traße   Ich bin über die Straßen vieler Länder gewandert, aber nirgendwo habe ich mich so gedemütigt und erniedrigt gefühlt wie in Amerika. Ich denke an all die Straßen Amerikas, die zusammen eine riesige Senkgrube bilden, eine Senkgrube des Geistes, von der alles verschlungen und weggeschwemmt wird zur ewigen Scheiße. Über dieser Senkgrube schwingt der Geist der Arbeit seinen Zauberstab: Paläste und Fabriken schießen nebeneinander in die Höhe und Munitionsfabriken und chemische Werke und Stahlwerke und Sanatorien und Gefängnisse und Irrenhäuser. Der ganze Kontinent ist ein einziger Albtraum, der das größte Elend für die größte Zahl produziert.   - Henry Miller, Wendekreis des Steinbocks. Reinbek bei Hamburg 1972 (zuerst 1939)

Straße (2)

Erotisches Varieté

Auf offner Straße in der Nacht
Entkleidet sich ein Kneipenwirt.
Ein Ingenieur ist aufgebracht,
Der sich bei seinem Weib verirrt.

Nach gleichgesinnten Viechern schielt
Ein homosexueller Hund.
Ein Greis, der mit sich selber spielt,
Merkt: Allzuviel ist ungesund.

In schmutzig grüner Tunke hockt
Ein blauer Syphilitiker.
Ein Boxer bebt. Ein Baby bockt.
Verstiert fault ein Zylinderherr.

Ein Auto bringt ein Fräulein um.
Ein Junge bricht ein Mädchen an.
Verbittert ist ein Mensch. Warum?
Weil er nicht coitieren kann.

 - Alfred Lichtenstein

Straße (3) Ich bin durch all diese Stadtteile gekommen, zu Fuß oder im Wagen. Nur wenige Hauptstraßen waren freigelegt, aber Kilometer über Kilometer kein lebendiges Haus mehr. Und versuchte man seitlich einzudringen, verlor sich sofort jedes Gefühl für Zeit und Richtung. In Gegenden, die ich zu kennen glaubte, habe ich mich völlig verirrt. Ich habe eine Straße gesucht, die ich im Schlaf hätte finden müssen. Da, wo ich sie vermutete, stand ich und wußte mir nicht zu helfen. Ich habe die Querfurchen im Geröll an den Fingern abgezählt, doch ich habe die Straße nicht wieder entdeckt. Und wenn man nach Stunden einen Menschen traf, dann war es auch nur einer, der im Traum durch die ewige Einöde wandelte. Man ging mit einem scheuen Blick aneinander vorbei und sprach noch leiser als vorher. Irgendwo schien wohl die Sonne, aber über diese Dämmerung hatte sie keine Macht. - Hans Erich Nossack, Der Untergang. Frankfurt am Main 1987 (zuerst 1948)

Straße (4)  Ich wohne in der Brick Lane, einer schmalen Straße im Londoner East End, die über einem römischen Friedhof errichtet wurde. In den vergangenen fünf Jahrhunderten ist sie meist als Ort der Armut und des Lasters geschmäht worden, als Magnet für Kriminelle und Herumtreiber. Ein Geistlicher beschrieb sie im 19. Jahrhundert als "Land von Blut und Bier"; Jack the Ripper ermordete eines seiner Opfer in einer Seitenstraße; jeder jenseits der Vierzig kann sich an Stadtstreicher mit geschwollenen Fußgelenken und schwarzen Zähnen erinnern, die früher zwischen den Bombenkratern dieser Straße auf- und abstolperten und Methylalkohol soffen, um schließlich vor Lagerfeuern zusammenzusacken. - Sukhdev Sandhu

Straße (5)  Es gab eine kleine Straße, nur einen Häuserblock lang, die zwischen der Grand Street und der North Second Street lag und Fillmore Place hieß. Die kleine Straße lag schräg gegenüber von dem Haus, das meinem Großvater gehörte und in dem wir wohnten. Es war die bezauberndste Straße, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe — die ideale Straße für einen Jungen, einen Verliebten, einen Wahnsinnigen, einen Trunkenbold, einen Hochstapler, einen Wüstling, einen Banditen, einen Astronomen, einen Musiker, einen Dichter, einen Schneider, einen Schuster, einen Politiker. Genau eine solche Straße war es: sie beherbergte alle Vertreter der menschlichen Rasse, deren jeder eine Welt für sich war und die alle zusammen, harmonisch oder unharmonisch, aber zusammen, als eine feste Gemeinschaft lebten, eine dichte menschliche Keimzelle, die nicht zerfallen konnte, es sei denn, die Straße selbst wäre zerfallen. - Henry Miller, Wendekreis des Steinbocks. Reinbek bei Hamburg 1972 (zuerst 1939)

Straße (6)  Die Straßen waren meine Zuflucht. Und kein Mensch kann den Zauber der Straßen verstehen, ehe er nicht gezwungen ist, in ihnen Zuflucht zu suchen, ehe er nicht ein Strohhalm geworden ist, der von jedem Windstoß hierhin und dorthin geweht wird. Man geht an einem winterlichen Tag durch eine Straße, und ein Hund, der verkauft werden soll, rührt einen zu Tränen. Während auf der anderen Straßenseite, einladend wie ein Friedhof, eine elende Bruchbude steht, die sich ‹Hôtel du Tombeau des Lapins› nennt. Das bringt einen zum Lachen, rein zum Totlachen. Bis man merkt, daß es überall Hotels gibt für Hasen, Hunde, Läuse, Kaiser, Kabinettminister, Pfandleiher, Roßtäuscher und so fort. Und fast jedes zweite ist ein ‹Hôtel de l'Avenir›. Was einen noch mehr aus dem Häuschen bringt. So viele Hotels der Zukunft! Keine Hotels im Partizip der Vergangenheit, keine im Konjunktiv, keine Konjunktivitis. Alles ist altersgrau, grausig, birst vor Lustigkeit, ist von Zukunft geschwollen wie eine Zahnfistel. Trunken von diesem geilen Ekzem der Zukunft wanke ich weiter zur Place Violet, wo alle Töne malvenfarben und schiefergrau und die Türrahmen so niedrig sind, daß nur Zwerge und Kobolde sich hindurchzwängen könnten. Über dem dumpfen Schädel Zolas verqualmen die Kamine reinen Koks, während die ‹Madonna zu den belegten Broten› mit Kohlblätterohren dem Brodeln der Gaskessel lauscht, dieser schönen, gedunsenen, am Straßenrand hockenden Kröten. - (krebs)

Straße (7)  »Hier ist es.«  Er nahm mich beim Ellbogen, und ich stieg aus und stellte mich neben ihn. Dann stieg der andere Beamte aus. Beide packten mich und führten mich in die Straße wie einen richtigen Gefangenen - der eine machte aus meinem Mantelkragen eine Kompresse, der andere aus meinem Ärmel. So mit mir in der Mitte konnten sie natürlich nur diagonal gehen. Die anderen blieben beim Wagen. Die Straße war tückisch. Sie wurde länger und länger. Sie wurde sogar noch etwas breiter, aber nicht viel. Es stank, und wie. Nach Teufelsdreck, nach verbrannten Federn und nach der Leeseite einer Kloake. Die Straße war nicht gleichmäßig dunkel, die Dunkelheit war eher fleckig. Alle paar hundert Meter warfen Öllampen oder chinesische Papierlaternen aus einem Hausflur oder einem Ladeneingang einen Lichtstrahl, um der Straße ihre Düsterkeit zu nehmen. Diese Lichtstreifen hatten verschiedene Farben, je nachdem, durch was sie gefiltert wurden: In Orange, Schwefelgrün und einmal sogar Purpurrot wie Traubensaft spie es ringsum auf die schmutzigen Wände. Aber diese Lichtstreifen durchbrachen die Dunkelheit nur stellenweise, größtenteils war es düster.

Schlurfende Gestalten in Filzpantoffeln und schwarzen Alpakahosen drückten sich an die Wand, um uns vorbeizulassen. Sie starrten uns hinterher, und manche versuchten, uns zu folgen. Aber dann rief ihnen das Schlußlicht unserer Kolonne giftig etwas zu, und sie verschwanden.

Einmal fegte mir ein Ladenschild oder ein Eisenträger, der aus irgendeinem Eingang herausragte, den Hut vom Kopf, aber jemand hob ihn auf und gab ihn mir zurück. - Cornell Woolrich, Der schwarze Pfad. Zürich 1988 (zuerst 1944)

Straße (8) Ich hatte Schritte getan, die sich als nutzlos erwiesen, und ging nun auf die Straße, erregt, betäubt. Zuerst war ich wie blind und meinte, keiner sehe mehr den ändern, alle seien erblindet, und das Leben stocke, weil alles irr umhertaste.

Angespannte  Nerven  ließen  mich  die Dinge  besonders scharf empfinden. Kalt stiegen die Fassaden vor mir auf. Köpfe, Kleider kamen hastig daher und verschwanden wie Spukgestalten. Ein Zittern durchlief mich; kaum wagte ich vorwärtszugehen. Ein Eindruck nach dem ändern packte mich an. Ich und alles schwankte. Alle, die hier gingen, hatten einen Plan, ein Geschäft. Soeben hatte auch ich eine Absicht; doch jetzt war ich planlos, forschte aber schon wieder und hoffte, etwas zu finden.

Im Gewühle wimmelte es von Energie. Jeder war im Geiste der Vorderste. Männer, Frauen schwebten vorbei. Alle schienen nach ein und demselben Ziel zu streben. Woher kamen und wohin gingen sie?

Einer war dies, der andere das, der dritte nichts. Viele wurden getrieben; lebten ohne Zweck, ließen sich da- und dorthin werfen. Sinn fürs Gute blieb unbenutzt; Intelligenz griff in ein Leeres; manche schöne Kraft fruchtete wenig. Abend war's; die Straße glich einem Phänomen. Tausende gingen hier täglich. Sonstwo gab es keinen Platz. Frühmorgens waren sie frisch; nächtlings müde. Sie erreichten vielmals nichts. Tätigkeiten rollten übereinander, und die Tüchtigkeit rieb sich oft vergeblich auf.

Wie ich so ging, traf mich der Blick eines Herrschaftskutschers. Da sprang ich auf einen Omnibus, fuhr eine Strecke weit, sprang ab, trat in ein Restaurant, um etwas zu essen, und ging dann wieder hinaus.

Gleichmäßig lief und floß es. In allem war ein Dunst, ein Hoffen. Menschenkenntnis verstand sich von selbst. Jeder wußte vom andern im Nu ziemlich alles, aber das Innenleben blieb ein Geheimnis. Seele erneuert sich fortwährend. Räder knarrten, Stimmen wurden laut; dennoch war das Ganze seltsam still.  - Robert Walser, nach: Deutsche Parabeln. Hg. Josef Billen. Stuttgart 2001 (Reclam 7761)

Straße (9)   Zehntausende in der Stadt werden immer weiter auf der Straße verbraucht. Die Straße der Städte ist immer krank, wie die Därme eines Dahinsiechenden. Immerwährend verschleißt sich die Straße. Sie ist, eben weil das alles plump ist, nicht fähig, sich wie jede Haut zu regenerieren. Der Regen und der Frost verschleißen die Straße, das Fahren der leichten, der schnellen und der schweren Fuhrwerke. Noch immer sucht man nach der widerstandsfähigsten Kunsthaut, aus der man eine Straße machen kann. Viele Stoffe hat man nacheinander versucht: Die härtesten Steine, Asphalt, Zement. Man sucht weiter.   - Ernst Fuhrmann, Leerlauf der Erziehung. Nach (fuhr)

Straße (10)  

- Georgia O'Keeffe

 

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