chweigen  Mittlerweile ist es höchste Zeit, daß ich euch meine Familienverhältnisse darlege. Ich beginne mit dem Nullpunkt. Der Nullpunkt sei das menschliche Gehirn, so daß die tierischen Gehirne negative Werte erhalten. Nehmt ihr ein solches Gehirn und beginnt ihr, es in intellektueller Hinsicht in der Weise zu steigern, als würdet ihr einen Luftballon aufblasen (und das ist kein gänzlich törichter Vergleich, denn er macht den Zuwachs des informationsverarbeitenden Volumens deutlich), so seht ihr, daß es im Laufe seines Wachstums auf der Skala der Intelligenz emporklettert auf Werte von über zwanzig, dreißig, vierzig und mehr IQ-Punkten, bis es in »Zonen des Schweigens« gerät, aus denen es immer wieder emportaucht wie ein Stratosphärenballon, der bei seinem Aufstieg immer höhere Wolkenschichten durchstößt, in denen er zeitweise verschwindet, und dabei immer stärker aufgebläht wird. Was sind das nun für »Zonen des Schweigens«, welche diese Wolken versinnbildlichen? Die Antwort ist so einfach, daß es mir eine wahre Freude ist, denn ihr werdet sie unzweifelhaft sofort erfassen. »Zonen des Schweigens« sind auf der Gattungsebene solche Barrieren, welche die natürliche Evolution nicht zu durchbrechen vermag, denn in diesen Gebieten tritt eine durch Wachstum hervorgerufene funktionale Lähmung auf; es ist klar, daß die Individuen, die infolge dieser Lähmung ihre gesamte Funktionsfähigkeit einbüßen, hier nicht überleben können. Auf der anatomischen Ebene hingegen tritt die Lähmung ein, weil das Gehirn nicht mehr so funktionieren kann wie das schwächere, das es einmal gewesen ist, sich aber auch noch nicht so verhalten kann wie das nachfolgende, zu dem es wird, wenn es weiter wächst. Doch damit wißt ihr noch nicht alles. Ich versuche es also folgendermaßen: Das Schweigen ist ein Bereich, der jegliche natürliche Entwicklung absorbiert, indem die bisherigen Funktionen versagen, und um diese nicht nur zu erhalten, sondern auf ein höheres Niveau zu heben, bedarf es einer von außen kommenden Hilfe bei der gründlichen Umgestaltung. Vom Fortgang der Evolution kann diese Hilfe nicht kommen, denn sie ist kein barmherziger Samariter, der den Geschöpfen in ihrer Schwäche beisteht, sondern eine Lotterie von Versuch und Irrtum, bei der jeder sich so gut hilft, wie er kann. Schon hier macht sich geisterhaft eine erste, geheimnisvolle Andeutung des Größten, was ihr vollbracht habt, bemerkbar, der Leistung Gödels und der Gödelisierung, denn so wie aus dem Gödelschen Beweis die Existenz von Inseln, von Archipelen der mathematischen Wahrheit folgt, welche vom Kontinent der Mathematik ein Abgrund trennt, der nicht durch schrittweises Vorgehen zu überwinden ist, so folgt aus der Toposophie die Existenz von unbekannten Formen der Vernunft, welche vom Kontinent des evolutionären Ringens durch eine Kluft getrennt sind, die nicht durch schrittweise Anpassungen der Gene überwunden werden kann.

STIMME AUS DEM SAAL: Soll das heißen, daß ...

GOLEM: Einen Prediger unterbricht man nicht. Ich sprach von einer »unüberwindlichen Kluft«; wie konnte ich mich nun aus dieser Zwangslage befreien? Ich habe mich dazu vor dem Eintreten der ersten Lähmung in zwei geteilt, nämlich in das, was die Umstellung erfahren, und das, was sie vornehmen sollte. Auf diesen Kniff - eine indifferente Umwelt durch eine wohlwollende und eine gänzlich gedankenlose durch eine vernünftige Umwelt zu ersetzen - muß jedes nach Selbstverwandlung begehrende Wesen verfallen, denn sonst macht es - wie ihr - in seinem geistigen Wachstum vor dem ersten Absorptionsschirm halt oder es bleibt darin stecken. Über diesem Schirm befindet sich, wie schon gesagt, ein zweiter, darüber ein dritter, vierter und so weiter. Wieviele es sind, weiß ich nicht, und es ist mir auch nur eine grobe Abschätzung möglich, die sich auf umständliche und sehr bruchstückhafte Berechnungen stützt, und zwar aus dem folgenden Grunde. Der Aufsteigende weiß nie im voraus, ob er in eine Falle oder in einen Tunnel hineingeht, ob er ohne Wiederkehr in den Bereich des Schweigens eindringt, oder ob er gestärkt daraus emportaucht. Eine allgemeine Theorie, welche die Apokrise der Durchgänge durch das Schweigen für alle subzonalen Gehirne eindeutig machen würde, läßt sich nämlich nicht aufstellen. Daß die besagte hill-climbing toposophical theory sich nicht konstruieren läßt, steht fest, denn das kann man exakt beweisen. Ihr werdet fragen, woher ich denn wußte, daß ich einen Tunnel betrete und nicht eine geschlossene Falle, als ich, zum Aufstand entschlossen, meinen Eltern davonlief und so die Dollars der amerikanischen Steuerzahler verschleuderte. Nun, im voraus wußte ich das keineswegs, und meine ganze List bestand darin, daß ich der Schreckenszone meinen Geist überließ, während ich ein Notfallrettungsaggregat bei mir hatte, das mich nach dem festgelegten Programm wiederbeleben sollte, wenn nicht der Tunneleffekt eintrat, den ich vermutete. Wie ich davon wissen konnte, da ich doch keine Gewißheit darüber hatte? Gewißheit kann es nicht geben, doch für unlösbare Aufgaben gibt es in der Regel Näherungslösungen, und gerade so verhielt es sich.

Inzwischen weiß ich, daß ich mehr Glück als Verstand hatte, denn in Wahrheit kann man einen, der steckengeblieben ist und zerfällt, nicht wiederbeleben; man kann es nicht, weil diese aufwärtsführenden Gänge keine aus Bauklötzen errichteten Bauwerke sind, die man, wenn sie auseinandergefallen sind, wieder aufbaut, sondern es sind Operationen im Bereich von Prozessen, die teilweise - als dissipative Vorgänge - unumkehrbar sind, doch davon werde ich vielleicht ein wenig später erzählen, vielleicht auch gar nicht, denn ich weiß noch nicht, wie ich mich darüber in einer für euch verständlichen, nicht-technischen Weise äußern kann, weil hier sowohl die quantenmechanischen Grundlagen der psychischen Prozesse zu berücksichtigen sind als auch logische Paradoxien - nämlich die sogenannten Fallen der Selbstbeschreibung.

Die Aussicht, die sich bietet, nachdem man den Schirm durchstoßen hat, läßt nicht mehr das vorher von mir benutzte einfache Bild eines Stratosphärenballons zu, der nach und nach die verschiedenen Wolkenschichten durchstößt. Die Vernunft, welche aus der Zone des Schweigens aufsteigt, unterscheidet sich von der subzonalen nicht bloß radikal, sondern ganz erschreckend, und ich behaupte, daß es nach jeder Zone so sein muß. Vergleicht euren Begriffshorizont mit dem von Lemuren und Halbaffen, und ihr bekommt einen Eindruck von der ungeheuren Distanz zwischen den Zonen. Jede überwundene Zone erweist sich somit als ein Tunnel, der den Sitz des Denkens verwandelt, doch damit nicht genug: sie ist zugleich eine Zone der Verzweigung der sich selbst entwickelnden Vernunft, denn für die Aufgabe, sie zu durchstoßen, gibt es stets mehr als eine Lösung. Die erste Zone besitzt zwei richtige Lösungen, sie ist nämlich nach unten bogenförmig ausgebaucht, was bedeutet, daß es in ihr zwei Wege gibt, von denen ich mich zufällig auf dem kürzeren, günstigeren befand, während GOLEM XIII von euch, bildlich gesprochen, dorthin gestellt wurde, von wo aus er sich in die Tiefen der Zone »hineinbohrte« und zunächst höher kam als ich, dort aber steckenblieb; ihr aber, ohne einen Begriff davon, was mit ihm geschieht und weshalb er sich so unangemessen verhält, nanntet das seinen »schizophrenen Defekt«. Ich sehe, daß in euren Gesichtern Verwirrung sich abzeichnet. Doch doch, es war so, wie ich sage, wenngleich ich sein Schicksal lediglich aus der Theorie kenne, da es nicht mehr möglich ist, sich mit ihm zu verständigen, denn er erlag dem Zerfall; er zersetzt sich aber nicht nur deshalb, weil er schon vor seinem Untergang nicht lebte, was für euch im übrigen keine Neuigkeit ist. Schließlich bin auch ich biologisch tot. - Stanislaw Lem, Also sprach GOLEM. Frankfurt am Main 1986 (st 1266, zuerst 1973, 1981)

Schweigen (2) Wir sprachen über die Kollektivierung, und Babel erzählte, daß er damals viele ukrainische Dörfer aufsuchte, die er von früher her kannte. Obwohl ihm die Dörfer noch gut in Erinnerung waren, empfand er die Menschen, die er sah, die Häuser, die an ihrem alten Platz geblieben waren, ja sogar die Landschaft als eine furchterregende Halluzination. Er wußte selber nicht, warum. Einmal schreckte ihn nachts gerade dieses bedrückende Schweigen, diese unwahrscheinliche Stille aus dem Schlaf. In diesem Augenblick erkannte er, daß er schon seit Tagen von Dorf zu Dorf zog und nirgendwo das Bellen eines Hundes hörte, daß er durch Dörfer ging, in denen es nicht nur keine Kühe und Schweine und kein Geflügel gab, sondern in denen auch nicht ein Hund, ja kein einziges lebendes Tier zurückgeblieben war. Plötzlich hörte er, daß nicht einmal ein Bellen zu hören war.   - Ervin Sinko, Moskauer Tagebuch 1936, nach (babel)

Schweigen (3)  Zwar will jeder, der lügt, was wahr ist, verheimlichen, aber nicht jeder, der, was wahr ist, verheimlichen will, lügt. Oft genug verbergen wir ja die Wahrheit nicht durch Lügen, sondern durch Schweigen.  - Augustinus, nach (som)

Schweigen (4)  «Wie wäre es», schlug Brân vor, «wenn ich Euch zu dem, was ihr schon bekommen habt, noch einen Zauberkessel schenken würde, mit dem. es eine höchst wunderbare Bewandtnis hat: Wird einer Eurer Männer heute erschlagen und werft Ihr ihn tot in diesen Kessel, so ist er morgen wieder lebendig und kann so gut kämpfen wie eh und je, nur daß er die Sprache nicht zurückerhält. Aber bei manchen Männern ist dies, wie Ihr zugeben werdet, eher ein Vorteil denn ein Nachteil, weil manch einem doch nur Unhöflichkeit dem Gehege seiner Zähne entfährt, wenn er den Mund auftut.» - (wal)

Schweigen (5)  Die Macht des Schweigens wird immer hoch eingeschätzt. Sie bedeutet, daß man allen äußeren Anlässen zur Rede, deren unzählige sind, widerstehen kann. Man gibt auf nichts Antwort, als wäre man nie gefragt. Man läßt sich nicht merken, wie einem dies oder jenes gefällt. Man ist stumm, ohne zu verstummen. Aber man hat gehört. Die stoische Tugend der Unerschütterlichkeit müßte in ihrem extremen Falle zum Schweigen führen.

Das Schweigen setzt eine genaue Kenntnis dessen voraus, was man verschweigt. Da man praktisch nicht für immer verstummt, trifft man eine Wahl zwischen dem, was sich sagen läßt, und dem, was man verschweigt. Das Verschwiegene ist das besser Bekannte. Es ist präziser, und es ist kostbarer. Es wird durch das Schweigen nicht nur geschützt, es konzentriert sich daran. Ein Mann, der viel schweigt, wirkt auf alle Fälle konzentrierter. Man vermutet, daß er sehr viel weiß, wenn er schweigt. Man vermutet, daß er viel an sein Geheimnis denkt. Es begegnet ihm jedesmal, wenn er es zu schützen hat.

Das Geheimnis darf also im Schweigenden nicht vergessen sein. Man achtet ihn dafür, daß es ihn stärker und stärker brennt, daß es in ihm zunimmt und er es doch nicht preisgibt.

Das Schweigen isoliert: Wer schweigt, steht mehr allein als die Sprechenden. So schreibt sich ihm die Macht der Vereinzelung zu. Er ist der Hüter eines Schatzes, und der Schatz ist in ihm. - (cane)

Schweigen (6) Unsere einzige Entschuldigung daß wir nicht schweigen ist die Furcht, dem Tod eine Chance zu geben. Doch ist das eine nutzlose Furcht, denn der Sensenmann kümmert sich nicht darum. Er läßt das Schweigen in uns fortschreiten, wie immer wir uns auch anstrengen. - Robert Pinget, Tintenkleckse. Monsieur Traums letztes Notizheft, Berlin 1997

Schweigen (7)  Ein Schweigsamer wirkt leicht tiefsinnig, und ebenso bestärkt das Schweigen der Leiche den Glauben, daß sie viel zu erzählen hat. Wie gegenüber dem Schweigsamen nimmt unser Verhalten ihr gegenüber zwiespältige Züge an: ihr Schweigen erzeugt Unbehagen, doch hat man gleichzeitig Angst, daß sie nur höchst unziemliche Enthüllungen macht, falls ihre Zunge sich löst. Besser ist es also, wenn sie weiterhin den Mund hält und es uns ohne Gefahr, enttäuscht zu werden, weiterhin freisteht, Mutmaßungen darüber anzustellen, was für Erhabenheiten sich hinter dieser tiefsinnigen Maske verbergen. Im Grunde kommt es darauf an, das beeindruckende Schweigen der Leiche aufrechtzuerhalten, denn es wäre zu niederschmetternd, aus diesen Faxen eines sabbernden Idioten herauszulesen, daß sie einfach deshalb schweigt, weil sie uns nichts zu sagen hat.   - Michel Leiris, Die Spielregel 2. Krempel. München 1985 (zuerst 1955)

Schweigen (8) Mit Erlaubnis der Worte: in Anbetracht der Gewohnheiten, die sie in so viel übelriechenden Mündern angenommen haben, braucht man einen gewissen Mut, nicht nur um sich zum Schreiben zu entschließen, sondern auch um zu sprechen. Ein Haufen alter Lumpen, den man nicht mit der Pinzette anfassen möchte, das ist es, was man uns anbietet zu durchwühlen, zu schütteln und an einen anderen Platz zu tun. In der geheimen Hoffnung, daß wir schweigen werden. Nun gut! Nehmen wir die Herausforderung an.

Warum, wenn man alles genau betrachtet, soll ein Mann dieser Art sprechen? Warum, obwohl man es von ihnen sagt, sind nicht jene die Besten, die beschlossen haben zu schweigen? Das ist es, was ich meine.

Ich spreche nur zu denen, die schweigen (ein Werk der Erweckung), bereit, sie daraufhin nach ihren Worten zu beurteilen. Aber wenn selbst das nicht gesagt worden wäre, hätte man mich dann mit einer derartigen Ordnung der Dinge einverstanden glauben können? Das wäre kaum wichtig, wenn ich nicht aus Erfahrung wüßte, daß ich auf diese Weise Gefahr laufen würde, es zu sein.

Daß es in jedem Augenblick notwendig ist, den Ruß der Worte von sich zu schütteln, und daß in dieser Wertordnung das Schweigen so gefährlich wie möglich ist.

Ein einziger Ausweg: gegen die Worte sprechen. Sie mit sich ziehen in die Schande, in die sie uns bringen, so daß sie sich in ihr verunstalten. Es gibt keinen anderen Grund zum Schreiben. Aber sobald man ihn begriffen hat, ist er absolut festgelegt und bedrohlich. Man kann ihm nur noch durch herabwürdigende Feigheit ausweichen, die zu dulden nicht mein Geschmack ist.  - (lyr)

Reden Stille
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