ennis  All das war nichts, gar nichts im Vergleich zu dem unbeschreiblichen Wonnekitzel, den ihr Tennisspiel in mir hervorrief - das aufreizende, berauschende Gefühl, am äußersten Rand überirdischer Ordnung und Herrlichkeit zu balancieren.

Trotz ihres vorgerückten Alters war sie mit ihren aprikosenfarbenen Gliedern, ihrem kindlichen Tennisdress mehr denn je ein Nymphchen! Meine geflügelten Herren! Kein Jenseits ist annehmbar, wenn es sie nicht genau so inkorporiert, wie sie damals war, in jenem Ferienort in Colorado zwischen Snow und Elphinstone, und alles muß bitte stimmen: die weiten, weißen Kleinjungenshorts, die schlanke Taille, die aprikosenfarbene Magengrube, das weiße Brusttuch, dessen Bänder aufstiegen, den Hals umschlangen und hinten in einem baumelnden Knoten endeten, so daß ihre atemraubend jungen, anbetungswürdigen Schulterblätter mit ihrem aprikosenfarbenen Flaum und den wunderschönen sanften Knochen und dem glatten, nach unten schmaler werdenden Rücken unverhüllt blieben. Ihre Mütze hatte ein weißes Schild. Ihr Schläger hatte mich ein kleines Vermögen gekostet. Idiot, dreifacher Idiot! Ich hätte sie filmen können! Dann hätte ich sie jetzt bei mir, vor meinen Augen, im Projektionsraum meiner Pein und Verzweiflung!

Bevor sie sich zum Aufschlag reckte, wartete sie ein paar Takte hinter der Kreidelinie, entspannte sich, ließ oft den Ball ein- oder zweimal aufspringen oder glättete den Boden ein wenig mit ihrem weißen Schühchen, immer locker, nie genau den Stand des Spiels verfolgend, immer gutgelaunt, wie sie es in dem dunklen Leben, das sie zu Hause führte, so selten war. Ihr Tennis war die Höchstleistung, zu der es ein junges Geschöpf in der Kunst der Vortäuschung bringen konnte, obgleich es für sie vermutlich die schiere Geometrie elementarer Wirklichkeit war.

Die ungemeine Klarheit all ihrer Bewegungen fand eine vernehmbare Entsprechung in dem reinen Klang jedes ihrer Schläge. Sobald der Ball in ihren Herrschaftsbereich drang, wurde er irgendwie weißer, sein Anprall irgendwie reicher, und das Präzisionsinstrument, mit dem sie ihn traktierte, schien im Augenblick des haftenden Kontaktes etwas ungewöhnlich Zupackendes und Absichtsvolles zu haben. Ihr Stil war in der Tat die absolut vollkommene Nachahmung von absolut erstklassigem Tennis - ohne utilitaristisches Resultat. Wie Edusas Schwester, Electra Gold, eine ausgezeichnete junge Trainerin, mir einmal sagte, als ich von einer harten Bank aus, die unter mir zu pulsieren begonnen hatte, zuschaute, wie Dolores Haze gleichsam im Spaß Linda Hall über den Platz jagte (und doch von ihr geschlagen wurde): «Dolly hat einen Magneten in der Mitte ihrer Racketdärme, aber warum zum Kuckuck ist sie so höflich?» Ach, Electra, was machte es schon, bei solcher Grazie! Als ich ihr das allererste Mal zusah, überrieselte mich bei der Verarbeitung von soviel Schönheit geradezu ein fast schmerzhaftes Beben. Meine Lolita hatte eine berückende Art, zu Beginn ihres weiträumigen und federnden Aufschlags das gebeugte linke Knie zu heben, wenn sich ein lebendiges ausbalanciertes Netz zwischen vier Punkten ausspannte und einen Moment lang in den Strahlen der Sonne hing - zwischen der Fußspitze, der noch fast haarlosen Achselhöhle, dem gebräunten Arm und dem weit von hinten ausholenden Schläger -, während sie mit glitzernden Zähnen zu der kleinen Kugel emporlächelte, die hoch im Zenit des mächtigen und anmutigen Kosmos schwebte, welchen sie eigens zu dem Zweck erschaffen hatte, mit dem reinen, hallenden Knall ihrer goldenen Peitsche auf ihn einzuschlagen.

Ihrem Aufschlag waren Schönheit, Direktheit, Jugend, eine klassische Reinheit der Schlägerbewegung eigen - und doch war er trotz seines flinken Tempos ziemlich leicht zurückzuspielen, denn ihre langen, eleganten Bälle waren ohne Drall und Wucht.

Bei dem Gedanken, daß ich all ihre Schläge, all ihren Zauber auf Zelluloidsegmenten hätte verewigen können, muß ich heute stöhnen vor Frustration. Sie wären so viel mehr gewesen als die Momentaufnahmen, die ich verbrannt habe. Ihr hoher Flugball stand in der gleichen Beziehung zu ihrem Service wie das Geleit zu einer alten lyrischen Ballade; denn man hatte meiner Schmusekatze beigebracht, auf ihren behenden, lebhaften, weißbeschuhten P'üßen nach dem Aufschlag sofort ans Netz zu sprengen. Ihre Vorhand und ihre Rückhand waren einander ebenbürtig: Sie waren Spiegelbilder - meine Lenden summen noch heute von jenem scharfen Pistolenknall der Schläge, den ein knappes Echo und Electras Zuruf wiederholten. Einer ihrer besten Schläge war ein kurzer Pickup, den ihr Ned Litam in Kalifornien beigebracht hatte.

Theaterspielen war ihr lieber als Schwimmen, und Schwimmen lieber als Tennis; trotzdem bestehe ich darauf: Wäre nicht etwas in ihr durch mich gebrochen worden - nicht daß ich es damals gewußt hätte! -, so hätte sie außer ihrem vollendeten Stil auch den Willen zum Sieg gehabt und wäre schon als Mädchen ein richtiges Tennis-As geworden. Dolores mit zwei Rackets unter dem Arm in Wimbledon. Dolores macht Reklame für ein Dromedar. Dolores wird Profi. Dolores spielt in einem Film eine junge Weltklassespielerin. Dolores und ihr grauer, bescheidener, stummer Ehemann und Trainer, der alte Humbert.

Ihre Spielweise war ohne Fehl und Trug - es sei denn, man hielte ihre fröhliche Gleichgültigkeit gegenüber seinem Ergebnis für die Finte eines Nymphchens. Sie, die im täglichen Leben so grausam und verschlagen sein konnte, legte beim Plazieren ihrer Bälle eine Unschuld, eine Offenheit, eine Gutmütigkeit an den Tag, die es einem zweitklassigen, aber entschlossenen Spieler, ganz gleich wie linkisch und unfähig, erlaubte, sich mit Ach und Krach zum Sieg durchzuwursteln. Trotz ihrer kleinen Statur beherrschte sie die achtundneunzig Quadratmeter ihrer Platzhälfte mit wunderbarer Leichtigkeit, sobald sie im Rhythmus des Schlagwechsels war und solange sie diesen Rhythmus selber bestimmen konnte; jeder plötzliche Angriff aber oder ein jäher Taktikwechsel des Gegners machten sie hilflos. Beim Matchball sauste ihr zweiter Aufschlag, der - typischerweise - noch kräftiger und stilvoller war als ihr erster (denn sie hatte die I lemmungen nicht, die vorsichtige Gewinner haben), surrend gegen die Harfensaite der Netzkante - und prallte schräg ins Aus. Die geschliffene Glasperle ihres Stoppballs wurde von einem Gegner returniert, der vierbeinig zu sein schien und ein krummes Paddel schwing. Ihre dramatischen Drives und herrlichen Flugbälle landeten arglos zu seinen Füßen. Immer und immer wieder schlug sie einen leichten Ball ins Netz - und mimte lustige Bestürzung, indem sie sich mit einer in die Stirn hängenden Locke in Ballettpose ermattet sinken ließ. So steril waren ihre Grazie und ihr Schlag, daß sie nicht einmal mich Keuchenden mit meinem altmodisch hohen Drive besiegen konnte. Für den Zauber, der von Spielen ausgeht, muß ich wohl besonders empfänglich sein. Bei meinen Schachsitzungen mit Gaston sah ich das Brett als ein quadratisches Becken voll klaren Meerwassers mit seltenen Muscheln und Strategemen, die sich rosig von seinem glatten Mosaikboden abhoben, während mein verwirrter Gegner dort nichts sah als Schlamm und Sepiagewölk. In ähnlicher Weise sind mir die ersten Tennisstunden, die ich Lolita aufzwang - vor den Offenbarungen, die ihr durch die großen kalifornischen Lektionen zuteil wurden -, in bedrückender und bekümmernder Erinnerung geblieben, und das nicht nur, weil sie sich von jeder meiner Anweisungen hoffnungslos und irritierend irritiert fühlte, sondern weil die kostbare Symmetrie des Tennisplatzes nicht etwa die in ihr schlummernde Harmonie reflektierte, sondern durch das Ungeschick und die Mattheit des trotzigen Kindes, dem ich ein so schlechter Lehrer war, völlig verdorben wurde. Jetzt lagen die Dinge anders, und an dem besonderen Tag, von dem ich spreche, in der reinen Luft von Champion, Colorado, auf dem herrlichen Tennisplatz am Fuß einer steilen Steintreppe, die zum Champion-Hotel hinaufführte, wo wir die Nacht verbracht hatten, hatte ich das Gefühl, ich könnte mich in der Unschuld ihres Stils, ihrer Seele und ihrer ureigenen Anmut von den Schreckgespenstern unbekannter Treulosigkeiten erholen.

Sie schlug hart und flach mit ihrem üblichen mühelosen durchgezogenen Schwung, returnierte mir die Bälle knapp über das Netz tief in meine Platzhälfte - alles so rhythmisch geordnet und übersichtlich, daß es meine Fußarbeit praktisch auf einen schwingenden Spaziergang reduzierte - geübte Spieler werden verstehen, was ich meine. Mein ziemlich stark geschnittener Aufschlag, den mir mein Vater beigebracht hatte - er seinerseits verdankte ihn Decugis oder Borman, alten Freunden und großen Meistern -, hätte meine Lo in ernstliche Schwierigkeiten gebracht, hätte ich wirklich versucht, ihr Schwierigkeiten zu machen. Aber wer wollte ein liebes Mädchen mit solch strahlenden Augen ärgern? Habe ich je erwähnt, daß ihr nackter Arm die 8 der Pockenimpfung aufwies? Daß ich sie hoffungslos liebte? Daß sie erst vierzehn war? - (lo)

Tennis (2)  Wir verachteten Tennis; das war ein Spiel für Mädchen, oder für Yankees. Fermina zu Gefallen brachten Santos und Demoisel diesen Sport zu hohem Ansehen. Wir ließen uns Schläger kommen, besondere Schuhe; es wurde sehr schön. Fermina Márquez gewann im Spiel neues Leben, bewundernswert waren ihre Kraft und Gewandtheit, und dabei verstand sie es, selbst in den schnellsten Bewegungen Noblesse und majestätische Haltung zu bewahren. Man trug damals weite und offene Ärmel, und jedesmal, wenn das junge Mädchen den Arm hob, fiel der Ärmel herab, glitt nach und nach bis über den Ellbogen zurück. Noch jetzt erstaunt es mich, daß sie unser aller Blicke nicht empfand, die sich voll Neugier und Hunger an ihrem nackten Arm gleichsam festsaugten. Eines Tages, als die Partie beendet war und Fermina Santos ihren Schläger zurückgegeben hatte, küßte Santos den Griff vor ihren Augen.

»Ach, lieben Sie einen Tennisschläger so sehr?« »Und mehr noch die Hand, die ihn umspannt hat.« Santos hatte sie am Gelenk ergriffen und drückte seine Lippen darauf. Heftig riß sie die Hand zurück, und ihr Armband, das sich geöffnet hatte, fiel zu Boden. Santos hob es auf und erklärte, es behalten zu wollen.

»Das werden Sie nicht wagen!«

»Oh, ich werde noch mehr wagen: Heute abend, um elf Uhr, bringe ich es Ihnen zurück, in Ihre Wohnung, nach Paris.«  - Valery Larbaud, Fermina Márquez. Frankfurt am Main, Berlin 1992 (Ullstein-Tb. 30250, zuerst 1911)

Tennis (3)

Ballspiel
Oberbegriffe
zurück 

.. in der Systematik ...

weiter im Text 
Unterbegriffe
Verwandte Begriffe
Synonyme