piegel
Dem traditionellen bäuerlichen Milieu ist der Spiegel fremd. Vielleicht
scheut es sich davor, weil er ein bißchen verhext scheint. Das bürgerliche
Interieur dagegen, und was von ihm in den modernen Serieneinrichtungen
noch übriggeblieben ist, vervielfacht die Spiegelflächen an den Wänden,
Kredenzen und Schränken. Denn wie die Lichtquelle ist auch der Spiegel
eine ganz besondere Stelle im Raum. Aus diesem Grunde
spielt er auch in den wohlhabenden Häusern eine ideologisch bezeichnende
Rolle des Überflusses, der Überflüssigkeit und des Glanzes: Er gilt als
wertvolles Ding, durch den die Bürger bei der ehrfurchtsvollen Betrachtung
ihrer Persönlichkeit ihr Vorrecht geltend machen, sich vor ihm mit ihren
Wertsachen zu schmücken. - (baud)
Spiegel (2) Warum, trotz allen Spiegeln, weiß man eigentlich nicht, wie man aussieht und kann daher nicht die eigene Person, wie die jedes Bekannten, der Phantasie vergegenwärtigen? eine Schwierigkeit, welche dem gnothi seauton [Erkenne dich selbst! Inschrift des Apollontempels zu Delphi], schon beim ersten Schritte, entgegensteht.
Ohne Zweifel liegt es zum Theil daran, daß man im Spiegel sich nie anders,
als mit gerade zugewendetem und unbeweglichem Blicke sieht, wodurch das
so bedeutsame Spiel der Augen, mit ihm aber das eigentlich Charakteristische
des Blickes, großen Theils verloren geht. Neben dieser physischen Unmöglichkeit
scheint aber noch eine ihr analoge ethische mitzuwirken. Man vermag nicht
auf sein eigenes Bild im Spiegel den
Blick der Entfremdung
zu werfen, welcher die Bedingung der Objektivität der Auffassung
desselben ist; weil nämlich dieser Blick zuletzt auf dem moralischen Egoismus,
mit seinem tiefgefühlten Nicht - Ich, beruht, als welche erfordert
sind, um alle Mängel rein objektiv und ohne Abzug wahrzunehmen, wodurch
allererst das Bild sich treu und wahr darstellt.
Statt Dessen nämlich flüstert, beim Anblicke der eigenen Person im Spiegel,
eben jener Egoismus uns allezeit ein vorkehrendes »es ist kein Nicht-Ich,
sondern Ich« zu, welches als ein noli me tangere [Rühr mich nicht
an!] wirkt und die rein objektive Auffassung verhindert, welche nämlich
ohne das Ferment eines Grans Malice [einer kleinsten Beimischung
von Bosheit] nicht zu Stande kommen zu können scheint. - (schop)
Spiegel (3) Herr von *** sagte mir: »Ich habe mich
darauf beschränkt, alle Freuden in mir selbst zu finden, das heißt nur
in der Übung meines Verstandes. Die Natur hat das Hirn
des Menschen mit einer kleinen Drüse, genannt Kleinhirn, ausgestattet,
dem die Funktion eines Spiegels zukommt: Man stellt sich, so gut es geht,
alle Dinge der Welt im kleinen und im ganzen und im einzelnen und sogar
die Hervorbringung des eigenen Denkens vor. Es ist eine Wunderlampe, deren
Eigentümer der Mensch ist und vor der sich Szenen abspielen, in denen er
Schauspieler und Zuschauer ist. Das ist der Mensch:
hier sind die Grenzen seines Reiches: alles übrige ist ihm fremd.« - (Chamfort)
Spiegel (4) Ich tat, als schriebe ich, um Ihn zu täuschen, denn auch Er belauerte mich; und plötzlich spürte ich, war ich sicher, daß Er über meine Schulter las, daß Er da war und mein Ohr streifte.
Ich richtete mich auf, die Hände ausgestreckt, drehte mich so schnell um, daß ich beinahe gefallen wäre. Nun...? Man sah den Spiegel wie am hellichten Tage, aber mich sah ich nicht darin...! Der Spiegel war leer, klar, tief, schimmernd! Aber mein Bild war nicht darin... und ich stand ihm doch gegenüber! Ich sah das große Glas deutlich von oben bis unten. Und ich betrachtete es mit weit aufgerissenen Augen. Und ich wagte nicht näherzutreten, ich wagte nicht, auch nur die geringste Bewegung zu machen, spürte aber, daß Er da war und daß Er auch diesmal entrinnen würde, Er, dessen unwahrnehmbarer Körper mein Spiegelbild verschlungen hatte.
Welche Angst stand ich aus! Dann, mit einem Male, begann ich mich im Grunde des Spiegels in einem Dunst zu sehen, in einem Dunst wie durch eine Wasserschicht hindurch. Und ich hatte den Eindruck, daß dieses Wasser langsam von links nach rechts glitt und mein Bild von Sekunde zu Sekunde deutlicher werden ließ. Es war wie das Ende einer Sonnenfinsternis. Das, was mich verdeckte, besaß anscheinend keine fest abgegrenzten Konturen, sondern eine Art durchscheinender Undurchsichtigkeit, die sich nach und nach klärte.
Schließlich konnte ich mich voll erkennen, wie ich das jeden Tag tue, wenn ich mich im Spiegel betrachte.
Ich hatte Ihn gesehen! - (nov)
Spiegel (5) Ich verdanke der Konjunktion eines Spiegels und einer Enzyklopädie die Entdeckung Uqbars. Der Spiegel beunruhigte das Ende eines Ganges in einem Landhaus der Calle Gaona in Ramos Mejía; die Enzyklopädie nennt sich fälschlich The Anglo-American Cyclopaedia (New York, 1917) und ist ein wortgetreuer, wenn auch mißbräuchlicher Nachdruck der Encyclopaedia Britannica von 1902.
Der Vorfall ereignete sich vor etwa fünf Jahren. Bioy Casares
hatte mit mir zu Abend gegessen, und wir waren in eine weitläufige Polemik
über die Ausarbeitung eines Ich-Romans geraten, dessen Erzähler Tatsachen
auslassen oder entstellen und sich in verschiedene Widersprüche
verwickeln sollte, die es wenigen Lesern — sehr
wenigen Lesern — gestatten würden, eine grausige oder banale Wirklichkeit
zu erahnen. Vom entfernten Ende des Ganges her belauerte
uns der Spiegel. Wir entdeckten (in tiefer Nacht ist diese Entdeckung unvermeidlich),
daß Spiegel etwas Monströses haben. Daraufhin erinnerte sich Bioy Casares,
einer der Häresiarchen von Uqbar habe erklärt, die Spiegel und die
Paarung seien abscheulich,
weil sie die Zahl der Menschen vervielfachen. - Jorge Luis Borges,
Tlön, Uqbar, Orbis Tertius (1941)
Spiegel (6) In der griechischen
Mythologie heißt es, Medusa, eine der Gorgonen, habe Schlangenhaar, eine
heraushängende Zunge, gewaltige Zähne
und ein so häßliches Gesicht gehabt, daß jeder,
der sie ansah, aus Furcht zu Stein erstarrte.
Doch der Held Perseus konnte Medusa töten: Er polierte
sein Bronzeschild zu einem Spiegel, schlich sich mit Hilfe des reflektierten
Bildes an die Kreatur heran und schlug ihr den Kopf ab, ohne ihr direkt
ins Gesicht zu sehen. In diesem Fall war das Schild ein Spiegel, aber der
Spiegel war auch zugleich eine Art Schild: Medusa konnte Perseus nicht
sehen, sondern nur ihre eigenen, gespiegelten Bewegungen, und hinter diesem
Schirm schlich der Held
heran und vernichtete sie. - (macht)
Spiegel (7)

Ein anständig gekleidetes Insekt
-
(grand)
Spiegel (8) Das Wesen,
das die Tochter des Sonnengottes, Pasiphae, geboren hatte, nachdem sie
auf ihren Wunsch hin eingeschlossen in eine künstliche Kuh von einem dem
Poseidon geweihten weißen Stier bestiegen worden
war, fand sich, von den Knechten des Minos hineingeschleppt, die lange
Ketten bildeten, um sich nicht zu verlieren, nach langen Jahren eines wirren
Schlafs, währenddessen es in einem Stall zwischen Kühen heranwuchs, auf
dem Boden des Labyrinths vor, das von Daidalos
erbaut worden war, um die Menschen vor dem Wesen
und das Wesen vor den Menschen zu schützen, einer Anlage, aus der keiner,
der sie betreten hatte, wieder herausfand und deren unzählige in sich verschachtelte
Wände aus Glas waren, so daß das Wesen nicht nur seinem Spiegelbild gegenüberkauerte,
sondern auch den Spiegelbildern seiner Spiegelbilder: Es sah unermeßlich
viele Wesen, wie es eines war, vor sich, und wie es sich herumdrehte, um
sie nicht mehr zu sehen, unermeßlich viele ihm gleiche Wesen wiederum vor
sich. Es befand sich in einer Welt voll kauernder Wesen, ohne zu wissen,
daß es selber das Wesen war. Es war wie gelähmt. Es wußte nicht, wo es
war, noch was die kauernden Wesen rundherum wollten, vielleicht träumte
es nur, auch wenn es nicht wußte, was Traum war
und was Wirklichkeit. Es sprang auf instinktiv,
um die kauernden Wesen zu vertreiben, gleichzeitig
sprangen seine Spiegelbilder auf. Es duckte sich, und mit ihm duckten sich
seine Spiegelbilder. Sie ließen sich nicht vertreiben. - Friedrich
Dürrenmatt, Minotaurus. Eine Ballade. Zürich 1985
Spiegel (9) Der Rausch ist in seiner ganzen Dauer, dank der Intensität der Farben und der Schnelligkeit der Einfälle, in der Tat nur ein unendlicher Traum. Immer aber bewahrt er die spezielle Tonlage des Individuums. Der Mensch wollte träumen, nun wird der Traum den Menschen beherrschen. Aber dieser Traum wird wohl der Sohn seines Vaters sein. Der Müßiggänger hat sich den Kopf darüber zerbrochen, wie er das Übernatürliche künstlich in sein Leben und Denken einführen könnte. Aber er bleibt, nach allem und trotz der zufälligen Kraft seiner Eindrücke, doch nur derselbe, wenn auch übersteigerte Mensch, dieselbe zu höchster Potenz erhobene Zahl. Er ist unterjocht. Doch zu seinem Unglück ist er es nur durch sich selbst, das heißt durch den schon dominierenden Teil seiner selbst. Er wollte den Engel spielen, und er ist ein Tier geworden, ein augenblicklich sehr mächtiges Tier, wenn man eine übermäßige Sensibilität ohne beherrschende Gewalt, die sie mäßigen oder ausnutzen könnte, überhaupt Macht nennen kann.
Wären sich doch die vornehmen Leute und die Unerfahrenen, die neugierig
darauf sind, außergewöhnliche Genüsse kennenzulernen, im klaren darüber,
daß sie im Haschisch nichts Wunderbares finden werden, durchaus nichts
als nur ihre übermäßig gesteigerte, natürliche Wesensart. Das Gehirn und
der Organismus, auf die das Haschisch einwirkt, vermitteln nur gewöhnliche,
individuelle, wenn auch in der Zahl und Energie gesteigerte Phänomene,
die jedoch ihrem Ursprung immer entsprechen. Der Mensch entflieht dem Verhängnis
seiner physischen und moralischen Veranlagung nicht. Das Haschisch wird
die dem Menschen vertrauten Eindrücke und Gedanken in einem zwar vergrößernden,
aber klaren Spiegel wiedergeben. - Charles Baudelaire, Die künstlichen
Paradiese. Zürich 2000 (zuerst ca. 1860)
Spiegel (10) »Wie gefiele dir das, Mieze, wenn du in dem Haus hinterm Spiegel wohnen müßtest? Ob sie dir dort auch deine Milch zu trinken gäben? Aber vielleicht schmeckt Spiegelmilch nicht so besonders gut — aber jetzt, Mieze, jetzt kommen wir zum Korridor! Davon kann man einen winzigen Blick erhaschen, wenn man bei uns die Wohnzimmertür weit aufmacht; der Korridor ist dann dem unseren sehr ähnlich, soviel man davon sehen kann, aber dahinter könnte er natürlich ganz anders sein. Ach, Mieze! Wie schön das wäre, wenn wir in das Spiegelhaus hinüber könnten! Sicherlich gibt es dort, ach! so herrliche Dinge zu sehen! Tun wir doch so, als ob aus dem Glas ein weicher Schleier geworden wäre, daß man hindurchsteigen könnte. Aber es wird ja tatsächlich zu einer Art Nebel! Da kann man ja mit Leichtigkeit durch —«, und während sie das sagte, war sie schon auf dem Kaminsims, sie wußte selbst nicht wie, und wirklich schmolz das Glas dahin, ganz wie ein heller, silbriger Nebel.
Sogleich war Alice durch das Glas geschlüpft und flink in das Spiegelzimmer
hinabgesprungen. Als erstes drehte sie sich gleich einmal um, um zu sehen,
ob da auch ein Feuer im Kamin brannte, und zu ihrer großen Zufriedenheit
knisterte da wirklich eins und flackerte genauso hell wie das auf der anderen
Seite. »Da wird mir hier so warm sein wie in dem vorigen Zimmer«, dachte
sich Alice, »und sogar noch wärmer, denn hier vertreibt mich niemand vom
Feuer. Ach, wie lustig das wird, wenn sie mich hier drüben im Spiegel sehen
und nicht zu mir herkommen können!« - Lewis Carroll,
Alice hinter den Spiegeln (it 97, zuerst 1872)
Spiegel (11) Um das Jahr 1867 hatte Hauptmann
Burton in Brasilien das Amt eines
britischen Konsuls inne; im Juli 1942 entdeckte Pedro Heriquez Ureña
in einer Bibliothek von Santos ein Schriftstück von seiner Hand, das von
dem Spiegel handelt, den der Orient Iskandar Zu
al-Karnayn oder Alexander von Mazedonien zuschreibt.
In seinem Kristall spiegelte sich das gesamte Universum.
Burton erwähnt andere ähnlich geartete Zaubergeräte: den siebenfachen
Kelch von KaiKhosru. den Spiegel, den Tarik lbn Ziyad in einem Turm fand
(1001 Nacht, 272). den Spiegel, den auf dem Mond
Lukian von Samosata zu sehen vermochte (Wahre Geschichte I. 26),
die Spiegellanze, die das erste Buch des Satyricon von Capella dem
Jupiter zuschreibt. Merlins
Weltenspiegel, »rund und hohl und gleich einer Welt aus Glas« (The Faerie
Queene, III.2.19) - Jorge Luis Borges, Das Aleph. In: ders., Blaue
Tiger und andere Geschichten. München 1988 (zuerst 1949)
Spiegel (11) Hier will
ich dir ein Geschichtchen erzählen, woraus du erkennen magst, wie die Genußsucht
kein Mittel zur Reizung der Lust verachtet, und erfinderisch ist, ihren
Wahnsinn noch mehr anzufachen. Ein gewisser Hostius war ein solcher Wüstling,
daß man ihn sogar auf der Bühne bloßstellte. Diesen reichen Geizhals, den
Sklaven von hundert Millionen Sestertien, als er von seinen Sklaven ermordet
worden war, hielt der vergötterte Augustus keiner Rache wert, und
sprach es beinahe aus, es sei ihm eigentlich Recht geschehen.
Dieser Mensch war nicht nur mit einem Geschlecht unzüchtig, sondern nach Männern ebenso lüstern als nach Weibern. Und er machte Spiegel von der Art, die ich soeben erwähnte, welche die Bilder bedeutend vergrößert wiedergeben, und in welchen ein Finger, sowohl der Länge als der Dicke nach, größer als ein Arm wurde. Diese stellte er so auf, daß, wenn er mit einem Manne zu tun hatte, er, denselben im Rücken habend, alle Bewegungen seines geilen Buhlen im Spiegel sah, und sodann an der vorgespiegelten Größe des Gliedes, als wäre es wirklich so, seine Lust hatte. In allen Bädern zwar hielt er seine Auswahl, und las sich Männer von gehörigem Maße aus, aber nichtsdestoweniger gab er dem unersättlichen Laster noch durch Täuschung höheren Reiz.
Und nun sage man mir noch einmal, der Spiegel sei um der Reinlichkeit willen erfunden! Es ist ekelhaft zu erzählen, was jenes Scheusal, das sich nur mit eigenem Munde hätte zerfleischen sollen, gesagt und getan hat, da der Kerl von allen Seiten Spiegel aufstellte, um seinen eigenen Schändlichkeiten selbst zuzusehen, und was, auch geheimgehalten, auf dem Bewußtsein lastet, ja was jeder, wenn er dessen beschuldigt wird, wegleugnet, nicht nur in den Mund zu nehmen, sondern seinen eigenen Augen vorzuhalten. Wahrlich, Schandtaten beben doch sonst vor ihrem eigenen Anblick zurück! Auch bei Verworfenen und zu jeder Schändlichkeit sich Hergebenden ist doch noch eine zarte Scheu vor dem Anblick vorhanden. Jener aber, als ob es nicht genug wäre. Unerhörtes und Unbemerktes mit sich anfangen zu lassen, hat auch noch seine Augen dabei haben wollen, und, nicht zufrieden mit dem, was er von seinen Sünden sehen konnte, hat er sich noch mit Spiegeln umstellt, in denen seine Schandtaten verteilt und geordnet sein mußten, und weil er es nicht genau sehen konnte, weil er zusammengedrückt war und den Kopf gesenkt hatte, und an den Schamgliedern eines andern hing, so hielt er sich sein Tun durch Abbilder vor. Er studierte solch wollüstigen Anblick und beschaute sich die Männer, die er zu allem auf einmal zuließ. Bisweilen zwischen einem Manne und einem Weibe geteilt und den ganzen Körper preisgebend, schaute er auch diese Abscheulichkeiten mit an. Blieb denn für diesen unflätigen Menschen noch etwas im Dunkeln zu tun übrig? Er scheute den Tag nicht, sondern hielt sich die unnatürlichen Begattungen selbst vor und machte sie sich zurecht. Wie; sollte man glauben, er habe in diesem Zustande gemalt sein wollen! Auch die Verworfensten haben noch eine Art von Züchtigkeit, und Leute, die ihre Person der Entehrung für jedermann preisgeben, halten noch etwas vor, um die heillose Hingebung zu verdecken: so ist auch im Bordell noch einigermaßen Sittlichkeit zu Hause. Aber jenes Ungeheuer hatte sein wüstes Treiben zum Spektakel gemacht, und ließ sich selbst dasjenige sehen, was zu verbergen keine Nacht dunkel genug ist. Mit einem Manne und mit einem Weibe sagte er, habe ich zugleich zu tun; nichtsdestoweniger will ich mit dem Teile an mir, der noch nichts zu tun hat, noch auf andere Art die Schändlichkeit vergrößern. Alle Glieder sind im Dienste der Unzucht; auch die Augen sollen an der Wollust teilnehmen und ihre Zeugen und Förderer sein! Auch das, was vermöge des Baues unseres Körpers den Blicken entzo/ gen ist, soll auf künstliche Art sichtbar werden, damit niemand meine, ich wisse nicht was ich tue. Die Natur hat es schlecht eingerichtet, daß sie der menschlichen Lust so geringen Vorschub geleistet, daß sie die Begattung anderer Tiere besser bedacht hat.
So will ich denn erfinderisch genug sein, wie ich meiner Leidenschaft
zugleich abhelfe und genugtue. Wohin käme meine Verworfenheit, wenn ich
naturgemäß sündige; Ich will mich mit einer Art von Spiegeln umstellen,
die mir die Gestalten unglaublich vergrößert zurückwerfen. Wäre es mir
möglich, so würde ich sie in der Wirklichkeit so machen; weil das nicht
angeht, so will ich meine Lust an der Täuschung
haben. Meine Unzüchtigkeit soll mehr schauen, als sie tun kann und soll
ihr eigenes Treiben bewundern. - Oh, des empörenden Greuels! Dieser Mensch
ist vielleicht schnell, und ehe er es merkte, getötet worden. Vor seinem
Spiegel hätte er geschlachtet werden sollen. - Seneca
Spiegel (12) Halt gegen
die empörende Selbstgefälligkeit der Text- und Geschichten- und Romanhersteller
immer den preisgegebenen, sich preisgebenden, nicht anders könnenden, aber
doch etwas könnenden und dabei doch nie nur sich bespiegelnden, sondern
auch den ändern ihr Spiegelspiel ermöglichenden sogenannten »Narziß« hoch!
Sein anderer Name ist Prometheus, Atlas, Sisyphos,
Ixion, Tantalos, Johann Wolfgang Goethe, Franz
Kafka - (bleist)
Spiegel (13) Als einmal
Frühling war, sprach Prinzessin Ateh: »Ich habe mich an meine Gedanken
gewöhnt wie an meine Kleider. Sie haben immer den gleichen Taillenumfang,
und ich sehe sie überall, sogar an den Wegekreuzungen. Am schlimmsten aber
ist, daß man vor ihnen nicht einmal mehr die Wegekreuzungen erkennen kann.«
Um sie zu zerstreuen, brachte das Gesinde der Prinzessin eines Tages
zwei Spiegel. Sie unterschieden sich nicht viel von den anderen chasarischen
Spiegeln. Beide waren aus geschliffenem Salz hergestellt, doch war der
eine ein schneller, der andere ein langsamer Spiegel. Was immer jener schnelle
vorwegnahm, indem er die Welt als Vorschuß abbildete, gab der zweite, jener
langsame, zurück und beglich so die Schuld des ersteren: Im Verhältnis
zur Gegenwart verspätete er sich um genau so viel, wie der erste vorauseilte.
Als man Prinzessin Ateh die Spiegel brachte, hatte sie sich noch nicht
vom Bett erhoben, und von ihren Augenlidern waren die Buchstaben noch nicht
abgewaschen. In den Spiegeln sah sie sich mit geschlossenen Lidern und
verstarb sogleich. Sie verblich zwischen zwei Augenaufschlägen, oder besser
gesagt, sie las zum erstenmal auf ihren Augenlidern die Schriftzeichen,
die todbringend waren, weil sie im vorausgegangenen und im nachfolgenden
Augenblick zwinkerte und die Spiegel dies wiedergegeben hatten. Sie starb,
gleichermaßen getötet durch die Schriftzeichen aus Vergangenheit und Zukunft.
- (pav)
Spiegel (14) Die töchter
der riesen sind sämtlich mit gewöhnlichen müttern
gezeugt und von normaler menschlicher gestalt wie dieselben und sie stehen
meist vor den gläsernen spiegeln und schauen in ihr eigenes gesicht
oder schauen in ein feuer oder nach der aufgegangenen
mondscheibe und dies sind die drei
arten von spiegeln, in welchen man sich betrachten kann: Im ersten vorzüglich
die schönheit des leibs — und im andern seine sehnsucht
um noch unbekannte leidenschaften — aber im dritten seine tiefste und innerste
trauer. - (hus)
Spiegel (15) Ich entschloß
mich, in einen hohen Saal des Schlosses zu gehen, den ein zwölf Fuß hoher
venezianischer Spiegel zierte. Doch um Fassung zu behalten, nahm ich den
Band von Edris mit, in dem sein Gedicht über die Erschaffung der Welt stand.
Ich setzte mich weit vom Spiegel entfernt nieder und begann laut zu lesen.
Dann wagte ich es, das Lesen unterbrechend und die Stimme hebend, die Thoamim
zu fragen, ob sie Zeugen dieser Wunder gewesen seien. Darauf löste sich
der venezianische Spiegel von der Wand und stellte sich vor mich. Ich erblickte
in ihm die Zwillinge; sie lächelten zustimmend und neigten beide das Haupt
zum Zeichen, daß sie bei der Schaffung der Welt wirklich zugegen gewesen
seien und daß alles sich so zugetragen habe, wie es Edris schildert. Ich
wurde noch kühner; ich schloß mein Buch und erwiderte die Blicke meiner
göttlichen Geliebten. Dieser Augenblick des Vergessens wäre mir beinahe
teuer zu stehen gekommen. Zuviel Menschliches hatte ich noch an mir, um
einen so vertraulichen Austausch ertragen zu können. Die Flamme, die in
ihren Augen brannte, drohte mich zu verzehren; ich senkte den Blick, und
als ich mich ein wenig beruhigt hatte, las ich weiter. Ich stieß gerade
auf den ersten Gesang Edris', in dem dieser König unter den Dichtem die
Liebesverhältnisse der Söhne Elohims zu den Töchtern der Menschen schildert.
Man kann sich heute kein Bild mehr davon machen, auf welche Weise man in
jenem ältesten Zeitalter liebte. Die Übersteigerungen, die ich selbst nicht
recht verstand, ließen mich oft stocken. In diesen Augenblicken richtete
ich meine Augen unwillkürlich auf den Spiegel, und ich glaubte zu bemerken,
daß die Thoamim mir mit immer lebhafter werdender Freude lauschten. Sie
streckten die Arme nach mir aus, näherten sich meinem Stuhl. Ich sah sie
die glänzenden Flügel entfalten, die sie an den Schultern trugen; ich nahm
auch ein leichtes Zucken in den Flügeln wahr, die ihnen um die Lenden
lagen. Da ich fürchtete, daß sie auch diese entfalten wollten, legte ich
eine Hand über meine Augen. Im gleichen Augenblick
verspürte ich auf ihr wie auf jener, mit der ich das Buch hielt, einen
Kuß. Und da hörte ich auch, wie der Spiegel in tausend Stücke zersprang.
Ich begriff, daß die Sonne das Zeichen der Zwillinge verlassen hatte und
daß sie auf diese Weise von mir Abschied nahmen.
- (sar)
Spiegel (16) Unter Lachen und kleinen
drolligen Liebkosungen drehte er mich um, daß ich dem riesengroßen Wandspiegel
gegenüberstand. In dem sah ich mich.
Ich sah, einen winzigen Moment lang, den mir bekannten Harry, nur mit einem ungewöhnlich gutgelaunten, hellen, lachenden Gesicht. Aber kaum, daß ich ihn erkannt hatte, fiel er auseinander, löste sich eine zweite Figur von ihm ab, eine dritte, eine zehnte, eine zwanzigste, und der ganze Riesenspiegel war voll von lauter Harrys oder Harry-Stücken, zahllosen Harrys, deren jeden ich nur einen blitzhaften Moment erblickte und erkannte. Einige von diesen vielen Harrys waren so alt wie ich, einige älter, einige uralt, andere ganz jung, Jünglinge, Knaben, Schulknaben, Lausbuben, Kinder. Fünfzigjährige und zwanzigjährige Harrys liefen und sprangen durcheinander, dreißigjährige und fünfjährige, ernste und lustige, würdige und komische, gutgekleidete und zerlumpte und auch ganz nackte, haarlose und langlockige, und alle waren ich, und jeder wurde blitzschnell von mir gesehen und erkannt und war verschwunden, nach allen Seiten liefen sie auseinander, nach links, nach rechts, in die Spiegeltiefe hinein, aus dem Spiegel heraus. Einer, ein junger eleganter Kerl, sprang dem Pablo lachend an die Brust, umarmte ihn und lief mit ihm davon. Und einer, der mir ganz besonders gefiel, ein hübscher, reizender Junge von sechzehn oder siebzehn Jahren, lief wie der Blitz in den Korridor hinein, las gierig die Inschriften an all den Türen, ich lief hinterher, vor einer Türe blieb er stehen, ich las an ihr die Aufschrift:
|
ALLE MÄDCHEN SIND
DEIN! |
Der liebe Junge schnellte sich mit einem Sprung empor, Kopf voran, stürzte
sich selbst in den Einwurf und war hinter der Tür
verschwunden. - Hermann Hesse,
Der Steppenwolf. München 1963 (dtv 147, zuerst 1927)
Spiegel (17) Der Spiegel ist
ein wunderbarer Zeuge, er wandelt sich unaufhörlich.
Er macht seine Aussage mit Ruhe, mit Nachdruck,
aber wenn er zu sprechen aufgehört hat, wird man gewahr, er hat alles zurückgenommen.
Er ist die geläufige Personifizierung der Wahrheit.
- André Breton / Paul Éluard, Die unbefleckte Empfängnis. Frankfurt
am Main 1988 (zuerst 1930)
Spiegel (18) Gegen das Ungeheuer
zog der schwindelschnelle Quickkopf. Der war so gut wie unzerstörbar,
denn je mehr Hiebe er abkriegte, um so dauerhafter wurde er. Schläge zerschlugen
ihn nicht, im Gegenteil, sie festigten ihn. Über der Wüste schwingend,
gelangte er bis ans Gebirge. Dort erspähte er das Ungeheuer. Im Ansturm
wälzte er sich eine schräge Felswand hinab. Es erwartete ihn reglos. Himmel
und Erde wankten unter den Donnerschlägen. Das Ungeheuer wurde zur weißen
Feuerwand und der Quickkopf zum schwarzen Abgrund, der sie verschlang.
Das Ungeheuer durchbohrte ihn ganz und gar, machte flammenflügelig kehrt,
schlug zum andernmal zu und fuhr wieder durch den Angreifer. Doch es konnte
ihm nichts anhaben. Aus der Wolke, worin sie kämpften, prasselten violfarbene
Blitze. Doch der Donner blieb unhörbar, so dröhnend übertäubte ihn der
Kampf der Riesen. Da sah das Ungeheuer, daß es auf diese Art nichts erzielte.
Es sog also alle Außenhitze in sich hinein, drückte sich platt und machte
sich zum Spiegel der Materie; alles, was davorstand, das strahlte er zurück,
aber nicht im Bild, sondern in Wirklichkeit. Der Quickkopf sah in diesem
Spiegel sich selbst wiederholt, schlug zu und verkeilte sich mit sich selbst,
dem gespiegelten. Aber sich selbst konnte er ja nicht überwältigen. So
kämpfte er drei Tage lang, und die Unzahl der eingesteckten Schläge machte
ihn härter als Stein und härter als Metall, härter als alles außer dem
Kern eines Weißen Zwerges. Und als auch diese Grenze erreicht war, da brachen
beide ins Planeteninnere durch: er selbst und sein spiegelbildlicher Doppelgänger.
Und sie hinterließen nur eine Felsenbresche, einen Krater, den augenblicklich
aus unterirdischen Tiefen rubinschimmernde Lava aufzufüllen begann.-
Stanislaw Lem, Robotermärchen. Frankfurt am Main 1973 (st 2673, zuerst
1964)
Spiegel (19) Ich stand vor ihrem Spiegel
und sah hinein. Ich sah darin alles, was hinter mir war, und alles, was mich
umgab. Aber vor mir war nichts, und auch ich selbst war nicht darin. Ein Mensch
würde erschüttert gerufen haben: Ich bin verloren. - Hans Erich Nossack,
Nekyia. Bericht eines Überlebenden. Frankfurt am Main 1961 (BS 72, zuerst 1947)
Spiegel (20) Sie sah mich zweifelnd
aus dem Spiegel heraus an. Ich wagte nicht aus dem Dunkel herauszutreten, weil
ich Angst hatte, sie würde das Fehlen meines Spiegelbildes
bemerken. Da ich so im Dunkeln stand, war auch in ihren Augen zunächst nur Dunkel.
Sie blickten aber genau in die Richtung meiner Stimme.
Ob der Blick mir nun langsam näher kam oder ob ich in
ihn einging, weil ich neugierig war, wessen Bild darin
wäre, meines oder das eines andern, es geschah dann das Furchtbare, daß ich
wehrlos mit ansehen mußte, was mit mir geschah. - Hans Erich Nossack,
Nekyia. Bericht eines Überlebenden. Frankfurt am Main 1961 (BS 72, zuerst 1947)
Spiegel (21) Ich wünschte die Geschichte
von mir so zu sehen, wie sie in verschiedenen Köpfen existiert, meine Brüder
wissen die meisten Kleinigkeiten von mir, Herr Ljungberg weiß vieles
von meiner besten Seite, Eßwein kennt meinen Charakter
von der guten und der schlimmen Seite unter allen Menschen am besten. Eymeß
weiß die meisten Torheiten von mir und die meisten Heimlichkeiten, weil ich
immer aus meinen Torheiten Heimlichkeiten gemacht habe. Am einfältigsten würde
meine Geschichte aussehen wenn sie Wachter beschreiben sollte. Herr Ljungberg
wurde mich so schildern: Er hat kein böses Herz, er ist im äußersten Grad flüchtig
und seine Maximen, die er zuweilen äußert, sind nur für eine Stunde gemünzt,
in der nächsten verschlägt er sie wieder. Er hat zuweilen gute Gedanken, und
er kann so ziemlich vergnügt sein, und hat es in seiner Gewalt es zu sein. Ob
er wohl wirklich seine Freunde liebte? Quaeritur. Eymes würde sich gewiß
so von mir ausdrücken: Sein Herz ist gut, aber wer hätte die Streiche hinter
ihm suchen sollen, wenn er zu Darmstadt mit seinen Büchern am Adler vorbei ging;
doch an den Augen kann man ihm etwas ansehen. Gottlob ich kenne ihn nun, und
er gefällt mir desto besser. Ein paar dumme Streiche im August 1765 hätte er
weniger machen sollen. Ich weiß, Eßwein, dessen vortreffliches Herz immer für
die menschliche Natur einen gehörigen Rabatt rechnet, würde vorteilhaft von
mir urteilen, und ich wollte jedermann dächte von mir, so wie er, so würde ich
ohne bewundert zu sein von jedermann hochgeschätzt werden. - (licht)
Spiegel (22) Sich im Spiegel
zu betrachten und darin sein Bild ähnlich zu finden ist für einen Heiratslustigen,
sowohl für einen Mann wie für eine Frau, von guter Vorbedeutung; das
Spiegelbild bedeutet dem Mann eine Frau, der Frau einen Mann, weil es die
Gesichter zeigt, wie diese einander die Kinder. Segen bringt es auch von Kummer
geplagten Menschen; denn nur wenn man von Kummer frei ist, nimmt man einen Spiegel
zur Hand. Kranke dagegen rafft es hinweg'8'; denn ein Spiegel ist irden, gleichgültig,
aus \vas für einem Material er gearbeitet ist. Die übrigen Menschen veranlaßt
es, die Heimat zu verlassen, so daß sie in einem fremden Land sich wiedersehen.
Kommt einem sein Abbild im Spiegel unähnlich vor, so wird man ihm die Vaterschaft
von unehelichen oder fremden Kindern zusprechen. Nichts Gutes bringt es, wenn
man sich schlechter oder häßlicher im Spiegel schaut; es bedeutet Krankheiten
und üble Launen, ebenso wie das Sich-im-Wasser-Bespiegeln
dem Träumenden oder einem seiner engsten Angehörigen den Tod prophezeit. -
(art)
Spiegel (23)

Sie sehen links den Konkavspiegel, auf dem sich das Phänomen des umgekehrten Blumenstraußes herstellt, den ich hier, weil es bequemer ist, in das der umgekehrten Vase verwandelt habe. Die Vase ist in dem Kasten, der Strauß darauf.
Die Vase wird durch das Spiel der Strahlenreflexion in einem realen, und nicht einem virtuellen, Bild reproduziert, auf das sich das Auge einstellen kann. Wenn sich das Auge auf die Höhe der Blumen einstellt, die wir aufgestellt haben, wird es das reale Bild der Vase sehen, wie sie den Strauß umgibt und ihm Stil und Einheit verleiht - Reflex der Einheit des Körpers.
Damit das Bild eine gewisse Konsistenz hat, muß es wirklich ein Bild sein. Wie wird das Bild in der Optik definiert? - jedem Punkt des Objekts muß ein Punkt des Bildes korrespondieren, und alle von einem Punkte ausgehenden Strahlen müssen sich irgendwo in einem einzigen Punkt schneiden. Ein optischer Apparat definiert sich durch die bloße Konvergenz eindeutiger oder zweieindeutiger Strahlen - wie man in der Axiomatik sagt.
Wenn der konkave Apparat hier steht, wo ich bin, und der kleine Aufbau für dies Gaukelspiel vor dem Tisch, kann das Bild nicht mit zureichender Deutlichkeit gesehen werden, um die Illusion von Realität, eine reale Illusion zu erzeugen. Sie müssen in einem bestimmten Winkel plaziert sein. Zweifellos könnten wir nach den verschiedenen Stellungen des Auges, das betrachtet, eine bestimmte Anzahl von Fällen unterscheiden, die uns vielleicht erlauben würden, die verschiedenen Stellungen des Subjekts zur Realität zu begreifen.
Gewiß, ein Subjekt ist kein Auge, ich habe Ihnen das gesagt. Doch dieses Modell läßt sich anwenden, weil wir uns beim Imaginären aufhalten, wo das Auge eine große Bedeutung hat.
Jemand hat die Frage der zwei Narzißmen eingeführt. Sie merken ganz richtig, daß es sich eben darum handelt - um die Beziehung zwischen Realitätskonstitution und dem Bezug zur Körperform, den Mannoni mehr oder weniger angemessen ontologisch genannt hat.
Das Auge nun, dies hypothetische Auge, von dem ich Ihnen gesprochen habe, wollen wir irgendwo zwischen den Konkavspiegel und das Objekt bringen.
Damit dies Auge die vollkommene Illusion der umgekehrten Vase habe, daß heißt damit es sie unter optimalen Bedingungen sehe, genauso gut als stünde sie am Saalende, ist nur eines vonnöten und ausreichend - daß es zur Mitte des Saals hin einen ebenen Spiegel gebe.
Mit anderen Worten, wenn man in der Mitte des Saals einen Spiegel aufstellte, würde ich, den Rücken zum Konkavspiegel gekehrt, das Bild der Vase genauso gut sehen, wie wenn ich am Saalende stünde, auch wenn ich es nicht direkt sehe. Was werde ich in dem Spiegel sehen? Erstens, meine eigene Gestalt dort, wo sie nicht ist. Zweitens, an einem symmetrischen Punkt desjenigen Punktes, an dem das reale Bild steht, werde ich dieses reale Bild als virtuelles erscheinen sehen. Kommen Sie mit? Das ist nicht schwer zu verstehen, wenn Sie nach Hause kommen, stellen Sie sich vor einen Spiegel, halten Sie die Hand vor sich ...
Dies kleine Schema ist nur eine sehr einfache Bearbeitung dessen, was ich
Ihnen seit Jahren mit dem Spiegelstadium zu erklären versuche. - Jacques
Lacan, nach: Mythos Narziß. Texte von Ovid bis Jacques
Lacan. Hg. Almut-Barbara Renger. Leipzig 2005
Spiegel (24) Mein Leiden mußte auch
körperliche Gründe haben oder sich auf den Körper auswirken. Ich fand keinen
Schlaf, dafür verträumte ich die Zeit zu Hause und im Büro. Bei starkem Kopfschmerz
wurde das Essen mir zuwider; ich trank desto mehr. Mir war, als ob ich aus mir
herausgetreten wäre; nur wenn ich in der Nacht mit einer Kerze in der Linken
mich volltrunken im Spiegel erblickte, erkannte ich meine Identität. Dann schien
es mir, als ob ich für mich zu stark würde. - Ernst Jünger,
Aladins Problem. Stuttgart 1983
Spiegel (25) In der Tiefe
des Spiegels sitzt geduckt ein Fotograf. -
Ramón Gómez de la Serna, Der Traum ist ein Depot für verlegte Gegenstände. Greguerías.
Berlin 1989
Spiegel (26) Die Spiegel täten gut daran, sich ein wenig zu besinnen,
ehe sie die Bilder zurückwerfen.
- Jean Cocteau, 1932
![]() |
||
![]() |
||
|
|
|
![]() |
||
![]() |
||
![]() ![]() |
![]() ![]() |
|