eele
Die Menschen haben keine Seele, wenn sie
doch wenigstens Haltung hätten.
- (N.N.)
Seele (2) Der wunderreiche
Geist / der Göttlich in dem Wesen / unendlich / unvermischt / rein
/ heilig / unbegreifflich / sonder Tod /der überirdische
Theil deß Menschen / der mit dem Hauch beharrt und gleich der zarten
Flammen / ist von der Engel Stammen / dem
Leibe zugesellt / verewigt nach dem Tod. Die erleuchte / GOttergebne Himmlische
/ liebgesinnte/ verhimmelte hochbegabte GOTTgeliebte
sündbetrübte / die befleckte / unreine / abgewichne Seele. Die
Vestung der Vernunft. Die flüchtig abgeschiedne Seele der Gast und
Geist in diesem Leibe. Es wird auch der Odem der schnelle Erdengeist genannt.
Die Seele wird gebildet in Gestalt einer holdseligen Jungfrauen
/ welcher Angesicht mit einem zarten Flor bedecket / weil sie menschlichen
Augen unsichtbar ist / und nur durch ihre Würckung muß erkannt
werden. Ihre Bekleidung ist liechthell / tragend einen Stern auf dem Haubte
und Flügel an ihren Schultern; mit jenem ihre Unsterblichkeit, mit
diesem ihre Geschwindigkeit zu bemerken. - (hrs)
Seele (3) Der große deutsche Arzt Rudolf Virchow
konstatierte am Ende seines Lebens, daß er zwar einige tausend Leichen
zergliedert, jedoch nie eine Seele gefunden
habe. - (Der Spiegel 49/2001)
Seele (4) Die sogenannte Seele. — Die Summe innerer
Bewegungen, welche dem Menschen leicht fallen und die er infolgedessen
gerne und mit Anmut tut, nennt man seine Seele; — er gilt als seelenlos,
wenn er Mühe und Härte bei inneren Bewegungen merken läßt.
- (mo)
Seele (5) Vor 140 Jahren schrieb der österreichische
Sagensammier Ignaz Zingerle von in Tirol verbreiteten Vorstellungen,
daß Kröten arme Seelen seien. In Schwaz
zum Beispiel hätten Leute beobachtet, wie eine Kröte zum Altar
des Michaeliskirchleins kroch und dort die Vorderfüße zum Beten
zusammenlegte. - (schen)
Seele (6) Welche Gestalt hat die Seele? Aus welchem Stoffe besteht sie? Wo hat ihre Denkkraft den Sitz? Wie sieht, hört, fühlt sie? Was tut sie, oder worin besteht ohne diese Organe ihr Glück? Wo hat sie ferner ihren Wohnsitz, und wie groß ist die Menge der seit so vielen Jahrhunderten als Schatten abgeschiedenen Seelen?
Alles dies sind Einbildungen kindischer Schwärmerei und der Sucht des Menschen, nie aufhören zu wollen. Ebenso töricht war die Meinung Demokrits, man solle die Leichen (in Honig) aufbewahren, denn sie würden wieder lebendig, denn er selbst lebte ja nicht einmal wieder auf. Welch ein Unsinn ist es zu behaupten, daß mit dem Tode ein neues Leben beginne! Wie kann der Mensch je Ruhe haben, wenn seine Seele oben und sein Schatten in der Unterwelt Empfindung behalten?
Wahrlich, dieser süße, aber alberne Glaube vernichtet das
vornehmste Gut, was uns die Natur verliehen hat, den Tod,
und macht den Austritt aus dem Leben doppelt schmerzhaft, indem uns sogar
noch der Gedanke an die Zukunft bekümmert. Denn wenn es angenehm ist
zu leben, wie kann es dann angenehm sein gelebt zu haben? Aber wie viel
leichter und sicherer ist es, seiner eigenen Überzeugung zu folgen
und aus der Betrachtung des Zustandes vor unserer Geburt
auf unsere Ruhe nach dem Tode zu schließen! - (pli)
Seele (7) Ist der Tod, sagte mein Vater, indem er mit sich selbst philosophierte, nichts anderes als die Trennung der Seele vom Körper und ist es wahr, daß Leute ohne Gehirn umhergehen und ihre Arbeit verrichten können, so kann die Seele ihren Sitz sicherlich nicht im Gehirn haben. Q.E.D.
Was den gewissen sehr dünnen, feinen und sehr wohlriechenden Saft anbetrifft, den der große mailändische Arzt Coglionissimo Born, in einem Brief an Bartholinus, in den Zellen der hinteren Teile des Cerebellum entdeckt zu haben vorgibt und von dem er gleichfalls behauptet, er sei der Hauptsitz der vernünftigen Seele (denn Sie müssen wissen, in diesen neueren und aufgeklärteren Zeiten hat jeder lebendige Mensch zwei Seelen, und nach dem großen Metheglingius wird die eine Animus und die andere Anima geheißen)— was also diese Meinung des Born anbetrifft, so konnte mein Vater ihr durchaus nicht beistimmen; der bloße Gedanke, daß ein so edles, so feines, so immaterielles und so erhabenes Wesen wie die Anima oder selbst der Animus seinen Wohnsitz in einer Pfütze oder in irgendeiner Flüssigkeit, sie sei so dick oder dünn, wie sie wolle, nehmen und wie ein Frosch den lieben langen Tag im Sommer wie im Winter nichts anderes tun sollte als dort sitzen und plätschern, empörte seine Phantasie; er konnte deshalb diese Lehre kaum anhören.
Was ihm also unter allem den wenigsten Einwänden ausgesetzt zu
sein schien, war die Annahme, daß das Hauptsensorium oder Hauptquartier
der Seele, wohin alle Meldungen gebracht und woher alle ihre Befehle geholt
würden, im oder nahe beim Cerebellum wäre oder vielmehr
irgendwo in der Gegend der Medulla oblongata, in welcher nach der
übereinstimmenden Meinung holländischer Anatomen alle feinen
Nerven sämtlicher Organe der sieben Sinne zusammenstoßen wie
die Straßen und krummen Gassen einer Stadt auf einem großen
Platz. - (shan)
Seele (8) Das ist die Formel; sie gilt für jeden: Monismus und Dualismus lösen wie Licht und Schatten, wie Phasen des Herzschlags einander ab. Erst mit der Vielzahl wird es kompliziert. Was finde ich denn, wenn ich zu meinem Seelchen hinabschleiche? Ein schäbiges, oft geflicktes Netz, das einen Fang von Tiefseetieren zusammenpreßt. Ein Eingeweide von Aalen und Schlangen, Haien, Kraken, Krebsen und Würmern aller Art.
Da ist Ägisth, der Klytämnestra auf das Prunkbett wirft. »Das Blut der Könige ist fahl purpurfleckig.« — Ich besteige die Königin auf dem Lager, das für den Atriden gerüstet war. Er liegt im Bad, ermordet — nie war ihre Hingabe tiefer, bedingungsloser als eben jetzt, da die Tür noch offen steht. Dort ist auch Atreus, sind, neben römischen Konsuln und Caesaren, milde Gestalten — Johannes der Täufer, Johannes am Strand von Patmos, Johannes, dem der Meister den Arm um die Schulter legt.
Vielleicht sind es nicht einmal Tiere der Tiefe, sondern nur ihre Larven
und Embryonen, die absterben, wenn sie in Schichten aufsteigen, die das
Licht durchdringt. Sie werden in nächtlichen Seancen von der Psyche
zitiert und freigelassen zur Selbstbefriedigung. Dort reiben sie sich auf.
- Aus: Ernst Jünger, Die Zwille. Stuttgart 1973
Seele (9) Die Peripatetiker behaupten, tagsüber
diene die Seele dem Körper, und von ihm gefesselt, sei sie nicht fähig,
ungetrübt die Wahrheit zu erkennen. Nachts
aber, wenn sie von ihrem Dienst am Körper befreit sei und sich in
der Gegend des Brustkorbs gleichsam zu einer Kugel
zusammengeballt habe, könne sie besser in die Zukunft schauen, und
daraus entstünden die Träume. -
ael
Seele (10) Wir haben hier eines jener psichischen
Ur-Fänomene vor uns, wie sie zwar nicht selten sind, aber doch selten
in so befruchtender Weise in die Geistesgeschichte von Völkern eingreifen
und deren Gemütslage bestimmen. Dieses Identifiziren der eignen, heftigen
und nicht zu bewältigenden Gefühle mit »Gott«,
oder irgend einem hochklingenden Simbol — hier, wenn den Evangelien zu
glauben, »der liebe Vater im Himmel«
— ist das Urbild eines geistigen Prozeßes, die psichische Zwangslage
eines nach Gründe suchenden, innerlich heftig bewegten Menschen, der
Saz des zureichenden Grundes nach Innen gekehrt und antropomorfisirt, wie
wir ihn heute fast mit experimenteller Sicherheit erweisen können.
Wir finden das Yänomen bei allen Rellgionsstiftern, bei Muhamed, bei
Buddha, bei Swedenborg, bei Fox, — wir finden es bei Allen, die plözlich
in überzeugender Weise ganze Völkerschaaren an ihre Befehle geheftet:
beim heil. Franziskus, bei der Jungfrau von Orleans, bei Louise Lateau;
wir finden es in den Kreuzzügen, bei den sektirerischen, kommunistischen
Auswan-derern nach Amerika im vorigen Jahrhundert, —wir finden es bei den
kezerischen Begharden im 14. und 15. Jhrh., und bei der ganzen Gruppe,
die die religiösen Umwälzungen im 16. Jhrh. hervorgebracht haben,
bei Nikolaus Storch, bei Thomas Münzer, bei Hans Böhm, bei Luther,
bei den Wiedertäufern u. a, — und wir finden es schließlich
bei den visionären Epileptikern in den Irrenanstalten, deren »Himmels-Erscheinungen«
und »Offenbarungen« an Kraft und Schönheit in Nichts den
gleichen psichischen Leistungen der christlichen Heiligen und Büßer
in den Klöstern nachstehen. Daß also Christus sich auf »seinen
lieben Vater im Himmel« beruft, ist bei aller
prächtigen, künstlerischen und poetischen Wirkung nur ein klinischer
Spezialfall in der Weltgeschichte für ein psichologisch festste-hendes
und gesezmäßig eintretendes Ereignis in unserer Psiche. —
Oskar Panizza, Christus in psicho-patologischer Beleuchtung. 1898
Seele (11)

Tôrnârssuk
mit einer Menschenseele unter dem Arm.
Er ist die höchste und vornehmste
Gottheit der Grönländer,
fungiert auch als Schutzgott, begleitet
und führt Schamanen
bei ihrer ekstatischen
Reise durch Meerestiefen.
[Aus: J. P. Asmussen
u. a., Handbuch der Religionsgeschichte, Bd. 1, Göttingen 1971]
-
Nach: Hans-Jürg Braun, Das Jenseits. Die Vorstellungen der Menschheit über
das Leben nach dem Tod. Frankfurt am Main 2000 (it 2516, zuerst 1996)
Seele (12) Metzingers Grundgedanke lautet, stark vereinfacht: Das Gehirn ist ein informationsverarbeitendes System. Sämtliche Wahrnehmungen — auch die innerer emotionaler Zustände — werden zu einer Repräsentation der Welt zusammengefügt, die in sich möglichst geschlossen und logisch konsistent ist. Dazu gehört auch die Selbstwahrnehmung des Körpers. Das Gehirn macht sich ein Modell des Körpers, das dessen Bedürfnissen angepaßt ist. Das könnte auch eine Erklärung für psychosomatische Erkrankungen liefern. «Hat man zum Beispiel Magenkrämpfe, dann wirkt das Gehirn auf das vegetative Nervensystem ein. Das kann jedoch nur funktionieren, wenn das Gehirn eine Karte des eigenen Körpers gespeichert hat, so daß die Reaktion auch an die richtige Stelle gelangt.»
Die Abbildung im Gehirn ist allerdings nicht maßstabsgetreu. Es kommt nicht darauf an, daß das geistige Modell völlig mit der äußeren Realität übereinstimmt, entscheidend ist, daß es ein sinnvolles Reagieren erlaubt. Und eine ähnliche Modellbildung findet auch auf anderen Ebenen statt. Um etwa sozial erfolgreich interagieren zu können, entwirft das Gehirn eine Selbstrepräsentation der eigenen Person in Abgrenzung von Mitmensch und Umwelt. Und diese Modellbildung wiederum ist so effektiv, daß wir sie gewöhnlich überhaupt nicht wahrnehmen. «Der Organismus verwechselt sich gleichsam mit dem Inhalt seiner Repräsentation und hält sein Selbstmodell für die Wirklichkeit. Erst dadurch wird es richtig effizient.»
Nur in extremen Situationen bricht diese perfekte Illusion zusammen. Ein spirituelles Erleuchtungserlebnis etwa wäre vermutlich jener Moment, in dem man eben diese ständige Konstruktion des Gehirns durchschaut — die Welt der Illusionen, wie es im Buddhismus genannt wird. Doch: Wer durchschaut hier eigentlich wen?
Eine Störung der Selbstmodellierungsfunktion kann allerdings auch verheerende Folgen haben. Sogenannte multiple Persönlichkeiten beispielsweise entwickeln statt eines kohärenten Selbstbildes deren mehrere und leiden unter dieser Anomalie zum Teil entsetzlich. Doch: Wer leidet hier eigentlich?
Auch bei schizophrenen Patienten oder anderen Geisteskrankheiten ist offenbar die Fähigkeit zur mentalen Konstruktion eines kohärenten Selbst gestört — und damit auch die Möglichkeit zum sinnvollen Interagieren mit der Umwelt. «Viele pathologische Grenzzustände kann man als Formen gestörter Selbstmodellierung erklären», meint Metzinger.
Doch auch wenn das alles einigermaßen plausibel klingt — wie soll man sich denn nun konkret vorstellen, daß das Selbst-Bewußtsein der Inhalt eines Modells ist? Thomas Metzinger setzt einen Tee auf und sagt: «Wenn die Leute zum erstenmal von meiner Theorie hören, finden sie sie meist furchtbar interessant, aber dann gehen gleich die Mißverständnisse los. Man kann zum Beispiel nicht einfach sagen: ‹Okay, ich bin also bloß mein Selbstmodell.› Denn was heißt denn dabei mein Modell? Wer ist das, der da von ‹mein› spricht? Das ist ein logischer Fehler», räsoniert der junge Philosoph. «Denn ich bin eine Ganzheit, die aus meinem Körper und dem Inhalt des von ihm in diesem Augenblick erzeugten Selbstmodells entsteht. Ich bin das Gesamtsystem, mit Haut und Haaren — nur kann ich zwischen Körper und Selbstmodell im bewußten Erleben nicht unterscheiden. Das Schweregefühl in meinem Körper jetzt, der Kontakt zur Sitzfläche — auch das ist das Selbstmodell, nicht nur das Denken.» Um im Bild zu bleiben: Das Ich ist eine Illusion, die, recht betrachtet, niemandes Illusion ist.
An diesem Punkt wird es dem Besucher langsam ungemütlich. Was bleibt denn dann noch übrig? Wie steht es etwa mit dem freien Willen oder der eigenen Verantwortung? Was, wenn in Zukunft etwa ein Verbrecher einfach behauptete, er sei niemand? « So leicht entkommen wir der Verantwortung nicht», erklärt Metzinger bedächtig und gießt Tee ein. «Wer einfach sagt, er sei niemand oder habe keinen freien Willen, ist ein Heuchler. Für die großen Heiligen oder Mystiker mag das anders sein. Aber die meisten von uns sind keine Erleuchteten: Wir können dieser Illusion, jemand zu sein, nicht entkommen. » Aber werden wir nicht genau dadurch eben erst zu jemand? Und ist die Ich-Illusion, die niemandes Illusion ist, dann vielleicht am Ende doch keine Illusion?
Thomas Metzinger nimmt einen tiefen Schluck aus der Tasse und setzt noch einmal zu einer Erklärung an. «Man muß dabei auch immer das gesamte System im Blick haben. Es gibt ja einen großen Teil des Selbstmodells, der völlig unbewußt ist. Der bewußte Teil dagegen wird eine bestimmte Funktion haben; das Gesamtsystem erklärt sich offenbar damit noch einmal gewisse Prozesse selbst und macht sie so für das eigene Handeln verfügbar. Dadurch entsteht etwas wesentlich Größeres, nämlich eine Gesamteinheit, die auf sehr komplizierte Art und Weise in sich selbst wechselwirkt. Für die Willensfreiheit muß man immer die Person als Ganzes sehen, also physikalisches System plus aktives Selbstmodell plus die daraus resultierenden Globaleigenschaften — und dieses System als Ganzes trägt sehr wohl Verantwortung.» Freilich gibt der Philosoph auch bereitwillig zu, daß seine Theorie noch einiger Verfeinerungen bedarf. « Es gibt noch viele Aspekte, die integriert werden müssen, zum Beispiel die Tatsache, daß ein großer Teil des Selbstmodells sozial generiert ist. Die Bildung von Gesellschaften wird erst dadurch möglich, daß sich ihre Mitglieder als jemand erleben. Das Zusammenleben in solchen Gesellschaften wiederum festigt dieses Gefühl und hebt es auf eine höhere Ebene. Die subjektive Identität, unser Jemand-Sein, entsteht also aus dem Wechselspiel von biologischer und sozialer Evolution.» Doch genau wie in einer Gesellschaft kann es auch in einer Person Subsysteme geben, die im Widerspruch zueinander stehen. «Ein ›gutes‹ Selbstmodell könnte also eines sein, das offen für Veränderungen ist und trotzdem hochgradig kohärent bleibt; dem es also nie passiert, daß ein Subsystem die Handlungskontrolle übernimmt und Fehler begeht, für die dann das System als Ganzes büßen muß.»
Das klingt recht abstrakt und in gewisser Weise szientistisch. Ist denn von der schönen alten Seele gar nichts mehr zu retten? «Der Begriff des Selbstmodells ist in gewisser Weise das, was man früher die Seele nannte», tröstet Metzinger. «In dieser Betrachtungsweise gibt es allerdings für das Selbstmodell keinen Grund mehr, weiterzuleben, wenn der Körper stirbt. Das Selbstmodell verschwindet einfach mit dem Tod.» Das sei eine bittere Pille, meint der Philosoph, und wer so tue, als ob ihm das gleichgültig sei, der mache sich vermutlich etwas vor. «Aber viele andere Vorstellungen, die die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte über die ›Seele‹ gesammelt hat, bleiben nach wie vor gültig. Es gibt zum Beispiel einen großen Reichtum von Einsichten darüber, wie man seine Seele pflegt oder, um es in der neuen Terminologie auszudrücken, wie man ein schönes, ein gesundes Selbstmodell bekommt und verhindert, daß es kaputtgeht oder krank wird. Diese Erfahrungen gelten weiterhin. » Auch Thomas Metzinger, der lange Spaziergänge in der Natur liebt, weiß um die Wichtigkeit solcher Seelenpflege. « Immerhin zeichnen wir uns in dem uns bekannten Teil des Universums dadurch aus, daß wir vermutlich die einzigen physikalischen Systeme sind, die ein so komplexes und doch kohärentes Selbstmodell haben. »
Aber Thomas Metzinger ist ein Denker, der es sich nicht einfach
macht. Offen gibt er zu, daß er nicht frei von Selbstzweifeln ist.
Auch hat er ein gespaltenes Verhältnis zu jenen esoterisch angehauchten
Bewußtseinsforschern, die meinen, man könne nun endlich westliche
Wissenschaft und östliche Mystik
miteinander versöhnen. Schließlich vertreten buddhistische Philosophen
schon lange die Ansicht, die Welt (und damit auch das Ich)
sei nichts als eine große Illusion. Auch Metzinger ist von
der Vorstellung fasziniert, daß « dieser beste Gedanke aus
der asiatischen Philosophie des Geistes ausgerechnet das brennendste Problem
der westlichen Wissenschaft lösen könnte ». Dennoch möchte
er mit dem ganzen « mythologischen Ballast», der damit einhergeht,
nichts zu tun haben. Und die Neigung mancher Kollegen, in Publikationen
über eigene mystische Erlebnisse zu berichten und über Erleuchtung
zu philosophieren, hält er für «mehr als peinlich».
Zwar könne man Erleuchtung vielleicht als das Durchsichtigwerden des
Selbstmodells erklären. «Doch eines ist klar: Dadurch, daß
man das intellektuell verstanden zu haben glaubt, wird man noch lange nicht
erleuchtet», sagt Metzinger mit Schärfe. - (kopf)
Seele (13) Die Seele hat zwei Kräfte, mit denen
sie die Arbeit und Ruhe ihrer Bestrebungen mit gleicher Stärke regelt.
Mit der einen steigt sie, Gott fühlend, zur
Höhe, und mit der anderen nimmt sie den ganzen Körper,
in dem sie ist, wirkend in Besitz. Denn es freut sie im Körper zu
wirken, weil er ja von Gott gebildet wurde, und sie ist hurtig in der Vollendung
der Tätigkeit des Körpers. Sie steigt in das Gehirn,
in das Herz, in das Blut,
in das Mark, in den ganzen Körper und erfüllt ihn. Sie erhebt
ihn nicht höher, als er es verträgt; denn wenn sie auch in ihm
sehr viele gute Werke anstrebt, so kann sie doch nicht weiter vorwärts
schreiten, als es ihr die Gnade Gottes gewährt. Sie wirkt auch oft
nach dem Begehren des Fleisches so lange, bis
das Blut in den Adern durch die Ermüdung etwas ausgetrocknet wird
und der Schweiß durch das Mark ausgepreßt wird. Dann zieht
sie sich in die Ruhe zurück, bis sie das Blut des Körpers erwärmt
und das Mark wieder anfüllt. Und nun weckt sie den Körper zum
Wachen auf, erquickt ihn zur Arbeit. Denn während sie sich zuweilen
den fleischlichen Begierden hingibt, wird sie davon angeekelt, wenn sie
aber dann ihre Kräfte wieder gewonnen hat, beugt sie sich ganz dem
Dienste Gottes zu. - (bin)
Seele (14) Die Menschenseele kommt von Gott aus
dem Himmel in den Menschen. Sie belebt ihn und gibt ihm die Vernunft. Verläßt
sie den Menschen, dann stirbt sie nicht, sondern geht ewig lebend zum Lohne
des Lebens oder zu den Qualen des Todes. - (bin)
Seele (15) Schmerz
und Angst bezeichnen die träumenden Glieder
der Seele. Körperliche Lust und Unlust sind Traumprodukte. Die Seele
ist nur zum Theil wach. Wo sie träumt, wie z.B. in den unwillkührlichen
Organen - wohin in gewisser Hinsicht der ganze Körper gehört
- da empfindet sie Lust und Unlust. Schmerz und Kitzel sind Sensationen
der gebundnen Seele. - Novalis, Das Allgemeine Brouillon
Seele (16) Denn durch den Tod
wird eine größere Wandlung bewirkt,
als wahrnehmbar ist. Während im allgemeinen die Seele, die entwich,
irgendwann zurückkehrt (dabei zeigt sie sich in Gestalt des einstigen
Leibes) und dann manchmal von den noch Lebenden gesehen wird, ist es schon
vorgekommen, daß der wirkliche Körper ohne
Seele umherwandernd angetroffen wurde. Und es wird bezeugt von denen,
die ihm begegneten und noch lebten, um davon berichten zu können,
daß eine solchermaßen auferstandene Leiche
keine natürliche Regung oder auch nur eine Erinnerung daran hat, sondern
nur Haß kennt. Es ist auch bekannt, daß
einige Seelen, die zu Lebzeiten ein gütiges Wesen besaßen, nach
dem Tode ganz bösartig werden. - 'HALI',
nach Ambrose Bierce, Die Spottdrossel. Zürich 1963 (zuerst ca. 1890)
Seele (17)
|
Auch das folgende wird dir das Wesen der Seele erläutern,
|
- (luk)
Seele (18) Nach der Todesangst, die so stark gewesen
war wie noch nie, begriff ich plötzlich den Ausdruck ANIMA CANDIDA:
nur eine anima candida, eine reinweiße Seele, kann vom Tod nicht
geschwärzt, verdüstert, verdunkelt werden - und aus den Grathöhen
der Todesangst kehrte ich heim in die schönen Niederungen des Lebens,
nur noch Hitze in der Brust statt des Grauens, und saß draußen
im Freien, im leichten Regen, der nun das mir Angemessene war: im Regen
draußen war ich im Leben, und die Vorbeigehenden übersahen mich.
Die Süßigkeit des Lebens war zurückgekommen mit einem kleinen,
einzelnen Vogelruf: anima candida! (Wieder einmal feiere ich: eine überstandene
Todesangst) - (bleist)
Seele (19)
|
Bleiben, so fragt man weiter, im Leichnam
Reste der Seele |
- (luk)
Seele (20) Fürsten der Unterirdischen sind,
sagen die Ägypter, Demeter und Dionysos.
Die Ägypter haben aber auch, und zwar als erste, die Behauptung ausgesprochen,
daß des Menschen Lebensseele unsterblich sei; vergehe aber der Leib,
gehe sie ein in ein anderes Lebewesen, das grade entsteht; wenn sie aber
ihren Durchgang vollendet habe durch all die Wesen des Festlands und des
Meers und der Luft, trete sie wieder ein in den Leib eines Menschen, der
grade geboren werde, es währe aber dreitausend Jahre, bis sie ihre
Wanderung abgeschlossen habe. Diese Lehre haben gewisse Hellenen, die einen
früher, andere später, vorgetragen, als wäre es ihre eigene.
Deren Namen weiß ich, zeichne sie aber nicht
auf. - (hero)
Seele (21) Gesetzt nun, man hätte bewiesen,
die Seele des Menschen sei ein Geist, so würde
die nächste Frage die man tun könnte etwa diese sein: Wo ist
der Ort dieser menschlichen Seele in der Körperwelt ? Ich würde
antworten: derjenige Körper, dessen Veränderungen
meine Veränderungen sein, dieser Körper
ist mein Körper, und der Ort desselben ist zugleich mein Ort.
Setzet man die Frage weiter fort, wo ist denn dein Ort (der Seele) in diesem
Körper? so würde ich etwas Verfängliches in dieser Frage
vermuten. Denn man bemerkt leicht, daß darin etwas schon vorausgesetzet
werde, was nicht durch Erfahrung bekannt ist, sondern vielleicht auf eingebildeten
Schlüssen beruhet: nämlich daß mein denkendes Ich in einem
Orte sei, der von den Örtern anderer Teile desjenigen Körpers,
der zu meinem Selbst gehöret, unterschieden wäre. Niemand aber
ist sich eines besondern Orts in seinem Körper unmittelbar bewußt,
sondern desjenigen, den er als Mensch in Ansehung der Welt umher einnimmt.
Ich würde mich also an der gemeinen Erfahrung halten und vorläufig
sagen: wo ich empfinde, da bin ich. Ich bin eben so unmittelbar in der
Fingerspitze wie in dem Kopfe. Ich bin es selbst, der in der Ferse leidet
und welchem das Herz im Affekte klopft. Ich fühle
den schmerzhaften Eindruck nicht an einer Gehirnnerve, wenn mich mein Leichdorn
peinigt, sondern am Ende meiner Zehen. Keine Erfahrung lehrt mich, einige
Teile meiner Empfindung von mir vor entfernt zu halten, mein unteilbares
Ich in ein mikroskopisch kleines Plätzchen des
Gehirnes zu versperren, um von da aus den Hebezeug
meiner Körpermaschine in Bewegung zu setzen, oder dadurch selbst getroffen
zu werden. Daher würde ich einen strengen Beweis
verlangen, um dasjenige ungereimt zu finden, was die Schullehrer sagten:
meine Seele ist ganz im ganzen Körper und ganz in jedem seiner
Teile. Der gesunde Verstand bemerkt oft
die Wahrheit eher, als er die Gründe einstehet, dadurch er sie beweisen
oder erläutern kann. - Immanuel Kant, Träume eines Geistersehers,
erläutert durch Träume der Metaphysik (1766)
Seele (22) Während der Jüngling
sie bearbeitete, gab ihm die Durand das Pulver ein. Die Zuckungen ergriffen
ihn, bevor er noch Zeit hatte, seinen Schweif aus dem Arschloch meiner
Freundin herauszuziehen, und so starb er mitten unterm Vögeln und
das erzeugte bei Clairwil eine solche Lustkrise, daß ich glaubte,
sie würde sterben. "Hol mich der Teufel!" schrie sie. "Ich
glaube ich habe seine Seele zugleich mit seinem Samen
bekommen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sein Glied während
den Zuckungen angeschwollen ist und was für
ein unsägliches Lustgefühl dies bei mir hervorrief. Wollüstige
Frauen! Vergiftet eure Liebhaber, während
ihr sie im Arschloch oder in der Scheide habt, und ihr werdet sehen, welcher
Erfolg." Wir hatten wirklich die größte Mühe, sein
Glied aus dem Arschloch meiner Freundin herauszuziehen, und als wir es
erreicht hatten, bemerkten wir, daß ihn die Todeszuckungen nicht
verhindert hatten, zu entladen. "Habe ich euch nicht gesagt,"
sagte Clairwil, "daß ich in meinen Arsch
zugleich seine Seele und seinen Samen aufgenommen?"
- Marquis de Sade, Justine oder Die Leiden der Tugend, gefolgt von
Juliette oder Die Wonnen des Lasters. Nördlingen 1987 (zuerst 1797)
Seele (23) "Ebenso materialistisch in
bezug auf die Seele wie auf den Gott, muß ich euch eingestehen,"
sagte die Durand, "daß ich, nachdem ich mit Aufmerksamkeit alle
Träume der Philosophen über diesen Punkt gelesen, zur Ansicht
gekommen bin, daß die Seele des Menschen nur ein Teil jenes Fluidums
ist, das aus der Sonne quillt, durchaus ähnlich
der Seele des Tieres, wenn auch anders organisiert. Diese Seele, nach meiner
Meinung die Weltseele, ist das heiligste Feuer
im Weltall; sie brennt nicht von selbst, aber in unseren Nerven, ihrem
gewöhnlichen Wohnsitz, erzeugt sie ein derartiges Leben der tierischen
Maschine, daß sie sie empfänglich macht für alle Gefühle
und alle Empfindungen. Es ist ein Effekt der Elektrizität. Beim Tode
des Menschen wie des Tieres entflieht dieses Feuer und vereinigt sich mit
der allgemeinen Masse, die stets in Bewegung und stets unverändert.
Der Körper zerfällt
und vereinigt sich zu neuen Formen, welche entflammt werden von neuen Teilen
dieses himmlischen Feuers". - Marquis de Sade, Justine
oder Die Leiden der Tugend, gefolgt von Juliette oder Die Wonnen des Lasters.
Nördlingen 1987 (zuerst 1797)
Seele (23) Es könnten alle diese einfache Substanzen oder erschaffene Monaden / Entelechiae, genennet werden. Denn sie besitzen eine gewisse Vollkommenheit in sich / (εχουσι το εντελες) sie haben eine Suffisance, (αυταρκεια) oder dasjenige / was sie zur Vollziehung ihrer Würkungen nötig haben / und welches verursachet / daß sie die Quelle ihrer innerlichen Actionen und / so zu reden / unkörperliche automata sind.
Wenn wir alles dasjenige / welches Perception und Appetit hat / nach
dem jetzterklärten allgemeinen Verstande eine Seele nennen wollen;
so können alle einfache Substanzen oder erschaffene Monaden Seelen
genennet werden; gleichwie aber das sentiment oder der Gedanke etwas mehr
als eine bloße perception ist; so bin ich darinnen übereinstimmig
/ daß der allgemeine Name / (Monaden und Entelechiae) für die
einfachen Substanzen /welche nur alleine die Empfindung haben / zureichend
sei: und daß man nur denenjenigen / deren perception viel distincter
oder deutlicher und mit Gedächtnis verknüpft ist / den Namen
/ Seele / beilege. - Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie,
nach: Projekt
Gutenberg
Seele (24) Wenn der Leib
gegen die Seele einen Prozeß anhängig machte wegen der Schmerzen
und Mißhandlungen, die er von ihr zeitlebens erfahren, und er selbst,
Demokrit, als Richter über die Anklage
zu entscheiden hätte, so würde er die Seele mit Vergnügen
verurteilen, weil sie den Leib teils durch Vernachlässigung zugrunde
richtete und durch Trunksucht schwächte, teils durch Wollüste
vernichtete und verlotterte, etwa wie er einen rücksichtslosen Benutzer
verantwortlich machen würde, wenn ein Instrument oder Gerät sich
im schlechten Zustande befände. - Demokrit
Seele (25) Manche sagen, die Seele bewege
den Körper, in dem sie ist, so wie sie selbst
sich bewegt. Zu ihnen gehört Demokrit,
der die gleiche Ansicht ausspricht wie der Komödiendichter Philippos.
Der sagt nämlich, Daidalos habe die hölzerne Aphrodite dadurch
in Bewegung gesetzt, dass er ihr Quecksilber eingoß. In gleicher
Weise äußert sich auch Demokrit. Er sagt nämlich,
wenn die unteilbaren Kügelchen sich bewegen, reißen sie dadurch,
dass sie ihrer Natur nach nie zum Stillstand kommen, den ganzen Körper
mit sich fort und bringen ihn in Bewegung. - Aristoteles
De anima
Seele (26) »Mein Liebling«, sagte die Königin, »sie sind imstande, dich zu töten!« - »Wenn ich meine Seele in mir hätte, so würden sie mich schon lange getötet haben«, sagte der Riese. »Wo ist denn deine Seele, mein Lieber? Bei den heiligen Büchern, ich will sie sorglich hüten.« - »Sie ist«, sagte er, »im Herdstein.« Als er am Morgen fortging, säuberte sie den Herdstein mit der allergrößten Sorgfalt. Zur Zeit der Dämmerung kam der Riese heim. Sie hatte ihren Mann wieder vor die Pferde gebracht. Der Riese ging hin, den Pferden Futter zu geben, und diesmal walkten sie ihn noch mehr durch. »Warum hast du den Herdstein so sorgfaltig gesäubert?« sagte er. »Weil deine Seele darin ist.« -»Ich sehe, daß du, wenn du wüßtest, wo meine Seele ist, aufs allerbeste für sie sorgtest.« - »Ja, das täte ich«, sagte sie. »Nicht hier ist meine Seele«, sagte er, »sie ist in der Türschwelle.« Am Morgen reinigte sie die Türschwelle sorgfältig.
Als der Riese nach Hause kam, machte er sich daran, den Pferden Futter zu
bringen, und die Pferde walkten ihn noch mehr durch. »Was hat dich dazu
veranlaßt, die Türschwelle so sorgfältig zu reinigen?«
- »Weil doch deine Seele darin ist.« - »Ich sehe, wenn du
wüßtest, wo meine Seele ist, so würdest du gut für sie
sorgen.« - »Das täte ich«, sagte sie. »Aber nicht
dort ist meine Seele«, sagte er. »Unter der Türschwelle ist
eine große Steinplatte. Unter der Platte ist ein Widder. Im Bauch des
Widders ist eine Ente, und im Bauch der Ente ein Ei, und in diesem Ei ist meine
Seele.« Als der Riese am nächsten Morgen weggegangen war, hob sie
die Steinplatte, und heraus kam der Widder. »Wenn ich nur den schlanken
Hund vom grünen Wald hätte, der brauchte nicht lange, mir den Widder
zu fangen«, sagte der König. Der schlanke Hund vom grünen Wald
kam mit dem Widder im Maul. Als sie den Widder öffneten, war die Ente schnell
heraus und flog mit den anderen Enten davon. »Wenn ich nur den eisgrauen
Falken vom grauen Felsen hätte, der brauchte nicht lange, mir die Ente
zu bringen.« Der eisgraue Falke vom grauen Felsen kam mit der Ente im
Schnabel an; als sie die Ente aufschnitten, um das Ei aus ihrem Bauch zu holen,
fiel das Ei heraus, in die Tiefe des Meeres. »Wenn ich nur den braunen
Otter vom Fluß hätte, der brauchte nicht lange, mir das Ei zu bringen.«
Der braune Otter kam und hatte das Ei im Maul, und die Königin packte das
Ei und zerdrückte es zwischen ihren beiden Händen.
Der Riese kam eben herein, denn es war die Stunde der Dämmerung, und als
sie das Ei zerdrückte, fiel er tot zu Boden und stand nicht wieder auf.
-
(schot)
Seele (27) Es ist nunrnehro eine ausgemachte,
eine entschiedene Wahrheit, daß in dem menschlichen Körper ein feines
Lichtwesen, eine ätherische Hülle des unsterblichen vernünftigen
Geistes seye, welche sich im Magnetismus, im Galvanismus, in der Elektrizität,
und in Sympathie und Antipathie unwidersprechlich darstellt, und auf mancherley
Weise würksam erzeigt; hiemit ist der vernüftige Geist ewig und unzertrennlich
verbunden. Ich nannte diesen innern Lichttnenschen die Menschenseele. -
(still)
Seele (28) Die Seele ist nur ein nichtiger
Ausdruck, von dem man keine rechte Vorstellung hat und dessen sich ein guter
Kopf nur zur Benennung des in uns denkenden Prinzips bedienen sollte. Nimmt
man auch nur den geringsten Grund zur Bewegung an, so wird es den beseelten
Körper nicht an dem Nötigen fehlen, sich zu bewegen, zu fühlen,
zu denken, zu bereuen und sich mit einem Worte in der physischen Welt so wie
in der davon abhängenden moralischen angemessen zu benehmen. -
Julien Offray de La Mettrie, Der Mensch eine Maschine. In: Künstliche Menschen.
Hg. Klaus Völker. Frankfurt am Main 1994 (st 2293)
Seele (29) Die Seele ist ein Seelenschiff, das nicht überladen, überlastet werden darf. Je weniger Ballast geladen wird, desto früher kommt es zum Ruhehafen. Anker tief lichten. Der Geist ist der Kapitän, der wachsam, den Blick geradeaus, aufpassen muß. Stranden oder landen? S O S so oder so. Salon oder Saustall machen aus dem Leben.

- Friedrich Schröder Sonnenstern, Trostlied für Aus- und Angebombte. Hg. Gerhard Jaschke. Wien 1981
Seele (30)
Seele (31)
Meine Insekten-Seele,
einer elend-scheußlichen
Ameise gleich,
krabbelt sie nächtelang
am Fuß der Mauern
in
gewunder Gangart.
Als sie die Türe öffnete, fand sie mich
tot.
(doch meine Träume leben weiter).
- N.M. Rashed, nach (loe2)
Seele (32) Er weigerte sich, an Lenas Grab das
Kaddischgebet zu sprechen. Warum sollte er Riten befolgen, an die er nicht glaubte?
Welchen Sinn hatte es, zu einem ewig schweigenden Gott zu beten, dessen Ziele
nicht zu erkennen waren, ebensowenig wie seine Existenz? Selbst wenn Mark je
geglaubt hätte, daß der Mensch eine Seele habe, so hatte ihn Lenas
Tod davon überzeugt, daß dies absurd war. Lenas Körper zerfiel,
zusammen mit ihrer sogenannten Seele. Während ihrer ganzen Krankheit hatte
sie nicht ein Wort geäußert, aus dem zu erkennen gewesen wäre,
daß sie bald einer anderen Sphäre angehören würde. Also
gut, und was würde Lenas Seele tun, selbst wenn sie überlebte? Wieder
Modezeitschriften lesen? Die Marszalkowska Straße herunterbummeln und
Schaufenster anschauen? Andererseits, würde sich Lenas Seele verändert
haben und nicht mehr die sein, die sie auf Erden gewesen war, dann wäre
es eben nicht mehr Lenas Seele!... Mark Meitels hatte viel von dem polnischen
Medium Kluski gehört, bei dessen spiritistischen Sitzungen die Toten angeblich
die Abdrücke ihrer Hände in einer Schüssel mir Paraffin hinterließen.
Er hatte die Aufsätze des polnischen Okkultisten Professor
Ochorowicz gelesen, wie auch die von Conan Doyle, Barrett, Sir Oliver Lodge
und Flammarion. Es hatte Augenblicke gegeben, wo er gedacht hatte: vielleicht,
warum nicht? Schließlich und endlich, was wissen wir von der Natur und
ihren Geheimnissen? Aber Lenas Krankheit hatte all seine Illusionen fortgewischt.
Nach ihrem Tode blieb nichts als eine große Leere und das Gefühl
völliger Nichtigkeit. Es gab keinen, noch konnte es einen grundlegenden
Unterschied zwischen Lena und den Hühnchen geben, die man für sie
zubereitet, und die man am nächsten Tag in den Abfall
geworfen hatte. - Isaac Bashevis Singer, Die Hexe. In: I.B.S., Leidenschaften.
Geschichten aus der neuen und der alten Welt. München 1993. (zuerst 1975)
Seele (33) Die menschliche Seele teilt Pythagoras in
drei Teile: Vernunft, Verstand,
Mut. Vernunft und Mut finde sich auch in den übrigen
lebenden Wesen, Verstand aber nur beim Menschen. Es erstrecke sich aber das
Reich der Seele vom Herzen bis zum Gehirn, und der dem Herzen zugehörige
Teil derselben sei der Mut, während Verstand und Vernunft ihren Sitz im
Gehirn hätten; die Sinne seien Tropfen von diesen (letzteren). Der Verstand
sei unsterblich, das übrige sterblich. Ihre Nahrung erhalte die Seele vom
Blute; ihre inneren Verhältnismäßigkeiten seien Windhauche.
Sie selbst wie auch ihre Verhältnismäßigkeiten seien unsichtbar,
da auch der Äther unsichtbar ist. Bänder der Seele seien die Adern
und die Arterien und die Sehnen. Wenn sie aber bei Kraft und ruhig mit sich
selbst beschäftigt sei, dann gäben ihr ihre Worte und ihre Werke den
festen Halt. Aus ihrem Gefüge herausgerissen aber schweife sie über
die Erde hin in der Luft, dem Körper ähnlich. Hermes aber sei der
Hüter der Seelen, weshalb er denn Geleiter genannt werde und Torwächter
und Unterirdischer, da er die vom Leibe geschiedenen Seelen von Land und Meer
nach ihrem Bestimmungsort bringt, und zwar würden die reinen Seelen nach
dem höchsten Platze gebracht, die unreinen dagegen dürften sich weder
jenen nähern noch auch einander, sondern würden in unlösbaren
Fesseln von den Erinnyen festgehalten. Das ganze Luftreich sei voll von Seelen,
und diese seien es, die man Dämonen und Heroen nenne. - (diol)
Seele (34), die - Bohrung des Gewehrlaufes. - (weid)
Seele (35)

Darstellung der Seele
als präzise zugeschnittene
Reihe von Vermögen
- Aus: Gregor
Reisch, Margarita philosophica nova (1512)
Seele (36) In Wahrheyth hatte Bellaugh nie nicht geglaupet, eine Seel zu besitzen, doch itzo fühlte er, wie sie sich blähte im Innern des Bauches, daß er sie aus dem Hintern mußte herausfahren lassen, so er nicht wollte zerrissen werdten. Was sonst war dann all diese Lufft, wenn nicht seyne verflixte Seel? Sie wars, die ihm all das forchtbare Ohngemach im Dunkel der Nacht bereythete, und gleych darauf fuhr sie ihm hinten heraus und brauste dabey alswie eine Fanfaren im Zimmer.
Aus welchem Grundt die Seel gar so viel Getös mußt machen, war
nicht zu verstehen. Vielleicht waren nicht alle Seelen gleych und nicht alle
blähten sich so und suchten sich ein derart weyth unten gelagertes Loch,
um in die Welt hinauszufahren. So mann die Lufftthöne nahm, die danach
noch herauspfoffen, hätt mann der Meynung seyn können, daß seyne
Seel gar ohngeduldtig war und von heytherer Art. - Luigi Malerba, Pataffio. Berlin 1988
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