Verschwinden

Titanic

- N.N.

Ich bin in Boot C noch mitgekommen, einem von den Engelhardt-Faltbooten, mit drei Feuerwehrleuten und dem I'Yiscur aus der dritten Klasse und siebenundzwanzig Frauen und Kindern und vier Chineser aus Limehouse, die kauerten sich unter den Sitzen zusammen, weil sie glaubten, Murdoch würde sie sehen und als Chinesen sofort erschießen, aber Murdoch konnte nix sehen, der Mörder, der schottische Hund. Dann ließ er Ismay ins Boot steigen, und Ismay stand zitternd da unter all den armen Weibern aus der letzten Klasse, ein feiner Pinkel und im übrigen der Chef der ganzen Chose, der eigentlich mit dem Kapitän zusammen bis zum bitteren Ende auf dem Schiff bleiben müßte. Dann hieß es: Runterlassen! und ein paar Yards entfernt sahen wir die Titanic schon langsam sinken, und dann ein gutes Stück weiter, ne halbe Meile etwa, haben wir gesehen, wie sie runtergeschluckt wird, Menschen wie Läuse an Reling und Gangspill geklammert, und die letzten hundertfünfzig Fuß von ihr standen hochaufgerichtet wie ein gottverdammtes Denkmal gegen die ewigen Sterne, und dann war alles vorbei. - Anthony Burgess, Belsazars Gastmahl. Suttgart 1996 (zuerst 1989)

Verschwinden (2) Sowjetische Luftabwehr holte sehr viel mehr Flugzeuge vom Himmel als nur die eine U2, deren Pilot Gary Powers auf der Glienicker Brücke ausgetauscht wurde. 176 Maschinen gingen zwischen 1946 und 1991 verloren, und manche Besatzung verschwand in geheimen Archiven. So gelang es einer britischen Crew auf geheimer Mission bei Schwerin zwar, aus ihrem getroffenen Flugzeug mit dem Fallschirm abzuspringen, aber keiner der drei fiel den Sowjets lebendig in die Hände. Es öffnete sich nämlich kein einziger Schirm. Ein Packfehler, befand die britische Untersuchungskommission. Einen Packfehler habe er schon erlebt, kommentierte ein britischer Veteran den Fall, aber drei?" - Tagesspiegel 12.09.99

Verschwinden (3) Im Jahre 118 nach Christus erhob sich das Königreich von Brigantia unter seinem Herrscher Arviragus gegen die römische Besatzung. Die römische Heeresleitung entsandte die Neunte Legion, eine kampferprobte Truppe, die speziell für die Niederschlagung von Aufständen ausgebildet war. Aber die Legion kam nie im Gebiet der Aufständischen an. Sie kam auch nie zurück. Sie verschwand spurlos. 6000 Soldaten und ihr Tross. Niemals wurde eine Spur von ihnen gefunden. Die Aufständischen waren nicht für das Verschwinden der Legion verantwortlich. Sie haben sich auch nie dessen gerühmt. - (hoe)

Verschwinden (4) Seit Jahrhunderten sind Fälle bekannt, in denen die gesamte Bevölkerung von rfern und Siedlungen spurlos verschwunden ist. Luftaufnahmen aus der ganzen Welt zeigen Hunderte von Dörfern, in denen sich die Menschen in Luft aufgelöst zu haben schienen. - (hoe)

Verschwinden (5) Wir kennen den Fall einer deutschen Kompanie, die ein Dorf in der Champagne erobert hatte, aber dann nicht weiter vorging, sondern verschwunden war. Sie hatte sich über die Keller hergemacht und war betrunken, die ganze Kompanie. - (cel)

Verschwinden (6) Während die Socken im Trockner herumwirbeln, lösen sich die Wassermoleküle aus ihnen und gelangen in die warme Luft im Inneren des Trockners. Ein Sauggebläse befördert die warme, feuchte Luft ins Freie. Schließlich haben alle Wassermoleküle die Socken verlassen und sind ins Freie geblasen worden. Nun haben Wissenschaftler eine Theorie aufgestellt, nach der hin und wieder chemische Veränderungen stattfinden, die nicht nur die Wassermoleküle erfassen, sondern einen ganzen Socken.

Zeichnung Thomas Körner

Wie verschiedene Untersuchungsdaten nahelegen, treten bei jeder vierten bis fünften Beschickung des Trockners in seinem bewegten Innenleben abnorme Konzentrationen von Dimethylterphtalat, Ethylenglykol und Ozon auf. Die ersten beiden Chemikalien sind wichtige Rohstoffe bei der Herstellung von Polyesterfasem, und Ozon ist, wie sattsam bekannt, der Stoff mit dem großen Loch. Aus all diesen Stoffen bildet sich eine Verbindung mit dem Namen Hozon. Wenn die Hozonkonzentration im Trockner einen bestimmten Schwellenwert übersteigt, wird aus Gründen, die die Wissenschaft noch nicht ganz versteht, eine Socke in die genannten chemischen Bestandteile zerlegt und in eine bisher noch nicht entdeckte Region verlagert, die sogenannte Hozonschicht. - (what)

Verschwinden(7) 1628 stand die Vasa - der Stolz der aufsteigenden Großmacht Schweden - zur Jungfernfahrt bereit. Mit ihren 64 Kanonen auf zwei Batteriedecks war sie das mächtigste Kriegsschiff der Welt. Am Sonntag, den 10. August 1628 war es soweit. Neugierige Stockholmer und ausländische Gesandte säumten die Ufer der Stadt, um die erste Reise des Schiffs mitzuerleben. Die Vasa hißte die Segel, feuerte Salutschüsse ab und setzte sich langsam in Bewegung.

Doch bereits nach wenigen Minuten begann das Schiff beunruhigend zu krängen, obwohl nur eine leichte Brise herrschte. Noch einmal richtete es sich kurz auf - nur um schließlich völlig zu kentern. Durch die offenen Kanonenpforten drang Wasser ein. Die Vasa versank, mit "gehißten Segeln, Flaggen und allem" ...

Verschwinden (8)

Verschwindende Grinsekatze

- Unknown artist

Verschwinden (9)  Der Mensch wird aussterben. Um das zu sagen, braucht man kein besonderer Pessimist zu sein. Und Misanthrop wäre man nur, wenn man es ihm nicht auf die sanfte Aussterbensart der meisten seiner tierischen Genossen wünschte: über die Minderung seiner Proliferation. Immerhin haben von den geschätzten 50 bis 150 Millionen Arten, die im Laufe der Evolution aufgekommen waren, nicht mehr als 2 Prozent überlebt, geschätzt höchstens Millionen, von denen 1,5 Millionen als wissenschaftlich erfaßt gelten können. Man braucht sich das Verschwinden so vieler Arten nicht allzu dramatisch und schmerzhaft vorzustellen; sogar die Saurier, die vor 65 Millionen Jahren ›plötzlich‹ von der durch sie beherrschten und vergewaltigten Erde verschwanden, hatten offenbar ›nur‹ Schwierigkeiten mit der Fortpflanzung, etwa durch zunehmende Dünnschaligkeit ihrer Reptilieneier.- (blum)

Verschwinden (10)  In Neuilly quartierte der Diener Silot bei seinem abwesende Herrn ein leichtes Mädchen ein und verschwand dann, indem er alles mitnahm, außer ihr. - (fen)

Verschwinden (11) Anstatt seinen Dienst wieder anzutreten, zog es M. Rey aus Calais vor, sich zu verbarrikadieren. Man ließ die Tür aufbrechen. Er war verschwunden. - (fen)

Verschwinden (12) Mit Frettchen und Hund ging der Rentier Thiercelin aus Milly gestern früh auf die Jagd. Er kam nicht zurück. Man durchstöbert die Wälder. - (fen)

Verschwinden (13)  Die Harpune schwirrte; der angeworfene Wal preschte ab; mit brenzliger Geschwindigkeit lief die Leine durch die Keep — und kam unklar. Ahab bückte sich, um sie klarzukriegen, es gelang ihm auch; allein, die sausende Bucht schlang sich ihm um den Hals, und lautlos — wie mit der seidenen Schnur erdrosselt — wurde Ahab aus dem Boot gerissen, ehe die Mannschaft sich dessen versah. Im nächsten Augenblick flog auch schon das dicke Augspliß am Ende der Leine aus der leeren Baije, traf einen Riemensgast, daß er hinschlug, klatschte im Wasser auf und entschwand in der Tiefe.

Eine Weile war das Bootsvolk starr vor Schreck; dann wandten einige sich um.


«Das Schiff! Großer Gott, wo ist das Schiff?» In trüber Verzerrung sahen sie es wie einen Geisterspuk verblassen, nur die obersten Stengen ragten noch hervor, in denen die wilden Harpuniere, im Bann der Treue oder des Schicksals, immer noch starr auf Ausguck standen, dieweil das Schiff absackte.

Und nun erfaßten die Kreise des Strudels auch das einsame Boot und wirbelten es um sich selbst, um und um, jeden Mann, jeden treibenden Riemen, jeden Lanzenstock, alles Lebende und Leblose wurde vom Wirbel verschlungen und jedwede Spur der «Pequod» ausgetilgt.

Doch als die letzten Wassermassen über dem Kopf des Indianers im Großtopp ineinanderrauschten und von der Stenge nur noch eine Spanne sichtbar war, mitsamt der meterlang strähnenden Windfahne, die gelassen über die verheerenden Wogen hinwallte  —  in diesem Augenblick langte ein roter Arm mit einem Hammer aus dem Wasser hervor, bemüht, die Fahne fester und noch fester anzunageln. Eine Raubmöve, die dem einst himmelhochragenden Großmast nach unten gefolgt war, wobei sie auf den Verklicker einhackte und Taschtigo ständig störte, diese Möve geriet nun mit einer der breiten flatternden Schwingen zwischen Hammer und Holz, und der Harpunier, der unter Wasser das luftige Geflatter spürte, hielt mit seiner letzten Kraft den Hammer dort angepreßt, und so ging der Himmelsvogel mit unirdischen Schreien, den stolzen Schnabel aufwärtsgereckt, den ganzen Körper in Ahabs Fahne geschlagen, mit dessen Schiff unter, das wie Luzifer nicht zur Hölle fahren wollte, ohne ein lebendes Stück Himmel mitzureißen und sich damit zu krönen.   - (mob)

Verschwinden (14)

Schwertzeit, Beilzeit,
Schilde bersten,
Windzeit, Wolfzeit,
bis die Welt vergeht -

Die Riesen besteigen zu ihrem Angriff ein Schiff, das aus den Fingernägeln der Toten besteht. Der Garmhund, der die Pforten der Hölle bewacht, reißt sich von seiner Kette los, die Midgardschlange taucht aus der Tiefe des Meeres empor und fällt den Gott Thor an, der Fenriswolf tötet 0din, den sein Sohn Viðarr rächt, die Weltesche Yggdrasil, in deren Schutz die drei Nornen die Geschicke der Menschen spinnen, birst von oben bis unten entzwei, die Sonne erlischt, die Erde versinkt im Meer, der Weltbrand verschlingt die Sterne. - Aus: Völuspa, nach: Ivar Ekeland, Zufall, Glück und Chaos. Mathematische Expeditionen. München 1996 (zuerst 1991)

Verschwinden (15)  Das Stück beginnt mit der Ankunft eines Soldaten in einem leeren Haus. Er findet dort eine Haushälterin vor, die beiden sprechen von der Vergangenheit, und der Soldat sagt, er sei der Sohn der Familie, die in dem Haus gewohnt habe.

In dem Augenblick beginnt eine Rückblende, die uns dreißig Jahre zurückführt. Man sieht das Alltagsleben einer Familie. Ein junger Marineleutnant ist gekommen, um bei den Eltern um die Hand ihrer Tochter Mary Rose anzuhalten. Die Eltern werfen einander seltsame Blicke zu, und als Mary Rose einen Augenblick das Zimmer verläßt, erzählen sie dem jungen Mann: »Als Mary Rose zehn Jahre alt war, haben wir einmal unsere Ferien auf einer schottischen Insel verbracht, und da war sie vier Tage lang verschwunden, Als sie zurückkam, hatte sie keine Ahnung davon, daß sie verschwunden gewesen war. Ihr war überhaupt nicht bewußt geworden, wieviel Zeit inzwischen vergangen war.« Und die Eltern fügen hinzu: »Wir haben ihr nie davon erzählt. Sie dürfen sie heiraten, es ihr gegenüber aber nie erwähnen.« Inzwischen sind vier Jahre vergangen und Mary Rose hat ein zweieinhalbjähriges Kind. Sie sagt zu ihrem Mann: »Ich möchte, daß wir jetzt endlich unsere Hochzeitsreise machen, und ich wäre gern mal wieder auf der Insel, auf der ich als kleines Mädchen war.« Der Mann weiß nicht, was er machen soll, aber er stimmt zu.

Der zweite Akt spielt auf der Insel. Ein junger Bootsmann, Student der Theologie an der Universität Aberdeen, fährt das junge Paar und erzählt von der örtlichen Folklore. Er erwähnt, früher sei einmal ein kleiner Junge auf der Insel verschwunden und dann auch, für vier Tage, ein kleines Mädchen. Während eines Angelausflugs, als der junge Mann von der Insel dem Ehemann zeigt, wie man in den Felsen Forellen braten kann, hört Mary Rose plötzlich himmlische Stimmen, die klingen wie die Sirènes von Debussy. Sie wandelt zwischen den Felsen herum, ein Wind kommt auf, und plötzlich ist sie verschwunden. Wieder Stille, der Wind hat sich gelegt, der Ehemann sucht Mary Rose überall zwischen den Felsen, er hat Angst, er ruft, aber sie bleibt verschwunden. Ende des zweiten Akts.

Der letzte Akt bringt uns nach fünfundzwanzig Jahren in dasselbe Dorf zurück. Mary Rose ist vergessen, die Eltern sind hochbetagt, und der Ehemann selbst hat auch schon einen Bauch. Das Telefon klingelt. Es ist der Bootsmann, der inzwischen Priester geworden ist.

Er hat Mary Rose völlig unverändert auf der Insel wiedergefunden. Sie kommt zu ihrer Familie zurück und ist ganz durcheinander, weil alle so alt geworden sind, Und als sie ihren Sohn sehen will, sagt man ihr: »Er ist mit sechzehn von zuhause weggelaufen und Matrose geworden.« Von diesem neuerlichen Schock bekommt sie einen Herzanfall und stirbt.

Dann geht es in die Gegenwart zurück und zu dem Soldaten in dem leeren Haus. Mary Rose kommt durch die Tür, wie ein Geist. Sie unterhalten sich miteinander, ganz natürlich, und die Szene wird ziemlich bewegt. Sie sagt, sie warte schon lange, er fragt: »Worauf warten Sie denn?« Und sie antwortet: »Ich weiß nicht, ich habe es vergessen.« Er nimmt sie auf seine Knie — so ist das im Stück —, sie steht auf, dreht sich um, und da hört sie von neuem ihre »Stimmen« durch die Verandatüren. Man sieht ein strahlendes Licht, Mary Rose geht darauf zu und verschwindet darin. - Alfred Hitchcock, in: François Truffaut: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? München 1973 (zuerst 1966)

Verschwinden (16)  Nicht jede Zwillingsschwangerschaft führt auch zu einer Zwillingsgeburt. Nicht selten verschwindet einer der beiden Embryonen in den ersten drei Monaten nach der Empfängnis unbemerkt wieder, wird wahrscheinlich vom Körper der Mutter resorbiert. Aufgrund von Ultraschalluntersuchungen an schwangeren Frauen war es in den letzten Jahren möglich, annähernd zu bestimmen, wie oft dergleichen geschieht. Danach sieht es so aus, als würden zwei- bis viermal soviele Zwillinge empfangen wie geboren. Das aber hieße: Die Mehrzahl der Zwillinge erblickt nie das Licht der Welt.  - Dieter E. Zimmer, Experimente des Lebens. Zürich 1989

Verschwinden (17)  Nicht genug, daß er es während des Krieges fertiggebracht hat, aus mehreren Ländern zu desertieren, bemüht sich Cravan obendrein, größte Aufmerksamkeit und Mißfallen zu erregen. Nach New York eingeladen, dort einen Vortrag über Humor zu halten, steigt er völlig betrunken aufs Podium und fängt an sich auszuziehen, was zur Folge hat, daß der Saal sich leert und er von der Polizei festgenommen wird; in Spanien fordert er den Weltmeister Joe Johnson heraus und läßt sich von ihm in der ersten Runde k. o. schlagen. 1919 wird er als Lehrer für Leibeserziehung an die Sportakademie von Mexiko berufen: Er bereitet eine Vorlesung über ägyptische Kunst vor. Seine Spur verliert sich bald darauf im Golf von Mexiko, auf den er sich des Nachts auf einem der leichtesten Boote hinausgewagt hatte. - André Breton, Arthur Cravan. In: (hum)

Verschwinden (18)  Vor Jahren hatte er eine Freundin gehabt. Sie hatten sogar überlegt, miteinander zu leben. Jetzt traf er sie zufällig in einer fremden Stadt, in einem fremden Land, wieder. Er saß vor einem Café auf einem stillen Platz einer Flußinsel. Plötzlich näherte sie sich ihm aus der Herbstdämmerung. Sie setzte sich neben ihn. Es zeigte sich, daß sie sich schon seit längerer Zeit in derselben Stadt aufhielt wie er. Er fragte sie, ob sie zufrieden sei. Dann, ohne nach ihrer Adresse zu fragen, stand er auf, wünschte ihr alles Gute und ging weg

Ein anderes Mal saß er wieder auf dem Platz und war verabredet mit einem Freund, den er dann, auf der Suche nach ihm, vorbeigehen sah. Er wartete, ob der andere ihn finden würde. Als das nicht geschah, ließ er ihn schließlich verschwinden - (bleist)

Verschwinden (19) Ich unternahm verschiedene Experimente. Auf einem Plättchen ritzte ich ein Kreuz ein. Ich mischte es unter die übrigen, und es verschwand nach ein oder zwei Verwandlungen, obwohl sich die Zahl der Plättchen erhöht hatte. Eine analoge Probe machte ich mit einem Plättchen, dessen Kreisbogen ich an einer Stelle abgefeilt hatte. Auch dieses kam abhanden. Mit einem Stichel schlug ich ein Loch in die Mitte eines Plättchens und wiederholte den Versuch. Es verschwand für immer. Anderen Tags kehrte das Plättchen mit dem Kreuz von seinem Aufenthalt im Nichts zurück. Welcher geheimnisvolle Raum war das, der die Steine aufnahm und mit der Zeit den einen oder anderen zurückgab, undurchschaubaren Gesetzen oder einer unmenschlichen Willkür untertan? - Jorge Luis Borges, Blaue Tiger. In: Blaue Tiger und andere Geschichten. München 1988 (zuerst 1977)

Verschwinden (20) Die klassischen Mittel, um einen Verfolger zu säen, sind: in der Untergrund, kurz bevor der Zug den Bahnhof verläßt, aus dem Wagen springen und den nächsten Zug in entgegengesetzter Richtung besteigen; ein Durchhaus betreten, den Verfolger an sich vorbeilassen und den unterbrochenen Weg fortsetzen; unterwegs eine halbe Stunde lang sich verstecken und mit anderer Kopfbedeckung und veränderter Haltung wiedererscheinen. - (ser)

Verschwinden (21) Wo ist der Blinde vom Masarykbahnhof hin, wohin ist er verschwunden? Immer hat er dagestanden und Zeitungen verkauft, und wenn ein kalter Wind wehte, knisterten sie und blätterten sich auf, die Leute liefen vornübergebeugt an der lebenden Rotationsmaschine vorbei und sahen nicht hin, sahen nur zu gut, wollten aber nicht sehen, wie der Blinde mit dem Wind, der ihn zum Abreißkalender machte, um die Blätter raufte. Wo ist der Blinde bloß hin, wohin?

Und wo ist der Krüppel vom Wenzelsplatz hin, wohin ist der verschwunden? Er hat beim Öekan auf dem Gehsteig mechanisches Spielzeug verkauft, er hat immer die Feder aufgezogen in einem Marienkäfer aus Blech und hat ihn niegen lassen, und der Krüppel fing ihn dann mit ausgestreckten Armen wieder ein, und mußte manchmal hinter dem Ding herlaufen, das fiel herunter erst bei der Linde, laufen, als wäre er bis zur Hüfte ins Pflaster versunken, denn er hatte beide Beine amputiert bekommen, bis oben an die Hüftgelenke, so daß er auch keine Prothesen anschnallen konnte. Wo ist dieser Mensch nur hin, wohin?

Und wo ist diese Frau mit den abgefahrenen Füßen hin, wohin ist sie verschwunden? Diese Frau ging immer auf den Knien durch Prag und trug Herrengaloschen verkehrt unter den Schienbeinen, und wenn frischer Schnee gefallen war und mir diese Frau über diesen frischen Schnee entgegenkam und dann an mir vorbei war, dann sah es so aus, in diesem Schnee, in dem noch niemand gegangen war, als sei die Frau vor mir hergegangen, dabei entfernte sie sich hinter mir. Wohin ist diese Frau verschwunden? - Bohumil Hrabal, Schöne Poldi.  In: B.H.: Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht. Neue Geschichten. Frankfurt am Main 1968 (es 256, zuerst 1965)

Verschwinden (22) Wenn ein Teilchen, zum Beispiel ein Elektron, auf sein Antiteilchen stößt, in diesem Fall ein Positron, so scheinen beide einfach zu verschwinden. Man spricht deshalb auch von einer Annihilation oder Vernichtung der Teilchen. Das geschieht etwa in den als COLLIDER bezeichneten Teilchenbeschleunigern, in denen die Physiker zwei in entgegengesetzter Richtung kreisende Teilchenstrahlen (z.B. einen Elektronen- und einen Positronenstrahl) zur Kollision bringen. In Wirklichkeit lösen sich die beiden Teilchen jedoch nicht einfach in nichts auf, wie die Ausdrücke Vernichtung und Annihilation nahelegen mögen. Vielmehr wird ihre gesamte Masse in Energie umgewandelt, gemäß der aus Einsteins spezieller Relativitätstheorie bekannten Formel E=mc2, wonach die Energie E gleich dem Produkt aus der Masse m und dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit c ist. Deshalb bezeichnet man diesen Vorgang als Zerstrahlung. Die Zerstrahlung ist übrigens das einzige Phänomen, bei dem die Masse vollständig verschwindet. - (thes)

Verschwinden (23) Nach dem Tode Mohammeds bildete sich die Sekte der Schiiten, die - im Gegensatz zu den Sunniten - nur Ali (den Schwiegersohn Mohammeds) und seine Nachkommen, die Aliden, als rechtmäßige Oberhäupter des Islam gelten ließen. Eine Gruppe der Schiiten, die Imamiten, erkannten als Imâme, das heißt als Oberhäupter der islamischen Gesamtgemeinde nicht die seit 661 herrschenden omaijadischen und (später) abassidischen Kalifen an, sondern nur Ali, dessen Söhne Hassan und Hussain und neun Abkömmlinge Hussains. Der zwölfte in dieser Reihe, Mohammed Abul Kâsim, geboren 872, verschwand auf rätselhafte Weise. Wahrscheinlich floh er aus Angst vor Verfolgung durch das herrschende Kalifengeschlecht, die Abbasiden. Nach dem Glauben der schiitischen Imamiten wird er als Mahdî (Rechtgeleiteter) am Weltenende wiederkehren, um das Werk Mohammeds zu vollenden und die Ungläubigen zu bekehren. - Kommentar zu (sar)

Verschwinden (24) Folgendes ist bezeugt: während des nächtlichen Rittes durch die Wüste kann es geschehen, daß einer ein wenig zurückbleibt, sich von seinen Gefährten entfernt, um zu schlafen oder aus irgendeinem andern Grund. Wenn er sich dann seinen Mitreisenden wieder anschließen möchte, vernimmt er Geisterstimmen, die sprechen, als wären sie seine Gefährten; denn sie rufen ihn oft bei seinem Namen. Manchmal führen sie ihn derart in die Irre, daß er die Karawane nie mehr findet. Auf diese Weise sind schon viele gestorben und spurlos verschwunden. Dazu ist noch zu sagen: sogar am Tage hören die Menschen geisterhafte Stimmen, und nicht selten meinen sie, verschiedene Musikinstrumente, besonders Trommeln, zu vernehmen.

Nun wißt ihr, was es heißt, diese Wüste zu durchqueren. - (polo) 

Verschwinden (25)

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein'n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht als Reiter fliegen
Wohl in die blutge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will -
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wärs auf einmal still!

- Joseph von Eichendorff

Verschwinden (26) Der kleine Mann in seinem blauen Rock  sei plötzlich einfach dagewesen, wie aus dem Boden herausgewachsen, mit einem kleinen Fläschchen in der Hand, das er entstöpselte. Dies war das erste, woran sich alle erinnern konnten: daß da einer stand und ein Fläschchen entstöpselte. Und dann habe er sich mit dem Inhalt dieses Fläschchens über und über besprenkelt und sei mit einem Mal von Schönheit übergossen gewesen wie von strahlendem Feuer.

Für einen Moment wichen sie zurück aus Ehrfurcht und bassem Erstaunen. Aber im selben Moment spürten sie schon, daß das Zurückweichen mehr wie ein Anlaufnehmen war, daß ihre Ehrfurcht in Begehren umschlug, ihr Erstaunen in Begeisterung. Sie fühlten sich zu diesem Engelsmenschen hingezogen. Ein rabiater Sog ging von ihm aus, eine reißende Ebbe, gegen die kein Mensch sich stemmen konnte, um so weniger, als sich kein Mensch gegen sie hätte stemmen wollen, denn es war der Wille selbst, den diese Ebbe unterspülte und in ihre Richtung trieb: hin zu ihm.

Sie hatten einen Kreis um ihn gebildet, zwanzig, dreißig Personen und zogen diesen Kreis nun enger und enger. Bald faßte der Kreis sie nicht mehr alle, sie begannen zu drücken, zu schieben und zu drängeln, jeder wollte dem Zentrum am nächsten sein.

Und dann brach mit einem Schlag die letzte Hemmung in ihnen, der Kreis in sich zusammen. Sie stürzten sich auf den Engel, fielen über ihn her, rissen ihn zu Boden. Jeder wollte ihn berühren, jeder wollte einen Teil von ihm haben, ein Federchen, ein Flügelchen, einen Funken seines wunderbaren Feuers. Sie rissen ihm die Kleider, die Haare, die Haut vom Leibe, sie zerrupften ihn, sie schlugen ihre Krallen und Zähne in sein Fleisch, wie die Hyänen fielen sie über ihn her.

Aber so ein Menschenkörper ist ja zäh und läßt sich nicht so einfach auseinanderreißen, selbst Pferde haben da die größte Mühe. Und so blitzten bald die Dolche auf und stießen zu und schlitzten auf, und Äxte und Schlagmesser sausten auf die Gelenke herab, zerhieben krachend die Knochen. In kürzester Zeit war der Engel in dreißig Teile zerlegt, und ein jedes Mitglied der Rotte grapschte sich ein Stück, zog sich, von wollüstiger Gier getrieben, zurück und fraß es auf. Eine halbe Stunde später war Jean-Baptiste Grenouille in jeder Faser vom Erdboden verschwunden.

Als sich die Kannibalen nach gehabter Mahlzeit wieder am Feuer zusammenfanden, sprach keiner ein Wort. Der eine oder andere stieß ein wenig auf, spie ein Knöchelchen aus, schnalzte leise mit der Zunge, stupste mit dem Fuß einen übriggebliebenen Fetzen des blauen Rocks in die Flammen: Sie waren alle ein bißchen verlegen und trauten sich nicht, einander anzusehen. Einen Mord oder ein anderes niederträchtiges Verbrechen hatte jeder von ihnen, ob Mann oder Frau, schon einmal begangen. Aber einen Menschen aufgefressen? Zu so etwas Entsetzlichem, dachten sie, seien sie nie und nimmer imstande. Und sie wunderten sich, wie leicht es ihnen doch gefallen war und daß sie, bei aller Verlegenheit, nicht den geringsten Anflug von schlechtem Gewissen verspürten. Im Gegenteil! Es war ihnen, wenngleich im Magen etwas schwer, im Herzen durchaus leicht zumute. In ihren finsteren Seelen schwankte es mit einem Mal so angenehm heiter. Und auf ihren Gesichtern lag ein mädchenhafter, zarter Glanz von Glück.  - Patrick Süskind, Das Parfüm. Zürich 1985

Verschwinden (27)  Mich betrafen diese Tage insofern besonders als ein Bekannter von mir den Weg seiner Rasse ging, abgeholt wurde am Donnerstag Nachmittag um 4 1/2 u. verschwand, der mir als Letzter der vergangenen Epoche nicht nur oberflächlich nahe stand u. den ich auch jetzt noch ab und zu sah. Ein früherer Verleger, 50 Jahre, zart, krank, degeneriert, politisch völlig inaktiv. An seltsame Dinge werden wir herangeführt, äusserst seltsame Vorgänge. Ich las gerade seit einigen Wochen Bücher über Mexico, zufällig, in der Leihbibliothek auf sie stossend. Sowohl die Eroberung durch Cortez wie die neuerlichen Revolutionen. Es ist wohl das Grausamste der modernen Geschichte, kindliche, schamlose u. grausame Völker. Dann will ich über die Merowinger lesen. Das stillt u. kühlt. Sich tief einbetten in die Natur, aus ihr nur hervorblinzeln in das andere Gewisse, sich in das Blut betten, an den Maiskolben, den er mit der Linken am Mund hält um zu fressen, während die Rechte langsam 5 Gefangene abschiesst (die Viehtreibergeneräle der Rio Grande Staaten), an die Kinderbordelle und die Pan-ejaculation der Mescalinorgieen, wenn man das alles, ohne fortzublicken, ruhig ansieht u. menschlich findet, entsteht ein neues Gefühl für das andere Gewisse u. es scheiden sich die Schöpfungstufen in einem immer klareren Licht. Einen Ausweg bringen auch diese Empfindungen nicht, nur kurze Spürungen und auch diese noch ohne verbindlichen Charakter.  - Gottfried Benn an F.W. Oelze, 14.11. 1938

Verschwinden (28)   Er schüttete ein wenig von dem grünen Pulver in ein Reagenzglas und probierte nacheinander die Wirkung von Wasser, Salzsäure, Salpetersäure und Schwefelsäure auf die Substanz aus. Da dies zu keiner Reaktion führte, leerte er ein kleines Häufchen — fast die Hälfte des Flaschenin-halts — auf eine Platte und versuchte es mit einem Zündholz. Er hielt das Medizinfläschchen in der linken Hand. Das Zeug begann zu schmelzen, zu qualmen — dann explodierte es mit ohrenbetäubendem Knall und einer grell aufleuchtenden Stichflamme.

Die fünf Knaben, die durchaus auf Katastrophen gefaßt waren, duckten sich, als sie den Blitz aufleuchten sahen, unter ihre Pulte, und keiner von ihnen trug ernsthafte Verletzungen davon. Das Fenster wurde auf den Spielplatz hinausgeschleudert, die Tafel stürzte von ihrer Staffelei. Die Unterlage, auf die Plattner das Pulver geschüttet hatte, zersplitterte in kleinste Teile. Von der Decke fiel Verputz. Sonst geschah an dem Schulgebäude oder seiner Einrichtung weiter kein Schaden, und die Knaben, die nichts von Plattner sahen, glaubten zuerst, er wäre zu Boden gestürzt und läge, ihren Blicken entzogen, unter dem Katheder. Sie sprangen von ihren Plätzen auf, um ihm zu Hilfe zu eilen, und fanden zu ihrer Verwunderung seinen Platz leer.   - Herbert George Wells, Plattners Geschichte. In: H.G.W., Die Tür in der Mauer. Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 29, Hg. Jorge Luis Borges

Verschwinden (29)   »Die Geschichte ist nicht lang; man kann ihren Inhalt in wenigen Sätzen wiedergeben. Sie läuft unter Eisenbahnern um als Geschichte von dem Zug, der verschwand.«

»Wieso verschwand? Hat er sich verflüchtigt, oder was war?«

»Nein. Verschwand - das heißt doch nicht, daß er zu existieren aufhörte! Verschwand - das heißt: er ist für das menschliche Auge scheinbar nicht da, in Wirklichkeit aber ist er irgendwo, hält sich irgendwo auf,. obwohl man nicht weiß, wo. Dieses Phänomen soll ein gewisser Stationsvorsteher erzeugt haben, ein großer Sonderling, vielleicht auch ein Zauberer. Er bewirkte das Kunststück durch eine Reihe von Lauten, die in spezieller Ordnung einander folgten. Die Erscheinung überraschte ihn unvermittelt, wie er später selbst behauptete. Er hatte mit den Zeichen gespielt und sie auf verschiedene Weise kombiniert, indem er Reihenfolge und Art änderte. Bis einmal, als er sieben derartige Zeichen gegeben hatte, der Zug, der in seine Station einfuhr, sich plötzlich in voller Fahrt parallel zu den Schienen erhob, ein paarmal in der Luft schwankte, sich schräg stellte, verschwand und im Raum verwehte. Seither hat niemand diesen Zug oder die Menschen gesehen, die mit ihm fuhren. Es heißt, er werde wieder erscheinen, wenn jemand dieselben Zeichen, aber in umgekehrter Reihenfolge gibt.   - Stefan Grabinski, Das Abstellgleis. Frankfurt am Main 1971 (Insel, Bibliothek des Hauses Usher, zuerst 1953)

Verschwinden (30)   Als er einmal Mitte März spät in der Nacht mit einer Kerze in der Hand von der Küche in seine Kammer neben dem Schlafzimmer des Leiters ging, bemerkte er plötzlich am Ende des Korridors die sich schnell entfernende Gestalt seines Herrn. Ein wenig verwundert, eilte er ihm nach, ungewiß, ob ihn seine Sinne nicht getäuscht hätten. Doch ehe er an das Ende des Flurs gelangte, war sein Herr verschwunden.

Durch das Erlebnis beunruhigt, stahl er sich auf den Zehenspitzen in das Schlafzimmer, wo er den Leiter im tiefsten Schlaf antraf.

Einige Tage später, ebenfalls bei Nacht, wiederholte sich dasselbe im Treppenhaus, auf dessen Stufen Marcin seinen Herrn entdeckte, wie dieser, über das Geländer gebeugt, aufmerksam hinabschaute. Von einem Schauder gepackt lief der Diener auf ihn zu und rief:

»Was tun Sie? Um Gottes willen, das ist doch Sünde!«

Aber ehe er die Stelle erreicht hatte, an der Czarnocki stand, schrumpfte die Gestalt ein, zog sich auf seltsame Weise zusammen und verschwand, ohne zu antworten, in der Wand. - Stefan Grabinski, Das Abstellgleis. Frankfurt am Main 1971 (Insel, Bibliothek des Hauses Usher, zuerst 1953)

Verschwinden (31)  Die neun hundeköpfigen, flossenhändigen Telchinen, die Kinder des Meeres, stammen aus Rhodos, wo sie die Städte Kameiros, Ialysos und Lindos gründeten. Von dort wanderten sie nach Kreta aus und wurden dessen erste Einwohner. Rhea gab ihnen das Kind Poseidon in Pflege. Sie schmiedeten seinen Dreizack. Auch die gezahnte Sichel, mit der Kronos seinen Vater Uranos entmannte, stammte von ihnen. Sie waren die ersten, die Abbilder ihrer Götter schnitzten.

 Zeus wollte sie vernichten, weil sie das Wetter durch magische Nebel störten und die Ernten durch Schwefel und stygisches Wasser umkommen ließen. Artemis warnte sie. Da flohen sie alle über das Meer: einige nach Boiotien, wo sie den Tempel der Athene zu Teumessos bauten; einige nach Sikyon, einige nach Lykia; andere nach Orchomenos. Hier waren sie die Hunde, die Aktaion in Stücke rissen. Zeus gelang es, die teumesischen Telchinen in einer Sturzflut zu ertränken. Apollon, als Wolf verkleidet, tötete die lykischen, obwohl sie versucht hatten, ihn mit einem neuen Tempel zu besänftigen. Auch in Orchomenos waren sie verschwunden. Doch ging ein Gerücht, daß einige von ihnen in Sikyon überlebten. - (myth)

Verschwinden (32)  Ein Hüne mit ungeheuer muskulösen Armen, angetan mit einer blutbespritzten weißen Schürze - es war der Metzger -, sprach als erster.

»Mich würde es gar nicht wundern, wenn er mit einem jungen Ding auf und davon gegangen wäre. Als sie dann nichts mehr von ihm wissen wollte, hatte er nicht den Schneid, es wieder mit seinem Ehedrachen aufzunehmen. Ich hatte zehn Jahre einen Angestellten. Er war der stillste und unauffälligste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und doch verschwand er eines Morgens, ohne ein Sterbenswörtchen zu sagen. Er hatte sich eine Achtzehnjährige angelacht. Er selber war schon fünfundvierzig. Zwei Jahre darauf fand man seine Spur im Straßburger Arbeitslosenamt...« - Georges Simenon, Maigret und der einsame Mann. Zürich 1990 (detebe 21804, zuerst 1971)

Verschwinden (33)  Ambrose Gwinett Bierce wurde 1842 als zehntes von dreizehn Kindern einer allzu rechtschaffenen Farmersfamilie in einem Holzhaus am Horse Cave Creek in Ohio geboren. Bei Ausbruch des Bürgerkriegs trat er 1861 einem Regiment aus Indiana bei. Er diente vor allem als Scout und Aufklärer, bereitete in gefährlichen Alleineinsätzen wichtige Schlachten wie Shiloh und Chickamauga vor, wurde zweimal verwundet und wegen Tapferkeit mehrfach befördert. Zuletzt war er Titularmajor. Nach Kriegsende bewarb er sich um eine Offiziersstelle und nahm zunächst an einer kartographischen Expedition der Armee unter seinein alten Kommandanten General Hazen teil. Als er im Frühjahr 1867 San Francisco erreichte, fand er dort statt des erwarteten Hauptmannspatents lediglich eine Ernennung zum Leutnant vor. Enttäuscht warf er eine Münze; die Alternative lautete Leutnant oder Journalist. Die Münze entschied sich für Journalist. Wohl wissend, daß ihm die nötige Bildung fehlte, arbeitete Bierce ein Jahr in der Münze von San Francisco und las nebenher wie besessen. Anfang 1868 verkaufte er erste Erzählungen und Gedichte an Periodika in San Francisco. Er schrieb für ›Argonaut‹, den ›Overland Monthly‹ und die ›News Letter‹, deren Satireseite »The Town Crier« er von 1868 bis 1872 gestaltete. 1872 ging Bierce nach London, wo er für diverse Zeitschriften Kurzgeschichten schrieb; in dieser Zeit erschienen drei Bände mit Erzählungen: The Fiend's Delight (1872), Nuggets and Dust (1872), Cobwebs from an Empty Skull (1873). Ende 1875 kehrte er nach Amerika zurück, schrieb dort für verschiedene Zeitungen und suchte zeitweilig sein Glück in einer Goldmine. Von 1880 bis 1886 gab er in San Francisco die bissige Zeitschrift ›Wasp‹ heraus und schrieb für den ›Argonaut< eine Kolumne »Prattle«, die von 1887 bis 1896 in der Hearst-Zeitung  ›Sunday Examiner‹ lief und Bierce landesweiten Ruhm ob seines Witzes und seiner Boshaftigkeit eintrug. Von seinen zahlreichen Veröffentlichungen in diesen Jahren sind besonders zu erwähnen die Erzählungen der Bände Tales of Soldiers and Civilians (1891, später unter dem Titel In the Midst of Life und Can Such Things Be? (1893). 1896 verließ er die Westküste und arbeitete bis 1912 in Washington als Korrespondent für den in New York erscheinenden >American<. In dieser Zeit veröffentlichte er unter anderem Fantastic Fahles (1899), einen Band mit satirischen Gedichten, Shapes of Clay (1903) und 1906 einen Teil der später in The Devil's Dictionary gesammelten Definitionen unter dem Titel The Cynic's Word Book . Ab 1909 stellte Bierce das, was ihm bewahrenswert erschien, in der 12bändigen Ausgabe seiner Collected Works zusammen. 1913 begab sich der 71jährige nach Mexiko, weil er sein wollte, »wo etwas los ist, oder wo überhaupt nichts los ist«. Angeblich wurde er Ende 1913 noch einmal in Durango gesehen ; man nimmt an, daß er 1914 in den Wirren des mexikanischen Bürgerkriegs umgekommen ist. - Gisbert Haefs, Nachwort zu  (bi)

Verschwinden (34) Mit K. war ich seit mehreren Jahren täglich sieben Stunden in einem Zimmer zusammen - mein Arbeitsgefährte, Beamter wie ich - und ich hatte ihn liebgewonnen . . . Am vergangenen Freitag hatte ich mich von ihm verabschiedet wie immer - doch am Montag schon setzte er sich nicht mehr an den Schreibtisch, Er verschwand oder verstarb. Er verstarb plötzlich und verschwand so vollständig, als habe ihn eine Hand aus unserer Mitte genommen. Ich habe ihn noch einmal im Sarge gesehen, wo er wie eine aufdringliche Sache aussah, die sich in die Augen wirft. Ein peinlicher Eindruck.

In gewissen Zeitabständen verschwindet jemand von den Kollegen auf diese Art, und dann sagen wir, die Köpfe in die Arme drückend: Hm, hm . . . (was können wir denn anderes sagen?) und eine leichte Bestürzung hängt in der Luft. Und dennoch sind wir alle in bedeutender Mehrzahl, wir Beamten, schon im Begriff zu sterben. Menschen von über Vierzig, die allmählich dem Ende zu gehen, jedes Jahr um ein Jahr älter. Bei dem Begräbnis dachte ich: daß nicht Lebende vom Dahingeschiedenen Abschied nehmen, sondern Sterbende vom Verstorbenen. Auf dem Friedhof in der hellen Mittagsstunde sahen diese Gesichter, von einer gewissen grundsätzlichen Hoffnungslosigkeit gezeichnet, leichenhaft aus wie jene Leiche im Sarge, und ein jeder schleppte sich dahin wie ein Sack voller Ableben. - (gom)

Verschwinden (35)  Während er drauflos schwatzte, begann er sich zu entkleiden, und als er schließlich nackt vor mir stand, gab er mir einen Farbtopf und einen Pinsel in die Hand und sagte: «Bitte, bestreiche mich einmal damit.»

Es war ein öliger, Schellack artiger Stoff, der sich schnell und leicht auf der Haut verstreichen ließ und augenblicklich trocknete.

«Das ist nur eine Vorsichtsmaßregel», erklärte er, als ich fertig war; «jetzt wollen wir den richtigen, den eigentlichen Stoff nehmen.»

Ich bückte mich und nahm einen anderen Farbtopf, auf den er wies. Ich guckte hinein, konnte aber nichts sehen.

«Der ist leer», sagte ich. «Steck deinen Finger hinein.» Das tat ich und hatte das Gefühl, in einer kühlen Flüssigkeit zu rühren. Als ich die Hand zurückzog, sah ich auf meinen Zeigefinger, den Finger, den ich in den Topf gesteckt hatte. Aber der Finger war verschwunden. Ich bewegte ihn und wußte, daß ich ihn bewegte, da ich spüren konnte, wie die Muskeln abwechselnd sich spannten und erschlafften. Aber sehen konnte ich es nicht. Es sah ganz aus, als wäre mir ein Finger abgeschnitten worden; ich konnte keinen Gesichtseindruck von ihm erhalten, ehe ich ihn ins Licht hielt und sah, daß ein Schatten sich deutlich auf dem Fußboden abzeichnete.

Lloyd lachte still:  «Jetzt streiche mich an, aber halte die Augen dabei offen.»

Ich tauchte den Pinsel in den scheinbar leeren Topf und führte einen langen Pinselstrich über seine Brust. Das lebende Fleisch verschwand unter dem Pinsel. Ich überstrich sein rechts Bein, und er verwandelte sich in einen Einbeinigen, der allen Gesetzen der Schwerkraft spottete. Und so bestrich ich nacheinander Glied auf Glied, und Lloyd In-wood wurde zum reinen Nichts. Es war ein unheimliches Erlebnis, und ich war froh, als schließlich nichts mehr zu sehen war als seine brennend schwarzen Augen, die scheinbar frei in der Luft schwebten.

«Für die habe ich eine raffinierte und dabei unschädliche Lösung. Eine feine Dusche mit einer kleinen Spritze, und hast du nicht gesehen, existiere ich nicht mehr.»

Als das rasch und gewandt besorgt war, sagte er: «Jetzt gehe ich ein bißchen umher, und du wirst mir deine Eindrücke erzählen.»

«Zunächst kann ich dich nicht sehen», sagte ich und konnte sein frohes Lachen irgendwo im leeren Raum hören. «Selbstverständlich», fuhr ich fort, «kannst du dich deinem eigenen Schatten nicht entziehen. Aber das war ja auch nicht zu erwarten. Wenn du zwischen mich und einen anderen Gegenstand gleitest, verschwindet der Gegenstand, aber sein Verschwinden ist so merkwürdig und unverständlich, daß ich gleichsam das Gefühl habe, alles zerflösse vor meinen Augen. Wenn du dich schnell bewegst, tanzen mir gleichsam eine Reihe verwirrender Nebelflecke vor den Augen. Das Gefühl, daß alles durcheinanderläuft und verwischt wird, ermüdet meine Augen und macht mir den Kopf schwer.»

«Hast du sonst irgendwie den Eindruck, daß ich da bin?» fragte er.

«Ja und nein», antwortete ich. «Wenn du in meiner Nähe bist, überkommt mich ein Gefühl, das mich an feuchte Speicher, finstere Grüfte und tiefe Minenschächte erinnert. Und wie ein Seemann in dunklen Nächten den Nebel vom Lande spüren kann, so glaube ich die Atmosphäre deines Körpers zu spüren.»  - Jack London, Der Schatten und das Funkeln. In: J.L., Die konzentrischen Tode. Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 14, Hg. Jorge Luis Borges

Verschwinden (36)   Die Gänge, zu denen ich mich um 1930 herum, zuweilen von Edmond begleitet, doch meist allein, aufmachte, unterschieden sich von denen, die ich bald nach dem Ersten Weltkrieg mit Zerbino unternahm.

Ich bin auf den Namen verfallen, weil dieser Partner an Figuren aus Goldonis Komödien erinnerte. Grob zugehauenes, animalisches Gesicht, brutale Intelligenz mit klobigem Humor. Arbeitslos oder besser ohne Arbeit, doch nicht ohne Mittel, deren Herkunft zwielichtig war. Pastorensohn, kriminelle Neigungen. Er schlief in einer Dahlemer Villa mit der Stütze eines alten Ehepaars, das meist auf Reisen war, in dessen Schlafzimmer, hielt auch seine Siesta dort. Eines Nachmittags waren die Alten unerwartet eingetroffen und wollten sich gleich ein wenig ausruhen. Zerbino konnte gerade noch unter das Bett kriechen und mußte sich dort zwei Stunden still halten. Makabre Gedanken streiften ihn dabei.

Melancholische Anwandlungen; gern sann er über seinen Selbstmord nach. Er hatte ihn bis in die Einzelheiten ausgedacht. Niemand sollte ihn finden - nicht nur hinsichtlich dieser Skrupel erinnerte er an den göttlichen Marquis. Er hatte in den heimischen Wäldern einen Fuchsbau mit ungewöhnlich starken Röhren ausgemacht, die man nur etwas zu erweitern brauchte, um in den Kessel kriechen zu können: dort sollte es geschehen.

Wie diese, trugen alle seine Planungen zugleich phantastische und realistische Züge - das ist eine Kombination, die große Treffer möglich macht. Die Zeit war solchen Geistern hold; wir haben Beispiele erlebt. Zuletzt hörte ich von ihm, als er während des Zweiten Krieges in einem Armeestab aufgetaucht war. »Was treibt denn Zerbino?«, fragte ich Martin, der dort Personalchef war.

»Arrangiert Frontreisen für Theatergruppen und kauft während des Urlaubs aufgelassene Kiesgruben in der Berliner Bannmeile auf.«

»Und wozu das?«

»Er meint, daß sie sich nach dem Kriege in Goldgruben verwandeln werden, weil die Leute nicht wissen, wo sie mit den Trümmern hinsollen.«

Also eine Art von Totenseelengeschäft. Das war zwanzig Jahr später, kurz bevor ihn die Katastrophe verschlang. Spurlos, wie er es gewünscht hatte, und auch in einem Kessel, wenngleich nicht einem vom Fuchs gegrabenen. - Ernst Jünger, Annäherungen. Drogen und Rausch. Frankfurt am Main u.a. 1980 (zuerst 1970)

Verschwinden (37)   Mitternacht. - Das Verschwinden jeglicher Erektion ist etwas Merkwürdiges. Es ist wirklich etwas wie ein lokalisierter Tod. Die Erinnerung an die heißesten Liebesstunden, die Vorstellung der schärfsten Bilder der Lust - was man wiedersieht, wiederhört -, Stellungen, Gebärden, Äußerungen, intimste gegenseitige Liebkosungen (woran zum Beispiel mein Verhältnis mit der Geißel so wunderbar reich war): keinerlei Wirkung. Während ich damals, als ich auf sie verzichten mußte, nur an sie zu denken brauchte... was so weit ging, daß ich mich zwingen mußte, nicht zu... Es bleibt mir zumindest — nur noch die Lust, das Verlangen, die Sehnsucht nach dem Anblick weiblicher Nacktheit, nach Stimme, Liebkosung, Küssen, und die Lust auf eine ganz bestimmte Liebkosung, Anblick, Berührung, Würze, Geruch einer F... (natürlich von einer Frau, die einem gefällt, einem liegt).  - (leau)

Verschwinden (38)  Als der König das Tal verlassen hatte, versanken seine Bewohner in die Leblosigkeit, in der er die ersten unter ihnen angetroffen hatte. Zuerst schieden jene dahin, deren Hände und Geist am stärksten gefordert waren; denn sie empfanden als erste, daß niemand mehr über ihnen den Schmerz erlitt, der ihnen größere Freude gab. Und als langsam die angehäuften Freuden zur Neige gingen, legte sich ein eiskalter Todeshauch über das Tal. Frage nicht, was aus ihnen geworden ist; denn alle erlitten das eine Schicksal. Alle Hände vergaßen ihr Handwerk. Der Lärm des geschäftigen Treibens verstummte. Eine um die andere der langsam dahin-wankenden Gestalten sank zu Boden. An jedem Ort herrschte eine so tiefe Stille, als wären alle Bewohner zu einem großen Fest gegangen. Kein wachsames Auge, keine fleißige Hand war da, um dem langsamen und doch unaufhaltsamen Verfall und Niedergang Einhalt zu gebieten. Gras überwucherte die Straßen, die Gebäude zerfielen zu Staub, bis im Laufe der Zeit alles begraben war — Häuser. Felder und Städte schwanden dahin, bis schließlich nichts mehr von all dem zeugte, was einst gewesen. - Charles Howard Hinton, Wissenschaftliche Erzählungen. Die Bibliothek von Babel 10. Hg. Jorge Luis Borges. Stuttgart 1983

Verschwinden (39)  Ein Freund erzählte mir einmal von einem Künstler, der Selbstmord begangen hatte, weil seine Farben zu verblassen begannen. Seine Gemälde vergingen wie Blumen. Die Menschen, die sie betrachteten, seufzten und flüsterten: »Dies hier stirbt«, und im Hintergrund setzte jemand hinzu: »Das da ist tot«. - Djuna Barnes, New York. Berlin 1987 (zuerst ca. 1917)

Verschwinden (40)  wo sind meine Kinder Kinderzähne eigentlich hingekommen? wo sind meine Milchzähne hingekommen, meine kleinen weißen Kinderzähne, wer hat sie auf eine Kette gereiht und sich umgehängt und ist damit herumgegangen und hat gesungen dazu? ich erinnere mich wohl an die Lücke zwischen meinen beiden oberen kleinen Schneidezähnen, an die kleinen sehr weißen Zähne im Unterkiefer aber ich kann mich nicht daran erinnern, wann und unter welchen Umständen sie verlorengingen, nach und nach gab es immer weniger weiße aber mehr gelbliche Zähne, erst unten dann oben, und der Rand des Zahnschmelzes der oberen Schneidezähne war, unterschiedlich zum Milchgebiß, sehr fein gekerbt : der herrschende Teil der Seele - Friederike Mayröcker, Magische Blätter. Frankfurt am Main 1983 (es 1202)

Verschwinden (41)  Gleichsam aller körperlichen Bedürfnisse ledig, wochenlang keine Nahrung zu sich nehmend, versenkte er sich mit jedem Tag tiefer in verworrene und absonderliche Geschichten, für die wir kein Verständnis hatten. Unzugänglich für unsere Vorstellungen und Bitten, antwortete er mit Bruchstücken seines inneren Monologs, dessen Verlauf nichts von außen her zu ändern vermochte. Ewig geschäftig, krankhaft lebendig, mit hektischer Röte auf den dürren Wangen, bemerkte er uns nicht und übersah uns.

Wir gewöhnten uns an seine unschädliche Gegenwart, an sein leises Murmeln, an dieses kindische, in sich versunkene Zwitschern, dessen Triller gleichsam am Rand unserer Zeit vorbeihuschten. Schon damals verschwand er manchmal für viele Tage, versteckte sich irgendwo in den entlegenen Schlupfwinkeln der Wohnung, und man konnte ihn nicht finden.

Allmählich hörte dieses Verschwinden auf, Eindruck auf uns zu machen, wir gewöhnten uns daran, und wenn er nach vielen Tagen um einige Zoll kleiner und magerer wieder erschien, so fesselte dies unsere Aufmerksamkeit nicht lange. Wir hatten eben aufgehört, ihn in die Rechnung mit einzubeziehen, so sehr hatte er sich von allem, was menschlich und was wirklich ist, entfernt. Knoten für Knoten löste er sich von uns, Punkt für Punkt verlor er die Bindungen, die ihn mit der menschlichen Gemeinschaft verbanden.

Das, was von ihm übrigblieb, das bißchen sterbliche Hülle und die Handvoll sinnloser Absonderlichkeiten - das konnte eines Tages verschwinden, ebenso unbemerkt wie das graue Häuflein Kehricht, das sich in der Ecke ansammelte und von Adela täglich auf den Müll hinausgetragen wurde.  - Bruno Schulz,  Heimsuchung. In: (bs)

Verschwinden (42)   Alles Gute muss überdauern, möchte man glauben. Wir reden uns ein, dass die wirklich guten Bücher aus uralten Zeiten diejenigen sind, die überlebt haben. Je mehr Maßstäbe ein Manuskript setzte, so der alte Irrglaube, desto häufiger wurde es kopiert und abermals kopiert. Und desto eher wurde es auch ins Arabische übersetzt und konnte so überdauern, selbst wenn das griechische Original verloren war. Solches Wunschdenken beruhigt, aber viel zu viele Bücher gingen verloren, um sich davon einlullen lassen zu dürfen. Euklid war der berühmteste Geometer der Antike, doch die Hälfte seiner Werke sind verschwunden. - Donal O'Shea, Poincarés Vermutung. Frankfurt am Main 2007

Verschwinden (43)    Er hatte ein schlaffes und leichenähnliches Aussehen; die blauen Höhlen seiner Augen glichen Schlangengruben, und als er so Unerwartet aus seinem dunklen Grab im Vorderkastell heraufkam, glich er einem vom Tod Auferstandenen.

Bevor die Matrosen die Refftalje festgemacht hatten, schwankte Jackson in die Takelung. Dadurch hatte er vor den anderen einen Vorsprung und sicherte sich seine Stelle am äußersten Luvende der Marsrahe, die beim Reffen als Ehrenplatz gilt. Das war ein Wesenszug dieses Mannes, daß er sich, wenn er im Dienst war, bei ruhigem Wetter vor einer langweiligen Arbeit drückte, aber bei einem Sturm stets an der Spitze stehen und diesen Platz niemandem überlassen wollte. Das war vielleicht ein Grund für seine unbegrenzte Herrschaft, die er über die Männer ausübte.

Bald hingen wir alle längs der Großmarsrahe. Das Schiff rollte und stampfte unter uns wie ein durchgehender Hengst. Jeder Mann griff nach seinem Reffzeising und holte, seitwärts gelehnt, das Segel auf Jackson zu über, dessen Aufgabe darin bestand, das Liek an der Rahe festzumachen.

Sein Hut und seine Schuhe waren weg, rittlings saß er auf der Rahnock, rückwärts gegen den Sturm gelehnt, und riß an dem Nockbändsel wie an einem Zügel. Dies ist stets ein Augenblick wahnsinniger Kraftanstrengung für die Matrosen, die sich dann mit der Gewalt der Elemente messen, während sie zwischen Himmel und Erde im Sturm hängen, und dann geschieht es oft, daß sie sich am gottlosesten benehmen.

„Nach Luv ausholen!" keuchte Jackson mit einem gotteslästerlichen Fluch und warf sich rückwärts, so daß sich das Bändsei in seiner Hand spannte. Kaum waren die wilden Worte aus seinem Munde, als seine Hände zur Seite herabsanken und das sich blähende Segel von einem Blutstrom aus seiner Lunge befleckt wurde.

Als der ihm zunächst stehende Mann noch den Arm ausstreckte, um ihm zu helfen, fiel Jackson kopfüber von der Rahe und verschwand aufschäumend wie ein Taucher in der See.

Das geschah gerade, als das Schiff sich nach Luv überlegte, und da die Rahnock weit über die Seite hinausragte, schlug er weit draußen auf dem Wasser auf. Sein Sturz wurde von all denen beobachtet, die, nach oben starrend, auf Deck standen und von denen einige mit dem Blut bespritzt wurden, das von dem Segel tropfte.  - Herman Melville, Redburn. Seine erste Reise. München 1967 (zuerst 1849)

Verschwinden (44)   

Verschwinden (45)   Es gingen grauenvolle Veränderungen auf dem Boden vor sich. Es ist an dieser Stelle überflüssig zu beschreiben, in welchem Maß und Verhältnis das Ding vor den Augen von Dr. Armitage und Prof. Rice schrumpfte und sich auflöste; aber so viel sei gesagt, daß, von der äußeren Gestalt von Gesicht und Händen abgesehen, das menschliche Element in Wilbur Whateley tatsächlich sehr gering gewesen sein muß. Als der Arzt kam, war bloß noch eine ekle weiße Masse am Boden, und der monströse Geruch hatte sich fast ganz verflüchtigt. Anscheinend hatte Whateley weder eine Schädeldecke noch ein Skelett besessen; zumindest nicht im wahren und unveränderlichen Sinn. Er war mehr seinem unbekannten Vater nachgeraten.  - H. P. Lovecraft, Das Grauen von Dunwich. In: Cthulhu. Geistergeschichten. Übs. H. C. Artmann. Frankfurt am Main 1972 (st 29, zuerst 1929)

Verschwinden (46)  Sie war  das schweigsamste Wesen, dem ich je begegnet bin. Sie sagte nicht einmal ja oder nein - sie nickte nur mit dem Kopf. Gesprächig wurde sie nur, wenn sie etwas verloren hatte, und das geschah so oft, daß ich sogar jetzt, wenn ich davon spreche, schaudere. Nach Jahren besprach ich den Fall mit Psychiatern, und sie boten mir allerlei Theorien zur Erklärung an: Freud, Schmeud; Komplex, Schmomplex. Tatsache ist, daß Dinge buchstäblich vor ihren Augen verschwanden und manchmal sogar vor meinen. Brachte ich ihr ein Buch aus der Bibliothek - ein russisches, denn sie lernte Englisch nie — so verschwand es plötzlich. Ich kaufte ihr einen Diamantring, und nach kurzer Zeit war der Ring nicht mehr da. Ich gab ihr Wirtschaftsgeld und sah selbst, wie sie die zehn Dollar in ihr Portemonnaie tat. Eine halbe Stunde später war das Geld verschwunden. - Isaac Bashevis Singer, Verloren. In: I.B.S., Der Kabbalist vom East Broadway. München 1978 (zuerst 1972)

Verschwinden (47)   Ein offenes Fenster, volle sechzig Fuß über dem Erdboden, kann wohl kaum als Erklärung dienen, und doch war der junge Mann nach diesem Gespräch mit Willett unbestreitbar verschwunden. Willett selbst hat der Öffentlichkeit keine Erklärung anzubieten, doch er wirkt merkwürdigerweise viel ruhiger als vor dem Ausbruch. In der Tat meinen viele, er würde gerne mehr sagen, wenn er nur damit rechnen könnte, daß eine nennenswerte Anzahl von Leuten ihm Glauben schenken würde. Er hatte Ward noch in seinem Zimmer vorgefunden, aber kurz danach klopften die Wächter vergebens. Als sie die Tür aufmachten, war der Patient verschwunden, und alles, was sie bemerkten, war das offene Fenster, durch das der kalte Aprilwind eine Wolke feinen, blaugrauen Staubes ins Zimmer blies, die ihnen fast den Atem nahm. - H.P. Lovecraft, Der Fall Charles Dexter Ward. Frankfurt am Main 1971 (Insel Bibliothek des Hauses Usher, zuerst 1941)

Verschwinden (48)   Big Rip  Die neuste Bezeichnung unter den 'Big...' der Kosmologie. Sie wurde im Rahmen der Phantom-Energie-Modelle (Caldwell, Kamionkowski & Weinberg, 2003) entwickelt und beschreibt das Ende des Universums im völligen Zerreißen von allem, was sich in ihm befindet: Galaxienhaufen, Galaxien, Milchstraße, Sonnensystem, Erde, Atome, Atomkerne und Elementarteilchen! Interessanterweise verläuft dieser Zerfall sukzessiv von 'außen nach innen': der Beobachtungshorizont schrumpft immer mehr, so dass ein beobachtender Astronom der Apokalypse zusehen kann! So kann er das Verschwinden fernen Galaxien zuerst beobachten, dann das seiner Heimatgalaxie und schließlich das der Sonne, der Erde und sein eigenes Verschwinden. - wissenschaft-online.de

Verschwinden (49) Jeder wußte, daß dort schon Leute verschwunden waren, niemand hatte sie wiedergesehen, und man hatte nicht ernstlich nach ihnen gesucht; es waren ohnehin zwielichtige Gestalten, Figuren, von abenteuerlichen Ideen besessen und ohne Anhang. Sie glichen mir in vielem, sie waren vielleicht alle ebenfalls östlicher Natur, und sie glichen mir bis auf einen letzten Punkt: ich kehrte allabendlich heim zu meinem Anhang; wie ein Hund, unzuverlässig zwar, doch zu müde zum Fortbleiben, fand ich mich allabendlich im Kreis der unter das Lampenlicht gescharten Familie wieder. Jene vereinzelten Gestalten aber waren womöglich von den Fremden gefressen worden. Oder von den überdimensionalen Kötern der Fremden, von ihren Schweinen, von ihren Fischen. Oder es war vorstellbar, daß einige der verschwundenen Jünglinge oder Jungfrauen von den Fremden als Lasttiere, als Zugtiere benutzt wurden, man konnte sich denken, wie sie im Joch gingen, vor schwerbeladene Transportkarren gespannt, auf die Steine getürmt waren, um ihnen den Rest zu geben, vorangetrieben von unartikulierten Zurufen, von der zuckenden Peitsche ermuntert, so daß sie längst jedes menschliche Wesen verloren hatten ... in den Wäldern fürchtete man sie plötzlich zu treffen, nackte Kreaturen, die sich wie Tiere auf allen vieren bewegten und sich von rohem Fleisch nährten, Entlaufene, die im Winter von allein in die Ställe der Fremden zurückkehrten. - Wolfgang Hilbig, Alte Abdeckerei. Frankfurt am Main 1991

Verschwinden (50)

- Jan Saudek

Verschwinden (51)  Drei Männer gehen in ein Hotel, jeder hat 10 Euro dabei. Sie nehmen ein Zimmer für 30 Euro. Ein wenig später erhält das Hotel ein Fax von der Zentrale mit der Anweisung, nur 25 Euro für das Zimmer zu nehmen. Also schickt der Empfangschef den Pagen mit 5 Euro zu den drei Männern. Weil die drei dem Pagen aber nie Trinkgeld gegeben haben und weil man 5 Euro so schlecht durch drei teilen kann, gibt der Page den Männern nur je 1 Euro und steckt die restlichen 2 Euro selbst ein. Also hat jeder der drei 9 Euro bezahlt, der Page hat 2 Euro, macht zusammen 29 Euro. Wo ist der fehlende Euro?   - (bar2)

Verschwinden (52)

"The ghost of Bernadette Soubirous"

- N. N.

Verschwinden (53)  In einem System mit gleichmäßiger Temperatur, in dem kein Unterschied des thermodynamischen Potentials mehr besteht, kann kein Ereignis (makroskopischer Größenordnung) stattfinden. Das System ist inert. Man kann dies so interpretieren, daß man sagt, der Zweite Hauptsatz behauptet einen unvermeidlichen Verfall der Energie innerhalb eines abgeschlossenen Systems, wie es zum Beispiel das Universum ist. Die »Entropie« ist das thermodynamische Maß für den Energieverfall eines Systems oder die Energieentwertung.   - Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit. München 1996 (zuerst 1970)

Verschwinden (54)  Im Halbkreis sitzend, betrachten sie Paula, die kraftlos daliegt, als wäre sie endlich von einer Last befreit, die zu schwer war für ihre kleinen Schultern, welche immer etwas von der kindlichen Form behalten hatten. Die ungewöhnlich langen Wimpern werfen einen zierlichen Schatten auf ihre grauen Wangenbeine. Die Arzte haben gesagt, ihr Sterben sei lang, doch ohne Kampf gewesen, wie das Reifen einer Frucht. Und die fünf Freunde haben abwechselnd den gleichen zarten und klischeehaften Gedanken: ‹Es ist, als ob sie schliefe.›

Warum kommt soviel Kälte ins Zimmer? Ganz plötzlich, in anschwellenden Wellen. Vielleicht, denken die Freunde, ist es eine Kälte, die von innen kommt; so fühlt man sich immer bei Totenwachen. Etwas Cognac... Und wie einer von ihnen Esteban ansieht, der steif in seinem Sessel sitzt, packt ihn plötzlich ein Schauder, der ihm über die Haut, das Haar, die Hände, die Zunge läuft; durch Estebans Brust hindurch sieht er die durchbrochene Rückenlehne des Sessels. Die anderen folgen seinem Blick und werden bleich. Die Kälte nimmt zu, steigt an wie eine Flut. Hinter der geschlossenen Tür ragt im Mondschein plötzlich der dichte Eukalyptuswald auf; und sie begreifen, daß sie durch die geschlossene Tür hindurchsehen. Nun sind es die Wände, die vor der Landschaft -weichen, vor dem benachbarten Bauernhof, alles im harten Licht des Vollmonds, und Esteban ist jetzt nur noch eine Blase aus Gelatine, schön und jämmerlich in seinem Sessel, der, wie er selbst, beim Vorrücken des Nichts verschwindet. Durch das Dach fällt ein silberner Lichtstrahl, der den Kerzen des Katafalks den Glanz nimmt. Durch die Sohlen ihrer Schuhe spüren die fünf Freunde, wie die Feuchtigkeit von frischer Erde, von Gras und Klee hindurchdringt, und als sie einander ansehen, unfähig, das erste Wort über die Entdeckung zu sagen, sind sie mit Paula allein, mit Paula und dem Katafalk, der sich mitten auf dem Land unter dem unvermeidlichen Mond erhebt.   - Julio Cortázar, Die Nacht auf dem Rücken. Die Erzählungen Bd. 1. Frankfurt am Main 1998

Verschwinden (55)

Verschwinden (56)

Verschwinden (57)

Das Fest ist jetzt zu Ende; unsre Spieler,
Wie ich Euch sagte, waren Geister und
Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.
Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werden
Die wolkenhohen Türme, die Paläste,
Die hehren Tempel, selbst der große Ball,
Ja, was daran nur teilhat, untergehn;
Und, wie dies leere Schaugepräng erblaßt,
Spurlos verschwinden. Wir sind solches Zeug
Wie das zu Träumen, und dies kleine Leben
Umfaßt ein Schlaf.

- Shakespeare, Der Sturm

Verschwinden (58)  Wenn er sich auf »einen« oder auf »den« Tod vorbereitete, auf einen Zustand, in dem Vergessen, Sichvergessen und Vergessenwerden herrscht (was zum wahren und wirklichen Tod gehört, aber auch zu einem nur behördlich bescheinigten, wenn man die Absicht oder die Neigung hat, sich nie mehr »mit den anderen« einzulassen, auf ihr Leben und ihre Gefühle mit den Augen eines Insektenforschers zu blicken; eine Absicht oder Neigung, die Pirandellos Mattia Pascal gänzlich abging, die aber zwanzig Jahre später sein Vitangelo Moscardi aufbrachte: wir erinnern uns dieser beiden Pirandello-Figuren auch aus dem Grund, weil es auf journalistischer oder TV-Ebene als sicher galt, daß Ettore Majorana für Mattia Pascal als Vorbild eine Zuneigung hegte, während der Protagonist von »Uno, nessuno e centomila, einer, keiner, Hunderttausend«, seinen persönlichen Aspirationen weit mehr entgegenkam); wenn er also sein eigenes Verschwinden vorbereitete, es organisierte und berechnete, glauben wir, daß in Majorana - im Widerspruch, im Widerstreit und als Kontrapunkt zu seinem Vorhaben - das Bewußtsein aufflackerte, die Daten seines kurzen Lebens könnten zum Geheimnis seines Verschwindens in Beziehung gebracht werden und sich in einen Mythos verwandeln. Die Wahl ~ scheinbar oder real - des »Todes durch das Wasser« weist auf einen anderen Mythos hin, den sie wiederholt: auf den des Odysseus bei Dante. Seine Leiche unauffindbar zu machen oder den Glauben zu erwecken, er sei im Meer verschwunden, war eine Betonung des mythischen Bezugs. Schon das Verschwinden als solches hat in jedem Fall etwas Mythisches. Der Körper, der nicht aufgefunden wird und dessen Tod man nicht betrauern kann, ist kein »wirklicher« Tod; die andere Identität, das andere Leben — das kein »wirkliches« Leben, keine »wirkliche« Identität ist -, die der Vermißte irgendwo anders hat oder führt, indem er in die Sphäre des Unsichtbaren eintaucht, machen das Wesen des Mythos aus. All das verpflichtet zu einem Gedenken jenseits von Bürokratie und Justiz (die Todeserklärung wird fünf Jahre nach dem Verschwinden ausgestellt), zu einem unbefriedigten Mitleid, unerbittlichen Ressentiments. Wenn die Toten, wie Pirandello sagt, »die Pensionäre des Gedächtnisses« sind, so sind die Vermißten die Empfänger eines länger ausgezahlten, höheren Lohnes des Gedächtnisses. Das gilt in jedem Fall. Aber besonders in einem Fall wie dem Ettore Majoranas, bei dessen mythischem Verschwinden die Jugend, die geniale Begabung, die Wissenschaft eine mythische Bedeutung annahmen. Wir glauben, daß Majorana dies in Rechnung stellte, auch aus dem absoluten und totalen Verlangen heraus, ein »einsamer Mensch« zu sein oder »nicht mehr zu sein«; und daß er in seinem Verschwinden einen Mythos vorbildete und er sich dessen bewußt war: den Mythos der Verweigerung an die Wissenschaft.  - Leonardo Sciasia, Der Fall Majorana. Berlin und Frankfurt am Main 1980

Verschwinden (59)  

Verschwinden (60)  Ob wir gleich wohl tun, uns unaufhörlich zu sagen, es hange immer von unserm Willen ab, recht zu handeln oder nicht, so scheint doch - wenn wir den Menschen betrachten, so wie er, in unzähligen, ihm selbst größtenteils unsichtbaren Ketten und Fäden an Platons großer Spindel der Anangke hangend, von ebenso unsichtbaren Händen in das unermeßliche und unauflösliche Gewebe der Natur eingewoben wird - so scheint, sage ich, nichts gewisser zu sein, als »daß ein jedes ist, was es sein kann, und daß es unter allen den Bedingungen, unter welchen es ist, nicht anders hätte sein können.« Lais selbst hielt sich nur zu gut hiervon überzeugt. »Da ich nun einmal Lais bin« (schrieb sie in ihrem letzten Brief an Musarion), »so ergebe ich mich mit guter Art darein und kann nicht wünschen, daß ich eine Andere sein möchte.« - Auch mir, lieber Eurybates, wird es, je mehr ich alles erwäge, was hier zu erwägen ist, immer einleuchtender, daß der Ausgang, den das genialisch fröhliche, schimmernde und vielgestaltige Drama ihres Lebens nahm, dazu gehörte, wenn sie bis ans Ende Lais sein sollte. Ich möchte sagen, das Schicksal war es gewissermaßen der Menschheit schuldig; sie mußte fallen; aber ich bin gewiß, sie fiel wie die Polyxena des Euripides, »selbst im Fallen noch besorgt, keine Bloße zu zeigen«. Nichts wäre ihr unerträglicher gewesen als vor irgendeinem Auge, das einst Zeuge ihrer Glorie war, als ein Gegenstand des Mitleidens zu erscheinen. Die Art, wie sie verschwand, war die letzte Befriedigung ihres Stolzes; wir werden nichts mehr von ihr hören.   - Christoph Martin Wieland, Aristipp und einige seiner Zeitgenossen. Frankfurt am Main 1984 (it 718, zuerst 1802)

Verschwinden (61)  

Verschwinden (62)  Die pyrrhonischen Skeptiker vermißten im ewigen Widerstreit der Meinungen, der Hektik des Geistes, man kann sagen: dem samsara der Ideologien, den »sturmlosen Ort«, an dem man zur Ruhe kommen konnte.

Wenn man freilich die »gleich starke Gegensätzlichkeit«  der Dinge realisiert, wird man gewahr, daß all die gegensätzlichen Meinungen sich letzten Endes gegenseitig aufheben, verschwinden, um dem »Ungestörtsein«, der Seelenruhe, Platz zu machen. Das »Stillstehen des Verstandes« folgt also nicht aus der Unerkennbarkeit der Wirklichkeit, sondern aus der ›Widersprüchhchkeit‹ der Dinge. »Jedem Logos steht ein ebensolcher Logos entgegen«, und da es nichts zu wählen gibt, verflüchtigt sich der urteilende Verstand von selber. »Ohne alle Wertung«, ohne innere Anteilnahme, ohne ›Anhaften‹ folgt der Skeptiker »den väterlichen Sitten und Gesetzen«, aber nicht, weil diese etwa in irgendeiner Weise einer anderen Lebensform überlegen wären, sondern weil der Skeptiker nun einmal an sie gewöhnt ist.

Nun wird man sagen, daß die »skeptische These« sich gewissermaßen selber im Wege steht und damit die Seelenruhe nicht verwirklicht werden kann. Denn die Behauptung, es gebe nichts zu behaupten, weil jede Behauptung durch eine gegensätzliche, die man mit gleichem Recht vertreten könne, neutralisiert würde, ist ja schließlich auch eine Behauptung. Die Skeptiker haben deshalb behauptet, daß die »skeptische These« selber keine Behauptung sei, vielmehr eine reine reine »Äußerung« wie ein Sich-Räuspern oder irgendein Geräusch, das man von sich gibt. Der Kritiker wird einwenden, daß der Skeptiker auf diese Weise das Problem nur verschiebt und in einen unendlichen Regreß stürzt, daß er sich eine solche »Äußerung« auch sparen könne, da sie ja nichts besagt. In der Tat gelangt der Skeptiker in eine paradoxe Situation - in eine Antinomie. Er hat dann recht, wenn er unrecht hat. Da jedoch, wie Wittgenstein einmal gesagt hat, eine Antinomie ein Rad ist, das nichts dreht, also keine Funktion in der Sprache hat und damit bedeutungslos ist, hat der Skeptiker sein Ziel erreicht. Die »skeptische These< hat sich den Boden unter den eigenen Füßen weggezogen und verschwindet von der Bildfläche. - N. N.

Verschwinden (63)  

- N.N.

Verschwinden (64)  

Verschwinden (65)

- Loïc Dubigeon

Verschwinden (66)  Am Tage, nachdem sie das Kind weggegeben hat, sieht Peronne ihren Sohn und Sire de Rais zusammen aus dem Haus von Jean Colin kommen. Die Mutter spricht zu dem Herrn und versucht, ihm ihr Kind zu empfehlen. Aber Gilles geruht nicht zu antworten. Er wendet sich an den anwesenden Poitou; das Kind, sagt er, sei »gut ausgewählt«, denn es sei »schön wie ein Engel«. »Ziemlich bald darauf« entfernt sich dieses in Gesellschaft des Mörders »auf einem kleinen Pferd, das besagter Poitou besagtem Jean Colin abgekauft hat«. Dieser und seine Frau Olive sind Zeugen im Prozeß; sie bestätigen, daß Gilles de Rais auf dem Wege aus Vannes im Septemher bei ihnen logiert hat und daß Poitou Peronne Loessart dazu brachte, ihm ihren Sohn anzuvertrauen. Für 69 Sous hat Colin das kleine Pferd an Poitou verkauft, auf dem das Kind fortgeritten ist. Zwei oder drei Monate später trifft Colin das Pferd mit einem anderen Reiter wieder. Einige von Sire de Rais' Leuten erwidern den Frauen, die sich darüber beklagen, nichts mehr von dem Kind gehört zu haben, es sei in Tiffauges, andere behaupten, es sei tot. Es sei beim Überqueren der Brücken von Nantes umgekommen: »der Wind hat es in den Fluß stürzen lassen«.   - Georges Bataille, Gilles de Rais. Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1975 (zuerst 1965)

Verschwinden (67)  

Verschwinden (68)   Ich sah mich nach Mina um. Aber sie war zu sehr mit Craven beschäftigt. Nach ein paar Drinks wurde ich dein Mann vorgestellt, und wie es meine Gewohnheit war, ging ich schließlich gelangweilt nach Hause.

Später heiratete Mina Craven und folgte ihm nach Mittelamerika, wo er irgendein hochseetüchtiges Schiff erwarb und eigenhändig umbaute. Als er mit der Arbeit fertig war, ging er eines Abends an Bord, um es vor dem Essen schnell mal in der Bucht auszuprobieren. Er ist nie zurückgekommen. Die schwangere Mina stand am Ufer und sah das kleine Schiff in der Ferne verschwinden. Jahrelang glaubte sie, sie werde ihn wiedersehen -vor wieviel Jahren war das? Kaum zu glauben! Fünfunddreißig. Angeblich war er ein Sohn von Oscar Wilde; auf alle Fälle war er ein guter Boxer und hatte einmal in Spanien sogar gegen Jack Johnson geboxt. - (wcwa)

Verschwinden (69)  Julien Torma (1902-1933). Der erste Gedichtband dieses Einzelgängers im Umkreis des Dadaismus und Surrealismus, »La Lampe Obscure« (1920), entstand noch ganz unter dem Einfluß von Max Jacob. Das travestierte religiöse Erlebnis, die bis zur Blasphemie gesteigerte mystische Versenkung erschienen damals vielen Dichtern als verlockende Abenteuer. Hans Arp etwa gestand in seinen Erinnerungen: »Der strahlende Glanz der mystischen Dichtung zog uns an, in denen der Mensch von Freuden und Leiden befreit wird. Es war der ›Unbekümmerte Grund‹, wie Tauler ihn nannte, nach dem wir uns sehnten.« Torma versuchte dann, dem mystischen Sog zu entrinnen und entdeckte die pataphysische Welt Jarrys. Außerdem beschäftigte er sich mit Nostradamus und alchemistischen Lehren. Nach einem weiteren Gedichtband »Le Grand Troche« (1925), der Tragödie »Coupures« (1926) und dem (posthum veröffentlichten) Drama »Le Betrou« erschien als letztes Buch »Euphorismes« (1926), ein poetischer Index. Mit einem langen Gedicht »Der Krawall«, das er 1927 an Robert Desnos schickte, verabschiedete er sich von der Literatur. Er beklagte die allgemein zu beobachtende Erstarrung der Sprache in den Texten der Surrealisten und Dadaisten. Deren »schwarzgefärbtem Weltgeist« (Arp) zog er die Diesseitigkeit der Pataphysik vor. Fortan schrieb er nichts mehr, sondern reiste als Gelegenheitsarbeiter quer durch Europa. Zuletzt hatte er eine Hauslehrerstelle in Tirol. Von einer Bergwanderung, die er allein unternahm, kehrte er im Februar 1933 nicht mehr zurück.  - Anhang zu (jar)

Verschwinden (70)  

Ohne Angabe der Adresse

Ein Wasserfall oberhalb der Stadt
dringende Briefe ohne Adresse
Freunde, die quer übers Land entfliehen
die Hände erhoben
die Augen in Richtung Meer
schöne durch Falten erhaltene Tintenkleckse
sagen es diesmal sehr klar:
SCHEISSE
oder
VERDUFTE
oder noch
VERSCHWINDE MIT DEM WIND.
Seid gegrüßt kleine Kinder
verfehlt nicht
das Rendezvous mit dem Ende der Welt.

 - Julien Torma, nach (jar)

Verschwinden (71)  Der Prozeß gegen Madeleine Smith wegen der Ermordung Ihres Liebhabers Pierre Emile L'Angelier durch Verabreichung von Arsenik endete am Donnerstag, dem 9. Juli 1857, mit dem Richterspruch »Schuldbeweis nicht erbracht«, und sie verließ den High Court of Justiciary in Edinburgh durch einen Nebenausgang als freier Mensch.

Erst einundzwanzig Jahre alt, gut gewachsen und von einer strahlenden, herben und zugleich herausfordernden Schönheit, die nicht im geringsten von einem Erleben gezeichnet war, das sie gut hätte vernichten können, verschwand sie wieder im Dunkel cler Anonymität, aus dem sie vorübergehend in den Brennpunkt des allgemeinen Interesses getreten war. Denn trotz des grellen Lichtes, in das man sie und ihr Tun gerückt hatte, trotz der Art und Weise, in der man ihre Vergangenheit öffentlich ausgebreitet und aufs genaueste untersucht hatte, blieb ihr Wesen damals und bis zum heutigen Tage ein Rätsel. Kein unbedachtes Wort kam je über ihre Lippen, und der Mund von L'Angelier war für immer versiegelt, als die Namen der beiden zum Anlaß erhitzter Debatten in ganz Großbritannien wurden. Von Zeit zu Zeit hob sich noch kurz der Vorhang über ihrem späteren Leben. Man weiß, daß sie vier Jahre nach dem Prozeß einen jungen Künstler in London heiratete, daß sie sich für gesellschaftliche Probleme ihrer Zeit interessierte und Sozialistin wurde. Man hat auch berichtet, daß sie schließlich in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte; aber ihr Leben nach dem Prozeß gehörte ihr allein.  - F. Tennyson Jesse, Triumph der Nerven: Madeleine Smith. In: Wahre Morde. Hg. Mary Hottinger. Zürich 1978

Verschwinden (72)

Verschwinden (73)  Nach Spiel  Weil das Interview mit Dieser Frau nicht zustande gekommen war, hatte der Redakteur, der mir den Auftrag einst beschaffte, für meinen Beitrag Isame Spitze, den ich für ihn statt dessen schrieb, keine Verwendung. Auch lieferten inzwischen die feuilleton istischen Nachrufmaschinen ihre Nekrologe zuhauf, zwischen standardisiertem Trauervokabular & geübt staatstragender Zukunft's Sorge am Verbalrand einer offenen Grab-Stelle schwankend, — wie-immer. Dann, überraschend schnell, mochte Man über-Diesenvorfall Keinwort mehr drucken. Außerdem waren mittlerweile um die Nachfolgeschaft Der Frau Diadochenkärnpfe entbrannt - darin Schlacht-uni-Schlacht Die Arbeit Dieser Frau zunichte ward - : !Solche Ausbruche an Niedergang, Zerfleischung, weit—weitem Bankrott versprachen einträgliches & wochen—lang mediales Inter-Esse: Die fatale Neigung des-Journalismus zu Müll & Exkretion.

Von jenem Redakteur aber erhielt ich seither keine Aufträge mehr. Am Telefon ließ er mehrfach & mit immer dümmeren Ausreden von seiner Sekretärin sich verleugnen, sämtliche meiner Briefe & E-mails an ihn blieben ohne Antwort.....

Später dann erfuhr ich aus seiner Redaktion, er sei von seinem Posten abgelöst worden und habe die Zeitung verlassen.— Über den Verbleib dieses Mannes ist nichts weiter bekannt.   - (jir)

Verschwinden (74)    Vielleicht hatten sie Glück, und die Leiche hatte höchstens ein oder zwei Jahre im Boden gelegen. Vielleicht entpuppte sie sich als der Typ, der einige Zeit nach dem Einbruch bei einem Juwelier als vermisst gemeldet worden war. An den erinnerte er sich noch ganz genau. Oder es war die alte Frau, die in Forby allein in einem Cottage gelebt hatte. Nachdem sie ihre Tochter drei Monate nicht besucht hatte, war dieser plötzlich wieder eingefallen, dass sie eine Mutter hatte. Aber als sie hingefahren war, musste sie feststellen, dass die alte Frau anscheinend schon seit Langem verschwunden war, Höchstwahrscheinlich handelte es sich um eine(n) dieser beiden Vermissten. Seltsam, dachte Wexford, dass der Tod und die danach einsetzende Verwesung alle Spuren von Alter, Geschlecht und typischen Merkmalen auslöschen, bis nur noch Knochen und ein paar Stofffetzen übrig bleiben. Und eine Hand, die eine trüffelsuchende Promenadenmischung mit Begeisterung ausgegraben hat. - Ruth Rendell, Der vergessene Tote. München 2007

Verschwinden (75)  

Tragt mich fort

Tragt mich fort in einer Karavelle,
in einer alten, sanften Karavelle,
am Bugspriet, vielleicht auch im Kielwasserschaum,
und laßt mich fallen, fernab, fernab.

Im Pferdegespann einer andern Zeit.
Im täuschenden Sammet von Schneewehen.
Im Atemdampf streunender Hunde.
In den kraftlosen Rudeln toter Blätter.

Tragt mich fort, geborgen in Küssen,
im Steigen hochatmender Brüste,
auf Kissen der Hände und weichem Lächeln,
in den Geheimgängen von Gebein und Gelenk.

Tragt mich fort, am besten, grabt mich ein.

- Henri Michaux, nach (mus)

Verschwinden (76)  

Verschwinden (77) Erst wirft ein Herr eine Kugel, dann werfen drei weitere Herren, mit dem ersten Herrn abwechselnd, je drei Kugeln, die manchmal die erste geworfene Kugel berühren, manchmal die späteren und diese dabei entweder von der ersten Kugel entfernen oder ihr näher zurollen. Die letzte Kugel wirft der erste Herr. Er hat einen Schnurrbart. Er hält die Kugel zwischen Zeigefinger und Daumen, zeigt sie uns, dann wirft er sie, aber wo kommt sie an? Sie kommt nicht an, die Kugel ist nun weg. Wo ist die Kugel hin? Wir blicken zurück zur Hand des Herrn, diese steht noch leer in der Luft, im Tümpel keine Ringe, kein Spaziergänger brüllt draußen getroffen, nichts plumpst zur Erde, kein Geraschel im Baum, kein Vogel schreit auf, Glas splittert nicht, die Wäsche hängt ruhig, kein Gartenstuhl poltert, der Rasen zeigt uns keine Kugel, ja, wo ist die Kugel?  - Reinhard Lettau, Auftritt Manigs (mit: Schwierigkeiten beim Häuserbauen). Berlin u.a. 1982

Verschwinden (78)  Übrigens geben uns die Naturwissenschaften die Auskunft, daß die Erde nicht bloß auseinanderfiele, sondern wie ein Geist verschwände, würde unvermittelt die Elektrizität aus der Welt geschafft.  - (ff)

Verschwinden (71) Die Conny hat direkt am Donaukanal gewohnt, sehr schöner Blick, aber leider war die dreispurige Lände zwischen dem Haus und dem Donaukanal. Für den Brenner war es praktisch, da hat er sich zum Beobachten schön am Donaukanalufer auf eine Bank setzen können, und doch war er durch den vorbeiziehenden Autoverkehr gut geschützt.

Obwohl ich ganz ehrlich sagen muss. Er hätte den Autoverkehr als Schutz wall nicht gebraucht. Wie er da auf seiner Bank in der Sonne gesessen ist und den Hauseingang nicht aus den Augen gelassen hat, da hätte ihn auch so niemand gesehen. Er ist regelrecht von der Bildfläche verschwunden.

Und genau darum geht es eben beim Beobachten. Das macht es ja so schwierig. Alles sehen schon schwierig genug, aber dann noch: Selber nicht gesehen werden. Stundenlang direkt dem Hauseingang gegenüber sitzen und von keinem Passanten gesehen werden. Das ist es, wo du den Detektiv vom Möchtegern auseinander kennst.

Und sagen wir einmal so. Beim Observieren unsichtbar werden, das macht dem Brenner nicht so schnell einer nach. Du wirst sagen, so wie der Brenner da auf fünfzig Meter Entfernung mit der Haustür von der Conny verschmolzen ist, das kann im Grunde auch nicht gesund sein. Das stimmt schon, gesund ist das nicht, da könntest du schon einmal auf das Schnaufen vergessen, weil du dir sagst: Als Haustür hab ich Tag und Nacht genug Verantwortung, da sehe ich nicht ein, dass ich auch noch schnaufen soll. Aber andererseits: Gesund in dem Sinn ist Detektiv sowieso nicht. Da gibt es oft die Gewaltsachen, Messer, Schere, Gabel, Kugel, dann das schnelle Autofahren, den Alkohol und und und. Das ist oft noch viel gefährlicher, und da sagt keiner was, jetzt wehre ich mich dagegen, dass man ausgerechnet beim Observieren sagt, gesund ist es nicht.

Mich würde eher interessieren, wie ein Mensch zu so einem Observieren überhaupt fähig ist. Wie hält es einer stundenlang durch, dass er gelassen wie eine Holztür in die Welt hinausschaut.   - Wolf Haas, wie die Tiere. Reinbek bei Hamburg 2001

Bewegung Todesart Rätsel Geschehen

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Artensterben

VB
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Erscheinung

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Antonym