reppensteigen   M. de Bryas, der Erzbischof von Cambrai, war im November gestorben, und der König hatte diesen fetten Bissen dem Abbé Fénelon, dem Erzieher der königlichen Enkel gegeben. Fénelon war ein Edelmann, der zwar keinerlei Vermögen, aber viel Geist, zumal jenen einschmeichelnden, bezaubernden Geist besaß, dazu viele Talente, Begabungen und Kenntnisse, und da er sich dessen bewußt war, war er von ungeheurem Ehrgeiz erfüllt. Er hatte lange Zeit an alle Türen angeklopft, ohne daß sich ihm eine geöffnet hatte. Verärgert über die Jesuiten, an die er sich, da sie die wichtigsten geistlichen Ämter zu vergeben hatten, zunächst gewandt, von denen er aber in einer Form abgewiesen worden war, die es ihm unmöglich machte, die Beziehung zu ihnen wiederaufzunehmen, wandte er sich nun den Jansenisten zu, denn kraft seines Verstandes und aufgrund des Ruhmes, den bei ihnen zu erwerben er sich schmeichelte, hoffte er dort, seinen Gram über die ihm entgangenen Glücksgüter zu vergessen. Er brauchte beträchtliche Zeit, um sich bei ihnen einzuführen; schließlich aber erreichte er es, zu den exklusiven Mahlzeiten eingeladen zu werden, die einige ihrer Mächtigsten Anhänger ein- oder zweimal wöchentlich bei der Duchesse de Brancas zu veranstalten pflegten. Ich weiß nicht, ob Fénelon ihnen vielleicht doch zu schöngeistig war oder ob er persönlich sich anderswo Besseres versprach als von Leuten, mit denen es nichts als Wundmale zu teilen gab; jedenfalls kühlte seine Beziehung zu ihnen allmählich ab.Da er mit aller Entschiedenheit in Saint-Sulpice herumstrich, gelang es ihm  tatsächlich, dort eine neue Verbindung anzuknüpfen, von der er sich mehr erhoffte. Diese Priestergemeinschaft begann sich langsam durchzusetzen und größeren Zulauf zu finden. Ihre Unwissenheit, die Kleinlichkeit ihrer Praktiken, der Mangel an jeglicher Protektion und  an jeglichem Mitglied von Rang und Bedeutung bewog sie zu einem! blinden Gehorsam gegen Rom und dessen Maximen und ließ sie einen weiten Bogen machen um alles, was auch nur im entferntesten als Jansenismus gelten konnte. Ihre Unterwerfung unter die Bischöfe bewirkte, daß diese bestrebt waren, sie nach und nach in zahlreichen Diözesen einzusetzen. Die Prälaten, die sowohl den Hof als auch dit Abhängigkeit von den Jesuiten fürchteten, betrachteten die Sulpicianer als nützliche Hilfskräfte. Auf diese Weise gewann die Kongregation in kurzer Zeit große Anhängerschaft, aber niemand unter ihnen konnte sich auch nur annähernd mit dem Abbé Fénelon messen, so daß er hier das rechte Feld für seine Herrschsucht fand und überdies die Möglichkeit, sich Beschützer zu suchen, denen daran gelegen war, ihn unter ihre Fittiche zu nehmen, um dann ihrerseits von ihm protegiert zu werden Seine Frömmigkeit, seine Doktrin, die er der von Saint-Sulpice anglich - wobei er im stillen allem abschwor, was er etwa von jenen, die er im Stich gelassen, Unreines angenommen - seine Liebenswürdigkeit, seine Sanftmut, seine Zuvorkommenheit machten ihn für diese neue Kongregation zu einem teuren Freund; er wiederum fand in ihnen, was er seit langem suchte: bündnisfähige Leute, die ihn zu fördern bereit und fähig waren. Indes er stets weiter nach günstigen Gelegenheiten Ausschau hielt, kam er ihnen weitgehend entgegen, wobei er allerdings keinen Augenblick lang der seinen Absichten und Plänen zweifellos hinderlichen Versuchung erlag, sich diesem Kreis allzu eng anzuschließen; vielmehr war er nach wie vor darauf erpicht, Bekanntschaften zu machen und Freundezu gewinnen. Er war ausgesprochen gefallsüchtig und darauf bedacht, von den mächtigsten Personen, aber auch von Handwerkern und Lakaien anerkannt und bewundert zu werden; seine Fähigkeiten und Talente kamen diesen seinen Wünschen trefflich zustatten. Zu jener Zeit, als Fénelon noch unbekannt war, hörte er von Mme Guyon reden; sie hat inzwischen soviel Aufsehen in der Gesellschaft erregt, und sie ist so bekannt geworden, daß ich sie nicht weiter zu beschreiben brauche. Er sah sie; beide spürten ihre Geistesverwandtschaft, ihre schönen Seelen verschmolzen in eins. Ich weiß nicht, ob sie wirklich in jenem System und jener neuen Sprache, die sich dann bei ihnen entwickelte, so ganz miteinander übereinstimmten; jedenfalls redeten sie es sich gegenseitig ein, und die Verbindung zwischen ihnen war beschlossene Sache. Zwar war Mme. Guyon damals schon bekannter als Fénelon, doch war sie noch nicht so bekannt, daß die Beziehung der beiden bemerkt worden wäre, da niemand ihrer achtete und nicht einmal Saint-Sulpice von dieser Seelenfreundschaft etwas wußte.  - (sim)

Treppensteigen (2)  

Treppensteigen (3) Jedermann wird schon einmal beobachtet haben, daß sich der Boden häufig faltet, dergestalt, daß ein Teil im rechten Winkel zur Bodenebene ansteigt und der darauffolgende Teil sich parallel zu dieser Ebene befindet, um einer neuen Senkrechte Platz zu machen: ein Vorgang, der sich als Spirale oder in gebrochener Linie bis in äußerst unterschiedliche Höhen fortsetzt. Wenn man sich bückt und die linke Hand auf einen der vertikalen Teile, die rechte Hand dagegen auf die entsprechende Horizontale legt, ist man im vorübergehenden Besitz einer Treppenstufe oder Staffel. Jede einzelne dieser, wie man sieht, aus zwei Elementen gebildeten Stufen befindet sich etwas höher und weiter zurück als die vorhergehende, ein Prinzip, das Treppen erst zu Treppen macht, wogegen eine beliebige andere Kombination vielleicht schönere oder malerischere Formen hervorbringen würde, die aber untauglich wären, vom Erdgeschoß zum ersten Stock zu befördern. Treppen steigt man von vorn, da sie sich von hinten oder von der Seite als außerordentlich unbequem erweisen. Die natürliche Haltung ist der aufrechte Gang; die Arme hängen locker herab; der Kopf ist erhoben, wenngleich nicht dermaßen, daß die Augen beim Gehen die nächst höheren Stufen übersehen; der Atem sei langsam und regelmäßig. Um eine Treppe zu steigen, beginnt man damit, daß man jenen Teil des Körpers hebt, der rechts unten gelegen, fast immer in Schweins- oder Sämischleder gehüllt ist und, außer in Ausnahmefällen, genau auf die Stufe paßt. Hat man besagten Teil, den wir der Kürze halber Fuß nennen wollen, auf die erste Stufe gesetzt, zieht man den entsprechenden Teil zur Linken (ebenfalls Fuß genannt, darf aber nicht mit dem vorhergenannten verwechselt werden) nach, hebt ihn in Höhe des Fußes und läßt ihn folgen, bis er sich auf der zweiten Stufe befindet. Ist das geschafft, wird sich der Fuß darauf ausruhen, und auf der ersten wird sich der Fuß ausruhen. (Die ersten Stufen sind stets am schwersten, bis man die erforderliche Koordination erworben hat. Die Namensgleichheit von Fuß zu Fuß macht die Erklärung schwierig. Man achte insbesondere darauf, daß man nicht zur gleichen Zeit den Fuß und den Fuß hebt).  - (cron)

Treppensteigen (4)

(Photo aus:  - Julio Cortázar, Das Observatorium. Frankfurt am Main 1989 (Fotos unter Mitarbeit von Antonio Gálvez; zuerst 1972))

Irgendwo in meiner Bibliographie - ich kann mich an die Stelle nicht mehr erinnern - wurde einmal klargemacht, daß es Treppen gibt, die man hinaufgeht, und solche, die man hinuntergeht; unerwähnt blieb seinerzeit, daß es auch Treppen geben kann, auf denen man rückwärts geht.

Die Benutzer dieser nützlichen Artefakte werden ohne weiteres einsehen, daß jede Treppe rückwärts geht, wenn man sie rückwärts hinaufsteigt, doch was in diesem Fall dahingestellt bleibt, ist das Ergebnis dieses ungewöhnlichen Vorgangs. Man versuche es mit irgendeiner Außentreppe; hat man das anfängliche Gefühl der Unbequemlichkeit und selbst des Schwindels überwunden, wird man mit jeder Stufe ein neues Panorama erblicken, das zwar zum Teil das Panorama der niederen Stufe ist, dieses aber zugleich korrigiert, kritisiert und erweitert. Man bedenke, daß noch vor kurzem, als man dieselbe Treppe in der gewöhnlichen Weise hinaufgegangen war, die rückwärtige Welt durch die Treppe selbst, durch ihre hypnotische Stufenfolge, schlicht abgeschafft war; dagegen braucht man die Treppe nur rückwärts hinaufzugehen, und schon erweitert sich ein anfangs durch die Gartenmauer begrenzter Horizont sprunghaft bis zu dem kleinen Acker der Penalozas, umfaßt darauf die Mühle der Krämerin, lodert auf mit den Zypressen des Friedhofs und reicht mit etwas Glück bis an den wahren Horizont, den der Definition, die uns die Lehrerin im dritten Schuljahr gegeben hat. Und der Himmel, und die Wolken? Zählen Sie sie, wenn Sie ganz oben sind, trinken Sie den Himmel, der Ihnen aus seinem riesigen Trichter mitten ins Gesicht strömt. Danach, wenn Sie sich umdrehen, das Obergeschoß Ihres Hauses betreten und Ihr häusliches Alltagsleben beginnen, wird Ihnen vielleicht klarwerden, daß man auch dort viele Dinge in dieser Weise sehen müßte, daß man auch einen Mund, eine Liebschaft, einen Roman ... Aber seien Sie vorsichtig, man kann leicht stolpern und hinfallen; es gibt Dinge, die sich einem nur zeigen, wenn man rückwärts hinaufgeht, und andere, die nicht wollen, die vor diesem Aufstieg, der sie zwingt, dermaßen sich zu entblößen, Angst haben; hartnäckig an ihrem Niveau und ihrer Maske festhaltend, rächen sie sich grausam an dem, der rückwärts hinaufsteigt, um das andere, den kleinen Acker der Penalozas oder die Zypressen des Friedhofs zu sehen. Vorsicht bei diesem Stuhl; Vorsicht bei dieser Frau. - (cort2)

Treppensteigen (5)

 

Steigen Treppe

 

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Verwandte Begriffe
Aufstieg, sozialer
Synonyme