(bi)
Wirklichkeit (2) Die Energie — und darum auch die Masse — eines Gravitationsfeldes ist schlüpfrig wie ein Aal und läßt sich nicht an einem bestimmten Ort festnageln. Dennoch muß man sie ernstnehmen. Sie ist zweifellos da und muß berücksichtigt werden, damit der Massebegriff sich überall aufrechterhalten läßt. Es gibt ein brauchbares (und positives) Maß für die Masse (Bondi 1960, Sachs 1962), das für Gravitationswellen gilt, aber die Nicht-Lokalität hat zur Folge, daß dieses Maß manchmal in flachen Regionen der Raum-Zeit von Null verschieden sein kann —nämlich zwischen zwei Strahlungsausbrüchen (ähnlich wie die Stille im Auge eines Wirbelsturms) —, obwohl dort die Raum-Zeit tatsächlich völlig frei von Krümmung ist (siehe Penrose und Rindler 1986, S. 427) und sowohl WEYL als auch RICCI gleich Null sind! In solchen Fällen scheint sich uns der Schluß aufzudrängen, daß diese Masse-Energie, wenn überhaupt, in diesem flachen leeren Raum lokalisierbar sein muß — in einem Gebiet, das vollkommen frei von Materie oder irgendwie gearteten Feldern ist. Unter diesen merkwürdigen Umständen ist unsere „Quantität der Materie” nun entweder da, und zwar ausgerechnet in der allerleersten Region überhaupt, oder sie ist nirgendwo!
Das erscheint vollkommen paradox. Dennoch folgt es eindeutig aus den
Aussagen unserer besten klassischen Theorien — und sie sind wirklich großartig
— über das Wesen des „wirklichen“ Materials unserer Welt. Die
materielle Wirklichkeit erweist sich nach der klassischen Theorie — ganz
zu schweigen von der Quantentheorie — als ein Ding von ungeahnt nebulöser
Beschaffenheit. Ihre Quantifizierung — und sogar ihr Vorhandensein — hängt
von äußerst subtilen Bedingungen ab und läßt sich nicht rein lokal entscheiden!
- Aus: Roger Penrose, Computerdenken. Des Kaisers neue Kleider oder
Die Debatte um Künstliche Intelligenz, Bewußtsein und die Gesetze der Physik.
Heidelberg 1991, zuerst 1989
Wirklichkeit (3) Nichts Träumerischeres als eine Kaserne! Zimmer 66 geht auf den Exerzierplatz, drei kleine Ebereschen stehn davor, die Beeren ohne Purpur, die Büsche wie braunbeweint. Es ist Ende August, noch fliegen die Schwalben, doch zu den großen Zügen schon versammelt. Eine Bataillonskapelle übt in einer Ecke, die Sonne funkelt auf Trompeten und Schlagzeug, Die Himmel rühmen spielt sie und Ich schieß den Hirsch im wilden Forst. Es ist das fünfte Kriegsjahr, und hier ist eine völlig abgeschlossene Welt, eine Art Beguinage, die Kommandorufe sind etwas Äußerliches, innerlich ist alles sehr gedämpft und still.
Eine Stadt im Osten, über ihr dies Hochplateau, darauf unser Montsalvat,
hellgelb Gebäude und der riesige Exerzierplatz, eine Art Wüstenfort, Auch
die nächste Umgebung voll Seltsamkeiten. Straßen, die Hälfte im Grund,
die Hälfte auf Hügeln, ungepflastert; einzelne Häuser, an die kein Weg
führt, unerfindlich, wie die Bewohner hineingelangen; Zäune wie in Litauen,
moosig, niedrig, naß. Ein Zigeunerwagen als Wohnhaus hergerichtet. Ein
Mann kommt gegen Abend, eine Katze auf der linken Schulter, die Katze
hat einen Bindfaden um den Hals, steht schief, möchte herunter, der Mann
lacht. Niedrigziehende Wolken, schwarz und violettes Licht, kaum helle
Flecken, ewig regendrohend, viel Pappeln. Vor einer Häuserwand, gärtnerisch
unmotiviert, leierhaft angeordnet, drei blaue Rosen. Morgens über der Siedlung
ein besonders weiches, aurorenhaftes Licht. Auch hier überall das Unwirkliche,
Gefühl des Zweidimensionalen, Kulissenwelt. - Gottfried Benn,
Doppelleben (1949)
Wirklichkeit (4) Im gemeinen Leben nennt man etwa jeden Einfall, den Irrtum, das Böse und was auf diese Seite gehört, sowie jede noch so verkümmerte und vergängliche Existenz zufälligerweise eine Wirklichkeit.
Aber auch schon einem gewöhnlichen Gefühl wird eine zufällige Existenz nicht den emphatischen Namen eines Wirklichen verdienen; - das Zufällige ist eine Existenz, die keinen größeren Wert als den eines Möglichen hat, die so gut nicht sein kann, als sie ist.
Wenn aber ich von Wirklichkeit gesprochen habe, so wäre von selbst daran zu denken, in welchem Sinne ich diesen Ausdruck gebrauche, da ich in einer ausführlichen Logik auch die Wirklichkeit abgehandelt und sie nicht nur sogleich von dem Zufälligen, was doch auch Existenz hat, sondern näher von Dasein, Existenz und anderen Bestimmungen genau unterschieden habe. - G. W. F. Hegel
Wirklichkeit (5) Er stieg träumend einen Hügel hinan; es war, als wenn er ein nahes munteres Bellen vernahm, Birken säuselten dazwischen, und er hörte mit wunderlichen Tönen ein Lied singen:
„Waldeinsamkeit
Mich wieder freut,
Mir
geschieht kein Leid,
Hier wohnt kein Neid,
Von neuem mich freut
Waldeinsamkeit."
Jetzt war es um das Bewußtsein, um die Sinne Eckberts geschehn; er konnte sich nicht aus dem Rätsel herausfinden, ob er jetzt träume, oder ehemals von einem Weibe Bertha geträumt habe; das Wunderbarste vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um ihn her war verzaubert, und er keines Gedankens, keiner Erinnerung mächtig.
Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer Krücke den Hügel heran. „Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund?" schrie sie ihm entgegen. "Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als ich war dein Freund Walther, dein Hugo."
"Gott im Himmel!" sagte Eckbert stille vor sich hin - "in welcher entsetzlichen Einsamkeit hab ich dann mein Leben hingebracht!"
„Und Bertha war deine Schwester."
Eckbert fiel zu Boden. „Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines Vaters."
"Warum hab ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet?" rief Eckbert aus.
"Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von einem andern Weibe."
Eckbert lag wahnsinnig und verscheidend auf dem Boden; dumpf und verworren hörte er die Alte sprechen, den Hund bellen, und den Vogel sein Lied wiederholen. - Ludwig Tieck, Der blonde Eckbert
Wirklichkeit (6) Was mich schon damals
bei der ersten Lektüre an dem Kodex so anzog, das waren, kommt mir jetzt
vor, nicht irgendwelche Leitbilder der Gerechtigkeit,
vielmehr ein Ordnen, ein Auffächern, ein Lichten, ein Durchlüften des Chaos
oder der sogenannten Wirklichkeit, sowohl jener einst in Rom — das im übrigen
zur Zeit der Rechtssammlung seit längerem untergegangen war und wohl eben
dadurch wieder zum Reich erweckt werden sollte — als auch der gegenwärtigen,
der meinen, innen wie außen; indem ich, Paragraph für Paragraph, Gliederung
um Untergliederung, die Pandekten buchstabierte, verschwand, waren die
da abgehandelten Sachverhalte manchmal auch noch so verschieden von den
zeitgenössischen, das Wirre und Finstere aus meiner Welt. Selbst was auf
den ersten Blick als Spitzfindigkeit erschien, teilte diese Welt dann genauer
und schärfer ein und erweiterte zugleich das große Bild.
- Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Frankfurt am Main
1994
Wirklichkeit (7) »Ach, Sie glauben an die Wirklichkeit! Das rührt mich; für so naiv hätte ich Sie gar nicht gehalten. Die Wirklichkeit! Erzählen Sie mir doch davon. Sie kommen ja aus diesem schönen Land. Wir Dichter sind es jedoch, die erst diese Wirklichkeit schaffen.«
»O nein, Monsieur de Balzac.«
»O doch, Monsieur Vidocq! Sehen Sie, die wahre Wirklichkeit ist etwa dieser
schöne Montreuiler Pfirsich. Der Pfirsich, den Sie als wirklich bezeichnen,
wächst natürlich wild. Nur taugt der aber gar nichts, denn er ist klein, sauer,
bitter, ungenießbar. Aber der hier in meiner Hand ist der eigentlich wirkliche:
Er stammt aus hundertjährigem Anbau, man hat diese Bäumchen auf bestimmte Weise
verschnitten, man hat sie verpflanzt, auf einen trockenen oder leichten Boden,
hat sie gepfropft, bis man endlich die Frucht erzielte, die für uns genießbar
ist und deren Duft und Geschmack uns so sehr bezaubern. Und diesen köstlichen
Pfirsich haben allein wir Menschen erschaffen: Er ist der einzig wirkliche Pfirsich!
Genauso verhält es sich mit mir. Ich schaffe in meinen Romanen Wirklichkeit,
wie Montreuil sie in seinen Pfirsichen hervorbringt. Ich bin ein Gärtner, der
Bücher züchtet.« - Léon Gozlan, Balzac in Pantoffeln. München 1969 (dtv
602, zuerst ca. 1860)
Wirklichkeit (8) Durch Korridore
von Büchern, zwischen langen Regalen von Zeitschriften und Drucken, kommen wir
aus dem Laden heraus und befinden uns an jener Stelle
der Krokodilgasse, wo man von einem erhöhten Punkt fast die ganze Länge dieses
breiten Trakts bis zu den entfernten, unvollendeten Gebäuden des Bahnhofs übersehen
kann. Es ist ein sehr grauer Tag, wie stets in dieser Gegend, und die ganze
Szenerie gleicht manchmal einer Photographie aus einer illustrierten Zeitung,
so grau, so flach sind die Häuser, die Menschen und die Fahrzeuge. Diese Wirklichkeit
ist dünn wie Papier und verrät durch alle Ritzen ihre Gemachtheit. Manchmal
hat man den Eindruck, daß sich nur in einem kleinen Ausschnitt alles vor uns
so mustergültig zu diesem pointierten Bild eines großstädtischen Boulevards
ordnet, während sich mittlerweile auf den Seiten diese improvisierte Maskerade
schon wieder auflöst und einrollt und - unfähig, in ihrer Rolle zu verharren
- hinter uns in Gips und Werg, in die Rumpelkammer eines riesigen, leeren Theaters
zerfällt. - Bruno Schulz: Die Krokodilgasse, in (
bs
)
Wirklichkeit (9) Der junge Borgmann
sollte kommen. Nichts von dem, was ich ihm erzählt hatte, gab es. Es gab
etwas anderes, weit Merkwürdigeres als das von mir Ersonnene, aber, knapp zwölf
Jahre alt, wußte ich noch nicht, wie ich es mit der Wahrheit in dieser Welt
zu halten hatte. Großvater Levi Jizchok, ein Rabbiner, der aus seinem Heimatstädtchen
verjagt worden war, weil er Wechsel mit dem Namen des Grafen Branizki unterschrieben
hatte, galt bei unseren Nachbarn und den Jungen unseres Viertels als Verrückter.
Und Onkel Simon Wolf konnte ich wegen seines wunderlichen lauten Wesens, seiner
Herrschsucht und sinnlosen Leidenschaftlichkeit nicht ausstehen. Nur mit Bobka
ließ sich reden. Bobka barst vor Stolz, daß der Sohn des Bankdirektors mit mir
befreundet war. Sie versprach sich von dieser Bekanntschaft den Anfang einer
großen Karriere und buk für den Gast Marmeladenstrudel und Mohnpiroggen. Das
ganze Herz unseres Stammes, das kampferprobte, standhafte Herz, lag in diesen
Piroggen. Großvater mit dem verbeulten Zylinder und den lappenumwickelten, geschwollenen
Füßen schoben wir zu den Nachbarn ab, zur Familie Appelhot, und ich beschwor
ihn, nicht eher zum Vorschein zu kommen, als bis der Gast gegangen war. Mit
Simon Wolf klappte es auch. Er zog mit seinen Kumpanen in die Kaschemme »Zum
Bären« Tee trinken. In dieser Kaschemme spülte man mit dem Tee Wodka hinunter,
was mich hoffen ließ, daß Simon Wolf sich dort festsetzte. Hier muß ich einfügen,
daß die Familie, der ich entstamme, nicht so war wie andere jüdische Familien.
Bei uns gab es sogar Säufer, bei uns verführte man Generalstöchter und ließ
sie sitzen, noch bevor man sie zur Grenze gebracht hatte, bei uns fälschte der
Großvater Unterschriften und verfaßte Erpresserbriefe für verlassene Frauen.
- (
babel
)
Wirklichkeit (10) Die Möglichkeit ist nur im Gebiet der Reflexion und für die Vernunft da, das Wirkliche im Gebiet der Anschauung und für den Verstand; das Nothwendige für Beide. Sogar ist eigentlich der Unterschied zwischen nothwendig, wirklich und möglich nur in abstracto und dem Begriffe nach vorhanden; in der realen Welt hingegen fallen alle Drei in Eins zusammen. Denn Alles, was geschieht, geschieht nothwendig; weil es aus Ursachen geschieht, diese aber selbst wieder Ursachen haben; so daß sämmtliche Hergänge der Welt, große wie kleine, eine strenge Verkettung des nothwendig Eintretenden sind. Demgemäß ist alles Wirkliche zugleich eine Nothwendiges, und in der Realität zwischen Wirklichkeit und Nothwendigkeit kein Unterschied; und eben so keiner zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit: denn was nicht geschehn, d. h. nicht wirklich geworden ist, war auch nicht möglich; weil die Ursachen, ohne welche es nimmermehr eintreten konnte, selbst nicht eingetreten sind, noch eintreten konnten, in der großen Verkettung der Ursachen: es war also ein Unmögliches. Jeder Vorgang ist demnach entweder nothwendig, oder unmöglich. Dieses Alles jedoch gilt bloß von der empirisch realen Welt, d. h. dem Komplex der einzelnen Dinge, also vom ganz Einzelnen als solchem. Betrachten wir hingegen, mittelst der Vernunft, die Dinge im Allgemeinen, sie In abstracto auffassend; so treten Nothwendigkeit, Wirklichkeit und Möglichkeit wieder aus einander: wir erkennen dann alles den unserm Intellekt angehörenden Gesetzen a priori Gemäße als überhaupt möglich; das den empirischen Naturgesetzen Entsprechende als in dieser Welt möglich, auch wenn es nie wirklich geworden, unterscheiden also deutlich das Mögliche vom Wirklichen. Das Wirkliche ist an sich selbst zwar stets auch ein Nothwendiges, wird aber als solches nur von Dem aufgefaßt, der seine Ursache kennt: abgesehn von dieser ist und heißt es zufällig. Diese Betrachtung giebt uns auch den Schlüssel zu jenem 'Streit über das Mögliche' zwischen dem Megariker Diodoros und Chrysippos dem Stoiker, welche Cicero vorträgt im Buche de fato. Diodoros sagt: »Nur was wirklich wird, ist möglich gewesen: und alles Wirkliche ist auch nothwendig.« - Chrysippos dagegen: »Es ist Vieles möglich, das nie wirklich wird: denn nur das Nothwendige wird wirklich.« - Wir können uns dies so erläutern. Die Wirklichkeit ist die Konklusion eines Schlusses, zu dem die Möglichkeit die Prämissen giebt. Doch ist hiezu nicht allein die Major [der Obersatz], sondern auch die Minor [der Untersatz] erfordert: erst Beide geben die volle Möglichkeit. Die Major nämlich giebt eine bloß theoretische, allgemeine Möglichkeit in abstracto: diese macht an sich aber noch gar nichts möglich, d. h. fähig wirklich zu werden. Dazu gehört noch die Minor, als welche die Möglichkeit für den einzelnen Fall giebt, indem sie ihn unter die Regel bringt. Dieser wird eben dadurch sofort zur Wirklichkeit. Z. B.:
Maj. Alle Häuser (folglich auch mein Haus) können abbrennen.
Min. Mein
Haus geräth in Brand.
Konkl. Mein Haus brennt ab.
Denn jeder allgemeine Satz, also jede Major, bestimmt, in Hinsicht auf die
Wirklichkeit, die Dinge stets nur unter einer Voraussetzung, mithin hypothetisch:
z. B. das Abbrennenkönnen hat zur Voraussetzung das Inbrandgerathen. Diese Voraussetzung
wird in der Minor beigebracht. Allemal ladet die Major die Kanone: allein erst
wenn die Minor die Lunte hinzubringt, erfolgt der Schuß, die Konklusio. Das
gilt durchweg vom Verhältniß der Möglichkeit zur Wirklichkeit. Da nun die Konklusio,
welche die Aussage der Wirklichkeit ist, stets nothwendig erfolgt; so geht hieraus
hervor, daß Alles, was wirklich ist, auch nothwendig ist; welches auch daraus
einzusehn, daß Nothwendigseyn nur heißt, Folge eines gegebenen Grundes seyn:
dieser ist beim Wirklichen eine Ursache: also ist alles Wirkliche nothwendig.
Demnach sehn wir hier die Begriffe des Möglichen, Wirklichen und Nothwendigen
zusammenfallen und nicht bloß den letzteren den ersteren voraussetzen, sondern
auch umgekehrt. Was sie auseinanderhält, ist die Beschränkung unsers Intellekts
durch die Form der Zeit: denn die Zeit ist das Vermittelnde zwischen Möglichkeit
und Wirklichkeit. Die Nothwendigkeit der einzelnen Begebenheit läßt sich durch
die Erkenntniß ihrer sämmtlichen Ursachen vollkommen einsehn: aber das Zusammentreffen
dieser sämmtlichen, verschiedenen und von einander unabhängigen Ursachen erscheint
für uns als zufällig , ja die Unabhängigkeit derselben von einander ist
eben der Begriff der Zufälligkeit. Da aber doch jede von ihnen die nothwendige
Folge ihrer Ursache war, deren Kette anfangslos
ist; so zeigt sich, daß die Zufälligkeit eine bloß subjektive Erscheinung ist,
entstehend aus der Begränzung des Horizonts unsers Verstandes, und so subjektiv,
wie der optische Horizont, in welchem der Himmel die Erde berührt. -
(
wv
)
Wirklichkeit (11)
Wirklichkeit (12) Bei genauerem
Hinsehen lösen sich die Dinge in Phantasmata auf. Das ganze Arrangement erscheint
als ein verhängnisvoller Ablauf optischer Täuschungen, worin der bewußte Irrtum
und die gefaßte Lüge am ehesten noch eine Art von Sinn und Halt, eine Perspektive
aufrechterhalten. Was man gemeinhin Wirklichkeit nennt, ist, exakt gesprochen,
ein aufgebauschtes Nichts. - Hugo Ball, 1916/1915
Wirklichkeit (13) Es ist ein
grauer Tag, wie immer in der Gegend, und die ganze Szenerie scheint in manchen
Momenten ein Photo aus einer Illustrierten zu sein, so grau und so plan sind
die Häuser, die Menschen und die Wagen. Diese Wirklichkeit ist dünn wie Papier,
und jeder Spalt verrät, daß sie bloß imitiert ist. Manchmal hat man den Eindruck,
daß sich lediglich auf dem kleinen Flecken vor uns alles so beispielhaft zu
diesem pointierten Bild eines Großstadtboulevards zusammenfügt, während sich
an den Rändern die ganze improvisierte Maskerade bereits auflöst und aus dem
Leim geht und, da sie ihre Rolle nicht durchhalten kann, hinter unserem Rücken
in Gips und Werg, in das Gerümpel eines riesigen leeren Theaters zerfällt. - (
bs2
)
Wirklichkeit (14) Andrej Jefimytsch ging zum Fenster und schaute hinaus. Es wurde bereits dunkel und am Horizont ging rechter Hand ein kalter blutroter Mond auf. Unweit vom. Zaun des Krankenhauses, vielleicht wenige hundert Meter, nicht weiter, stand ein großes weißes Haus, von einer steinernen Mauer umgeben. Das Gefängnis.
Da haben wir sie, die Wirklichkeit! dachte Andrej Jefimytsch, und ihm graute.
Grauenhaft waren sowohl der Mond als auch das Gefängnis und die Nägel auf dem Zaun und die ferne Flamme einer Knochenbrennerei. Hinter ihm ertönte ein Seufzer. Andre] Jefimytsch sah sich um und erblickte einen Mann mit glitzernden Sternen und Orden auf der Brust, der lächelte und listig mit dem Auge zwinkerte. Und das schien ihm besonders grauenhaft.
Andrej Jefimytsch überlegte, daß weder im Mond noch im Gefängnis etwas Besonderes
liege und daß auch psychisch gesunde Menschen Orden tragen könnten und daß nach
Verlauf einiger Zeit ohnehin alles verfaule und Lehm werde, indes plötzlich
wurde die Verzweiflung seiner Herr, und er packte mit beiden Händen das Gitter
und schüttelte es mit aller Gewalt. Das kräftige Gitter gab nicht nach. - Anton Tschechow, Krankenhauszimmer
Nr. 6.
Nach (tsch)
Wirklichkeit (15) Das ewige
und alleinige Werden, die gänzliche Unbeständigkeit
alles Wirklichen, das fortwährend nur wirkt und wird und nicht ist, wie dies
Heraklit lehrt, ist eine furchtbare und betäubende Vorstellung und in
ihrem Einflüsse am nächsten der Empfindung verwandt, mit der jemand, bei einem
Erdbeben, das Zutrauen zu der festgegründeten
Erde verliert. - Friedrich Nietzsche, Die Philosophie im tragischen Zeitalter
der Griechen
Wirklichkeit (16) Meine Wirklichkeiten
waren nicht ohne. Erst ein Dorf schon halb litauisch, neun Monate barfuß, drei
in Holzpantinen; mein Vater war im Erscheinungsjahr des donatischen Kometen
geboren, konnte aber wenig Gebrauch davon machen, beschäftigte
sich mehr mit Kartoffelsäcken, ferner war es das Jahrzehnt, in dem die Lupine
aus Sizilien eingeführt wurde, und die mußte er schleppen. Dann trampte ich,
die Voraussetzungen für die Überfahrt sind ohne Belang, der Gutsbesitzer und
ein Gendarm traten dabei als Wirklichkeit hervor. Also trampen - Schwellengang,
bestimmte Schrittgröße und an einer ;Kurve
auf die Kuppelung, dann in das dachlose Coupe. Beim Läbour-agent vermittelt
für künstliche Augen, aber, sagt das erste Geschäft, die Negeraugen fehlen in
der Kollektion, und die sind am meisten gefragt - das zweite wollte Augen mit
roten Äderchen, das waren lokale Schwierigkeiten. Dann Schuhkappenaus s tanzen,
dreitausend täglich, abends Wurst verkaufen, die eingetrockneten Scheiben und
harten Enden frißt man selber; Turkeykiller, hochbezahlt,
Truthähne schlachten, aber vorher die Federn ausrupfen, gemein -nix
very nice und very beautiful - - Von den Breiten des Trans bis zu den Ländern
der schleimigen fetten Pulque -Wirklichkeiten eine Masse, aber ich bin nicht
schlau aus ihr geworden. - Gottfried Benn, Drei alte Männer. In: G. B.,
Prosa und Szenen. Ges. Werke Bd. 2. Wiesbaden 1962
Wirklichkeit (17)
Wirklichkeit (18) Die Liebe zum Exzeß,
zum Makabren und zum Beklemmenden ist nichts anderes als ein äußerster, gewaltsamer
und unverzeihlicher Versuch, die Wirklichkeit zu exorzisieren;
denn die sogenannte Wirklichkeit ist das Übel, die Grenze, das Verbot, das Elend,
die Sinnlosigkeit; sie muß mit Formeln äußerster Gewaltsamkeit und mit Gesten
einer entsetzlichen und absurden Frechheit herausgefordert werden, angesichts
derer sie sich als einzige, rein pathologische Halluzination
in Nichts auflöst. In Poes Erzählungen gibt es nichts »Geschmackvolles«, weil
die Wirklichkeit gar nicht eingelassen wird; in Poes
Welt herrscht das Irrereden, die kalkulierte Ungenauigkeit, und der Fluß seiner
Prosa klingt nicht selten wie der weiche, wiederholende Singsang eines hypnotischen
Märchens oder einer Kantilene. Während er in der Erzählung Der Doppelmord in
der Rue Morgue ein absurdes, geometrisches, perfektes und ironisches glasklares
Bewußtsein erprobt, läßt er in Berenice, Eleonora, Ligeia und Der
Untergang des Hauses Usher mit feinfühliger, wehrloser Anmut seine musikalische,
evokative, verzierte und unheilschwangere Eingebung spielen, mit deren Hilfe
er Gipfel der >Geschmacklosigkeit< erreicht. - Giorgio Manganelli,
Manganelli furioso. Handbuch für unnütze Leidenschaften. Berlin 1985
Wirklichkeit (19) Die Wirklichkeit
stellte sich diesen beiden in jenem Augenblick nicht in irgendeiner körperlichen
Form dar. Ihre Ekstase selbst war die Wirklichkeit,
die Wahrheit, das Wesen dessen, was sich zwischen ihnen abspielte! Ja, die »Entelechie«,
sagen wir einmal, ihrer rasenden Umklammerungen auf jener Liege war nicht in
der Vorstellung ihrer Körper, war nicht in der Gestalt ihrer Körper. Dieses
Ereignis in Zeit und Raum wäre unter solchen Gesichtspunkten verfälscht worden,
wenn es für die wirkliche Realität jenes Augenblicks gehalten worden wäre. Die
»Realität« jenes Augenblicks -jener unendliehen
Abfolge von Augenblicken - war das, was sie fühlten; und was sie fühlten, lag
jenseits aller menschlichen Ausdrucksfähigkeit. Was sie empfanden, war entzückender
als ein Regen blendender Meteore, die durch die Ewigkeit rauschen. Es war ein
schillernder Wolkenerguß, der aus unbekannten translunaren Regionen hervorbrach
und auf sich überschießend auftürmendes Ticfseewasscr traf, das aus dem Abgrund
emporwogte. - (cowp)
![]() ![]() ![]() |
||
![]() |
||
![]() |
![]() |
|
![]() |
||
![]() |
||
![]() ![]() ![]() |
![]() ![]() |