raum-Knigge  Wenn wir an die biblischen Träume, an die Träume Apollodors, an die schönen Träume, zu denen man durch die ›incubatio‹, den ausgedehnten Schlaf im Tempelbezirk, gelangte, kurz an die so würdevollen und eleganten Träume von einst denken, dann erscheinen uns die unsrigen wie billige Dutzendware. Also benehmen wir uns doch wenigstens, wie es sich gehört! Es ist kein Geheimnis mehr - nachdem Presse, Funk und Fernsehen einen Gegenstand indiskreter Massenverbreitung daraus gemacht haben -, daß unsere Träume oft mit sexuellen Angelegenheiten zu tun haben. Das ist zwar einerseits eine weitere Schwierigkeit, scheint mir aber auch ein Fingerzeig dafür, daß ein Traum-Knigge dringend nötig ist.

Ernsten Wissenschaftlern und Äbtissinnen kann es ebenso wie alten Vetteln, Marktweibern, Bauchladenverkäufern und Betschwestern passieren, von brennenden Kerzen, Blitzableitern oder auch von Höhlen und Türchen, von Brieftaschen und Korken zu träumen. Wer derlei träumen sollte, der ist schlecht beraten, wenn er durchblicken läßt, daß er ohnehin »alles weiß« und eine unschickliche Gewandtheit an den Tag legt. Zurückhaltung, leichtes Staunen und Distanz sind am Platz. Die Kerze, wenn möglich, auslöschen oder wenigstens ein Stück zur Seite rücken und sich mit etwas anderem beschäftigen. Wer von Korken träumt, erkläre sich zum Antialkoholiker, wer aufgefordert wird, in labyrinthische Höhlen vorzudringen, berufe sich auf seine lästige Klaustrophobie. Niemals spreche man von Papi und Mami, denn dieses Thema erhitzt die Träume, sie produzieren dann Messer, Vulkane, Guillotinen, Bohrer und rasende Züge. Wem Schlangen begegnen, der behandle sie mit wohlerzogener Vertrautheit: die Schlangen sind manisch depressiv, und sie gut behandeln heißt, sie nicht als das fürchterliche Symbol der Sünde einstufen, sondern als Brieftaschen im Schulalter oder als Handtäschchen, die noch in den Kindergarten gehen; das kränkt sie, und nicht selten übersiedeln sie dann in einen anderen Traum.

Manche Träume sind indiskret und kehren immer wieder, da ist Vorsicht geboten; man ist beispielsweise nackt oder in Unterhosen unterwegs oder im Schlafanzug auf einem großen Empfang zusammen mit Päpsten und Generälen. Im allgemeinen wäre es müßig, sich da eine Unterhose oder sonst ein Kleidungsstück zu beschaffen, indem man sie sich bei einem Würdenträger oder Kirchenfürsten ausleiht oder dem Butler zu entreißen versucht. Der weiseste Standpunkt ist, wie ich glaube, sich zu vergegenwärtigen, daß im Traum die Nacktheit keineswegs unschicklich, Unterwäsche nicht wesentlich ist, man wird nämlich feststellen, daß außer dem nackten oder spärlich bekleideten Träumer selbst niemand Notiz davon nimmt; also ist Ruhe geboten, Lässigkeit, Höflichkeit und ein bißchen, aber nur ein bißchen, Humor. Einem Freund von mir träumte einmal, er hänge nur mit seinen Hosenträgern bekleidet an einem Baum und führe ein Gespräch, das er selbst als »angenehm« bezeichnete, mit einem weißen Kater, höchstwahrscheinlich einem Geistlichen, da dieser mit einem wohlerzogenen »Sie gestatten doch« allenthalben die Plauderei unterbrach, um eine Schlange umzubringen.

Im Falle unverhüllt widerlicher Träume - die aber noch lange keine Alpträume sind -, wo es, sagen wir, um Deportationen, Bombenangriffe oder um ein elendes Leben in den Stadtkloaken geht, lasse man nie durchblicken, man wisse ja, dies sei »nur ein Traum«. Das wäre gefährlich, denn die Traumfabrikanten, von denen ich sonst nichts weiß, sind nachtragend, und es wäre auch ungezogen, da die Herstellung eines Traumes Liebe, Geduld und Sachkenntnis erfordert und daher kein Gegenstand der Verachtung werden darf. Es ist bestimmt unangenehm, wenn man träumt, man sei im Krieg, nicht zuletzt deshalb, weil man inmitten einer Masse raufender Sexualsymbole die nötige Ruhe verliert, und weil die entfesselte Wut so vieler verkleideter Schamteile den biederen Träumer in Verwirrung stürzt und erniedrigt.

Wenn man im Traum von einem Felsenriff in die Tiefe stürzt, ist man jeglicher gesellschaftlichen Vorsicht entbunden: ich würde sagen, es reicht schon, wenn man nicht schreit. Falls es ein sanfter, zartfühlender Sturz ist und man einen Tanz vortäuschen kann, so ist es wohlgetan und zeugt von Umgangsformen. Wer im Traum fliegt, plustert sich im allgemeinen damit auf, und das schickt sich nicht. Man kann ja auch auf wohlerzogene Weise fliegen, als wäre es etwas Selbstverständliches, beinahe ein wenig Langweiliges, aber auf keinen Fall Unangenehmes.  - Giorgio Manganelli, Niederauffahrt. Berlin 1987 (zuerst 1964)

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