eberraschung    Wird die Aufmerksamkeit plötzlich erregt und ist sie scharf, so geht sie allmählich in Überraschung über, diese wieder in Erstaunen, und dies endlich in bestürztes Entsetzen. Der letztere Seelenzustand ist dem Schrecken nahe verwandt. Aufmerksamkeit wird gezeigt durch leichtes Erheben der Augenbrauen; und in dem Maße, als dieser Zustand sich verschärft, werden sie in einem viel höheren Grade erhoben, während die Augen und der Mund weit geöffnet werden. Das Erheben der Augenbrauen ist notwendig, damit die Augen schnell und weit geöffnet werden können; diese Bewegung bringt quere Falten über die Stirn hervor. Der Grad, bis zu welchem die Augen und der Mund geöffnet werden, entspricht dem Grade der gefühlten Überraschung; es müssen aber diese Bewegungen koordiniert sein; denn ein weit geöffneter Mund mit nur unbedeutend erhobenen Augenbrauen gibt nur eine bedeutungslose Grimasse, wie Dr. Duchenne in einer seiner Photographien gezeigt hat. Auf der anderen Seite kann man häufig sehen, wie eine Person ihre Überraschung durch bloßes Erheben ihrer Augenbrauen zu erkennen gibt.

Dr. Duchenne hat die Photographie eines alten Mannes mitgeteilt, dessen Augenbrauen durch Galvanisierung des Stirnmuskels ordentlich erhoben und gewölbt sind und dessen Mund willkürlich geöffnet wurde.

Überraschung

Diese Abbildung drückt mit großer Treue Überraschung aus. Ich zeigte sie vierundzwanzig Personen, ohne ein Wort der Erklärung zu sagen, und nur eine einzige sah durchaus nicht ein, was damit gemeint war. Eine zweite Person antwortete: Schrek-ken, was nicht so weitab falsch ist; indessen fügten einige der anderen den Worten Überraschung oder Erstaunen noch die Bezeichnungen hinzu: entsetzlich, kummervoll, schmerzlich oder widerwärtig.

Das weite Offenhalten der Augen und des Mundes ist eine ganz allgemein erkannte Ausdrucksform für Überraschung oder Erstaunen. So sagt Shakespeare: »Ich sah 'nen Schmidt mit seinem Hammer, so, Mit offnem Mund verschlingen den Bericht von einem Schneider« {König Johann, Akt IV, Szene 2); und ferner: »sie schienen fast, so starrten sie einander an, ihre Augenlider zu zersprengen; es war Sprache in ihrem Verstummen, und Rede selbst in ihrer Gebärde; sie sahen aus, als wenn sie von einer neu entstandnen oder untergegangnen Welt gehört hätten.« {Wintermärchen, Akt V, Szene 2) - (dar)

Überraschung (2) Er hatte seinen Vater über dreißig Jahre lang nicht gesehen. Beim letztenmal war er zwei gewesen, und seitdem hatte es keinen Kontakt mehr zwischen ihnen gegeben - nicht einen einzigen Brief, nicht einen einzigen Anruf, nichts. Dem Anwalt zufolge, der die Erbschaft abwickelte, hatte Nashes Vater die letzten sechsundzwanzig Jahre seines Lebens in einer kleinen kalifornischen Wüstenstadt unweit von Palm Springs verbracht. Er hatte einen Eisenwarenladen betrieben, in seiner Freizeit an der Börse spekuliert und nicht wieder geheiratet. Seine Vergangenheit habe er für sich behalten, sagte der Anwalt, und erst als Nashe senior eines Tages in sein Büro gekommen sei, um ein Testament aufzusetzen, habe er etwas von Nachkommen erwähnt. «Er war tödlich an Krebs erkrankt», fuhr die Stimme am Telefon fort, «und er wußte nicht, wem sonst er das Geld hinterlassen sollte. Er meinte, dann könne er es genausogut zwischen seinen beiden Kindern aufteilen - die Hälfte für Sie und die andere Hälfte für Donna.» «Eigenartige Wiedergutmachung», sagte Nashe. «Tja, eigenartig war er schon, Ihr Alter Herr, gar keine Frage. Ich werde nie vergessen, was er sagte, als ich ihn nach Ihnen und Ihrer Schwester fragte. ‹‹Wahrscheinlich hassen sie mich wie die Pest›, sagte er, ‹aber jetzt ist es zu spät, dem nachzuheulen. Ich war nur zu gern dabei, nachdem ich abgekratzt bin - bloß um ihre Gesichter zu sehen, wenn sie das Geld bekommen.›» - Paul Auster, Die Musik des Zufalls. Reinbek bei Hamburg 1996 (rororo 13373, zuerst 1990)

Überraschung (3) Wenn der Mensch, vom Gefühl der Dauer bei der Kehle gepackt, es aufgibt, die absurden Konstruktionen seines Scharfsinns zu stürzen, und sich auf die Bänke der Achtsamkeit setzt, zwingt ihn ein kleiner eiskalter Nordost, seine Jacke zuzuknöpfen und die Hände in seine Taschen zu stecken. Er versucht mit einem Lächeln, das unverschämt sein soll, sein klägliches Benehmen zu korrigieren: die Krücken des Mutes sind zerbrochen, nichts geht mehr, alles macht mit ihm, was es will. Dann schlägt er eine Zeitung auf, aber wie er sie auch in allen Richtungen dreht und wendet, man muß schließlich einsehn, daß der gestrige Tag einer der ruhigsten war. Abgesehen von einem Heuschreckenregen über dem Atlas hat es keine große Störung gegeben. Der Wetterbericht verrät nichts von irgendeinem neuartigen Wetterwechsel, etwa daß der Orgelwind plötzlich die Seidenkokons durchweht oder daß aus gewissen großen Wolken blaue Frauen regnen.

Man macht nicht die Reise durchs Leben, ohne gewahr zu werden, daß man nie jene großen Gespenster mit Karfunkelaugen getroffen hat, die in den Büchern vorkommen, noch eines Abends zitternd in seinen Armen die schöne Unbekannte gefunden hat, die man nicht erwartete. Die Augenblicke wirklicher Panik sind kurz gewesen. Die Schmetterlinge haben sich glücklicherweise nicht in Massen auf uns gestürzt, die dicht genug waren, um uns zu Fall zu bringen. Wenn die Hydra mit Frauenköpfen sich auch in lässiger Haltung auf den Cafeterrassen zeigte, so läßt sich nicht leugnen, daß man zwar alle Abende unter die Möbel sah, doch bestenfalls nur mit Biedermännern aus Staub ein paar Worte wechseln konnte. Man hat, wenn man schrieb, durch den Federhalter hindurch den eigenen Kopf sehen können, das Geräusch der Eisenbahn hören, wenn man Mohnkapseln schüttelte, mit dem Finger den Stern seines Grabsteins berühren können, doch man hat es nicht dahin gebracht, einen Wasserdolch in der Hand zu halten, und wäre es nur, um seinem Doppelgänger aus Wassertropfen den Hals durchzuschneiden.   - André Breton / Paul Éluard, Die unbefleckte Empfängnis. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1930)

Überraschung (4)  Nachdem die Aufnahmen gemacht waren, zogen die Leute vom Erkennungsdienst behutsam das Messer aus dem Rücken, legten es in einen Spezialkasten und drehten dann endlich die Leiche herum. Das Gesicht eines Mannes von vierzig bis fünfzig Jahren kam zum Vorschein, in dem nur eine große Verwunderung stand.

Er hatte nicht begriffen, wie ihm geschah. Er war gestorben, ohne zu verstehen. Die Überraschung in seinen Zügen hatte etwas so Kindliches, so wenig Tragisches, daß einer der Männer nervös auflachen mußte.

Der Tote war sauber und anständig gekleidet. Er trug einen dunklen Anzug und einen beigefarbenen Herbstmantel. Seine seltsam verrenkten Füße steckten in gelben Schuhen, die schlecht zu der Atmosphäre dieses Tages paßten.

Bis auf die Schuhe wirkte er so unauffällig, daß niemand auf der Straße oder auf einer der zahlreichen Terrassen am Boulevard ihn beachtet hätte. - Georges Simenon, Maigret und der Mann auf der Bank. Zürich 1978 (detebe 155/4, zuerst 1952)

Überraschung (5)  Gabrielle war kaum geboren, da fing ich auch schon an zu planen, was ich eines Tages tun wollte; und sie war noch nicht ganz fünf, da hab ich's getan. Maurice hatte seine Pistole, eine kleine, in einem verschlossenen Schubfach oben in einem Wäscheschrank verwahrt. Ich schloß das Fach auf, entlud die Pistole und brachte Gabrielle ein lustiges kleines Spiel bei. Ich lag auf Lilys Bett und spielte die Schlafende. Das Kind rückte dann einen Stuhl an den Wäscheschrank, kletterte auf den Stuhl, holte die Pistole aus dem Fach, kroch über das Bett, setzte die Mündung der Pistole an meinen Kopf und drückte ab. Wenn sie es gut machte, mit wenig oder gar keinem Geräusch, und die Pistole richtig hielt in ihren Händchen, belohnte ich sie hinterher mit einem Bonbon und ermahnte sie, niemandem etwas von dem Spiel zu erzählen, auch der Mutter nicht, denn die wollten wir ja damit überraschen. Und das haben wir dann auch getan.  - Dashiell Hammett, Der Fluch des Hauses Dain. Zürich 1976 (detebe 20293, zuerst 1929)

Überraschung (6)  Eine junge Frau, womöglich eine Prinzessin, bog an diesem Frühlingsmorgen mit einer Schubkarre voller Äpfel, die sie hinter sich her zog, in die Avenue des Champs-Elysées ein. In Höhe des Rond-Point lachte sie plötzlich laut auf und sagte: „Es liegt etwas in der Luft."

Wie um das zu bestätigen, fiel - oder besser: landete - vor ihren Füßen eine Remington-Schreibmaschine und begann zu klappern, als schlüge jemand die Tasten an. Die junge Frau - sie war in Wirklichkeit die Gemahlin eines ehemaligen Ministers, Madame de Freycinet - war ein wenig überrascht; dennoch ging sie weiter. Kaum hatte sie hundert Meter zurückgelegt, als von einer Gaslaterne ein Leiervogel

herabflog und sich auf die Äpfel setzte. Im selben Augenblick flogen die Pflastersteine vom Boden auf, und eine riesige Pfeife erschien; dieser Pfeife entstieg eine einäugige Negerin, die rief:

„Hauptmann ... Hauptmann!"

Madame de Freycinet nahm Haltung an und sagte, militärisch grüßend:

„Mein Kind, du hast dich um das Vaterland verdient gemacht." Und sie gab ihr den Leiervogel, der, wütend darüber, daß er die Schubkarre verlassen sollte, sich die Lunge aus dem Hals kläffte. Die Negerin grüßte ihrerseits militärisch, hackte sich die Zehen ihres linken Fußes ab und legte sie an den Platz des Leiervogels, der endlich ruhig geworden war und sich auf ihren. Kopf gesetzt hatte.

Doch damit waren Madame de Freycinets Abenteuer noch nicht zu Ende. In Höhe der Select-Bar blieb sie eine Weile stehen, um zu verschnaufen, denn seltsamerweise schien sich das Gewicht der Schubkarre, seit die Negerin ihre Zehen hineingelegt hatte, verdoppelt zu haben. Sie sagte zu sich:

„Was für ein Wetter! Es ist wunderbar warm, und alle Uhren zeigen sieben Uhr. Dabei habe ich die Place de la Concorde um Mittag verlassen. Das ist doch unmöglich." Kaum war ihr dies durch den Kopf gegangen, als die Select-Bar sich auf sie zu bewegte und sie wie ein Tier verschlang, während ein General in Galauniform mit vorgestreckten Armen aus einem Fenster im ersten Stock stürzte. Einen Meter über dem Boden richtete er sich auf, und von einer ungeheuren Kraft getrieben, erhob er sich senkrecht in die Luft und verschwand in Richtung Place de l'Étoile.

Zwölf Jahre später sollte man ihn am Nordpol wiederfinden. Man nannte ihn „Herr Vaterland". - Benjamin Péret, Eine blaublütige Geschichte. In: Nautilus Literarischer Taschenkalender 1988. Hamburg 1987

Überraschung (7)  In geselliger Runde waren in Abo Bürgermeister Morey mit seiner Frau, Leutnant Smidt mit mehreren; sie trinken spät in der Nacht.

Morey wird von seiner Frau aufgefordert, zu Bett zu gehen, nachdem er wohl verpflegt war; die Frau schläft ein.

Smidt kommt herein, fordert Morey auf, hinaufzukommen und noch mehr zu trinken, und das leise, damit die Frau nicht aufwacht; welches geschieht.

Schmidt schleicht sich von der vollen Trinkgesellschaft, legt sich entkleidet zu Morreys Frau, beschläft sie; sie meint, es ist ihr Mann.

Morey trinkt den Rausch fort, legt sich, will seine Frau caressieren. Rs: was denn, noch einmal? Sie lehnt ab; er und sie verstehen das Widerspiel.

Die Frau wird davon melancholisch und fast von Sinnen.

Smidt lacht darüber, erzählt davon und brüstet sich damit.  - (nem)

Augenblick

 

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