ergangenheit Jener Teil der Ewigkeit, von dem uns ein kleiner Bruchteil oberflächlich und unangenehm bekannt ist. Eine bewegliche Linie namens Gegenwart trennt sie von einer imaginären Periode namens Zukunft. Diese beiden großen Unterabteilungen der Ewigkeit, deren eine unausgesetzt die andere auslöscht, sind völlig unähnlich. Eine ist düster vor Sorge und Enttäuschung, die andere hell vor Gedeihen und Wonne. Die Vergangenheit ist das Reich des Geseufzes, die Zukunft das Reich des Gesanges. In der einen kauert die Erinnerung, gewandet in Sackleinen und Asche, und murmelt reuevolle Gebete; im Sonnenlicht der anderen flattert die Hoffnung mit freien Schwingen und lockt zu Tempeln des Erfolges und Palästen des Wohlbefindens. Doch ist die Vergangenheit die gestrige Zukunft, die Zukunft die morgige Vergangenheit. Beide sind eines - das Wissen und der Traum. - (bi)

Vergangenheit (2)  Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind aufgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. - (Walter Benjamin)

Vergangenheit (3)

die vergangenheit ist klar vorbei
Vorüber diese Zeit der Ewigkeit
Und nun bist du wieder ein Osterei.

- Ernst Herbeck

Vergangenheit (4)  Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?

Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und O all unseres Redens und Fragens bildet, allem Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht. Da denn nun gerade geschieht es, daß, je tiefer man schürft, je weiter hinab in die Unterwelt des Vergangenen man dringt und tastet, die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unerlotbar erweisen und vor unserem Senkblei, zu welcher abenteuerlichen Zeitenlänge wir seine Schnur auch abspulen, immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückweichen Zutreffend aber heißt es hier »wieder und weiter«; denn mit unserer Forscherangelegentlichkeit treibt das Unerforschliche eine Art von foppendem Spiel: es bietet ihr Scheinhalte und Wegesziele, hinter denen, wenn sie erreicht sind, neue Vergangenheitsstrecken sich auftun, wie es dem Küstengänger ergeht, der des Wanderns kein Ende findet, weil hinter jeder lehmigen Dünenkulisse, die er erstrebte, neue Weiten zu neuen Vorgebirgen vorwärtslocken. - Thomas Mann, Joseph und seine Brüder (Die Geschichten Jaakobs) 1933

Vergangenheit (5)  

Vergangenheit

 - Abu Simbel, westlicher Koloss des Phré-Speos, Photographie von Maxime du Camp, in: (orient)

Vergangenheit (6)  »Wie verändern Sie denn die Vergangenheit?«, fragte Chip.

»Ich denke mich in sie hinein. In einen bestimmten Aspekt, in ein Ereignis oder in das, was jemand gesagt hat. Oder in eine Nebensächlichkeit, die geschehen ist und meiner Meinung nach nicht hätte geschehen sollen. Als ich es das erste Mal tat, als Kind ...«

»Damals war sie sechs Jahre alt«, unterbrach sie Ashwood. »Sie wohnte in Detroit, mit ihren Eltern zusammen, und sie zerbrach eine antike Keramikstatue, die ihr Vater wie einen Schatz gehütet hatte.«

»Hatte Ihr Vater das vorhergesehen?«, fragte Chip. »Mit seiner Präkog-Fähigkeit?«

»Ja, er hatte es vorhergesehen«, erwiderte Pat, »und hatte mich bereits eine Woche, bevor ich die Statue zerbrach, bestraft. Er sagte, dass es unvermeidlich war. Das Präkog-Talent - Sie können etwas vorhersehen, aber sie können nichts daran ändern. Dann, nachdem die Statue zerbrochen war - nachdem ich sie zerbrochen hatte, besser gesagt -, grübelte ich darüber nach und dächte an die Woche zurück, bevor sie kaputt ging, als ich nämlich keinen Nachtisch bekam und schon um fünf Uhr nachmittags ins Bett musste. Zum Teufel noch mal, dachte ich - oder was man sonst als Kind so denkt -, gibt es denn keine Möglichkeit, solche Ereignisse zu verhindern? Die Präkog-Fähigkeit meines Vaters erschien mir minderwertig, da er damit ja doch nichts ändern konnte - ich habe auch, heute noch dieses Gefühl, eine Art von Verachtung. Ich verbrachte also einen guten Monat damit, meinen ganzen Willen darauf zu konzentrieren, die Statue wieder in ein Stück zu verwandeln. In Gedanken lebte ich ständig in der Zeit, bevor sie zerbrach, und hielt mir immer wieder vor Augen, wie sie ausgesehen hatte ... es war fürchterlich. Und dann eines Morgens, als ich aufstand - ich hatte auch nachts davon geträumt -, da stand sie. So wie sie immer dagestanden war, in einem Stück.« Sichtlich angespannt lehnte sich Pat zu Chip hinüber und fügte mit scharfer, entschiedener Stimme hinzu: »Aber weder meine Mutter noch mein Vater bemerkten irgendetwas. Für sie schien es völlig normal, dass die Statue heil war, denn für sie war sie immer heil gewesen. Nur ich konnte mich an eine andere Vergangenheit erinnern.« Sie lächelte, lehnte sich wieder zurück, nahm sich noch eine Zigarette und zündete sie an.  - Philip K. Dick, Ubik. München 2003 (Heyne 13884, zuerst 1969)

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