aumlosigkeit  Jener Lagerinsasse und serbische Zeuge war ein krummer, älterer Mann. Er bezeichnete sich vor dem Tribunal als »šumar«, was der englische Simultandolmetsch mit »forester«, und die französische Gerichtsdolmetscherin, ebenso richtig, mit »forestier«, Förster, übersetzte. Mir freilich kam der gichtig verbogene, auch stark hinkende Mann — einer der angeklagten muslimischen Aufseher habe ihm Benzin übers Bein geschütter und ein Streichholz drangehalten — eher wie ein altgedienter Forstarbeiter vor.

Ich lasse hier jedoch die an ihm verübten monotonen Quälereien (im Tribunalprotokoll nachzulesen) aus und konzentriere mich auf eine kleine Episode in seiner Erzählung oder Aussage von der mehrmonatigen Lagerzeit, eher vom Transportiert- und Geschubstwerden quer durch die südostbosnischen Bergwälder hin zum Internierungscamp (sämtliche dortigen Volksgruppen haben das, mit dem Ausbruch des Krieges im April 92, durcherlebt). Tage um Tage sei die aus allen Himmelsrichtungen zusammengefangene Zivilbevölkerung so, bewaffnet-bewacht, unterwegs gewesen. Und von einem gewissen Moment an, so der Bericht des šumar, habe er, der doch die ganze Gegend von klein auf kannte, auch in seiner Eigenschaft als Waldmann, nicht mehr gewußt, wo er war. Den hundertmal begangenen Forstweg, den seit jeher überquerten Gebirgsbach, den altvertrauten Felskopf in der Wegkurve: auf seinem Zwangsmarsch hatten sie sich zur völligen Unkenntlichkeit verändert, »und da wollte ich nur noch sterben«. Den Raumverlust erlitt er ungleich schmerzhafter als jede (sonstige) Entbehrung? - Peter Handke, "Und wer nimmt mir mein Vorurteil?". Süddeutsche Zeitung magazin 4. Oktober 2002

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