ahrheit Bei
meiner eigenen beruflichen Arbeit bin ich mit einer Vielfalt verschiedener Gebiete
in Berührung gekommen. Ich habe zum Beispiel ohne irgendwelche professionellen
Ausweispapiere über mathematische Linguistik gearbeitet; auf diesem Gebiet
bin ich ein reiner Autodidakt, und kein allzu gut unterrichteter. Aber ich wurde
häufig von Universitäten aufgefordert, in mathematischen Seminaren und Kolloquien
über mathematische Linguistik zu sprechen. Keiner hat mich je gefragt, ob ich
die angemessenen Legitimationen hätte, um über diese Themen zu reden; den Mathematikern
konnte es überhaupt nicht gleichgültiger sein. Was sie wissen möchten, ist lediglich,
was ich zu sagen habe. Keiner hat je Einwände gegen mein Recht zu reden erhoben
und gefragt, ob ich einen Doktorgrad in Mathematik habe oder ob ich Kurse für
Fortgeschrittene auf diesem Gebiet belegt hätte. Es wäre ihnen niemals in den
Sinn gekommen. Sie möchten wissen, ob ich recht oder unrecht habe, ob das Thema
interessant ist oder nicht, ob bessere Ansätze möglich sind — die Diskussion
drehte sich um den Gegenstand, nicht um mein Recht, ihn zu diskutieren.
Auf der anderen Seite wird in einer Diskussion oder Debatte über gesellschaftliche Fragen oder amerikanische Außenpolitik, zum Beispiel Vietnam oder der Nahe Osten, dieser Einwand ständig erhoben, häufig auf erheblich giftige Weise. Ich wurde wiederholt aufgefordert, meine Qualifikation nachzuweisen, oder gefragt, was für eine Fachausbildung haben Sie, die Sie berechtigt, über diese Angelegenheit zu reden. Es wird vorausgesetzt, daß Leute wie ich, die von einem beruflichen Gesichtspunkt her Außenseiter sind, nicht berechtigt sind, über derartige Dinge zu reden.
Vergleichen Sie Mathematik und politische Wissenschaften — es ist ziemlich
auffallend. In der Mathematik, in der Physik beschäftigen sich die Leute mit
dem, was man sagt, nicht mit den Beglaubigungen, die man hat. Aber um über gesellschaftliche
Realität zu sprechen, muß man die richtigen Zertifikate haben, insbesondere
wenn man vom herrschenden Denksystem abweicht. Ganz allgemein gesprochen, scheint
es gerechtfertigt zu sein, wenn man sagt, je reicher die intellektuelle Substanz
eines Gebietes ist, desto weniger besteht ein Interesse an Qualifikationsnachweisen
und desto größer ist das Interesse am Inhalt. - Noam Chomsky, nach: Sokal/Bricmont,
Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen.
2001 (zuerst 1998)
Wahrheit (2) Man braucht nicht immer alles zu sagen, denn das wäre Torheit; aber was man
sagt, soll sein, wie man es denkt, sonst ist es Arglist. Ich weiß nicht, welchen
Nutzen die Leute davon erwarten, sich beständig zu verstellen und zu verkappen,
wo nicht, daß man ihnen selbst dann nicht glaubt, wenn sie die Wahrheit sagen;
man kann die Menschen einmal oder zweimal hintergehen; aber ein Gewerbe daraus
zu machen, sich hinterm Berge zu halten, und sich dessen rühmen, wie es einige
unserer Fürsten getan haben, daß sie ihr Hemd ins Feuer werfen würden, wenn
es von ihren wahren Absichten wüßte ( was ein Wort des alten Metellus Macedonicus
ist), und daß, wer sich nicht zu verstellen wisse, nicht zu herrschen verstehe,
das heißt, die im voraus warnen, die mit ihnen umzugehen haben, daß alles eitel
Lug und Trug ist, was sie sagen. Der müßte ein einfältiger Tropf sein, der sich
von den schönen Augen und Worten dessen foppen ließe, der sich brüstet, sich
nach außen immer anders zu zeigen, als er inwendig ist, wie es Tiberius tat:
und ich weiß nicht, welchen Anteil solche Leute an der menschlichen Gesellschaft
haben können, die nichts vorbringen, was für bare Münze genommen würde. Wer
die Wahrheit verrät, verrät auch die Lüge. - (mon)
Wahrheit (3)
THESEUS ... Mehr wundervoll
als wahr. |
- Shakespeare, Ein Sommernachtstraum
Wahrheit (4) Es gibt wenig Begriffe, über die so viele Gerüchte im Umlauf sind, wie über den der Wahrheit. Man sagt andern ›die Wahrheit‹, wenn man grob gegen sie wird. Viele verbinden mit dem Begriff der Wahrheit den des Edlen. Das Gegenteil der Wahrheit soll die Unwahrheit sein, die man sagt, wenn man lügt, auch wenn diese Lüge in den Himmel führt. Die Wahrheit beansprucht ewig und göttlich zu sein. Ich aber sage Euch die Wahrheit: »Die Wahrheit ist eine Flüssigkeit.«
Sie denken an Wein. Im Wein liegt Wahrheit. Da aber im Wein nur Flüssigkeit liegt, müßte sie ja wohl oder übel eine Flüssigkeit sein. Doch bin ich der Ansicht, daß die Wahrheit mehr eine dem Erdöl verwandte Flüssigkeit ist. Dafür kann ich Beweise erbringen.
Eine mir bekannte kompetente Persönlichkeit sagte neulich zu mir: »Ich habe mir immer schon gewünscht, die Leute anbohren zu können, um dann die Wahrheit herauszubekommen. « Er sagte es wörtlich so, und deshalb glaube ich ihm, daß dieses Experiment gelingen würde, wenn es seitens der Regierung erlaubt wäre, eine Vivisektion an Menschen vorzunehmen, zwecks Hebung der Wahrheit.
Diese Wahrheit würde dann aus der Bohrstelle spontan ausfließen, was wieder beweist, daß Wahrheit eine Flüssigkeit ist.
Nun habe ich mich gefragt, wenn Wahrheit im Menschen ist, weshalb kommt sie nicht aus den vielen schon vorhandenen Löchern geflossen, die man nicht erst zu bohren brauchte. Da sind zunächst einmal eine Legion von Poren, die braucht man nicht zu bohren. Das aber ist wieder wie mit dem Petroleum, welches auch aus vielen vorhandenen Löchern fließen könnte, z. B. aus der Wasserleitung oder aus dem Kanal, ohne daß es das täte. Nein, Petroleum und Wahrheit wollen sich bohren lassen.
Nun könnte aber doch einmal eine vorhandene Öffnung der Wahrheit den Lauf
geben, etwa wie doch per Zufall Petroleum auch aus der Wasserleitung strömen
könnte. Es könnte z. B. der Mund die Wahrheit verkünden.
Was tut aber der Mund? Er frißt und frißt, und wenn er einmal etwas von sich
gibt, so ist es meistens gerade, oder auch ungerade, um besagte Wahrheit zu
verhüllen. Oder die Ohren. Ja, sie leiten wenigstens die hineingefüllte Wahrheit
wieder hinaus, denn wenn Sie einem die Wahrheit sagen, pflegt sie ins eine Ohr
hinein- und aus dem anderen wieder herauszugehen. Die Augen aber sehen geschickt
um die Wahrheit herum, selbst wenn die Wahrheit noch so dick aufliegt. -
Kurt Schwitters, 1925
Wahrheit (5)
Fettklößchen ist eine wahre Geschichte.
Ein Onkel hatte sie ihm erzählt, erst später traf der Autor
sein Modell Adrienne Legay, da war er schon berühmt. Man zeigte sie ihm in einer
Theaterloge in Rouen. Maupassant ging zu
ihr, sprach mit ihr, lud sie zu einem Abendessen in ein Hotel, aber über ihr
Gespräch hat er keine Geschichte geschrieben, und
es hat keine Zeugen gegeben. - Manfred Flügge, Nachwort zu (nov)
Wahrheit (6) Darüber, daß die beiden Damen
schließlich felsenfest das glaubten, was anfangs nur Vermutung und Kombination
gewesen war, braucht man sich durchaus nicht zu wundern. Wir Männer,
die wir uns für gescheite und gelehrte Leute halten, machen es ja fast ebenso;
denn als schlüssige Beweise dienen uns unsre eigenen
wissenschaftlichen Theorien. Der Gelehrte macht sich
nicht viel anders als ein Gauner an eine Aufgabe heran;
zunächst beginnt er ganz vorsichtig, ja ängstlich mit der allerbescheidensten
Frage: Woher stammt eigentlich dieser Name? Hat das Land ihn nicht von jenem
Erdenwinkel? Oder: Gehört diese Urkunde nicht am Ende einer ganz anderen und
sehr viel späteren Epoche an? Oder: Sollte statt dieses Volkes in Wirklichkeit
nicht jenes gemeint sein? Und sogleich führt er Zitate aus diesem oder jenem
Schriftsteller der Antike an, findet dabei allerhand Hinweise oder zumindest
Stellen, die er für Hinweise hält, wird immer kühner, kommt richtig in Schwung,
fängt an, mit den alten Schriftstellern wie mit seinesgleichen zu verkehren
und ihnen Fragen zu stellen, die er dann selbst an ihrer Stelle beantwortet.
Dabei hat er längst vergessen, daß er mit einer schüchternen Hypothese begonnen
hat, glaubt plötzlich alles sonnenklar vor sich zu sehen und schließt seine
Überlegungen mit den Worten ab: So ist es! Um dieses Volk und kein anderes hat
es sich gehandelt! Nur von diesem Gesichtspunkt aus muß die Frage behandelt
werden! Und schon wird das Ergebnis vom Katheder herab verkündet, die frisch
entdeckte Wahrheit nimmt ihren Weg in die Welt und gewinnt Verehrer und Anhänger.
- Nikolaj Gogol, Die toten Seelen. München 1965 (zuerst 1842)
Wahrheit (7) Carole, eine Studentin der Luftpaläontologie, stieg an der Haltestelle Vieille-des-Archives in den Autobus Q. Die Strecke, auf der die Linie Q fährt, verläuft, wie jedermann weiß, rechtwinklig zur Linie T, welche sie an der Kreuzung Citoyens/Vieille-des-Archives kreuzt.
Carole, ein junges, dunkelhaariges, warm angezogenes (es fror Stein und Bein) junges Mädchen legte ihre Sachen auf den Platz vor sich, der unbesetzt war. Als der Autobus wieder anfuhr, erblickte sie an der Wand des der Rue des Citoyens 53 gegenüberliegenden Hauses eine mit weißer Farbe gemalte Frauengestalt mit einem blauen Büstenhalter. Sie war stehend dargestellt und pinkelte. An der dritten Haltestelle (sie fuhr ins Museum für Naturgeschichte) kam ein junger Mann durch den Mittelgang und bekundete die Absicht, den Platz ihr gegenüber einzunehmen. Carole nahm sofort ihre Sachen weg, die sie auf die Knie legte, und der junge Mann setzte sich.
Als er sich setzte, sah er Carole an und sagte zu ihr: »Sie haben schöne
Augen, Mademoiselle, vor allem das linke.« Das stimmte. - Jacques
Roubaud, Die schöne Hortense. München 1992 (dtv 11602, zuerst 1985)
Wahrheit (8)

- (bar)
Wahrheit (9) Religionen sollen — dies war die Behauptung aller Gegner der Aufklärung — sensu allegorico, mit Rücksicht auf das Verstehen der Menge, jene uralte Weisheit aussprechen, welche die Weisheit an sich sei, insofern alle wahre Wissenschaft der neueren Zeit immer zu ihr hin, anstatt von ihr weg geführt habe: so daß zwischen den ältesten Weisen der Menschheit und allen späteren Harmonie, ja Gleichheit der Einsichten walte und ein Fortschritt der Erkenntnisse — falls man von einem solchen reden wolle — sich nicht auf das Wesen, sondern die Mitteilung desselben beziehe
Diese ganze Auffassung von Religion und Wissenschaft ist durch und durch
irrtümlich; und niemand würde jetzt noch zu ihr sich zu bekennen wagen, wenn
nicht Schopenhauers Beredsamkeit sie in Schutz genommen hätte: diese
laut tönende und doch erst nach einem Menschenalter ihre Hörer erreichende Beredsamkeit.
So gewiß man aus Schopenhauers religiös-moralischer Menschen- und Weltdeutung
sehr viel für das Verständnis des Christentums und anderer Religionen gewinnen
kann, so gewiß ist es auch, daß er über den Wert der Religion für die Erkenntnis
sich geirrt hat. Er selbst war darin ein nur zu folgsamer Schüler der wissenschaftlichen
Lehrer seiner Zeit, welche allesamt der Romantik huldigten und dem Geiste der
Aufklärung abgeschworen hatten; in unsere jetzige Zeit hineingeboren, würde
er unmöglich vom sensus allegoricus der Religion haben reden können; er würde
vielmehr der Wahrheit die Ehre gegeben haben, wie er es pflegte, mit den Worten:
noch nie hat eine Religion, weder mittelbar noch unmittelbar, weder als Dogma
noch als Gleichnis, eine Wahrheit enthalten. - Friedrich Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches
(zuerst 1878)
Wahrheit (10) Wir haben in der Wahrheit und in der Lüge nichts verloren. Die Wahrheit
aber hat in der Lüge, die Lüge hat in der Wahrheit etwas verlogen.
Gesucht sind wir. Und die Wahrheit ist kein Versteck, und die Lüge
darf es nicht bleiben. Und zu verlieren haben wir nichts, leider schon
gar nichts Echtes; nur Falsches, sei Dank. Und zu gewinnen haben wir auch
nichts, nichts Echtes, leider - und leider nichts Falsches, könnten
wir klagen, hätten wir nicht schon genug davon. Wir müßten
lügen, wären wir damit zufrieden. Um die Wahrheit zu sagen:
Wir würden sie nur zu gerne sagen. Wir müßten aber lügen,
würden wir sagen, wir müßten lügen. Gut ist - die
Wahrheit, aber hinter den Bergen und so weiter, tausendmal besser ist
in Wahrheit öffentlich spielende Lüge, keine Feierlichkeit,
keine Würde, kein Stil, die Moral davon: keine, nur märchenhafte
Wahrheiten von unglaublichen Lügen in unzähligen falschen Authentizitäten.
Ein Falscher ist noch beim Zählen. - Paul Wühr, Wiener Vorlesungen zur Literatur 1. In:
Wespennest. Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder, Nr.74 (1989)
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