elbstverzehrung  Mboringka geht regelmäßig auf Raub aus, um Larvenmänner zu töten, die seine eigenen Söhne sind. Von diesen wird ausdrücklich gesagt, daß sie menschliche Gestalt haben. Er röstet und verzehrt sie mit Genuß; er findet Geschmack an ihrem süßen Fleische.

Eines Tages verwandelt sich ihr Fleisch in seinen Eingeweiden zu Larven. Diese zehren nun an ihrem Vater von innen her, und so wird er zum Schluß von seinen Söhnen, die er selber geschlachtet hat, aufgefressen.

Dieser Fall von Selbstverzehrung führt so zu einer merkwürdigen Steigerung.   Das Gegessene ißt zurück.  - (cane)

Selbstverzehrung (2)   Ich erinnere mich an einen entfernten Verwandten, der vom Selbstmord-Wahn befallen war: sein Plan bestand ganz einfach darin, sich aufzuessen, zu welchem Behuf er sich seltene Bücher aus der Frührenaissance beschafft hatte. Ich muß hinzufügen, daß er, der zugleich höchst etepetete und naturapostelhaft war, sich, wie er es ausdrückte, ohne Besteck verzehren wollte, wobei er dann sein Leben lang nicht über ein paar Häppchen hinausgekommen ist, die er vom Rosarot seiner Lippen nahm, welche er mit eigenhändig zubereiteten Saucen zu würzen pflegte. Am Ende machte sich der allesfressende Tod - der dann richtig - daran, auf ihm herumzukauen, und als er sich plötzlich mürbe sah, schien er - nunmehr entkräftet und im Delirium - sich insgeheim zu freuen. Für das Gekicher beim Vom-Bett-Kullern seiner Knochenglieder verweigerte ihm die Kirche das christliche Begräbnis. - Giorgio Manganelli, Unschluß. Berlin 1978 (Wagenbach Quarthefte 82, zuerst 1976)

Selbstverzehrung (3)  Der Roboter  signalisierte, daß er in Rautavaara signifikante Hirnfunktionen wiederhergestellt hatte, indem er ihr Hirn mit sauerstoffreichem Blut aus ihrem toten Körper versorgte. Den Sauerstoff, nicht aber die Nährstoffe, lieferte der Roboter. Wir gaben dem Roboter Instruktionen, mit der Synthese von Nährstoffen zu beginnen, indem er Rautavaaras Körper verarbeitete, ihn als Rohstoff benutzte. Dies war es, wogegen die Erdbehörden später ihre schwerwiegendsten Einwände erhoben. Doch uns stand keine andere Nährstoffquelle zur Verfügung. Da wir selbst ein Plasma sind, konnten wir nicht unsere eigenen Körper zur Verfügung stellen. - Philip K. Dick, Der Fall Rautavaara. Sämtliche SF-Geschichten Band 10. Zürich 2000.

Selbstverzehrung (4)  Der Mensch ißt auch nicht blos Anderes, er ißt auch sich selbst, sein eigenes Fleisch, wie der Hebräer, sein eigenes Herz, wie der Grieche sagt, wenn auch zunächst nur aus Gram und Kummer. "Sein Herz aufessend oder verzehrend, irrt er einsam umher, der Sterblichen Pfade vermeidend," heißt es bei Homer. "Er ißt sich selbst, der Traurige," sagt Plautus im Truculentus. "Iß nicht das Herz!" steht unter den Pythagoreischen Sprüchen oder Symbolen. Dieses sein Herz oder sich selbst Essen ist jedoch nichts weniger, als ein poetisches oder bildliches, es ist ein wirkliches, ein physiologisches Sichselbstverzehren. Wie der Verhungernde sich selbst verzehrt, weil ihm kein Stoff zur Nahrung mehr von Außen geboten wird, der Mensch jedoch essen, wenigstens Luft essen, athmen muß, so lange er existirt, der Sauerstoff der Luft aber verzehrt; - so auch der Verkümmernde, weil ihm, wenn auch nicht der Stoff, doch die Kraft und Lust zur Speise fehlt. Wer aber sich selbst ißt, der ist ein Selbstesser oder Selbstfresser, ein sit venia verbo reflexiver, d.h. auf sich selbst sich zurückbeziehender Anthropophag. Ein reflexiver oder unmittelbarer, denn ein mittelbarer oder indirecter Anthropophag ist jeder Mensch, denn wir essen und verdauen ja nur von einem Thiere oder einer Pflanze, was unsers Gleichen, unseres Wesens ist, was mögliches und mittelbares Menschenfleisch und Menschenblut ist. - Ludwig Feuerbach, nach: Leben Töten Essen. Anthropologische Dimensionen. Hg. Heike Baranzke u.a. Stuttgart und Leipzig 2000

Selbstverzehrung (5) Von seinem eigenen Fleisch essen bringt einem Armen Glück; er wird durch körperliche Arbeit und Anstrengung zu großem Vermögen kommen und auf diese Weise sich zwar nicht von seinem Fleisch, wohl aber von dem Verdienst seines Fleisches ernähren. Von guter Vorbedeutung ist es ferner für einen Werkmeister, wenn er von denjenigen Körperteilen ißt, durch die er sich vorzüglich seinen Lebensunterhalt verdient; und zwar arbeiten die einen mit beiden Händen, die anderen nur mit einer, die dritten mit den Fingerspitzen, wieder andere mit dem ganzen Körper. Für Literaten ist es gut, wenn sie Mund und Zunge anderen zu essen geben; sie werden durch Mund und Zunge viel Geld erwerben und so imstande sein, auch anderen Unterhalt zu gewähren. Verzehrt einer seinen eigenen Mund oder seine eigene Zunge, so wird er seine Sprechfähigkeit verlieren. Privatpersonen bedeutet es Reue über freche Reden. Eine Frau, die vom eigenen Fleisch ißt, wird huren und sich auf diese Weise durch den eigenen Körper ernähren. Jedem, der einen Freund oder engen Verwandten oder geliebten Menschen auf dem Krankenlager hat, kündigt es Trauer an; denn Trauernde verzehren ihr eigenes Fleisch, indem sie im Schmerz sich selbst entstellen. Einem Reichen und jedem, der ein Leben ganz nach Wunsch führt, kündigt es nichts Gutes an, wenn er vom eigenen Fleisch ißt; es bedeutet ebenso wie das Essen des eigenen Kots eine völlige Umwälzung. - (art)

Selbstverzehrung (6)  Der Oktopus nährt sich von allen möglichen Speisen. Er ist ein gewaltiger Fresser und sehr geschickt im Auflauern seines Fanges. Der Grund: Er ist das gefräßigste aller Meerestiere. Der Beweis: Findet er keine Beute, nagt er seine eigenen Arme an. So füllt er seinen Magen und ersetzt den Mangel an Jagdglück. Später wachsen die fehlenden Glieder dann wieder nach. Es ist, als habe die Natur ihm für den Fall des Hungers dieses Mahl fertig geliefert.  - (ael2)

Selbstverzehrung (7)  Die Frucht hat all das Tote und Versunkene in sich zu neuer Daseinsglut verwandelt, gereinigt und verklärt. Und wie sie ein Sproß der mütterlichen Erde ist, so auch ein Kind jenes flammenden Lichts, das hundert Planeten mit zeugender Kraft erfüllt. Diese Frucht hat sich durchglüht mit dem Feuer des Sommertages und gebadet im milden Geleucht der nächtlichen Sterne. Sie hat in sich gesogen das Rauschen des Windes, den Morgengesang der Lerchen und all das Weben und Wallen der Natur, das unseren menschlichen Sinnen nur wie eine Ahnung aus traumfernen Tagen zugänglich ist. So verzehren wir mit jeder Frucht eine Unendlichkeit von Sein und Werden. Und es geht geheimnisvolles Leben in uns ein, dessen Weiterbildung in uns wir mit unserem Ich-Bewußtsein nicht verfolgen können, doch in unseren tiefsten Gedanken, in unseren Träumen und Phantasien, in unserem Wollen und Empfinden treibt jenes Leben sprießende Keime.

So verzehren wir, so vermählen wir uns. Aber wir zehren nicht nur, wir werden auch verzehrt; wir selbst sind Früchte am Baum der Ewigkeit. In jedem Augenblick nährt sich das All von uns, wie wir von ihm, und dereinst im Tode geben wir eine Hauptmahlzeit ab für die Anderwelt. Und auch das sei uns ein Freude-, kein Leidgedanke. Nur der Tod, der blühendes Leben zerstört, wütet wie ein erbarmungsloser Despot; die reife Frucht trennt sich schmerzlos vom Stamme der Ichheit, zurückzukehren in die Allheit. In das All, das im tiefsten Grunde wiederum wir selbst sind; wir selbst leben uns, wir selbst sterben uns, wir selbst verzehren uns. - Heinrich Hart: Vor dem Mahl, in: Die Berliner Moderne 1885 - 1914. Hg. Jürgen Schutte und Peter Sprengel. Stuttgart 1987 (Reclams UB 8359)

Kannibalismus

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