eber-Buch  Ein Ziel lockt uns: Die Erforschung eines der großartigsten europäischen Scherbenhügel. Wir stoßen dabei auf ein neues Labyrinth-Geheimnis. Eine Zahl, der wir zufällig begegnen, führt uns zu einem neuen Ariadne-Faden. In einer neuen Veröffentlichung hinterlassener Notizen MALLARMÉS fanden wir die Zahl: 3 628 800. Wir erinnerten uns daran, daß dies eine Summe von Kombinationen der ‹Ars Magna Sciendi sive Combinatoria› von ATHANASIUS KIRCHER darstellt. KIRCHER schöpft seine Anregungen aus der ‹Ars Compendiosa› von RAYMUNDUS LULLUS (1223—1316). Wir fanden bestätigt, daß MALLARMÉ zumindest Schriften von LULLUS, diesem ebenso vielseitigen wie umstrittenen Philosophen und Dichter des Hochmittelalters, diesem Vermittler alter orientalischer Erkenntnismittel und Weisheiten, studiert hat. Doch zunächst einiges zu MALLARMÉS Konzeption eines universalen Über-Buchs, eines Buchs, das sämtliche Möglichkeiten der Sprache erschöpfen sollte.

Ein schmaler Rest des Nachlasses von MALLARMÉ ist, wie gesagt, jetzt erst veröffentlicht und gedeutet worden. Es handelt sich um Entwürfe zu einem ‹gewaltigen Werk›, genannt zunächst ‹Le Livre›, das ‹die enge Beziehung der Dichtung mit dem Universum› darlegt, wobei aber, damit die Dichtung rein sei, diese ‹von ihrem Traum- und Zufallscharakter befreit wird› (so MALLARMÉ selbst in einem Brief). ‹Schönheit› soll das ‹Buch› spiegeln. Es soll ‹glanzvolle Allegorien› des Absoluten enthalten, auch wenn dieses Absolute ‹Nichts› sein sollte. Diese Bemühung um ein poetisches Weltbuch vergleicht MALLARMÉ mit dem alchimistischen Suchen nach dem Absoluten. Auch LEONARDO DA VINCI nennt er als Vorbild. Wir finden dazu in den Fragmenten des NOVALIS den geheimnisvollen Imperativ an sich selbst: ‹Aufgabe, in einem Buche das Universum zu finden. Außerdem: ‹Von der Bearbeitung der transzendentalen Poesie läßt sich eine Tropik erwarten, die die Gesetze der symbolischen Konstruktion der transzendentalen Welt begreift›. MALLARMÉ beurteilt das Nachlassen des religiösen Glaubens nach der Französischen Revolution als eine folgenschwere Tragik. Er fand es allerdings für einen Dichter seiner Epoche schwer, das Religiöse mit den Bildern und Mitteln geoffenbarter Religionen zu vermitteln. Als das Wahre, Letzte bleibt ihm nur noch die logische Struktur des Universalen. Das erinnert an den metaphysischen Skeptizismus und universallogischen Instrumentalismus von WITTGENSTEIN, der bekanntlich nicht nur in England auch auf die Literatur einen Einfluß ausgeübt hat. Für MALLARMÉ ist das Wahre das Logische. Erkennbar wird es — als Weltsubstanz — aber nur im Bild. (WITTGENSTEIN: ‹Der Satz sagt nur insoweit etwas aus, als er ein Bild ist›.)

Von MALLARMÉS Entwürfen ist nur wenig erhalten: Skizzen, erinnernd an geometrische und algebraische Aufzeichnungen eines Architekten, anscheinend sinnlose Wortgruppen, durch Striche, Kreuze und Klammern miteinander in Verbindung gebracht. Sie geben einen erstaunlichen Einblick in die geheimsten Werkstattwinkel eines Dichters, der sich wie VALÉRY als Ingenieur-Daidalos empfand. Um eine geheime Stenographie handelt es sich, die mit kombinatorischen Mitteln ‹Alles› umfassen sollte. MALLARMÉS Wort ist bekannt: ‹Tout au monde existe, pour aboutir à un livre›. (Alles hienieden besteht, um in ein Buch zu münden.) Dieses Weltbuch sollte orphisch sein. Durch ein bestimmtes Verfahren wollte MALLARMÉ orphisches Weltwissen sammeln, jedoch in mathematischer Sprache. Als Anreger mögen die romantisch-manieristischen Fragmente von NOVALIS und WAGNERS Idee einer Vereinigung aller Künste mitgewirkt haben. Das Buch, das zehn Teile haben sollte, war als Vorlese-Buch gedacht. Es sollte in einer Serie von festlichen ‹Aufführungen› vermittelt werden.  - Gustav René Hocke, Manierismus in der Literatur. Sprach-Alchimie und esoterische Kombinationskunst. Reinbek bei Hamburg 1969 (rde 82/83, zuerst 1959)

Über-Buch  (2)   Letizia Alvarez de Toledo hat angemerkt, daß die ungeheure Bibliothek überflüssig ist; strenggenommen würde ein einziger Band gewöhnlichen Formats, gedruckt in Corpus neun oder zehn, genügen, wenn er aus einer unendlichen Zahl unendlich dünner Blätter bestünde. (Cavalieri sagte zu Anfang des 17. Jahrhunderts, daß jeder feste Körper die Überlagerung einer unendlichen Zahl von Flächen ist.) Die Handhabung dieses seidendünnen Vademecums wäre nicht leicht; jedes anscheinende Einzelblatt würde sich in andere gleichgeartete teilen; das unbegreifliche Blatt in der Mitte hätte keine Rückseite. - (bo3)
 
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