arten
EIN Herr, der Latein kann aber kein Griechisch mehr, geht in seiner
Wohnung hin und her und wartet auf einen Anruf. In Wirklichkeit weiß er
gar nicht, auf welchen Anruf er wartet und ob einer kommen wird. Angenommen,
es kommt kein Anruf, dann ist ihm unklar, was das bedeuten könnte. Zweifellos
wartet er auf Anrufe von Personen, die in enger Beziehung zu seinem Leben
stehen. Einige dieser Anrufe fürchtet er. Er weiß, daß er leicht einzuschüchtern
ist, und für ein wenig Stille würde er bereitwillig mit seinem Herzblut
bezahlen. Aus Grunden, die er nie gänzlich erforscht hat, steht er unter
dem Eindruck, der Gegenstand gewisser ruckartiger Haß- und Mißtrauensanfälle
zu sein — jener Art von Gefühlen also, die dem, der sie hegt, ein beträchtliches
Machtbewußtsein verleihen und ihn dazu treiben, das Telephon zu benützen.
Einmal erhielt er den Anruf eines Freundes, dem er Geld geliehen hatte.
Das Geld war bereits vor drei Jahren geliehen und
nie zurückgegeben worden, doch war daraus ein tiefer Haß
erwachsen. Der Freund hatte sogar versucht, ihn zu schlagen. Ein andermal
hatte er vergeblich versucht, den tränenerstickten Anruf einer verlassenen
Frau zu unterbrechen, die sich in der Nummer geirrt hatte. Mit ihr entspann
sich ein telefonischer Verkehr, den er mehrere Wochen lang fortsetzte,
bis eines Tages am anderen Ende der Leitung eine fremde Stimme zänkisch
und naiv antwortete. Er wagte nicht, nochmals anzurufen. Jetzt könnte ihn
beispielsweise eine Frau anrufen, die er liebt und die nicht wagt, ihn
wiederzulieben, außer mit langen, qualvollen Unterbrechungen: oder eine
Frau, die er liebt und die ihn auch liebt aber zu viel zu tun hat, um es
zu merken; oder eine Frau, die er nicht liebt, die ihn aber liebt und ihm
schmeichelt, ohne ihn in unerträgliche Konflikte zu stürzen. In Wirklichkeit
wünscht er sich aber einen ganz anderen Anruf, einen der nicht voraussehbar
und dazu bestimmt ist, das Bild eines Lebens zu verändern, das er nicht
mehr interessant findet, sondern nur noch ärgerlich. Er erinnert sich,
daß ein Freund eines Freundes ihm einmal erzählt hat, er habe einen Anruf
seines Vaters bekommen, als dieser schon sechs
Jahre tot gewesen sei. Es war ein schroffer Anruf gewesen — sein Vater
hatte stets einen schlechten Charakter gehabt — und alles in allem kurz
und belanglos. Wahrscheinlich hatte es sich um einen Scherz gehandelt.
Der Herr, der Latein kann, würde lieber nicht auf Anrufe warten. Die Anrufe
kommen aus der Welt und sind letzten Endes der einzige
ihm zugestandene Beweis für ihre Existenz. Nicht aber für seine. -
(pill)
Warten (2)
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Dies ist ein mit Hilfe eines Rasterelektronenmikroskops 120mal vergrößertes Porträt einer Hundezecke. Zu sehen sind Teile von zweien der acht Beine, die Hummerscheren ähneln, und der geschwollene Körper. Die weibliche Zecke hängt an einem Busch oder Baum, bis ein Opfer vorbeikommt. Dann läßt sie sich fallen, sucht einen unbehaarten Fleck, durchbohrt die Haut mit ihrem Rüssel und schlemmt im Blut. Je nach der Art ist sie zunächst so groß wie ein Floh oder wie eine Erbse und später wie eine große Eichel. Nach dem Mahl fällt die Zecke auf die Erde, legt ihre Eier und stirbt. Die Larven, die sogenannten Samenzecken, steigen an Grashalmen hoch und warten. Wenn ein geeignetes Opfer vorbeikommt, tun sie, was ihre Mutter tat: sie fallen, schlemmen, fallen. Dann paaren sie sich. Die Männchen sterben nach getaner Arbeit. Die Weibchen klettern auf einen Busch oder Baum, um dort zu hängen und.... zu warten. Der größte Teil des Lebens einer Zecke wird mit dem Warten auf den Reiz verbracht, der ihr Futter- und Paarungsverhalten auslöst. Man hat Zecken beobachtet, die über zwanzig Jahre lang auf ihre Mahlzeit gewartet haben. Die Liste der Reize, die eine Reaktion auslösen können, ist sehr kurz. Einige Arten reagieren auf Buttersäure, die sich im Fell warmblütiger Tiere findet. (Sie gibt Schweiß und ranziger Butter den charakteristischen Geruch.) Wenn sie einmal ihren Gastgeber gefünden haben, reagieren sie auf Temperaturunterschiede, suchen einen haarlosen Fleck, durchstechen mit ihrem Rüssel die Haut und füllen sich mit Blut. Sie fallen genauso auf einen Luftballon, wenn er nur den richtigen Geruch hat. wie auf ein Reh, und sie trinken Gift genau wie Blut, wenn es die richtige Temperatur hat. Einige Zecken nehmen mit ihren Vorderbeinen Kohlendioxid wahr, das von Tieren ausgeatmet wird, deren Blut sie begehren. Einige haben Augen, die den Unterschied zwischen Licht und Schatten wahrnehmen können. Woraus besteht die Welt einer Zecke? Aus Licht und Schatten. An- oder Abwesenheit von Kohlendioxid. An- oder Abwesenheit von Buttersäure. Woraus besteht die Welt des Menschen? Aus allen Ereignissen, die sichtbar und unsichtbar, möglich und unmöglich, jetzt, früher oder später sind. Alle Arten haben ihre artenspezifische Wirklichkeit, auch der Homo sapiens. Die menschliche Zeit ist ein Aspekt dieser artspezifischen Wirklichkeit. Während aber der zeitliche Gesichtskreis aller anderen Arten auf das beschränkt ist, was sie unmittelbar fühlen können oder was nur ganz wenig darüber hinausgeht, ist unser zeitlicher Horizont unbegrenzt. Eine Zecke kann nur auf Buttersäure oder ähnliches warten, wir aber auf Godot, also auf symbolische Wirklichkeiten, die in einer imaginären Zukunft oder Vergangenheit frei beweglich sind. |
- (zeit)
Warten (3)
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Laß mich mit glühnden Zangen kneipen, Laß mit Torturen aller Arten Den ganzen Nachmittag bis Sechse Die Ungeduld hielt mich umringelt Du kämest nicht - ich rase, schnaube, |
- Heinrich Heine
Warten (4) Tagelang hatten Fetzen der rückflutenden Armee die Stadt durchzogen. Das waren keine Truppen mehr, sondern zuchtlose Horden. Den Männern waren die Bärte ausgewachsen, dreckverkrustet, die Uniformen zerlumpt, und sie stiefelten mit weichen Knien dahin, ohne Fahne, ohne Führung. Alle schienen mutlos, zerschlagen, unfähig zu einem Gedanken, einem Entschluß, marschierten aus bloßer Gewohnheit und sackten vor Müdigkeit um, sowie sie haltmachten. Hauptsächlich waren es Reservisten, ruhige Bürger, friedliche Rentiers, die unter der Last des Gewehrs sich krümmten; kleine behende Mobilgardisten, leicht zu erschrecken und schnell begeistert, gleich bereit zum Angriff wie zur Flucht; dann mittendrin ein paar Rothosen, Splitter einer in großer Schlacht zermahlenen Division; dunkle Artilleristen verstreut unter das verschiedene Fußvolk; und manchmal der blitzende Helm eines Dragoners mit wuchtendem Schritt, der dem leichteren Marsch der Infanteristen mühsam folgte.
Franktireur-Verbände mit heroischen Namen zogen vorüber: »Rächer der Niederlage - Bürger der Gruft - Mitstreiter des Todes« - und sahen aus wie Banditen. Ihre Anführer, ehemals Tuch- oder Kornhändler, Talg- oder Seifenkrämer, Gelegenheitskrieger, zu Offizieren ernannt ob ihres Geldes oder ihrer Schnurrbartlänge, mit Waffen, Flanell und Litzen behängt, bramarbasierten mit tönenden Stimmen, stritten über Feldzugspläne und gebärdeten sich, als trügen sie allein das sterbende Frankreich auf ihren Großmaulschultern, fürchteten aber nicht selten die eigenen Soldaten, Schnapphähne und Galgenstricke, oft kühn über die Maßen, raubgierig und verkommen.
Die Preußen würden in Rouen einmarschieren, hieß es. Die Nationalgarde, die seit zwei Monaten äußerst vorsichtige Kundschafterstreifen in die benachbarten Wälder unternommen, manchmal die eigenen Vorposten erschossen und sich gefechtsbereit gemacht hatte, wenn im Gestrüpp ein Hase raschelte, war ans häusliche Feuer zurückgekehrt. Ihre Waffen, ihre Uniformen, das ganze Todesgerät, mit dem sie unlängst die Kilometersteine der Landstraßen auf drei Meilen im Umkreis das Fürchten gelehrt hatte, waren blitzartig verschwunden.
Schließlich waren die letzten französischen Soldaten über die Seine gegangen, nach Pont-Audemer über Saint-Sever und Bourg-Achard; und hinter allen her kam zu Fuß zwischen zwei Ordonnanzoffizieren der General, verzweifelt, außerstande, mit diesem zusammengewürfelten Haufen etwas auszurichten, selbst verloren in dem großen Zusammenbruch eines sieggewohnten und trotz seiner legendären Tapferkeit verheerend geschlagenen Volkes.
Dann hatte sich tiefe Stille, eine furchtsame, schweigende Erwartung über die Stadt gelegt. Viele schmerbäuchige Bürger, vom Handel entmannt, harrten bänglich der Sieger, zitterten, daß man ihre Bratenspieße oder langen Küchenmesser für Waffen ansehen könnte.
Das Leben schien angehalten, die Läden waren geschlossen, die Straßen stumm. Dann und wann, verschüchtert durch diese Stille, glitt ein Bürger eilends die Mauern entlang.
Das Warten wurde so quälend, daß man den Feind
herbeiwünschte. - (nov)
Warten (5) Herr K. wartete auf
etwas einen Tag, dann eine Woche, dann noch einen Monat. Am Schluß sagte
er: »Einen Monat hätte ich gut warten können, aber nicht diesen Tag und
diese Woche.« - (keu)
Warten (6) Sonntag, 31. Mai 1908
Wenn man morgens in solchem Gartenhaus den Briefträger erwartet. Man dehnt
das Kaffeetrinken, um in nichts Ernstes zu versinken. Man dreht die Zeitung
und kommt nicht zur Sammlung. Die Fenster stehen
offen, damit man hört, wenn er im Vorderhaus die Treppen emporsteigt und
klingelt. Jetzt, rechts, links, man sieht hinaus — wieder: rechts, links,
man sieht das weiße Beinkleid hinter den buntgemalten großen Treppenfenstern
steigen, höher, rechts, links. Die verschiedensten Glockentöne, hohe, harte,
klirrende, schnarrende. Dann kommt der Bote über den Hof, die Ungeduld
ist beruhigt, man trinkt einen Schluck, liest einen Aufsatz. Endlich klingelt
es. Gute Nachricht. Und doch erwartete man meistens etwas Besonderes, wenn
man auch nicht wußte, was. Erst beim zweiten Lesen
Ruhe, Lust, volles Genügen. Bringt der Briefträger nichts, bleibt etwas
Hartes, Gleichgültiges zurück, selten ein deutliches Gefühl der Enttäuschung,
eher, wenn Nachricht bestimmt zu erhoffen war, Angst, Besorgnis und Unruhe,
die oft mehrere Stunden, manchmal, sich abschwächend und intermittierend,
bis gegen Abend anhält. - Oskar Loerke, Tagebücher 1903 - 1939.
Frankfurt am Main 1986 (st 1242)
Warten (7) Helle Rosen liebt
sie und die schwarze Vase. Abtönung! ich werde sie entblättern. der Duft!
toll! ein Mädchen auf meinem Zimmer! das hätt ich nicht von ihr gedacht.
sie ist so fein. aber wer nicht nimmt. ich bin immer zu zach gewesen. damals
die Rote. ich will auch genießen. die Rosen vor ihren Platz. herrlich.
hier auf dem Sofa soll sie sitzen. ich setze mich neben. ich kann sie umfassen.
ich fühle ihre Brust. nein! nichts vorwegnehmen. überhaupt. ich werde mich
umwerben lassen. ganz kühl werde ich sein. sie ist auf meinem Zimmer. auf
mein Zimmer gekommen. überhaupt wenn ich kühl bin. ich werde sie zerreißen.
die Kleider reiß ich ihr vom Leibe. nackt soll sie stehen hier. vor mir
liegen. die Haare wühl ich ihr auf. Unsinn! wo ist der Wein? schwerer echter!
Burgunder! ja aufziehn. das stört nachher. zwei Flaschen. das genügt. ausziehn.
aufziehn. entkorken. meine Haut ist mir zu eng! ein schöner Kerl! ja! Körper.
Wuchs. im Spiegel sogar. eigentlich? ich habe nicht viel Glück gehabt bei
den Weibern. zu zach! zu zach! zu zach! jawohl. heute nachholen! heute.
das Bett aufdecken. ach was! wir gehn ja gar nicht zu Bett. rauschen will
ich! rauschen! ein Glas trink ich vor. Flammen. Blut! Lodern! alles vergessen.
richtig! Gebäck. Weihnachten. Ja. meine Mutter. hahaha! wenn sie ahnte,
was ich damit ködere. ahnt nicht, sicher nicht. schlechter Kerl. schlecht?
ich. nein. ich tus wohl lieber nicht. lieber nicht. wenn sie kommt. sie
ist ein anständiges Mädchen. sicher, ohne Zweifel. das zeigt ihr Blick.
sie tuts nur. sie liebt mich. ich bin der Verführer. pfui Teufel! Verführer!
ich will leben. leben. leben. Ja. ich will. und wenn sie dran glauben will.
sie soll dran glauben. sie muß dran glauben. der Teufel holt sie. ich fetze
sie auseinander. die weiche Haut streichen will ich. alle Geheimnisse.
ein Glas noch. wild. wild. wild. ein Stier. ich renne die Wand ein. hier
soll sie sein. säß sie da. Ja. wenn sie jetzt da säße. du du du! verrückt!
ich küsse das dreckige Sofa. alles zittert. Arme. Beine. die Adern sind
gequollen. ich halte nicht mehr aus. sie käm. wenn sie nur kommt? wenn
sie nun nicht kommt? nicht kommt? sicher nicht. kommt nicht! Satan! ich
hole sie. ich hole sie aus dem eigenen Hause. ich schlage. ich schlage
sie auf der offenen Straße. ich werfe sie in den Rinnstein. in den Rinnstein.
die Dirne! Dirne! Dirne! ooo! ich schieße. ich schieße sie nieder. die
ganze Qual. Muskeln. Sehnen. Fieber. mit dem Revolver schieß ich sie nieder.
wie leicht er in der Hand liegt. zierlich. flach. die Mündung vorn. und
rund. fein. zum Küssen. Lippen. haha! ich bin verliebt. der Revolver ein
Mädchen! ich hab noch nie mit ihr geschossen. jungfräulich. und die kleinen
Patronen. sie hinein passen. schlüpfen. Donnerwetter! jetzt wirds aber
Zeit! sie müßte schon hier sein. wahrhaftig. sie kommt nicht. nein. sie
kommt nicht. ich wollte doch. ich wollte sie käme nicht. Gott! laß sie
nicht kommen. laß sie nicht kommen. laß sie verhindert sein. verhindert.
flöße ihr Scheu ein. Scheu. Scheu. fortbleiben. ja fort. besser. ja. ich
behalte ein reines Gewissen. mein ganzes Leben lang werde ich den Vorwurf
nicht mehr los. ich bin kein Verführer. ich will kein Verführer sein. meine
Mutter. doch! aber braucht doch nicht gleich? braucht denn? wenn sie nun
käme? wir plaudern. plaudern. gewiß. nein. da braucht doch nicht. haha!
Mann und Frau. gewiß. Freunde wirkliche Freunde. warum nicht? ich lache.
sie wird mich auslachen. auslachen. mich die rothaarige damals. tückisch.
heimlich. der Blick. äh! Blicke! die halt ich nicht aus. das ertrage ich
nicht. nie mehr. nein. ich gehe fort. ich bin nicht da. sie wird nicht
kommen. aber ich gehe fort. das ist das beste. mir wird ordentlich leichter.
ganz leicht. gesiegt. ja. ich. jaja. ist? ja? ist? o? rauscht? trippeln.
ja? und? es? ja? klopft. Donner. wahrhaftig. klopfen. äää! Frechheit. unverschämt.
schamlos. Dirne. Dirne. sie will mich. Verführerin. sie will mich nein.
ä. nein. ich kann nicht. nein. ich will nicht. nein. klopfe nur. ja. klopfe.
ich kann nicht. will nicht. kann nicht. will nicht. klopfe nicht! klopfe
nicht! klopfe! ja! klopfe doch! klopfe doch! klopfe! ja! klopfe! paff!!!
- August
Stramm
Warten (8) Es beweist ein großes
Herz mit Reichthum an Geduld, wenn man nie in eiliger Hitze, nie leidenschaftlich
ist. Erst sei man Herr über sich; so wird man es nachher über Andere seyn.
Nur durch die weiten Räume der Zeit gelangt man zum Mittelpunkte der Gelegenheit.
Weise Zurückhaltung bringt die richtigen, lange geheim zu haltenden Beschlüsse
zur Reife. Die Krücke der Zeit richtet mehr aus als die eiserne Keule des
Hercules. Gott selbst züchtigt nicht mit dem Knittel, sondern mit der Zeit.
Es war ein großes Wort: "Die Zeit und ich nehmen es mit zwei Andern
auf." Das Glück selbst krönt das Warten durch die Größe des Lohns.
- Balthasar
Gracian, Hand-Orakel
Warten (9) «Ich bin wie das letzte Blatt des Jahres, das noch lose am Stamme hängt. Der erste Windhauch, und ich falle. Meine Stimme ist wie die eines alten Weibes geworden. Meine Augen zeigen den Füßen nicht mehr den Weg, und meine Füße sind schwer, und ich bin müde. Es ist gut.»
Er neigte ergeben das Haupt, bis der letzte Laut des knirschenden Schnees
erstorben war und er wußte, daß er seinen Sohn nicht mehr zurückrufen konnte.
Dann tastete seine Hand schnell nach dem Holze. Das war das einzige, das noch
zwischen ihm und der Ewigkeit stand, die über ihn hereinbrach. Zu guter Letzt
war sein Leben nach einer Handvoll Scheite zu messen. Eines nach dem ändern
wurde schwinden, um das Feuer zu nähren, und Schritt für Schritt würde sich
der Tod an ihn heranschleichen. Wenn das letzte Scheit seine Wärme abgegeben
hatte, würde die Kälte ihre Kräfte sammeln. Zuerst würden die Füße nachgeben,
dann die Hände, und langsam würde die Starre der Glieder den Leib ergreifen.
Sein Haupt würde auf die Knie fallen, und er würde Ruhe
haben. Das war ganz leicht. - Jack London, Das Gesetz des Lebens. In: J.L.,
Die konzentrischen Tode. Stuttgart 1983.
Die Bibliothek von Babel Bd. 14, Hg. Jorge Luis Borges
Warten (10) Warten können.
Es beweist ein großes Herz mit Reichthum an Geduld,
wenn man nie in eiliger Hitze, nie leidenschaftlich ist. Erst sei man Herr über
sich; so wird man es nachher über Andre seyn. Nur durch die weiten Räume der
Zeit gelangt man zum Mittelpunkte der Gelegenheit.
Weise Zurückhaltung bringt die richtigen, lange geheim zu haltenden Beschlüsse
zur Reife. Die Krücke der Zeit richtet mehr aus als die eiserne Keule
des Herkules. Gott selbst züchtigt nicht mit dem
Knittel, sondern mit der Zeit. Es war ein großes Wort: "die Zeit und ich
nehmen es mit zwei Andern auf." Das Glück selbst krönt das Warten
durch die Größe des Lohns. - (ora)
Warten (11) Ein Rey-Zamuro,
der als winziger schwarzer Fleck am Himmelsblau auftauchte, senkte sich herab
vorsichtig kreisend und mit einer Verstohlenheit, die bei einem Vogel solcher
Größe verblüffte. Der Schatten seines perlweißen Körpers, seiner an den Enden
schwarz gezeichneten Schwingen traf nicht leiser auf das Gras auf als der Vogel
selbst, der sich auf einem Unrathäufchen keine drei Meter von jenem, still wie
ein Leichnam daliegenden Manne niederließ. Der Vogel reckte seinen nackten Hals,
streckte seinen kahlen, so widerlich in grellen Farben schillernden Kopf mit
gefräßiger Gier nach dem in appetitlicher Reglosigkeit daliegenden Leib aus.
Dann ließ er ihn rief in sein weiches Gefieder sinken und schickte sich an zu
warten. Das erste, worauf Nostromos Blick beim Erwachen fiel, war dieser geduldige
nach den Anzeichen des Todes und Verfalls ausschauende Beobachter. Als der Mann
aufstand, hüpfte der Geier mit großen, seitwärtigen,
flatternden Sprüngen davon. Er zögerte noch eine Weile grämlich und widerstrebend,
ehe er sich lautlos kreisend emporschwang, mit böse hängendem Schnabel und häßlich
abgestreckten Klauen. - Joseph Conrad, Nostromo. Frankfurt am Main 1984
(Fischer-Tb. 5781, zuerst 1904)
Warten (12)

- Max Klinger
Warten (13) Hungrig und schlecht gekleidet streifte Iwan durch den Palast. Häufig versteckte er sich vor den Schuiskis, denn sie quälten ihn, wenn sie seiner ansichtig wurden. Von Zeit zu Zeit spürten sie ihn auf, kleideten ihn in fürstliche Gewänder, gaben ihm ein Zepter und setzten ihn auf den Thron - eine Scheinzeremonie, mit der sie seine Erbansprüche verhöhnten. Anschließend jagten sie ihn weg. Eines Abends hetzten mehrere Schuiskis den Metropoliten - das Oberhaupt der russischen Kirche - durch den Palast. Der Metropolit flüchtete sich in Iwans Zimmer, und der Junge mußte voll Entsetzen miterleben, wie die Schuiskis eindrangen, Beleidigungen hervorstießen und den Metropoliten gnadenlos verprügelten.
Einen Freund, der ihn tröstete und beriet, hatte Iwan im Palast: einen Bojaren namens Worontsow. Doch eines Tages, als Iwan mit Worontsow und dem neuen Metropoliten im Refektorium zusammensaß, stürmten einige Schuiskis herein, schlugen Worontsow zusammen und beleidigten den Metropoliten, indem sie dessen Kleider zerrissen und darauf herumtrampelten. Danach wurde Worontsow aus Moskau verbannt.
Bei all diesen Vorkommnissen sagte Iwan nicht ein Wort. Den Bojaren erschien
es, als wäre ihr Plan aufgegangen: Die junge Mann war zum angstgeschüttelten,
willfährigen Idioten geworden. Jetzt brauchten sie sich nicht mehr um ihn zu
scheren, konnten ihn sogar in Ruhe lassen. Doch am Abend des 29. Dezembers 1543
ließ der nun dreizehnjährige Iwan Fürst Andrei Schuiski in sein Gemach kommen.
Dort fand Schuiski die Palastwachen vor. Der junge Iwan zeigte auf Andrei und
befahl den Wachen, ihn zu verhaften, zu töten und seine Leiche den Bluthunden
vorzuwerfen. In den folgenden Tagen ließ Iwan alle engen Verbündeten von Andrei
verhaften und verbannen. Die Bojaren wurden von Iwans plötzlicher Kühnheit völlig
überrascht. Voll Todesangst erstarrten sie vor diesem jungen Mann - den man
später Iwan den Schrecklichen nannte. - (macht)
Warten (14)
Es ist alles so mies geworden auf dieser Welt, daß es sich nicht
mehr zu reden lohnt. Die Menschheit stirbt, sie siecht dahin unter der aasigen
und widerlichen Neuschöpfung, die sich Kapital schimpft, eines Kadavers, auf
dessen Oberfläche gleich eitrigen Beulen immer wieder neue faschistische Regierungen
entstehen und platzen und stinkende Gase in eigener Soße verrotteter gesichtsloser
Menschenmasse fahren lassen. Es gibt nichts mehr zu reden, alles ist zerredet
und zerfasert und kleingekaut. Es gibt nur noch das eine: warten, bis was geschieht,
bis sich was tut — und dann tun, soviel jeder kann. -
Stanislaw I. Witkiewicz, Die Schuster. Lehrstück mit Liedchen in 3 Akten. In:
S.I.W., Verrückte Lokomotive. Ein Lesebuch, mit Bildern des
Autors. Hg. Andrzej Wirth. Frankfurt am Main 1994 (zuerst 1934)
Warten (15)
In dieser Nacht rumorte es in den Hügeln, und die Ziegenmelker
kreischten bedrohlich. Gelegentlich trug der Wind aus der Cold-Spring-Schlucht
einen unbeschreiblichen Geruch in die träge Nachtluft; einen Gestank,
wie ihn die drei Wissenschafter bereits schon einmal bemerkt hatten, als sie
sich über ein verendendes Ding beugten, das fünfzehneinhalb
Jahre für ein menschliches Wesen gegolten hatte. Aber das Grauen, auf das sie
warteten, zeigte sich nicht. Was immer dort unten in der Schlucht lauerte,
wartete seine Zeit ab. -
H. P. Lovecraft, Das Grauen von Dunwich. In: Cthulhu. Geistergeschichten.
Übs. H. C. Artmann. Frankfurt am Main 1972 (st 29, zuerst 1929)
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