nordnung  Fahrstuhlträume, unangenehm wie fast alle Träume, die sich mit der Technik beschäftigen. Dazu Treppen, denen das Geländer fehlt oder die unterbrochen sind und unter deren Fetzen der Abgrund erscheint. Die Welt als verworrene Architektur.

Eine Unordnung der Welt erscheint an manchen Tagen fast übermächtig, so daß man verzweifelt, sie je zu bändigen. Ich ordne dann den Schreibtisch, die Wäsche, die Gartengeräte, jedoch mit Unlust im Hintergrund. Es liegt darin wohl auch die Einsicht, daß alles, was wir schaffen und sammeln, zugrunde gehen wird.

Am besten sollte man solche Tage im Bett verbringen und vor allem nichts Neues an ihnen anfangen.  - Ernst Jünger, Gärten und Straßen (16. August 1939)

Unordnung (2) Doktor Kafka beschäftigte sich mit der Durchsicht seines Schreibtisches, als ich seine Kanzlei betrat. An der rechten Schmalseite des Tisches, wo für einen evenutellen Besucher ein Stuhl bereitgestellt stand, lag ein hoher Berg von Büchern, Zeitschriften und Büroschriftstücken. Doktor Kafka winkte mir über ihn hinweg mit der Hand zu.

»Ich grüße Sie aus meinem Papierverlies!«»Störe ich nicht?« »Nicht im geringsten. Setzen Sie sich.« Ich ließ mich auf dem Besucherstuhl nieder und bemerkte: »Das ist ja ein wirklicher Aktenwald. Sie sind hinter ihm ganz verschwunden.«

Ich hörte Doktor Kafka kurz auflachen; gleich darauf sagte er: »Dann ist ja alles in Ordnung. Das Geschriebene beleuchtet die Welt; den Schreiber läßt es im Dunkel verschwinden. Also weg damit!«

Er zog die mittlere Schublade heraus, öffnete die Seitenfächer und begann den Bücher- und Zeitschriftenberg in den Schreibtisch zu stopfen.

Ich wollte ihm dabei helfen. Als ich ihm eine der Aktenmappen reichte, schüttelte er jedoch heftig den Kopf. »Lassen Sie das! Es könnte uns das Unglück passieren, daß wir die Dinge da ganz zufällig in Ordnung bringen. Dann säße ich plötzlich in der Patsche. Ich könnte dadurch die für jedes Beamtengewissen außerordentlich wichtige Ausrede verlieren, daß ich von der Erledigung der mir zugewiesenen Arbeit nicht durch einen mangelnden Bürosinn, sondern nur durch die teuflische Unordnung in meinem Schreibtisch abgehalten werde. Das wäre eine schreckliche Entdeckung, der ich unbedingt ausweichen muß. Darum muß ich die Unordnung in meinem Schreibtisch sorgsam behüten.«

Als Beweis schob er die große mittlere Lade mit einem heftigen Ruck in den Schreibtisch zurück und bemerkte mit karikierter dumpfer Verschwörerstimme: »Meine Klage über die Unordnung in der Kanzlei und überhaupt um mich herum ist nur ein Trick, mit dem ich die Haltlosigkeit meiner Existenz vor den strafend-neugierigen Blicken der Umwelt zu verbergen suche. In Wirklichkeit lebe ich eigentlich nur noch von der Unordnung, durch die ich mir das letzte Stück persönlicher Freiheit erschleiche.« - Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Frankfurt am Main 1981 (Fischer Tb. 5093, zuerst 1954)

Unordnung (3) MANGANELLI Sie haben in einem nackten, ärmlichen, unordentlichen, phantasielosen Zimmer gelebt: sonderbar für einen Gaudí.

GAUDÍ Sie irren: glauben Sie nicht, daß die Unordnung eine Form von Phantasie ist? Glauben Sie nicht, daß Phantasie in erster Linie Unordnung ist? Wenn mich an diesem Zimmer etwas verdroß, dann dies: nie war es unordentlich genug. Tendenziell war es ordentlich, so als hätte ich eine Geistergattin geehelicht, die das Zimmer jedes Mal, wenn ich mich entfernte, auf irgendeine Weise in seine Nacktheit zurückversetzte.

MANGANELLI Sie waren nicht verheiratet.

GAUDÍ Natürlich nicht; das Weib ist heilig, doch unvereinbar mit der Unordnung; es ist edel, duldet aber kein Kleingetier; es ist zärtlich, will aber eine weiche Wohnstatt, und schließlich ist es - ein unerträglicher Umstand - gesellig. Wie kann ein Mann denn sterben, wenn er stets von jemandem abgelenkt wird, der ihm in unverwandter und treuer Geselligkeit zur Seite steht?  - Giorgio Manganelli, Von der Unzucht mit Steinen. Antoni Gaudí y Cornet. In: Unmögliche Interviews. Berlin 1996 

Unordnung (4)  Der Dschou-König fristete nur mehr ein Schattendasein. Nominell noch immer oberster Lehensherr waren ihm doch kaum noch die rituellen Befugnisse des ›Himmelssohns‹ geblieben. Die Herzöge und Lehensleute aller Ränge, seine ehemaligen Vasallen, ja selbst seine Untervasallen, besaßen nun Macht und Einfluß genug, um ungestraft Riten auszuführen, die nur dem König zustanden. Meister Kung machte dem Ältesten der Dschi-Sippe in Lu, einem Vasallen des Herzogs von Lu und somit Untervasallen des Dschou-Königs, bittere Vorwürfe, weil er acht Reihen von Tänzern in seinem Ahnentempel tanzen ließ. Das war ein königliches Privileg; einem Subvasallen standen nur vier Reihen von Tänzern zu. Meister Kung zeigte unverhohlen seine Empörung über diese ›rituelle Usurpation‹: »Wer das erdulden kann«, herrschte er ihn an, »was würde er nicht dulden!« Aber die Usurpationen beschränkten sich nicht nur auf rituelle Rechte. »In der ›Frühling- und Herbst-Periode‹ (die Zeit von 722 bis 481 v. Chr.; so genannt nach den Annalen des Herzogtums Lu, die diese Periode umspannen; ›Frühling- und Herbst‹: ein chinesischer Ausdruck für ›Jahr‹) wurden sechsunddreißig Fürsten ermordet, zweiundfünfzig Staaten vernichtet, und kaum zu zählen sind die Fürsten, die aus ihrem Lande fliehen mußten und die Altäre der Getreidegötter ihrer Heimat nicht zu verteidigen vermochten«.   - Ernst Schwarz, Vorwort zu (kung)

Unordnung (5)  Sie haben sich, mein armer junger Freund, nie die Frage gestellt, wie ein Gehirn aussieht?... Der Apparat, der Ihnen das Denken ermöglicht? He? Nein? Natürlich! das interessiert Sie nicht!... Sie schauen sich lieber die Mädchen an? Sie können also nicht wissen! Sich beim ersten aufrichtigen Blick davon überzeugen, daß die Unordnung die schöne Quintessenz Ihres Lebens ist! Ihres ganzen physischen und metaphysischen Wesens! Aber es ist ja Ihre Seele, Ferdinand! die Millionen, die Billionen Fältchen ... die in der Tiefe versteckten, eingegrabenen, untertauchenden, entschwindenden... Die unbegrenzten! Das ist die Harmonie, Ferdinand! Die ganze Natur! eine Flucht ins Unwägbare! Und nichts anderes! Bringen Sie erst Ihre armen Gedanken in Ordnung, Ferdinand! Beginnen Sie damit! Nicht durch einige fratzenhafte, materielle, negätive, schlüpfrige Vertauschungen, sondern im wesentlichen meine ich! Werden Sie sich zu diesem Behuf auf Ihr Gehirn stürzen, es verbessern, es verstümmeln, es an irgendwelche stumpfe Regeln binden? mit dem Lineal? es nach den Regeln Ihrer sich kasteienden Dummheit wieder zusammensetzen?... He? Ich frage Sie. Offen und frei? Wäre das richtig? In Ordnung? In Ihnen, Ferdinand, und sonst nirgends! bedrückt der Irrtum die Seele! Er macht aus Ihnen, wie aus so vielen: ein unbelebtes ‹Nichts›! Die große triebhafte Unordnung! sie bringt glückliche Gedanken! Darauf kommt alles an, Ferdinand!... Ist die günstige Stunde vorbei, gibt es kein Heil!... Du bleibst, fürchte ich, für immer im Mülleimer der Vernunft! Dein Schaden! Du bist der Narr, Ferdinand! der Kurzsichtige! der Blinde! der Taube! Der Einarmige! der Klotz!... Du beschmutzest meine ganze Unordnung mit deinen lästerlichen Betrachtungen ... In der Harmonie, Ferdinand, liegt die einzige Freude der Welt! Die einzige Befreiung! Die einzige Wahrheit!... Die Harmonie! Die Harmonie finden! Darauf kommt es an!... Dieser Laden befindet sich im Zustand der Har-mo-nie!... Verstehst du, Ferdinand? Wie ein Gehirn! In Ordnung! Puh! In Ordnung! Weg mit diesem Wort! diesem Ding! Gewöhnt euch an die Harmonie!  - (tod)

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