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Bahn Er war fett und schwarz; seine roten Lippen hoben sich
scharf von dem bläulichen Zahnfleisch ab und wirkten in dem runden,
gedunsenen, schweißtriefenden Gesicht wie frisch gehäutet. Sein
schwammiger Wanst war in ein rotgemustertes, am Hals offenstehendes
Sporthemd gezwängt, das unter den Armen
durchgeschwitzt war. Die kurzen Ärmel ließen enorme, von glänzender
schwarzer Haut umhüllte Bizepsmuskeln frei; die Beine jedoch
waren so mager, daß der Mann deformiert zu sein schien. Sie steckten
in einer schwarzen Hose, die prall saß wie eine Wurstpelle und
in der Leistenbeuge scheuerte. Ihm war offensichtlich weder in
seiner Haut wohl noch in seiner Hose. Er sah aus, als könne er
sich nicht entscheiden, auf wen er wütend sein sollte — auf die
mutterschänderische Hitze, auf die mutterschänderische Hose oder
auf seine mutterschänderischen weißen Arbeitgeber.
Ein großer, breiter Weißer mit klobigem Gesicht, der aussah, als ob er seit seiner Geburt einen Zwanzig-Tonnen-Lastwagen gefahren hätte, saß auf der anderen Gangseite. Er blickte angewidert auf den fetten Schwarzen. Fat Sam fing den Blick auf und zuckte zurück, als hätte der Mann ihn geohrfeigt. Als er sich schnell nach einem Blitzableiter für die Wut des Weißen umsah, entdeckte er den Blinden, der mit dem Gesicht zu ihm auf dem ersten Sitz jenseits der Tür saß. Der Blinde saß teilnahmslos da, starrte Fat Sam an, ohne ihn zu sehen, und schnitt ein bitterböses Gesicht. Aber wie alle Farbigen haßte es Fat Sam, angestarrt zu werden, und dieser Mutterschänder dort glotzte ihn auf eine Weise an, die ihm das Blut zum Sieden brachte.
«Was glotzte denn so, du Mutterschänder?» schrie er kampflustig.
Der Blinde konnte nicht wissen, daß Fat Sam zu ihm sprach; er wußte bloß, daß der Mutterschänder mit der großen Klappe, der gerade so blöde Selbstgespräche geführt hatte, nun auch noch Streit mit einem anderen Kerl suchte, bloß weil der zu ihm hinschaute. Aber irgendwie konnte er verstehen, daß der Mutterschänder so böse war. Hatte bestimmt so'n weißen Mutterschänder mit seiner Alten erwischt... Soller doch besser achtgeben, der Armleuchter, dachte er mitleidlos; wenn sie so 'ne Nutte is, musser halt aufpassen ... Zumindest sollte er seine schmutzige Wäsche nicht vor allen Leuten waschen. Unwillkürlich machte er eine Handbewegung zum Boden hin und murmelte: «Quatsch doch nich so viel, Mann!»
Die Geste traf Fat Sam wie der Strahl aus einem Schweißbrenner, und er stieg mit seinen beiden schwarzen Füßen drauf ein, wie sie in Harlem sagen. Der Mutterschänder winkt ab, als wenn 'ch 'n Hund wär, dachte er bitter. Fehlt bloß noch, dasser Kusch macht... un das vor all die beschissenen Weißen... Das versteckte Lächeln der Weißen erboste ihn mehr als die Geste des Blinden — das heißt, daß der alte Mann blind war, hatte er noch gar nicht bemerkt. Die blöden Weißen traten ihm sowieso von allen Seiten in den Arsch, und jetzt sagte sein eigener Seelenbruder ihm auch: Halt den Arsch still, damit die Weißen besser hintreten können — sinngemäß wenigstens...
«Wenn‘s dir nich paßt, wie ich red, du Mutterschänder, dann leck mich doch am Arsch!» brüllte er dem Blinden zu. «Ich kenn euch kackbraune Onkel Toms! Ihr denkt, ich bin 'ne Blamage für die Rasse.»
Der Blinde merkte erst, daß er gemeint war, als er eine Schwester protestierend sagen hörte: «So red man nich zu 'nem alten Mann. Schämen sollste dich, wo der dir gah nix getan hat.»
Er ärgerte sich weniger über das, was Fat Sam gesagt hatte, als über diese blöde Ziege, die ihn einen alten Mann nannte. Sonst hätte er gar nicht geantwortet. Aber so...
«Mir is scheißegal, ob du 'ne Blamage für die Rasse bist oder nich! » schrie er, und da ihm nichts anderes einfiel, fügte er hinzu: «Ich will bloß meine Kohlen wieder.»
Der große weiße Mann blickte Fat Sam vorwurfsvoll an, als hätte er ihn bei dem Versuch erwischt, einen Blinden zu bestehlen.
Fat Sam fing den Blick auf, und er wurde dadurch noch wütender auf den Blinden. «Kohlen!» schrie er. «Was denn für beschissene Kohlen?»
Die weißen Fahrgäste schauten sich schuldbewußt um: Was war aus den Kohlen des alten Mannes geworden? Aber die nächsten Worte des Blinden beruhigten sie.
«Die, um die de mich beschissen hast — du un die annern Mutterschänder !»
«Ich?» rief Fat Sam im Ton gekränkter Unschuld. «Ich soll dich um deine Kohlen beschissen haben? Ich kenn dich ja gah nich, Mutterschänder!»
«Wenn du mich nich kennst, Mutterschänder, was redst du dann mit mir?»
«Ich red mit dir? Ich red überhaupt nich mit dir, du blöder Hund. Ich hab bloß gefragt, warum du mich so anglotzt — un du redst blöd daher, damit die Weißen hier glauben, ich hätt dich beschissen... »
«Weiße?» schrie der Blinde, Es hätte nicht entsetzter klingen können, wenn Fat Sam erklärt hätte, der Waggon sei voll von Schlangen. «Wo? Wo?»
«Hier, du Mutterschänder!» krähte Fat Sam triumphierend. «Um dich rum. Überall!»
Die anderen Neger im Waggon blickten weg, damit niemand auf die Idee kommen sollte, sie hätten etwas mit diesen Leuten zu tun. Die weißen Fahrgäste schauten verstohlen herüber.
Der große weiße Mann verstand etwas falsch und gewann irgendwie den Eindruck, sie redeten über ihn. Er wurde rot vor Zorn.
Jetzt geschah es, daß auch der geschniegelte, dicke, gelbhäutige Geistliche in schwarzem Mohairanzug, der neben dem großen Weißen saß, die aufkeimende Spannung zwischen den Rassen bemerkte. Vorsichtig ließ er die aufgeschlagene New York Times sinken, hinter deren Seiten er sich versteckt hatte, und spähte über den Rand der Zeitung zu den Streitenden hinüber.
«Brüder! Meine Brüder!» mahnte er. «Ihr könnt eure Meinungsverschiedenheiten doch auch ohne Anwendung von Gewalt austragen.»
«Was heißt da Gewalt?» rief der große weiße Mann. «Was diese Nigger brauchen, ist Disziplin!»
«Gib acht, Mutterschänder — gib acht!» warnte der Blinde. Ob er den dicken Schwarzen oder den großen Weißen warnen wollte, blieb unklar. Aber seine Stimme klang so einschüchternd, daß der dicke, gelbhäutige Geistliche blitzschnell wieder hinter seiner Zeitung verschwand.
Fat Sam glaubte, die Drohung des alten Mannes habe ihm gegolten. Er sprang auf. «Redste mit mir, Mutterschänder?»
Der große weiße Mann sprang auch auf und stieß ihn auf den Sitz zurück.
Als er den Tumult um sich herum vernahm, stand auch der Blinde auf; er wollte sich nicht im Sitzen überrumpeln lassen.
Der große weiße Mann erblickte ihn und brüllte: «Und du setzt dich auch wieder hin!»
Der Blinde blieb stehen, da er nicht wußte, daß der Weiße ihn gemeint hatte.
Der Weiße stürzte durch den Gang auf ihn zu und stieß ihn auf den Sitz. Der Blinde machte ein erschrockenes Gesicht. Aber es hätte vielleicht doch alles noch friedlich enden können, wenn der Weiße ihn nicht geohrfeigt hätte.
Der Blinde wußte, daß der Weiße ihn auf den Sitz gestoßen hatte, aber er dachte, die Ohrfeige stamme von seinem Seelenbruder, der die Wut des Weißen habe ausnutzen wollen. Es war plausibel.
«Was hauste mich denn, du Mutterschänder?» schimpfte er.
«Wenn du jetzt nicht das Maul hältst und dich benimmst, kriegst du noch eine», drohte der Weiße.
Jetzt wußte der Blinde, daß es der Weiße gewesen war, der ihn geohrfeigt hatte. Er erhob sich wieder, langsam und bedrohlich, und stützte sich mit dem Arm gegen die Rücklehne. «Wenn du mich noch mal schlägst, weißer Mann, dann jag ich dich in die Luft.»
Der Weiße war verblüfft, denn er hatte gleich gemerkt, daß der Alte blind war. «Willst du mir drohen, Boy?» fragte er erstaunt.
Der dicke Geistliche wollte noch immer den Friedensstifter spielen und predigte hinter seiner Zeitung hervor: «Friede, ihr lieben Leute! Gott kennt keine Farbe nich.»
«Ach nee?» höhnte der Blinde, zog eine eine Pistole unter seinem alten blaugestreiften Kittel hervor und schoß auf den weißen Mann.
Der Knall erschütterte Fensterscheiben, Trommelfelle, Vernunft und Reflexe. Der große weiße Mann schrumpfte urplötzlich zur Größe eines Zwerges, und die Luft entwich pfeifend aus seinen Lungen.
Fat Sams verschwitzte schwarze Haut wurde mit einem Schlag strohtrocken und verfärbte sich hellgrau.
Aber die Kugel, blind wie der Schütze, war in die Richtung geflogen, in die die Pistole gezielt hatte, nämlich durch die Seiten der New York Times in das Herz des dicken Geistlichen. «Uh!» grunzten Hochwürden und brauchten hinfort keine Bibel mehr.
Die Totenstille, die auf den Schuß folgte, war zwar dem Ereignis angemessen, aber unbeabsichtigt. Nach dem Knall waren alle Fahrgäste einen Augenblick lang wie versteinert gewesen. Mit dem scharfen Geruch der Pulvergase kehrte das Reaktionsvermögen zurück.
Eine Schwester sprang auf und schrie: «Ein Blinder mit einer Pistole!» — wie nur eine Negerin schreien kann, in der vierhundertjährige Erfahrung mit Gewalttätigkeiten gespeichert ist. Ihr Mund öffnete sich zu einem riesigen ovalen Loch, groß genug, daß die Pistole des Blinden drinnen hätte verschwinden können; die braunfleckigen Zähne und der weißliche Belag auf ihrer Zunge waren deutlich zu erkennen.
«Ein Blinder mit einer Pistole... BLIND... MIT EINER PISTOLE...»
- Chester Himes: Blind, mit einer Pistole. Reinbek bei
Hamburg 1970 (zuerst 1969)
Das Ganze spielte sich in der Metro ab, in der ersten Klasse, Mein Gesprächspartner und ich saßen mit dem Rücken zueinander, er auf einer ansonsten leeren Sitzbank, ich auf einem Klappsitz. Er war ein Mann von etwas über dreißig, sehr dunkelhaarig, mit einem blassen Gesicht, das glattrasiert war bis auf die dichten Koteletten, die ihm halb über die Ohren reichten, zweifellos von recht hohem Wuchs (daher sein selbstbewußtes Gehabe), und keineswegs häßlich, wenn er auch ein wenig vulgär wirkte. War er besoffen? Oder einfach ein Witzbold, der dem alten Herren, der ich bin, Angst einjagen wollte? Ich werde es nie erfahren, und zwar umso weniger, als ich nach unserem kurzen Wortwechsel unseren Wagen zum Umsteigen verlassen mußte.
Ich vermerke nur, daß der Mann, der mir bis dahin den Rücken zugedreht hatte,
in dem Augenblick, als er mich so unvermittelt ansprach, die Zeitung Le Monde
las. In dieser Ausgabe - ich wußte es, weil ich dieselbe Zeitung ein oder zwei
Stunden zuvor in den Händen gehabt hatte - berichtete ein Artikel, daß in einer
Wohnung im fünften Arrondissement fünf junge Frauen aus Deutschland festgenommen
worden waren, die im Verdacht standen, mit der Baader-Meinhof-Gruppe und den
Roten Brigaden in Verbindung zu stehen. Gewiß war der, der mich angesprochen
hatte, kein Terrorist, aber ich vermute, daß er bei der Lektüre des betreffenden
Artikels nicht ohne Sympathie an solche Dinge dachte: an Entführungen, Geiselnahmen,
Mord am Nächstbesten oder an jede Form von Bruch mit den Grundregeln, die das
bürgerliche Leben schützen. - (leiris2)
- Henry Miller,
Wendekreis des Steinbocks, Reinbek bei Hamburg 1972 (zuerst 1939)
U-
Bahn (4) Erstaunlich ist es, die völlig erstarrte,
automatische und gleichsam narkotisierte Haltung des
modernen Menschen im Zustand der Ruhe, etwa während der Fahrt in einem der Verkehrsmittel
oder auch des Aufenthaltes an den sogenannten Vergnügungsstätten, zu beobachten.
Vielleicht wird ein Grad der Versunkenheit und Verlorenheit,
wie er auf diesen Masken liegt, kaum in einer chinesischen
Opiumhöhle anzutreffen sein. - (ej)
U- Bahn (5)
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