eemann
Man nenne mich Ismael. Es war vor ein paar Jahren — die genaue Zahl ist
Nebensache —, ich hatte so gut wie kein Geld im Beutel und eigentlich nichts,
was mich an Land beschäftigt hätte, da kam mich die Lust an, wieder einmal
ein bißchen unter Segel zu gehen und mich auf der Welt des Wassers umzutun.
Es ist dies meine Art, mir den Koller zu
vertreiben und den Blutkreislauf anzuregen. So oft etwas Verbissenes in
meine Züge kommt und in meinem Innern ein naßkalter November
zu nieseln beginnt, so oft es mir widerfährt, daß ich unwillkürlich vor
Sargspeichern stehen bleibe und mich jedem Leichenzug,
der mir begegnet, hinten anschließe, und namentlich, wenn immer die trüben
Anwandlungen dermaßen in mir überhandnehmen, daß nur ein starker sittlicher
Halt mich davor bewahrt, mit Bedacht auf die Straße hinauszutreten und
den Leuten der Reihe nach den Hut vom Kopfe zu schlagen, dann halte ich
es jeweils für geraten, sobald als möglich auf See zu kommen. Dies ersetzt
mir die Kugel vor den Kopf. - Herman Melville, Moby Dick. Zürich 1944
(zuerst 1851)
Seemann (2) Ich vermag kaum zu sagen, wie dieser Mensch mich in meinen Träumen heimsuchte. In stürmischen Nächten, wenn der Wind an den vier Ecken des Hauses rüttelte und die Brandung in der Bucht und an den Klippen brüllte, sah ich ihn in tausenderlei Gestalten und mit tausend teuflischen Grimassen. Bald war das Bein am Knie abgeschnitten, bald an der Hüfte; bald war er eine Art Ungeheuer, mit nur dem einen Bein, das ihm von der Mitte des Körpers ausging. Zusehen, wie er sprang und lief und mich über Hecken und Gräben verfolgte, war der schlimmste aller Albträume.
Aber so sehr mich der Gedanke an den seefahrenden Mann mit einem Bein in Schrecken versetzte, so hatte ich doch vor dem Kapitän selber weit weniger Angst als sonst jemand, der ihn kannte. Es gab Abende, an denen er ein gut Teil mehr Grog trank, als sein Kopf vertrug, und dann pflegte er dazusitzen und seine verrückten alten, wilden Seemannslieder zu singen, ohne auf irgend jemanden Rücksicht zu nehmen. Aber bisweilen bestellte er eine Runde für alle Anwesenden und zwang die ganze zitternde Gesellschaft, seinen Erzählungen zuzuhören oder seine Lieder im Chor zu begleiten. Oft habe ich das Haus unter dem "Johoo — und 'ne Buddel Rum" erdröhnen gehört, wenn alle Nachbarn, Todesangst im Gesicht, ums liebe Leben einstimmten und einer noch lauter sang als der andere, nur um nicht aufzufallen. Denn in diesen Augenblicken war er der unbeherrschteste Geselle, den man sich vorstellen kann. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und kommandierte Ruhe in der Runde. Dann wieder fuhr er in leidenschaftlicher Wut hoch, wenn man eine Frage an ihn richtete oder auch, wenn dies nicht geschah und er glaubte, die Gesellschaft höre seinen Erzählungen nicht zu. Er gestattete auch niemandem, das Gasthaus zu verlassen, ehe er sich müde getrunken hatte und ins Bett taumelte.
Es waren seine Geschichten, vor denen sich die Leute am meisten ängstigten.
Schreckliche Erzählungen waren das vom Hängen
und Ertränken, von Stürmen auf See und von Tortuga
und von wilden Taten und Orten in Westindien. Nach seinen eigenen Worten
hatte er sein Leben unter den verruchtesten Menschen zugebracht, denen
Gott je gestattet hat, die See zu befahren; und die Sprache, in der er
diese Geschichten zum besten gab, erschreckte unsere biederen Landbewohner
fast ebensosehr wie die Verbrechen, die er schilderte. Mein Vater sagte
immer, die Gastwirtschaft werde zugrunde gerichtet, denn die Leute wür-den
es bald satt haben hierherzukommen, nur um sich tyrannisieren und den Mund
verbieten und sich schließlich schaudernd ins Bett schicken zu lassen.
Ich aber glaubte wirklich, seine Anwesenheit sei uns von Vorteil. Die Leute
waren zwar im Augenblick erschreckt, aber wenn sie zurückdachten, mochten
sie es ganz gern. Es war eine hübsche Aufregung in dem ruhigen Landleben,
und es gab sogar eine Anzahl unter den jüngeren Leuten, die vorgaben, ihn
zu bewundern, die ihn einen »richtigen Seebären« und eine »echte alte Teerjacke«
oder dergleichen nannten und behaupteten, Leute dieses Schlages hätten
England zur See gefürchtet gemacht. -
R. L. Stevenson, Die Schatzinsel. Zuerst 1881/83
Seemann (3) bering [vitus], russischer seecapitain,
geb. 1680 zu horsens in jütland, wurde, als ein geschickter seemann, von
peter dem grossen bei der kaum entstandenen marine zu kronstadt angestellt,
seine talente und seine unerschrockenheit, die er in den seekriegen gegen
die schweden bewies, erwarben ihm die ehre, zur leitung einer entdeckungsreise
ins meer von kamtschatka gewählt zu werden, er reiste von petersburg den
15. februar 1725 nach sibirien. 1728 untersuchte er die nördlichen küsten
dieser großen halbinsel und bestätigte, dass asien nicht mit amerika zusammenhänge;
ob aber die kamtschatka gegenüberliegenden küsten auch wirklich küsten
des festen landes oder nur dazwischen liegende inseln wären, sollte bering
durch seine reisen entscheiden. am 4. juni 1741 lief er abermals mit 2
schiffen von ochotzk aus und landete an der nordwestlichen
küste von amerika zwischen 35° und 69° n. br.
stürme und krankheit hinderten ihn, seine entdeckungen
fortzusetzen; er wurde weit ab auf eine wüste insel
geworfen. schnee und eis bedeckten das unwirthbare land. bering ward gefährlich
krank und starb hier am 8. dec. 1741. man hat der meerenge zwischen asien
und amerika den namen beringstrasse [auch anian genannt] und der insel,
auf welcher er starb, den namen beringinsel gegeben, [allgemeine deutsche
real-encyklopädie für gebildete stände, brockhaus, 1830] - Nach:
Konrad Bayer, Der Kopf des Vitus Bering. Frankfurt am Main 1971 (zuerst
1965)
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