chlag
Nachdem die Theorie von der Notwendigkeit eines Mangels an Symmetrie
um original zu sein ist gegeben worden, so kann gesagt werden: Ich hielte daher
für ratsam daß man den neugebornen Kindern einen sanften Schlag mit geballter
Faust auf den Kopf gäbe, der ohne ihnen zu schaden die
Symmetrie des Gehirns etwas verrückte. Ich riete ihn ja nicht grade auf die
Stirne oder oben oder hinten hin zu geben, auch nicht auf die Seite, weil dieses
die Symmetrie keinesweges affizieren würde. Denn in den drei ersten Fällen werden
beide Seiten gleich stark unmittelbar getroffen und in dem letzten würde die
Reaktion der gegenüberstehenden Seite statt eines Schlages von der entgegengesetzten
Seite sein. Ich riete also unmaßgeblich den Schlag grade über einem von den
beiden äußern Augenwinkeln anzubringen, denn da alsdann Teile von einer ganz
andern Struktur und Lage in Reaktion gebracht werden, so kann es nicht anders
sein, als daß endlich die schönste Asymmetrie des Gehirnes
erhalten werden wird. Von hinten auf den Kopf zu schlagen wollte ich deswegen
nicht raten, weil das Cerebellum oder die Hintergebäude der Seele da liegen,
wo bekanntlich die Werke des Witzes nicht verarbeitet werden, und die Seele
sich mit auswärtigen Affairen nicht abgibt. Ich habe deswegen oft mit Verdruß
bemerkt, daß die Schläge auf den Kopf oder die sogenannten Ohrfeigen in unsern
Schulen abkommen und nur noch in der großen Gesellschaft wo sie ganz umsonst
angebracht werden, weil die Köpfe alsdann gewöhnlich schon in das Holz gegangen
sind, Mode sind. Man hat Exempel, daß Leute, die auf den Kopf gefallen oder
darauf mit einem Prügel geschlagen worden sind, zuweilen angefangen haben zu
weissagen, und anders von den Dingen in der Welt zu denken, als andere Menschen.
- (licht)
Schlag (2) Als ER seinerzeit alle Schweine im Reich zählen und aufzeichnen ließ und den Bauern genau vorschrieb, wieviel sie davon jährlich für ihren Eigenbedarf der Hausschlachtung zuführen durften, da wurde den Vertretern des Nährstandes klar, was die Uhr geschlagen hatte. Damals herrschte eine große Unzufriedenheit unter der Landbevölkerung der Ostmark, da ER ihren Bedarf an Fleisch weit unterschätzt hatte. Selbst ein Sohn dieses Landes, schien ER sich gleichwohl keine rechte Vorstellung mehr davon zu machen, wieviel Schweinernes der ostmärkische Bauer zur Aufrechterhaltung seiner Laune und Arbeitskraft benötigte. Eigentlich hätte ER wissen müssen, daß jeder Versuch, die Ernährung dieser Menschen auf Marmelade und Sojabohnen umzustellen, von vorne herein zum Scheitern verurteilt war.
Nachdem nun dieser unselige Befehl von Berlin aus ergangen war, begann in Seinem Ahnengau das große Schweineverstecken und Schwarzschlachten. Bei diesen gesetzwidrigen Hausschlachtungen kam es darauf an, das Schwein dazu zu bringen, daß es sich vor seinem Tode jedes verräterischen Schreies enthielte. Das in Friedenszeiten gebräuchliche Abstechen kam nun nicht mehr in Frage. Auch Erschießen verbot sich wegen der damit verbundenen Lärmentwicklung. Die Landwirte verfielen darum auf eine einfache Betäubungsart. Diese Betäubung ins Werk zu setzen, bedurfte es lediglich einer schweren Axt, die dem schlafenden Tier in finsterer Nacht mit
Wucht gegen die Hirnschale geschlagen wurde, so daß es sich außerstande sah, noch einen Ton von sich zu geben. War das todgeweihte Tier gefällt, konnte man ihm das lange Schlachtermesser ins Herz stoßen.
Mein Vater sagte, es kommt darauf an, daß der erste Schlag sitzt. Der erste Schlag muß sitzen, sagte mein Vater. Wenn der erste Schlag nicht sitzt, sagte mein Vater, kannst du nach Mauthausen kommen. Du bist ein Saboteur, sagen sie, wenn sie dich erwischen, sagte mein Vater. Mein Vater sagte, gleich der erste Schlag muß hinhauen. Haut nicht gleich der erste Schlag hin, sagte mein Vater, dann ist die Schweinerei fertig. Du mußt genau den Punkt treffen. Triffst du den Punkt nicht genau, ist der Teufel los. Die Sau hält dann nicht mehr still, sagte mein Vater. Und du hast den Nachbarn oder gar schon die Gendarmerie aufgeweckt.
Ich schwitzte jedesmal Blut, wenn Vater die große Axt nahm, sich bekreuzigte,
In Gottes Namen! sagte und in den Stall schlich. Wir
sollen uns hinsetzen, sagte er noch, und einen schmerzensreichen Rosenkranz
beten. Daß Nero nicht wieder anschlägt. Und daß hoffentlich kein Judas unter
den Dienstboten ist. In zehn Minuten ist alles vorbei, sagte mein Vater. -
Alois Brandstetter, Überwindung der Blitzangst.
München 1974 (dtv sr 27, zuerst 1971)
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