es auch anderswo; das ist noch nicht typisch für Harlem (wenn auch hier die glücklichen Zufälle ziemlich selten sind). Aber wenige Minuten später liegt plötzlich ein anderer Mann in dem Korb mit den Broten. Ein toter Mann. Ein Mann mit einem Messer in der Brust. Ein Mann, der allgemein beliebt war, der keine Feinde hatte... Nun, zumindest einen Feind muß er wohl gehabt haben. Wer ersticht schon einen allgemein beliebten Mann, wenn er nichts gegen ihn hat? Das tut keiner. Nicht einmal in Harlem. - Waschzettel zu: Chester Himes, Fenstersturz in Harlem. Reinbek bei Hamburg 1975 (zuerst 1959)

Zufall (7) Weshalb entwickelte Homo sapiens den größten Penis von allen lebenden Primaten? (....) Weshalb schaltete er vom Aufreiten von hinten um auf die frontale Annäherung? Und auch hier werden Sie vielleicht nicht gleich bereit sein zu glauben, das stete sexuelle Verhalten des Mannes stehe in irgendwelchem Zusammenhang mit einer im Wasser verbrachten Phase seiner Geschichte. Doch wenn Sie sich erst vergegenwärtigen, daß praktisch alle Landsäugetiere die sexuelle Annäherung von hinten praktisch alle Wassersäuger die frontale Annäherung dabei benutzen, dann werden Sie mindestens argwöhnen, daß das nicht reiner Zufall sein kann. - Elaine Morgan, nach: Klaus Theweleit, Männerphantasien. Frankfurt am Main 1977

Zufall (8) Am 9. November 1965 um 17:28 Uhr schlug der elfjährige Jay Hounsell mit einem Stock gegen einen Laternenpfahl - aus Spaß. Gleichzeitig gingen in ganz New York die Lichter aus. Der Bub rannte weinend zu seiner Mutter und sagte: 'Ich will‘ s nie wieder tun.' Zeitgleich in der Nähe des New Vorker Hilton Hotels: eine Hausfrau versuchte gerade, eine Steckdose zu reparieren, als ganz Manhattan im Dunkel versank ,Mein Gott, was habe ich da angerichtet', stammelte sie fassungslos. - Nach: Tagesspiegel 20.12.2002

Zufall (9) 1972 geriet eine gute Freundin von mir in Schwierigkeiten mit dem Gesetz. Sie lebte damals in Irland, in einem Dorf unweit der Kleinstadt Sligo. Zufällig fuhr an dem Tag, als ich sie dort besuchte, ein Polizist in Zivil bei ihrem Häuschen vor und überbrachte ihr eine Vorladung. Die Beschuldigungen waren so schwerwiegend, daß es ratsam schien, einen Anwalt zu nehmen. Meine Freundin erkundigte sich und bekam einen Namen genannt, und am nächsten Morgen radelten wir in die Stadt, um den Fall mit diesem Mann zu besprechen. Zu meiner Verblüffung arbeitete er für eine Kanzlei namens Argue & Phibbs, zu deutsch: «Streiten & Flunkern». - Paul Auster, Das rote Notizbuch. Reinbek bei Hamburg 1996 (zuerst 1995)

Zufall (10) Alle Zufälle unsers Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben. Jede Bekanntschaft, jeder Vorfall, wäre für den durchaus Geistigen erstes Glied einer unendlichen Reihe, Anfang eines unendlichen Romans. - Novalis, Blüthenstaub (1798)

Zufall (11)   ist das Handeln von Menschen in bezug auf andere.

Aber es gibt noch eine weitere Quelle des Zufalls, an die man keinen Gedanken verschwendet. Wer könnte sich in der Lage fühlen, zu sagen, an was er in fünf Minuten denken wird? Somit reicht der Zufall bis in unser Denken hinein als Macht, die eine Handlung hervorbringt; und bei allen Unterschieden des Tempe/ raments ist er die Macht, die auf Denken und das Handeln reagiert, ganz zu schweigen von den rein physischen äußeren Gründen, deren Einfluß ohnehin nie vorauszusehen ist.

Hat man sich auf ein schlechtes Geschäft eingelassen, bietet sich die Gelegenheit, seine Berechnungen auf die Probe zu stellen, indem man die unterschiedlichen Folgen, zu denen die Verwicklung führen kann, zu bestimmen versucht. Gewöhnlich wird es sich so verhalten, daß die Schwierigkeit durch keine der Maßnahmen zu bewältigen ist, die man ins Auge gefaßt hat; und bei all den unerwarteten Zwischenfällen, die eine Unternehmung gewöhnlich mit sich bringt, kann man nicht einmal beurteilen, ob sie Glück oder Unglück bringen.

Erst im politischen Leben machen sich wunderbare Zwischentöne bemerkbar, denn die Politik besteht darin, daß man mit Menschen und Ereignissen spielt. Zeitgenössischen Memoiren kann man entnehmen, daß Napoleon als eine jener Persönlichkeiten, vor denen das menschliche Leben die wenigsten Geheimnisse wahren konnte, niemals auf solche Leute setzte, die ihn für langfristige Maßnahmen gewinnen wollten. Ausdrücklich gibt er zu Protokoll, daß er die Ereignisse Tag für Tag auf sich zukommen ließ. - (joli)

Zufall (12) Der Zweck aller Kultur war und ist es, jegliche Willkür, jeglichen Zufall im Glanze des Wohlwollens oder zumindest der Notwendigkeit erscheinen zu lassen. Das ist der gemeinsame Nenner aller Kulturen, die Quelle der »Normalisierung« des Verhaltens in Ritualen, in allen Geboten und in jedem Tabu: Überall soll alles einem einzigen Maßstab gehorchen. Das Zufällige haben die Kulturen in kleinen vorsichtigen Dosen in sich aufgenommen - in Gestalt von Spielen und Vergnügungen, zum Zweck der Unterhaltung. Als Spiel oder Lotterie gezähmt und gebändigt, hat der Zufall aufgehört, eine berückende und gefährliche Kategorie zu sein. Wir spielen in der Lotterie, weil wir spielen möchten. Niemand zwingt uns dazu. Der gläubige Mensch sieht es ebenfalls als Zufall an, wenn ihm ein Glas zerbricht oder eine Wespe ihn sticht, aber den Tod führt er nicht auf den Zufall zurück; unbewußt scheint er zu glauben, daß Gottes Allmacht und Allwissenheit den Zufällen nur eine untergeordnete Rolle zuweist. Die Wissenschaft hat den Zufall als Effekt einer einstweilen noch unvollständigen Erkenntnis aufgefaßt, als Ergebnis unserer Unwissenheit, die durch weitere Entdeckungen beseitigt werden würde. Das ist kein Scherz; Einstein scherzte durchaus nicht, als er sagte: »Der Herrgott würfelt nicht«, denn: »He is sophisticated but He is not malicious«, was besagen sollte: Es ist schwierig, die Ordnung der Welt zu erkennen, aber möglich ist es, denn sie ist der Vernunft zugänglich. - Stanislaw Lem, Das Katastrophenprinzip. Aus Lems Bibliothek des 21. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1983 (st 999)

Zufall (13) Bekannt wurde Dada im Laufe des Jahres 1918, ohne daß man viel mehr von ihm wußte als dieses sonderbare Wort. Allgemein bekannt wurde es erst im Frühjahr 1919, als in in- und ausländischen Zeitungen Berichte über eine sehr tumultuös verlaufene Dada-Soiree in Zürich erschienen. Gleichzeitig tauchte zum ersten Mal der Name des inzwischen fast berühmt gewordenen Dadaistenführers DR. SERNER auf, der durch Verlesung seines Manifestes LETZTE LOCKERUNG den Tumult herbeigeführt hatte. Das jetzt im Verlag von PAUL STEEGEMANN in Hannover vollständig erschienene Manifest macht jenes stürmische Resultat allerdings durchaus begreiflich. Denn man bekam nicht nur zu wissen, was Dada letzten Endes ist, sondern damit auch so ziemlich alles weggenommen, woran man etwa noch hing und glaubte.

Es ist ein eigenartiger Zufall, daß dieses bereits vor zwei Jahren geschriebene Buch zur selben Zeit erscheint, da in Halle die Als ob-Konferenz tagte, und die Einsteinsche Relativitäts-Theorie in Zeitungen und Revuen besprochen und popularisiert wird. Dort begründete der zweifellos ganz hervorragende Philosoph Vaihinger den sogenannten Fiktionalismus, demzufolge sämtliche A priori-Sätze, Thesen und Axiome lediglich als fiktiv zu betrachten seien, keine absolute Richtigkeit beanspruchen könnten; hier vernahm die erstaunte Mitwelt, wie unzuverlässig alles sei.
Max Winternitz, HAMBURGISCHER CORRESPONDENT Nr. 458, 21.9.1920  - Nach: Walter Serner, Das Hirngeschwür. DADA. Gesammelte Werke II, Hg. Thomas Milch. München 1988

Zufall (14)  Ich las  den ersten Roman von Alfred Döblin Der schwarze Vorhang, Roman von den Worten und Zufällen.

Als ich mit ihm darüber sprach, sagte er: »Ich verstehe das Buch nicht. Zufall nennt man das Zusammentreffen von Ereignissen, deren Ursächlichkeit man nicht kennt. Ohne Ursache gibt es aber keine Welt. Darum gibt es Zufälle eigentlich nicht in der Welt, sondern nur hier -«, Kafka berührte mit der linken Hand seine Stirn. »Zufälle gibt es nur in unserem Kopf, in unseren beschränkten Wahrnehmungen. Sie sind die Spiegelung der Grenzen unserer Erkenntnis. - Der Kampf gegen den Zufall ist immer ein Kampf gegen uns selbst, den wir nie ganz gewinnen können. Aber davon ist gar nichts in diesem Buch.« »Sie sind also von Döblin enttäuscht?« »Eigentlich bin ich nur von mir selbst enttäuscht. Ich erwartete etwas anderes, als er vielleicht geben wollte. Die Hartnäkkigkeit meiner Erwartung verblendete mich aber so, daß ich die Seiten und Zeilen und zum Schluß das ganze Buch übersprang. Ich kann also nichts über das Buch sagen. Ich bin ein sehr schlechter Leser - Gustav Janouch. Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Frankfurt am Main 1981 (Fischer Tb. 5093, zuerst 1954)

Zufall (15) Zufall, gewiß, nichts weiter als Zufall. Ich neige nicht dazu, das Übersinnliche zur Deutung einfacher Vorfälle heranzuziehen, ich lehne es grundsätzlich ab, den Dingen auf solche Art ein Gewicht beizulegen, das ihnen nicht zukommt. Ich halte mich an die realen Tatsachen. Es gibt in dieser alten Stadt sicherlich viele Antiquitätenläden, und vor einem von ihnen war ich stehengeblieben, vor dem ersten, der auf meinem Weg lag. Daß zwischen all dem alten Kram, der da zur Schau gestellt wurde, den Gläsern, den römischen Kupfermünzen, den Holzschnitzereien und den Porzellanfigürchen, gerade das Marmorrelief meine Aufmerksamkeit an sich zog, darin liegt nichts Verwunderliches, denn es mußte mir schon durch seine Größe auffallen. Es war offenbar die Nachbildung eines mittelalterlichen Kunstwerkes und stellte einen Männerkopf dar, einen Kopf mit kühnen, beinahe wilden und dennoch erhabenen Zügen. Die Mundwinkel zeigten jenes erstarrte Lächeln des Entrücktseins, das man auf allen gotischen Bildwerken findet. Doch ich wußte, dieses übermäßig lange, von Leidenschaften durchfurchte Gesicht mit der mächtigen, aber edel geformten Stirn sah ich nicht zum erstenmal. Irgendwo war ich ihm schon begegnet, vielleicht in einem Buch, oder ich hatte es auf einer alten Gemme gefunden, aber wem dieses Gesicht gehörte, darauf konnte ich mich nicht besinnen, und je länger ich darüber nachsann, desto unruhiger wurde ich. Ich wußte, daß mich diese gewaltigen Züge nicht loslassen, daß sie mich bis in meine Träume verfolgen würden. Ich hatte plötzlich eine kindische Angst vor diesem Bild, ich wollte es nicht länger mehr sehen und wandte mich ab.  - Leo Perutz, St. Petri Schnee. Reinbek bei Hamburg 1989 (rororo 12283, zuerst 1933)

Zufall (16)  Das Verblüffende, das Erregende jedes Zufalls besteht darin, daß wir unser eigenes Gesicht erkennen: der Zufall zeigt mir, wofür ich zur Zeit ein Auge habe, und ich höre, wofür ich eine Antenne habe. - Max Frisch, Tagebuch 1946-49. Frankfurt am Main 1949

Zufall (17)  Ein Stuhl mit hoher Rückenlehne steht neben dem Bett, auf dem Desdemona soeben von ihrem Gatten umgebracht worden ist, in welchem Jago, noch bevor er ihn dem trügerischen Anschein hat aufsitzen lassen, den Gedanken aufkeimen ließ, die junge Patrizierin, die ohne Rücksicht auf den Skandal mit ihm, dem Mann einer anderen Klasse und einer anderen Rasse, durchgegangen ist, werde ihn früher oder später verraten. Der sehr große und stattliche Tenor, der an diesem Abend in der Pariser Oper Othello verkörperte (ich könnte das genaue Datum angeben, aber dazu müßte ich mit einem Aufwand, der zu der geringen Bedeutung dieses chronologischen Details in keinem Verhältnis steht, den Schrank durchstöbern, in dem schlecht und recht meine persönlichen Archive angeordnet sind, um darin das Programm wiederzufinden, das ich aufbewahrt habe wie bei fast allen Aufführungen, die ich sehe, falls ich ihnen nicht ein nur sehr geringes Interesse entgegengebracht habe), der Wagnertenor Hans Beierer, den ich schon in anderen Rollen gehört und geschätzt hatte, stützt sich mit beiden Händen auf die Lehne des Sessels. Die Lehne gibt nach unter seinem Gewicht und für eine Sekunde scheint Othello zu stürzen. Aber der Sänger richtet sich auf, und der Zwischenfall, der, falls es zum Sturz gekommen wäre, das Drama sehr zur Unzeit in das schmierige Wasser der Burleske hätte hinabstürzen lassen, erweist sich im Gegenteil als glücklicher Zu/all. In der Tat hätte keine berechnete Szene die herkulische Kraft und den Verwirrungszustand des Mohren überzeugender darstellen können.  - (leiris2)

Zufall (18)  Wie die Quantenphysik zeigt, sind in das Weltgeschehen Zufallsprozesse integriert, und mit deren Hilfe lassen sich die von deterministisch arbeitenden Automaten erzeugten Ordnungen durchbrechen. Nur ein mit Zufall behaftetes Universum ist imstande, seine Komplexität zu erhöhen oder, anders ausgedrückt, prinzipiell neue Strukturen hervorzubringen. Wenn die Vorgaben für das gewünschte Universum erfüllt sein sollen, dann braucht man dazu nichtklassische Automaten - also solche, bei denen der Zufall in die Abläufe eingreift. - Herbert W. Franke, telepolis

Zufall (19)  Wie Sie wissen, werter Herr, habe ich mein ganzes Leben auf den Zufall gebaut, wie sich das auch gehört, wenn man weiß, daß man durch Zufall gezeugt und in die Welt gesetzt worden ist und daß man nur durch Zufallsfügung weiterlebt ... ›Der Elephant grüßt ihn bei Sonnenaufgang‹ hat Chateaubriand gesagt. Von frühester Kindheit an habe ich meine Jungfräulichkeit dem Zufall anheimgestellt, was, wie Sie zugeben werden, eine sehr erbauliche und sehr einfallsreiche Art und Weise war, sie loszuwerden. Ständig habe ich dann im Banne des Zufalls gelebt, gedacht, gehandelt und geliebt.

Da mein Vermögen ein Hindernis war, habe ich mich beeilt, es bei Glücksspielen einzusetzen. Davon befreit, habe ich dann das Glück kennengelernt, aus Zufall zu essen und zu schlafen. Im Gegensatz zu so vielen anderen Leuten, deren religiöses Gefühl verschüttet ist und die sagen, daß man nicht alles dem Zufall überlassen soll, habe ich nichts für mich behalten. Überflüssig hinzuzufügen, daß ich eine Zufallsfrau habe und Kinder, die wirklich, man kann es nicht anders sagen, Kinder des Zufalls sind.

Nun gut! Soll ich's Ihnen gestehen? Mit alledem bin ich nicht zufrieden. Der Gott, den ich anbete, hat keinerlei Dekalog noch Sinai. Der Zufall hat keine Gebote. Er kann alles, er will alles, und er tut alles, aber er leistet keinen Widerstand, er verteidigt nichts. Versuchen Sie zu sagen: Der Zufall hat es nicht gewollt, der Zufall hat es nicht erlaubt, der Zufall nimmt Anstoß, der Zufall bestraft, es wird Ihnen nie gelingen. Mit ihm keinerlei mögliche Überschreitung, keine Sünde. Wenn man in Saus und Braus lebt, ist das ziemlich amüsant, ich sage nicht nein dazu, aber auf die Dauer bringt es einen in Harnisch ...  - (bloy)

Zufall (20)   Es ist schwierig, ernsthaft zu glauben, daß ein Zufall (der ja stets eine Begebenheit ist) zufällig geschieht, das heißt, ernsthaft an den Zufall zu glauben. Die einfache Tatsache, daß sich etwas ereignet, kann schon nicht zufällig sein, so scheint man mit aller Sicherheit behaupten zu können, obwohl der Beweis für eine solche Behauptung alles andere als leicht und vielleicht unmöglich ist. Doch irgend jemand hat den Zufall erfunden, und alle Denker haben ihn akzeptiert: auch diejenigen, die ihn angeblich als Ordnungs- und Unordnungsfaktor des Universums ablehnen, akzeptieren ihn jedoch stillschweigend in jedem Augenblick ihres Tages. - Tommaso Landolfi, nach: Italo Calvino, Vorwort zu (land)

Zufall (21)   Es erhellt also, daß der Zufall nicht anderes ist, als die beiläufige Ursache von demjenigen, was absichtlich und eines Zwecks wegen geschieht. - Aristoteles, Physik

Zufall (22)  Ein Ding heißt notwendig entweder in Beziehung auf sein Wesen, oder in Beziehung auf die Ursache. Denn das Dasein eines Dinges erfolgt notwendig entweder aus seinem Wesen und seiner Definition, oder aus einer gegebenen wirkenden Ursache. Sodann wird auch aus eben diesen Gründen ein Ding unmöglich genannt, weil nämlich entweder sein Wesen oder seine Definition einen Widerspruch enthält, oder weil es keine äußere Ursache gibt, welche ein solches Ding hervorzubringen bestimmt wäre. Zufällig aber wird ein Ding nur mit Rücksicht auf einen Mangel unserer Erkenntnis genannt. Denn ein Ding, von dem wir nicht wissen, ob sein Wesen einen Widerspruch enthält, oder von dem wir sehr gut wissen, daß es keinen Widerspruch enthält, aber dennoch von seinem Dasein nichts mit Bestimmtheit behaupten können, weil uns nämlich die Ordnung der Ursachen unbekannt ist, dies kann uns niemals weder als notwendig noch als unmöglich scheinen, und darum nennen wir es entweder zufällig oder möglich. - Spinoza, Ethik

Zufall (23)  Freilich gibt es keinen Zufall ohne Bezug.  - Ernst Jünger, Siebzig verweht V. Stuttgart 1997, Notat vom 14. September 19991

Zufall (24) Der Zufall trifft nur einen vorbereiteten Geist. - Louis Pasteur

Zufall (24)  Arp hatte lange in seinem Atelier am Zeltweg an einer Zeichnung gearbeitet. Unbefriedigt zerriß er schließlich das Blatt und ließ die Fetzen auf den Boden flattern. Als sein Blick nach einiger Zeit zufällig wieder auf diese auf dem Boden liegenden Fetzen fiel, überraschte ihn ihre Anordnung. Sie besaß einen Ausdruck, den er die ganze Zeit vorher vergebens gesucht hatte.  - Hans Richter, in: Dada - Kunst und Anti-Kunst. Köln 1964

Zufall (25)  Wir Chinesen sind besessen von der Idee der Totalität aller Dinge. Darum gelingt uns das Spezifische und Praktische oft nicht. Wir betrachten Ursache und Wirkung nur als zwei unter mehreren Aspekten des entscheidenden Triebes und Zwecks des Lebens. Ursache und Wirkung sind für uns nur Nebenprodukte des letzten Lebenszwecks, der alle Ursache und Wirkung hervorruft. — Zufall oder was ihr 'Glück' nennt, ist eine andere Manifestation der gleichen Dinge, nicht nur etwa irgendein zufälliges Ereignis, das in keinem Zusammenhang steht in der allgemeinen Ordnung von Vorgängen, sondern im Gegenteil Teil ist eines fundamentalen Gesetzes, dessen Funktionieren ihr entweder schmerzhaft unwissend seid, oder das ihr arrogant verachtet. Wir dagegen haben tiefen Respekt davor und studieren es ohne Unterlaß und entwickeln Methoden, die Natur dieses Gesetzes zu ahnen. Wir tun es instinktiv. Sehen Sie, es ist gerade dieses Zusammensein aller Dinge in der Zeit und nicht ihre scheinbare Beziehungslosigkeit in der konkreten Welt, die uns Chinesen interessiert.  - Laurens van der Post, Flamingo Feathers.  Nach: Hans Richter, Dada - Kunst und Anti-Kunst. Köln 1964

Zufall (26)  Wir wollen Sir Isaac Newton wählen. Alle Erfindungen gehören dem Zufall zu, die eine näher die andre weiter vom Ende, sonst könnten sich vernünftige Leute hinsetzen und Erfindungen machen so wie man Briefe schreibt. Der Witz hascht näher oder ferner vom Ende eine Ähnlichkeit, und der Verstand prüft sie und findet sie richtig, das ist Erfindung. So war Sir Isaac Newton. Ich habe nicht die mindeste Ursache zu zweifeln, daß es vor ihm und nach ihm in und außer England Köpfe gegeben habe und noch gibt, die ihm an Fähigkeiten überlegen waren, so wenig ich zu zweifeln Ursache habe, daß der Bauer, der den Prediger anstaunt, wenn er studiert und die Griffe gelernt hätte, besser predigen würde. Gelegenheit und Anlaß ist die Erfinderin, und Ehrgeiz der Verbesserer, Zutrauen auf seine Kräfte ist Kraft, im Ehestand und in der gelehrten Welt. - (licht)

Zufall (27)   »Der Doktor ist gekommen!« schrie er und brach in ein Lachen aus. »Na endlich! Herrschaften, ich gratuliere, der Doktor würdigt uns einer Visite! Verfluchtes Reptil!« Er winselte und stampfte in einer Raserei, die noch niemand in diesem Raum an ihm gesehen hatte, mit dem Fuß auf. »Totschlagen dieses Reptil! Nein, totschlagen ist zu wenig! Im Abort ersäufen

Andrej Jefimytsch, der das vernahm, schaute aus dem Flur ins Krankenzimmer und fragte sanft: »Warum denn?«

»Warum?« schrie Iwan Dmitritsch, näherte sich ihm mit drohender Miene und zog krampfhaft seinen Schlafrock zu. »Warum?  Dieb!« sagte er mit Abscheu und verzog die Lippen so, als ob er spucken wolle. »Scharlatan! Henker!«

»Beruhigen Sie sich«, sagte Andrej Jefimytsch, schuldbewußt lächelnd. »Ich versichere Ihnen, daß ich noch nie etwas gestohlen habe, und im übrigen dürften Sie vermutlich stark übertreiben. Ich sehe, daß Sie auf mich böse sind. Beruhigen Sie sich, wenn Sie können, ich bitte darum, und sagen Sie ruhig, worüber Sie böse sind.«

»Und weswegen halten Sie mich hier fest?«

»Deswegen, weil Sie krank sind.«

»Ja, ich bin krank. Aber Dutzende, Hunderte von Verrückten spazieren frei herum, weil Ihre Unbildung unfähig ist, sie von den Gesunden zu unterscheiden. Warum müssen ich und diese Unglücklichen hier als Sündenböcke für die anderen herumsitzen? Denn Sie und der Feldscher, der Verwalter und Ihre ganze Krankenhausbande stehen in moralischer Hinsicht unermeßlich tief unter jedem von uns. Warum müssen, wir sitzen und Sie nicht? Wo steckt da die Logik?«

»Die Fragen nach Moral und Logik haben nichts damit zu tun. Es hängt allein vom Zufall ab. Wer eingesperrt wurde, muß sitzen, und wen man nicht eingesperrt hat, der zieht frei herum, das ist alles. Darin, daß ich Doktor bin und Sie ein Geisteskranker liegt nichts von Moral oder von Logik, das beruht alles auf reiner Zufälligkeit.«

»Diesen Quatsch verstehe ich nicht...,«sagte Iwan Dmitrisch dumpf und setzte sich auf sein Bett.   - Anton Tschechow, Krankenhauszimmer Nr. 6.  Nach (tsch)

Zufall (28)  

Zufall (29)  Aristoteles, der in seiner Physik als erster den Zufall systematisch angeht, faßt dessen verschiedene Typen unter den Oberbegriff automaton, nämlich »automatisch«, »selbsttätig«, was wir umgangssprachlich mit »von selber«, »von sich aus« ausdrücken. Aristoteles verwirft die Vorstellung, daß es sich beim Zufall um eine eigene Art von Ursache handelt, und spricht von ihm als einem Wort ohne Begriff. Sponte hieß dieses im Lateinischen, woher wir unser »spontan« haben. Frühe deutsche Übersetzungen des Aristoteles gaben automaton mit »von ungefähr« wieder - »ungefähr« in der ursprünglichen Bedeutung von »ohngefahr«, wozu Grimms Deutsches Wörterbuch anfuhrt: »ohne Absicht«, »ohne besondere Veranlassung«, »ohne (guten) Grund« usw. - halt eben von selbst. Trotz seines Argwohns, beim Zufall handle es sich um ein leeres Wort, hielt Aristoteles doch daran fest, daß es ihn als Bedingung der menschlichen Willensfreiheit geben müsse. - Georg Brunold, Fortuna auf Triumphzug. Berlin 2011

Zufall (30)   Wir müssen uns, glaube ich, davor hüten, in diesen Gesetzen, die notwendig sind, um unser Zusammenleben zu ermöglichen, eine grundlegende und wesentliche Notwendigkeit zu sehen. In Wirklichkeit scheint es mir nicht notwendig, daß es diese Welt gibt, nicht notwendig, daß wir gerade hier leben und sterben. Da wir nur Kinder des Zufalls sind, hätte die Erde, hätte das Universum auch ohne uns weiter bestehen können bis an das Ende aller Zeiten. Eine unvorstellbare Vorstellung, ein leeres, unendliches, theoretisch nutzloses Universum, das von keiner Intelligenz durchdrungen würde, das für sich existierte, ein dauerndes Chaos, ein unerklärlicher Abgrund ohne Leben. Vielleicht gehen andere Welten, die sich unserem Wissen entziehen, so ihren unbegreifbaren Gang. Faszination des Chaos, die wir nicht selten tief in unserem Inneren spüren!

Einige träumen von einem unbegrenzten Universum, andere stellen es als durch Zeit und Raum begrenzt dar. Ich sehe mich da zwischen zwei Geheimnissen, die mir gleich undurchdringlich scheinen. Einerseits ist das Bild vom endlichen Universum unvorstellbar. Andererseits stürzt mich die Idee von einem begrenzten Universum, das eines Tages nicht mehr sein wird, auch wieder in ein undenkbares Nichts, das mich fasziniert und erschreckt. Ich gehe von einem zum anderen, ich weiß nicht.

Stellen wir uns vor, es gäbe den Zufall nicht, die ganze Geschichte der Welt wäre plötzlich logisch und vorhersehbar geworden und ließe sich in ein paar mathematische Formeln auflösen. In dem Fall wäre es notwendig, an Gott zu glauben, die aktive Existenz eines großen Uhrmachers, eines höchsten organisierenden Wesens als unabweisbar anzusehen.

Aber hätte Gott, der alles kann, in einer Laune nicht auch eine dem Zufall ausgelieferte Welt erschaffen können? Nein, sagen uns die Philosophen. Der Zufall kann keine Schöpfung Gottes sein, weil er die Negation Gottes ist. Diese Begriffe sind antinomisch. Sie schließen einander aus.

Da ich nicht glaube - und überzeugt bin, daß auch der Glaube, wie alles andere, weitgehend dem Zufall entspringt -, sehe ich nicht, wie ich aus diesem Kreis herauskomme. Deshalb versuche ich nicht, in ihn einzudringen.

Die Konsequenz, die ich für meinen eigenen Gebrauch daraus ziehe, ist sehr einfach: Glauben und Nichtglauben ist dasselbe. Wenn man mir in diesem Augenblick die strahlende Existenz Gottes bewiese, würde das absolut nichts an meinem Verhalten ändern. Ich kann nicht glauben, daß Gott mich unentwegt überwacht, daß er sich um meine Gesundheit, meine Wünsche, meine Irrtümer kümmert. Ich kann nicht glauben, jedenfalls akzeptiere ich es nicht, daß er mich in alle Ewigkeit strafen könnte.

Wer bin ich für ihn? Nichts, ein Schatten aus Lehm. Mein Auftritt ist so kurz, daß keine Spur von ihm bleibt. Ich bin ein armer Sterblicher, ich zähle weder im Raum noch in der Zeit. Gott kümmert sich nicht um uns. Wenn es ihn gibt, dann ist es so, als gäbe es ihn nicht.   -  Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer. Berlin, Wien, Frankfurt am Main 1985

Zufall (31)  Wahrlich, ein Segnen ist es und kein Lästern, wenn ich lehre: „über allen Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel Ohngefähr, der Himmel Übermut."

„Von Ohngefähr" - das ist der älteste Adel der Welt, den gab ich allen Dingen zurück, ich erlöste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.

Diese Freiheit und Hlmmels-Heiterkeit stellte ich gleich azurner Glocke über alle Dinge, als ich lehrte, daß über ihnen und durch sie kein "ewiger Wille" - will. -

Diesen Übermut und diese Narrheit stellte ich an die Stelle jenes Willens, als ich lehrte: „bei allem ist Eins unmöglich - Vernünftigkeit!"

Ein wenig Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu Stern, - dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt!

Ein wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an allen Dingen: daß sie lieber noch auf den Füßen des Zufalls - tanzen.

O Himmel über mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, daß es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze gibt: -

- daß du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, daß du mir ein Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler! -  - Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra

Zufall (32)  »Seltsamer Zufall, daß alle die Menschen, deren Schädel man geöffnet hat, ein Gehirn hatten!«  Ludwig Wittgenstein, Über Gewißheit. Frankfurt am Main 1997

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