ezel  Das sah wohl der Reisende, der 1790 in der Postkutsche von Halle nach Kassel fuhr — lautlos mahlten die Räder im Schnee; die flache Mondnadel heftete Kiefernborten ans Morgenrauh; die andern Passagiere, baumelnde Gesichterguirlande an fahrenden Wänden, röchelten im Dreiviertelschlaf -: da sprang er aus dem Waldrand über'n Graben ! Straffes grauschwarzes Indianerhaar hing ihm neben dem starren Gesicht; Scharlachrock und =beinkleider machten lange Fetzen von oben nach unten; im Schnee zerliefen 2 hornige Barfüße. Und während noch die Augen im fahrenden Gesicht am Fenster größer wurden, raschelte es bereits wieder im schwarzknochigen Unterholz : Wezel war verschwunden. —

Johann Karl Wezel. Geboren 1747 zu Sondershausen. Autor des ‹Hermann›, der ‹Wilhelmine Arend›, des rasenden ‹Belphegor› - weh mir, daß ich ein Deutscher bin : denn ich muß seinen Namen erst erläutern ! — »Er hatte die unglückliche Idee, daß er von keinem Menschen, von keinem Vorurteil abhängen wollte, wie schöne Anerbietungen man ihm auch von verschiedenen Seiten gethan hat«. 1786 kehrte er, ernüchtert, von Wien zurück; in der Tasche 220 Thaler. Er setzte sich an den groben Holztisch der elterlichen Hütte, und teilte die lächerliche Summe ein, auf zehn Jahre : das ergab pro Monat 18 D=Mark. Von nun an lebte er völlig einsam; floh die Spur alles dessen was Mensch heißt; ging nie bei Tag aus; durchstreifte von Einbruch der Nacht bis zum Morgengrauen die Wälder; ‹genoß› nichts als dünnen Eichelkaffee und Pellkartoffeln. Da er noch länger lebte, als er gefürchtet hatte, erbarmte sich seiner schließlich der Hof von Schwarzburg=Sondershausen, und ließ ihm täglich 5 Groschen reichen.

Noch muß dies angeführt werden : seine und seiner Familie Begriffe standen schon in seinen frühesten Jahren in solchem Gegensatz, daß er bereits als Kind den Glauben merken ließ, er sei nicht von diesen Eltern gezeugt und geboren ! Daher fruchteten ihre Erziehung, ihre Worte, ihre Züchtigungen, nichts an ihm. Seiner Mutter, die ihm analphabetisch=besorgte Briefe schrieb, und zur Unterwürfigkeit gegenüber den Großen dieser Erde weinerlich riet, antwortete er hart: »Er würde ihr nicht gehorchen. Gegen sie hätte er keine Sohnespflichten. Er könne höchstens ihr Pflegekind sein : wie wäre es denn möglich, daß sie solch einen Sohn wie ihn habe gebären können!«

Er hinterließ einen hohen Stoß Papiere mit der Aufschrift »Opera Dei Wezelii, ab anno 1786 usque...«  - Arno Schmidt, Die Schreckensmänner. Karl Philipp Moritz zum Gedächtnis. Zürich 1990 (zuerst 1958)

Schreckensmann
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