rteil   Wie ich höre, hat eine in Literatenkreisen berühmte Kritikerin bei der Besprechung jener Literatur, die von fremden Völkern und fernen Ländern handelt und im Schatten der Palmen, in der schutzlosen Grelle verdorrter Küstenstreifen, unter ehrlichen Kannibalen und den weltgewandteren Vorkämpfern unserer ruhmreichen Tugenden spielt, ihr Mißfallen in die Worte zusammengefaßt, Erzählungen dieser Gattung seien >unzivilisiert<. Und mit diesem Urteil werden, wie ich fürchte, nicht nur die Erzählungen, sondern auch die fremden Völker und die fernen Länder endgültig einem von Abneigung und Verachtung diktierten Schuldspruch unterworfen.

Wahrlich, das Urteil einer Frau: intuitiv, gescheit, trefflich formuliert - unfehlbar. Ein Urteil, das mit Gerechtigkeit nichts zu schaffen hat. Die Kritikerin und Richterin scheint zu glauben, daß in jenen fernen Ländern Freude nichts ist als Gebrüll und Kriegstanz; Pathos nichts als Gejaul und gräßliches Blecken abgefeilter Zähne; und daß dort alle Probleme ihre Lösung im Lauf eines Revolvers oder durch die Spitze eines Assegai finden. Und doch ist es nicht so. Immerhin mag die irrende Richterin zu ihrer Entschuldigung auf die irreführende Art des Beweismaterials hinweisen.

Dort wie hier ist das Gemälde des Lebens mit den gleichen Details, in den gleichen Farbtönen ausgeführt. Nur übersieht das geblendete Auge in der grellen Heiterkeit des Himmels und dem gnadenlosen Glanz der Sonne die Feinheiten, nimmt es nur die groben Umrisse wahr, und erscheinen ihm die Farben im starken Licht roh und ohne Abstufung. Gleichwohl ist es dasselbe Bild.

Und zwischen uns und jener so fernen Menschheit gibt es ein Band. Ich rede jetzt von Männern und Frauen - nicht von den bezaubernden, anmutigen Schemen, die sich in unserem Matsch und Qualm bewegen und so gesättigt sind von allen unseren Tugenden, daß ein sanfter Glanz von ihnen ausgeht; denen sämtliche Verfeinerungen, jegliche Empfindsamkeit und alle Weisheit eignen - die aber, eben weil sie bloße Schemen sind, kein Herz besitzen.

Deren Mitgefühl gilt (vermutlich) den Unsterblichen: den Engeln über uns und den Teufeln unter uns. Mir genügt es, mit den gewöhnlichen Sterblichen zu fühlen, sie mögen leben, wo sie wollen - in Häusern oder Zelten, in nebelverhangenen Straßen oder in den Wäldern hinter dem schwarzen Streifen düsterer Mangroven, der die endlose Einsamkeit des Meeres säumt. Denn das Land jener Menschen liegt - ebenso wie das unsere - unter dem unergründlichen Blick des Allerhöchsten. Ihre Herzen müssen - gleich den unseren - die Last der Gaben des Himmels tragen: den Fluch der Gegebenheiten und die Segnungen der Illusionen, die Bitterkeit der Erkenntnis und die täuschende Tröstung unseres Wahns. - Joseph Conrad, Vorbemerkung des Autors zu Almayers Wahn. Frankfurt am Main 1973, zuerst 1896

Urteil (2) Mittwoch, den 10. November. — Am Frühstück nahm auch der alte Buchhändler Drummond teil, mit dem Johnson seit zehn Jahren nicht mehr zusammengekommen war. Bald nachher erschien Lord Elibank, der sich freute, Johnson in Schottland zu sehen; etwas Unwahrscheinlicheres könne er sich gar nicht denken, meinte er. Der Vormittag verging mit dem Bericht über unsere Reise, den Johnson ihm erstattete. Nachher gesellte sich noch William Nairne zu uns, der auch mitkam, als ich Johnson das Edinburger Schloß zeigte, das er eingestandenermaßen großartig fand. Ein paar Tage später allerdings, als Lord Elibank mit dem begreiflichen Überschwang des Schotten darauf zu sprechen kam, tat Johnson, als halte er nicht viel davon. «In England würde es ein gutes Gefängnis abgeben», war alles, was er sagte.   - (johns)

Urteil (3) Törleß wandte sich an Beineberg. Aber dieser grinste nur. Er sog zwischen dem Sprechen an einem langen Tschibuk, saß mit orientalisch gekreuzten Beinen und sah mit seinen abstehenden Ohren in der zweifelhaften Beleuchtung wie ein groteskes Götzenbild aus. «Meinetwegen könnt ihr machen, was ihr wollt; mir ist es nicht um das Geld zu tun und um die Gerechtigkeit auch nicht. In Indien würde man ihm einen gespitzten Bambus durch den Darm treiben; das wäre wenigstens ein Vergnügen. Er ist dumm und feig, da ist es weiter nicht schade um ihn, und es war mir wirklich zeit meines Lebens höchst egal, was mit solchen Leuten geschieht. Sie selbst sind nichts, und was aus ihrer Seele noch werden mag, wissen wir nicht. Allah schenke eurem Urteil seine Gnade!» - Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Reinbek bei Hamburg 1965 (zuerst 1906)

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