igeuner  Es waren greuliche und schwarze, von der Sonne verbrannte Leute, oder wie Sebastian Münster sie in seiner Kosmographie schildert: ein ungeschaffenes, schwarzes, wüstes und unflätiges Volk. Ihre Habe auf alten Kleppern oder Mauleseln verpackt, zogen sie, der größte Teil zu Fuß, die Frauen in orientalischer Lässigkeit, zerlumpt und mit unordentlichen Haaren, die zahlreichen Kinder mit sich führend, die Männer bewaffnet, mit zerschlissenen Kleidern, aber mit stolzen Federbüschen am Hute, von Ort zu Ort und boten jenes Bild des Jammers und Mitleids, das Callot mit seiner Radiernadel so meisterhaft festgehalten hat; ein Bild, das nur durch den kostbaren Aufputz und die kostbaren Kleider ihrer Herzöge, Grafen und Ritter gemildert wurde, aber mit der Zerlumptheit der Masse desto wirksamer kontrastierte und deren Elend um so nachhaltiger unterstrich. Ihr Auftreten begründeten sie mit einer Pilgerfahrt, die ihnen zur Buße auferlegt worden sei, weil ihre Vorfahren vom Christenglauben abgefallen seien. Der Glaube an eine solche Pilgerfahrt und angebliche — wahrscheinlich aber gefälschte — Geleitsbriefe des Kaisers und fürstlicher Personen mögen der Grund der ursprünglich gegen sie geübten Nachsicht gewesen sein. Man sah die Zigeuner als heilige Leute an und glaubte, wer ihnen Leid antue, habe kein Glück. -  Gustav Radbruch, Heinrich Gwinner: Geschichte des Verbrechens. Frankfurt am Main 1990 (Die Andere Bibliothek 62, zuerst 1951)

Zigeuner (2) Wird ein zigeuner geboren, dann erhält er den namen Big Bronco oder, wenn es ein mädchen ist, Manulea.

Die nördlichen zigeuner sind rechtshänder, die südlichen linkshänder, die zigeuner der mitte tragen nachts bärte aus blondem flachs.

Geht ein zigeuner an die arbeit, dann bläst er den staub von der geige und wäscht sie mit einem gemisch von mohnblumensaft und zerriebener schneckenschale.

Hat ein zigeuner gegessen, dann begibt er sich mit einer zigarre ins freie; sein bett befindet sich immer unter einer ruhenden wolke, der regenbogen wegen.

Gibt es unter zigeunern rechtshändel, dann setzt der richter einen zylinderhut aus geflochtenem stroh auf und beginnt mit den worten: Oh mani barde hund!, das ist auf deutsch: Die Verhandlung ist eröffnet!

Hat der zigeuner einen traum, dann hält er diesen für ein schattenspiel und komponiert dafür eine musikalische untermalung.

Zigeuner, die dem reitsport frönen, besteigen giraffen und zebras: im ursprung aller cirkusse steht der ruhlose zigeuner.

Man zählt die zigeuner zu den antipoden: alte darstellungen zeigen zigeuner auf händen gehend in tasmanischer hirtentracht.

Der hauptgott der zigeuner ist der polarstern, und doch ziehen sie stets von ost nach west.

Will der zigeuner zur kirche, dann klettert er in eine pappel und betet; die predigt, die er dabei hört, ist das morgendliche geklapper verzinkter milchkannen vom nahen meierhofe.

Zigeunerinnen tragen ihre kinder in einer art botanisiertrommel; weht der wind oder fällt der regen, säugen sie ihre jüngsten unter der kapuze.

Bier läßt sich der echte zigeuner von abgerichteten störchen aus dem nächsten sörhäz holen — er kennt kein trinkgeld.

Zigeuner und zigeunerinnen sind große tänzer: ein zigeuner hat die ballade erfunden, eine zigeunerin den charleston und den slow.

Am zarenhofe gab es zigeuner, darunter zwerge und riesen: eine riesin namens Fandanga verführte den zaren Vssevolod II. und wurde nach Alaska verschickt.

Der zigeuner schwimmt nicht, seine religion gestattet ihm nur vollbäder oder waschungen an geheimgehaltenen feiertagen um neumond.

Aus der geschichte der zigeuner gibt es nichts merkwürdiges zu berichten, ihre poesie ist jedoch eminent: zu ihren besten dichtern zählt man den kesselmacher Götero.

Die sprache der zigeuner ist leicht: monko der mond, sonko die sonne, franko die frau, manko der mann, bumpo die pumpe, dumpo der esel.

Einko, zweinko, dreinko, firko, fimfko, sexko, simko, achtko, neinko, zenko! so zählt der zigeuner bis huntero.

Zigeuner, die zauberwasser getrunken haben, steigen bei abnehmendem mond auf einen hohen berg und schnitzen neue geigen für die kommende generation.

Ihre musik ist nicht größer als eine streichholzschachtel und nicht kleiner als ein acker in der ebene.

Die schrift des zigeuners besteht aus schwalben, kornraden, eiern, taschenmessern, gestochenen löchern und roßäpfeln, damit füllen sie ihre manuskripte und tagebücher.

Wird der zigeuner krank, dann hängt er eine pique dame vor sein haus; stirbt er und ist er tot, dann wird er begraben und kommt nicht in den himmel - sein jenseits heißt himlo, und auf das setzt er ein leben lang seine ganze zigeunerische hoffnung. - DAS LEBEN DER ZIGEUNER.  In: H.C. Artmann, Unter der Bedeckung eines Hutes. Montagen und Sequenzen. Frankfurt am Main 1976 (st 337, zuerst 1974)

Zigeuner (3)  Bohemiens (Neue Geschichte). So nennt man Vagabunden, die gewerbsmäßig die Zukunft aus der Hand lesen. Ihr Talent besteht darin, zu singen, zu tanzen & zu stehlen. Pasquier datiert ihren Ursprung auf das Jahr 1427. Er berichtet, daß zwölf Büßer, die sich Christen aus Unterägypten nannten, die von den Sarazenen vertrieben worden seien, sich nach Rom begaben & beim Papst beichteten, der ihnen die Buße auferlegte, sieben Jahre lang durch die Welt zu irren, ohne je in einem Bett zu liegen. Es waren ein Graf, ein Herzog & außerdem zehn Reiter; ihr Gefolge bestand aus hundertzwanzig Personen.

- Als sie in Paris eintrafen, brachte man sie in der Chapelle unter, wohin man sich in Scharen begab, um sie zu besichtigen. Sie trugen silberne Ohrringe & hatten krauses schwarzes Haar; ihre Frauen waren häßlich, diebisch & Wahrsagerinnen. Der Bischof von Paris zwang sie, sich zu entfernen, & exkommunizierte alle, die sie konsultiert hatten. Seit dieser Zeit wurde das Königreich von derlei Vagabunden heimgesucht, denen die 1560 einberufene Versammlung der Generalstände von Orleans unter Androhung der Galeere befahlen, sich zurückzuziehen. Die Biscayer & andere Bewohner dieser Gegend folgten den ersten Zigeunern nach & behielten deren Namen. Auch sie bestehlen das unwissende & abergläubische Volk & sagen ihm die Zukunft voraus.

Heutzutage sieht man weniger von ihnen als vor dreißig Jahren, sei es, daß die Polizei ihre Reihen gelichtet hat, sei es, daß das Volk jetzt weniger leichtgläubig oder noch ist & sich infolgedessen nicht mehr so leicht täuschen läßt, so daß der Beruf des Zigeuners nicht mehr so einträglich ist. - Diderot,  (enc)

Zigeuner (4)  Als man zahlt von Christi Geburt 1417 hat man zum ersten in Teutschland gesehen die Zygeuner, ein ongeschaffen, schwartz, wüst ond onflätig Volck, das sonderlich gern stielt, doch allermeist die Weiber, die also ihren Mannen zutragen. Sie haben onder ihnen ein Graffen ond etliche Ritter, die gar wol bekleydet, ond werden auch von jnen geert. Sie tragen bey jhnen etliche Brieff ond Siegel, vom Kayser Sigmund ond andern Fürsten gegeben, damit sie ein Gleyd ond freyen Zug haben durch die Länder ond Statt. Sie geben auch für, daß jnen zur Büß auffgelegt sey, also ombher zu ziehen in Bilgerweiß, ond daß sie zum ersten auß klein Egypten kommen seyen. Aber es sind Fabeln. Man hat es wol erfahren, daß diß elend Volck erboren ist, in seinem ombschweiffen ziehen, es hat kein Vater-landt, zeucht also müßig im Landt ombher, ernehret sich mit Stelen, lebt wie ein Hund, ist kein Religion bey jhnen, ob sie schon jhre Kinder onder den Christen lassen tauffen. Sie leben ohne Sorg, ziehen von einem Landt in das ander, kommen ober etlich jähr herwider. Doch theilen sie sich in viel Schaaren, ond verwechßlen jre Zug in die Länder. Sie nehmen auch Mann ond Weib in allen Ländern, die sich zu jnen begern zu schlahen. Es ist ein seltzams ond wüst Volck, kan vil Spraache ond ist dem Bawersvolck gar beschwerlich. Wann die armen Dorffleut im feldt sind, durchsuchen sie jhre Häuser, ond nehmen was jhnen gefällt. Ihre alten Weiber ernehren sich mit Wahrsagen, ond dieweil sie den fragenden antwort geben, wie viel Kinder, Männer ond Weiber sie werden haben, greiffen sie mit wunderbar-lieber Behendigkeit jhnen zum Seckel oder zu der Taschen, ond leeren sie, daß es die Person, deren solches begegnet, nicht gewahr wirdt.

Es ist mir Munstero vor etlich vergangnen jähren bei Heydelberg begegnet, dz ich mit jnen zu Eberbach in ein Gespräch kam, ond von jhren Obersten zu wegen bracht, zu lesen einen Brieff, daß sie sich berühmbten, ond das war ein Vidimus, so sie von Keys. Sigmunden zu Lindaw hatten erlangt, in dem stund, wie jhre Vorfahren in klein Egypten etliche jahrlang vom Christi. Glauben weren abgefallen. Und als sie sich wiederum bekehrten, ward jnen zur Büß auffgesetzt, daß sie oder etliche von den jhren also 4 jahr solten im Elend ombherziehen ond Buß wircken, so lang sie im Onglauben waren gelegen. Aber nach Außweisung solches Brieffs, ist die Zeit jhres Ombherziehens vor viel jahren außgewesen, ond ober das schweiften sie noch im Lande herumb, ond ernehren sich mit stehlen, liegen, triegen ond wahrsagen, daß sie nicht köndten in ihr Vatterland kommen, ob schon die Zeit der Buß vor langen hinüber. Ond da ich weiter sie rechtfertiget, es stund im Brieff, daß sie solten Buß wircken, daß theten sie nicht, denn sie hetten mit Weibern zu schaffen, ond nehmen den Leuten das jhr, etc. Antworten sie: Sie hetten sonst nichts zu thun.  - Sebastian Münster: Cosmographie (ca. 1500), nach  (ave)

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