rofessor
Falschdenker, Unwissenschaftler, Bekenner eines gelehrten
Berufes, höchstgebildeter Staatssklave, schmarotzender
Gewaltgewerbler, Wortklauber, Wortglauber, Wortzauberer, Satzschieber,
Sprachzerkauer, Gedankendurcheinandermanscher, Sprechdreckmacher, Volksbeschwafler,
Wahrheitssperrer, Quasselmeier, Fremdwortbändiger,
Unforscher (s. Philosophie, Titel).
- (se)
Professor (2) Ein lustig
aussehender, fetter kleiner Mann in einem geblümten Morgenrock, der unter
jedem Arm ein großes Buch trug, kam von der anderen Seite des Raumes angetrottet
und ging stracks vorüber, ohne den Kindern auch nur die mindeste Beachtung
zu schenken. »Ich suche Band drei«, sagte er. »Haben Sie ihn zufällig
gesehen?«
»Sie haben meine Kinder nicht gesehen, Professor!« rief der Gouverneur, griff ihn bei den Schultern und drehte ihn herum, so daß er ihnen das Gesicht zuwandte.
Der Professor lachte heftig: dann starrte er sie ein, zwei Minuten durch seine großen Brillengläser schweigend an. Schließlich wandte er sich an Bruno. »Du hast hoffentlich eine gute Nacht gehabt, mein Kind?«
Bruno schaute verblüfft drein. »Ich hab dieselbe Nacht gehabt wie du«, antwortete er. »Seit gestern hat es nur eine Nacht gegeben!«
Nun war der Professor verblüfft. Er setzte die Brille ab und rieb sie mit seinem Taschentuch. Dann starrte er die Kinder abermals an. Darauf wandte er sich dem Gouverneur zu.» Sind sie angeleimt?« erkundigte er sich.
»Nein, sinn wir nich«, sagte Bruno, der sich durchaus für qualifiziert hielt, diese Frage zu beantworten.
Der Professor schüttelte traurig den Kopf. »Nicht mal in Halbleinen?«
»Warum solln wir halb in Leinen gehn?« sagte Bruno. »Wir iss doch kein Bettler!«
Aber der Professor hatte sie inzwischen ganz vergessen und sprach weiter mit dem Gouverneur. »Das wird Sie freuen zu hören«, sagte er, »die Barometersäule ist dabei, sich zu bewegen — «
»Schön, und in welche Richtung?« fragte der Gouverneur — und er fügte, zu den Kindern gewandt, hinzu, »Nicht, daß es mich sonderlich interessiert. Nur er glaubt nunmal, das beeinflusse das Wetter. Er ist nämlich ein enorm gescheiter Mann. Manchmal sagt er Sachen, die nur der Andere Professor versteht. Dann wieder sagt er etwas, das keiner verstehen kann. Wohin bewegt es sich, Professor? Auf oder ab?«
»Weder noch!« sagte der Professor und klatschte die Hände sacht zusammen. »Es geht seitwärts, wenn ich mich so ausdrücken darf.«
»Und welches Wetter hat das zur Folge?« fragte der Gouverneur. »Hört zu, Kinder! Nun könnt ihr etwas Wissenswertes erfahren!«
»Horizontales Wetter«, sagte der Professor, stürzte stracks auf die Türe zu und stolperte beinahe über Bruno, der gerade noch aus dem Weg hasten konnte.
»Ist er nicht gelehrt?« sagte der Gouverneur und sah ihm mit bewundernden Blicken nach. »Er läuft vor Gelehrtheit tatsächlich über!«

»Aber er brauch nich über mir zu laufen!« protestierte Bruno. Der Professor war gleich wieder zurück: er hatte seinen Morgenmantel gegen einen Gehrock getauscht und ein paar seltsam anmutende Stiefel angezogen, deren Stulpen aus aufgespannten Regenschirmen bestanden. »Ich habe mir gedacht, das würde Sie interessieren«, sagte er. »Das sind die Stiefel für horizontales Wetter!«
»Aber was haben die Schirme an den Knien für einen Sinn?«
»Bei normalem Regen wären sie nicht besonders sinnvoll«, gestand der
Professor ein. »Aber wenn es jemals horizontal regnen sollte, verstehen
Sie, dann wären sie unbezahlbar — einfach unbezahlbar!« - Lewis Carroll,
Sylvie & Bruno. München 1986 (Goldmann 8552, zuerst 1889)
Professor (3) Die Vermißten-Abteilung
der Polizei von Arkham beauftragte einen jungen Detektiv
mit dem Fall Marsh. Dieser Detektiv hatte sich dadurch hervorgetan, daß
er das Verschwinden mehrerer Kinder auf einen besonders abscheulichen Satanskult
zurückführen konnte, der seit den Hexenverfolgungen des Jahres 1692 in
Arkham wütete. Der erste Schritt seiner Untersuchungen bestand darin, daß
er das Manuskript studierte, an dem der alte Marsh nach Abschluß von «Atlantis
und seine Götter» gearbeitet hatte. Es schien sich dabei um einen kürzeren
Essay für eine anthropologische Zeitschrift zu handeln und war in Tenor
und Konzeption ziemlich konservativ, als bedaure der Professor die Direktheit
seiner vorangegangenen Veröffentlichung. Einzig eine Fußnote, die in zurückhaltender
Form die Theorie Urqhuarts bekräftigte, Wales sei von Überlebenden
des verschwundenen Kontinents Mu besiedelt worden, zeugte von seinen bizarren
Ansichten über Atlantis. Die letzte Seite stand jedoch in keinerlei Zusammenhang
mit jenem Artikel und schien aus Notizen für einen Text zu bestehen, den
der Professor unverfroren und unter völliger Mißachtung akademischer Maßstäbe
als Beitrag für ein Science-fiction-Magazin vorgesehen hatte. Der Detektiv
rätselte lange Zeit an jenen Notizen herum:
Der übliche Schwindel: Präsentierung von Fiktion als Tatsache. Diese Faischmeldung als Gegensatz dazu: Tatsache, präsentiert als Fiktion.
Huysmans‘ La-Bas fing damit an, wandelt den Satanisten in einen Helden.
Machen 1880 in Paris, trifft mit Huysmans‘ Kreis zusammen.
Im gleichen Jahr: Bierce und Chambers erwähnen den See Hali und Carcosa. Vorgeblich Zufall.
Crowley gewinnt Anhänger für seinen okkulten Zirkel nach 1900.
Bierce verschwindet 1913.
Lovecraft führt Hali, dols, Akho, Cthulhu nach 1923 ein. Lovecraft stirbt unerwartet 1937.
Seabrook behandelt Crowley, Machen usw. in seinem « Witchcraft», 1940.
Seabrooks «Selbstmord», 1942.
Besonders hervorzuheben: Bierce beschreibt Oedipuskomplex in «Death of Halpin Frazer [sic!]», VOR Freud, und Relativität in «Inhabitant of Carcosa», VOR Einstein. Lovecrafts zweifelhafte Beschreibungen von Azathoth als «blinden Idiotengott», «Dämonen-Sultan» und «nukleares Chaos» circa 1930: fünfzehn Jahre vor Hiroshima.
Direkte Bezugnahme auf Drogen in Chambers‘ «King in Yellow», Machens «White Powder», Lovecrafts «Beyond the Wall of Sleep» und «Mountains of Madness».
Die Gelüste der Lloigor oder der Alten in Bierces «Damned Thing». Machens «Black Stone», Lovecraft (immerzu).
Atlantis als Thule in deutscher und panamesischer Volkskunst und,
natürlich, «Zufall» wieder als akzeptierte Erklärung. Einleitungssatz:
«Je häufiger man das Wort ‹Zufall› benutzt, um
bizarre Begebenheiten zu beschreiben, desto offensichtlicher wird es, daß
man die wahre Erklärung nicht sucht, sondern vermeidet.» Oder kürzer: «Der
Glaube an Zufälle ist der vorherrschende Aberglaube
des Wissenschaftszeitalters.» - (ill1)
Professor (4) Der berühmte Professor
Magendie erlaubte sich solche Scheußlichkeiten gegen die unglücklichen
Opferthiere, daß ich ihn meinerseits allen Ernstes zu den ruchlosesten
Sündern zählen muß, die je auf Erden gelebt haben. So nagelte er z. B.
ein feines nervöses Wachtelhündchen, das er in der Auction erstanden hatte,
mit seinen vier Pfoten und seinen langen seidenweichen Ohren auf den Tisch,
wohlbemerkt, ohne es zu narkotisieren, um so seinen Schülern in bequemerer
und ungestörterer Weise das Durchschneiden der Augennerven, das Aufsägen
des Hirnschädels, das Zerschneiden des Rückgrates und das Bloßlegen der
verschiedenen Nervenbündel demonstrieren zu können. Und dann hob er das
arme, immer noch lebende Thierchen für die Versuche
des nächsten Tages auf! - Ernst von Weber, Die Folterkammern der
Wissenschaft. Eine Sammlung von Tatsachen für das Laien-Publikum. Aus:
Dolf Sternberger, Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert. Frankfurt
am Main 1974 (st 179, zuerst 1938)
Professor (5) Man teilt uns mit,
es sei ja »hinreichend bekannt, daß Porson seinem Äußeren keinerlei
besondere Aufmerksamkeit schenkte«. Mir scheint im Gegenteil, daß sein
Äußeres höchst bemerkenswert war; und ein Autor des ›Monthly Magazine‹
war ganz verblüfft von dieser Erscheinung mit dem braunen Papierfetzen
auf der Nase und dem abgetragenen Mantel voller Spinnweben«; während ein
anderer Freund, der ihn im Jahre 1807 traf, »ganz betroffen von seinem
feurigen, ja vulkanischen Antlitz war, und von seiner Nase, die immer mit
einem Ausschlag bedeckt und voller schwarzer Flecken war; sein Anzug war
schäbig, sein Hemd schmutzig«.
Hingegen in seinen früheren Jahren - gab es jemand Stattlicheren als
den Professor, jemand, der aufmerksamer gegenüber dem schönen Geschlecht
war? Es geht das Gerücht, daß er einmal eine junge Dame mit den Zähnen
ergriffen und durch das Zimmer getragen habe. Aber das war vor dem Dinner,
und danach gab sich der Professor zwar gleichermaßen mannhaft, aber doch
weniger weltmännisch. Mr.Timbs berichtet, daß, während er in Cambridge
war, »seine Leidenschaft für das Rauchen, die damals in der jüngeren Generation
gerade nachließ, seine gewaltige und wahllose Trinkerei und der gelegentliche
Gebrauch des Schürhakens gegen einen besonders hartnäckigen Gesprächspartner
dazu geführt hätten, daß alle seine Gesellschaft mieden, bis auf die wenigen,
die seinen Witz und seine Gelehrsamkeit unwiderstehlich
fanden«. Offensichtlich erschienen die fraglichen Talente den anderen Mitgliedern
des College nicht immer unwiderstehlich, denn wenn der Gebrauch des Schürhakens
unmittelbar bevorstand, schlichen sie sich aus dem Zimmer und ließen den
Professor, der außer einer Rauchwolke, die unausgesetzt aus ihm hervorquoll,
kein Lebenszeichen von sich gab, am Tisch sitzend allein zurück. Die Diener
waren es gewohnt, ihn am Morgen in der gleichen Stellung vorzufinden -
ohne den geringsten Anschein, daß er sich auch nur ein einziges Mal während
seiner Nachtwache bewegt hatte. - Edith Sitwell,
Englische Exzentriker. Berlin 2000 (Wagenbach
Salto 93, orig, 1933)
Professor (5)es oder academische Lehrer
betrügen: 1) wenn sie sich die Collegia voraus bezahlen lassen,
hernach aber solche, unter dem Vorwand vorgefallener Hindernisse, nicht
völlig absolviren. 2) Wenn sie zu Anfang eines Collegii sehr
fleißig lesen, nach und nach aber den alten Schlendrian gehen, und es beym
Gleichen bewenden lassen. 3) Wenn sie, unter dem Prætext einer Kranckheit,
nöthiger Reisen oder anderer Verrichtungen viele Stunden aussetzen, und
hernach die Versäumniß dadurch, daß sie über das gesetzte Ziel der halben
Jahres=Frist weit hinaus lesen, wieder einbringen wollen, solchergestalt
aber die Studiosos alsdann an Besuchung anderer neuangehender Collegiorum,
oder an gänzlicher Anhörung des Ihrigen, hindern. 4) Wenn sie in denen
Prolegominis ihrer Collegiorum güldene Berge, und wie ausführlich
sie von dieser oder jener Materie handeln wollten, versprechen, bey der
Ausführung aber nur Proletaria und abgedroschenes oder ausgeschriebenes
Zeug vorbringen. 5) Wenn sie einen gewissen Auctorem zum Grund ihres
Collegii zu legen vorgeben, nichts desto weniger aber viele unnötige Dictata
machen, und damit die edle Zeit, welche zur Erklärung des Auctoris
per discursus könnte angewendet werden, verderben. 6) Wenn sie einem
Auctori, darüber sie lesen, nicht recht ins Maul greiffen, sondern
über die schwere Loca gleichsam mit einem Flederwisch und wie der
Hahn über die Kohlen oben hin fahren, und offt nur
das Latein ins Teutsche übersetzen. 7) Wenn
sie spät zu lesen anfangen, und bald, ehe noch der Seiger geschlagen, wieder
aufhören, oder auch wol die auf ihrem Tisch neben sich habende Sand=Uhr
so lange rütteln und schütteln, bis sie fast ausgelauffen, und, da es alsdann
noch nicht schlägt, die Schuld auf die unrecht laufende Uhr verschieben.
8) Wenn sie die Fontes und die Bücher,
welche von dieser oder jener Materie, über welche sie hauptsächlich handeln,
nicht treulich anzeigen, sondern die besten, welche sie etwa wacker reiten,
verschweigen, damit man ihre Blösse nocht so bald mercken, oder hinter
ihre Schliche kömmen möge. 9) Wenn sie Collegia pansophica anschlagen,
und, nachdem sie einige mit dergleichen haben blenden lassen, in omnibus
aliquid & in toto nihil prästiren, oder auff Teutsch, die Auditores
an der Nase herumführen, ohne etwas fundamentelles
vorzubringen. - Betrugs=Lexikon, worinnen die meisten Betrügereyen
in allen Ständen, nebst denen darwider guthen Theils dienenden Mitteln
entdecket von Georg Paul Hönn. München 1977 (zuerst 1721)
Professor (6) Zwei interessante Merkmale
zeichneten Leonard Blorenge aus, den Leiter Französischer Literatur und
Sprache; er hatte etwas gegen Literatur, und er konnte kein Französisch.
Dies hielt ihn nicht davon ab, immense Entfernungen zurückzulegen, um an
Tagungen der Modernen Sprachen teilzunehmen, bei denen er mit seiner Unkenntnis
protzte, als wäre sie eine majestätische Laune, und jeden Versuch, ihn
zu den Feinheiten des Parleh-wuh zu verleiten, mit kräftigen Hieben gesunden
Logenhumors parierte. Ein hochgeschätzter Geldbeschaffer, hatte er vor
kurzem einen reichen Greis, den drei große Universitäten vergebens umworben
hatten, dazu bewogen, eine Forschungstollerei mit einer phantastischen
Zuwendung zu bedenken, bei der Postgradualstudenten unter der Anleitung
eines Dr. Slavski, eines Kanadiers, auf einem Hügel in der Nähe von Waindell
ein «französisches Dorf» zu errichten vorhatten, zwei Straßen und einen
Platz, den Nachbau des alten kleinen Weilers Vandel in der Dordogne. Trotz
eines in allen seinen administrativen Eingebungen präsenten Elements von
Großspurigkeit war Blorenge persönlich ein Mann von asketischem Geschmack.
Durch Zufall hatte er zusammen mit Sam Poore,
Waindells Präsidenten, die Schule besucht, und viele Jahre über, selbst
dann noch, als letzterer sein Augenlicht eingebüßt hatte, gingen die beiden
auf einem düsteren, windgepeitschten See zusammen angeln, am Ende einer
von Feuerkraut gesäumten Schotterstraße siebzig Meilen nördlich von Waindell,
in der Art trübseligen Buschlands - Krüppeleichen und Kiefemwinzlinge -,
das in der Natur das Gegenstück zu einem Slum ist. Seine Gattin, eine reizende
Frau einfacher Herkunft, sprach in ihrem Club von ihm als «Professor Blorenge».
Er hielt eine Vorlesung mit dem Titel «Große Franzosen», von seiner Sekretärin
abgetippt aus einem Stapel von The Hastings Historical and Philosophical
Magazine, Jahrgänge 1882 bis 1892, das er auf einem Dachboden entdeckt
hatte und das in der College-Bibliothek nicht vorhanden war. -
Vladimir Nabokov, Pnin. Reinbek bei Hamburg 2004 (zuerst 1957)
Professor (7) Prof. Gregg verließ dieses Haus eines
Morgens in bester geistiger und körperlicher Frische — um nie zurückzukehren;
nur seine Uhr und die dazugehörige Kette, seine Geldbörse
mit drei Sovereigns in Gold und einiges Silber, darunter ein Ring, den
er zu tragen pflegte, wurden drei Tage später auf einem öden, verlassenen
Hügel gefunden — meilenweit entfernt von dem Fluß, in den er hineingefallen
sein soll. Diese Gegenstände lagen neben einem phantastisch gestalteten
Sandsteinfelsen, sie waren in ein Päckchen aus grobem Pergament gewickelt,
das mit Därmen verschnürt war. - Arthur Machen, Die Geschichte
vom schwarzen Siegel. In: A.M., Die leuchtende Pyramide. Stuttgart 1983.
Die Bibliothek von Babel Bd. 16, Hg. Jorge Luis Borges.
Professor (8)
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Sprecher: Mann zwei, Mann eins, abwechselnd. Thema: eskalierende gegenseitige Vorstellung zweier Akademiker. m2 du sein
gut sprechen |
Professor (9) Ein Huhn, das gelernt hatte, bis
vier zu zählen, verlangte, daß seine Mithühner es
mit Professor anredeten und wollte den Hahn verjagen,
um seine Stelle einzunehmen. Da rissen die anderen Hühner ihm alle Federn aus
und sagten, sie hätten es nur dann mit Professor angeredet, wenn es imstande
gewesen wäre, alle Federn zu zählen, die sie ihm ausgerissen hatten. -
(ma)
Professor (10) Ich bin überzeugt, daß, wenn Gott
einmal einen solchen Menschen schaffen würde, wie ihn sich die Magistri und
Professoren der Philosophie vorstellen, er müßte den ersten Tag ins Tollhaus
gebracht werden. Man könnte daraus eine artige Fabel machen: Ein Professor bittet
sich von der Vorsicht aus ihm einen Menschen nach dem Bilde seiner Psychologie
zu schaffen, sie tut es und er wird in das Tollhaus gebracht. - (licht)
Professor (11) Professor Hébert war ein wohlmeinender,
fettleibiger, hoffnungslos untauglicher Lehrer von
der Art, in der Schüler sofort ihr Opfer erkennen. Um 1888 war der Mann bereits
eine feste Einrichtung. Er wurde fast zu Tode gequält von den Jungen, die Frösche
und Heuschrecken in das alte Klassenzimmer brachten, sich laut unterhielten
und allerhand Dinge gegen die Tafel warfen, während er darauf schrieb. Seine
Darlegungen in ›meiner Wissenschaft der Physik‹ endeten immer unglücklich; in
seinen Klassen herrschte die ganze Stunde lang ein Höllenspektakel - ein Umstand,
den die Schulbehörden anscheinend mit Absicht übersahen ... Jahrelang litt Monsieur
Hébert unter seinen Pfleglingen; er versuchte, ihre Sticheleien nicht zu hören,
während seinen zitternden Händen Kapillarröhrchen und Thermometer entfielen.
- Charles Morin, in: Alfred Jarry, Ubu. Stücke und Schriften. Frankfurt am Main
1987
Professor (12)
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Wir hören Professor Salem Aleikum, die größten Ströme der Welt ich habe kein Feld, ich habe kein Tier, |
- (benn)
Professor (13) Heute im Paris-Midi
die Geschichte des Professors Brumpt von der medizinischen Fakultät,
der sich beim Sezieren eines Meerschweinchens das «Purpurfieber aus den Rocky
Mountains» geholt haben soll. Großes Trara. Das Institut Pasteur zu seiner Behandlung
aufgeboten. Noch weiß man nicht, ob er durchkommen wird. Möglicherweise kommt
er nicht durch. Ich habe mich bereits zwischen ihm und dem Meerschweinchen entschieden:
ich bin für das Meerschweinchen. - (leau)
Professor (14) Der Fremde trat in einen engen, hellen, mit abgestandenem Tabakrauch erfüllten Korridor. Es gab mehrere Türen, hinter denen man Stimmengemurmel und das Klappern von Pokerchips hörte.
Der Pförtner hielt vor der letzten Tür und drehte sich dann um, um einen Blick auf den Fremden zu werfen, der unmittelbar hinter ihm stehengeblieben war. Der Pförtner war ein ehemaliger Ringer mit einer gebrochenen Nase und Blumenkohlohren. Seine Augen waren klein und sdiweinchenhaft, und seine dicken aufgestülpten Lippen wirkten wie geschwollen. Sein blondes Haar war kurzgeschoren und sah unter dem grellen Licht der nackten Birne wie goldener Draht aus. Er starrte den Fremden schweigend und schlechtgelaunt an und wußte nicht, wie er ihn einordnen sollte.
Der andere war ein kleiner Mann, nicht über ein Meter fünfundsechzig groß, mit breiten, hängenden Schultern und der leichten Andeutung eines Schmerbauchs. Er wirkte weich, dick und blaß. Sein Gesicht war zum Teil von einem völlig unpassenden Homburg beschattet, und eine dicke Brille verbarg seine Augen. Sein plumpes Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Er trug einen kurzgeschnittenen kleinen Schnurrbart, der irgendwie nicht zum übrigen Aussehen zu passen schien. Dem Pförtner kam er so rätselhaft vor wie eine Kleiderpuppe und auch annähernd mit den menschlichen Regungen letzterer begabt.
Bevor der Pförtner seine Überprüfung beendet hatte, wurde die Tür hinter ihm aufgerissen, und ein kleiner frettchenhaft wirkender Mann in Hemdsärmeln schoß heraus und kläffte ungeduldig: »Na, verdammt noch mal - wo steckt er denn?« Dann drehte er sich um und sah den rundlichen kleinen Mann, der schweigend, den Koffer in der Hand und an seiner Zigarre ziehend, dastand.
»Na schön. Beeilen Sie sich. Ich habe viel zu tun. Was wollen Sie?«
»Darf ich mich vorstellen?« sagte der rundliche kleine Mann und nahm mit einer anmutigen Bewegung seiner kleinen, weiblich weißen Hand die Zigarre aus dem Mund. »Vielleicht kennen Sie mich ...?«
»Ich habe Sie noch nie gesehen«, kläffte Cobby, vor Ungeduld auf seinen Zehen wippend. »Kommen Sie. Kommen Sie schon. Was ist los?«
»Ich meine, vielleicht haben Sie schon von mir gehört? Vom ›Professor‹? ›Herr Doktor‹ vielleicht?«
Cobbys Unterkiefer sackte nach unten, und er starrte den Fremden mit seinen harten, schielenden blauen Augen an, die viel zu nahe beieinanderstanden.
»Wollen Sie damit sagen, Sie seien Riemenschneider?« Der Fremde nickte.
»Nun, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Kommen Sie herein.«
- W. R. Burnett, Asphaltdschungel. München u.a. 1963
Professor (15) Bürger, Gottfr. Aug. (1747-1794), deutscher Dichter und seit 1789 Professor in Göttingen. B. war, wie auch seine äußere Lebensführung eine freie war, ein zynischer Ton zur Gewohnheit geworden, der besonders in seinem Briefwechsel zum Ausdruck kam, wo er vor dem Gemeinsten nicht zurückschreckte. Er beteiligte sich auch an den »Phantasien in drei priapischen Oden dargestellt und im Wettstreit verfertiget von B. (Bürger), V. (Voss) und St. (Stolberg). Berlin (um 1800), 8°«; auch unter dem Titel: »Wettstreit in drey priapischen Oden von B., V. und St., Neapel, o. J. (ca. 1795), 8°, 15 S.« Es handelte sich darum, wer das gemeinste Gedicht schreiben könnte, wobei aber Stolberg den Preis erhielt. B.s Gedicht: »An die Feinde des Priaps«, das beginnt:
»Es knallet alles, was lebet,
Was in den Lüften
schwebet,
Es knallt die ganze Welt,
Ein Mädchen von zwölf Jahren
Mit
zwanzig Stoppelhaaren
Der Fuchsschwanz schon gefällt.«
ist verhältnismäßig das zahmste. An B.s Privatleben knüpft sich aber ein
erotisches Skandalosum ärgster Sorte, und zwar »Gottfried August Bürgers Ehestands-Geschichte.
Berlin und Leipzig 1812«, worin die Geschichte seiner höchst unglückseligen
Ehe mit Elise Hahn angeprangert wird. Elise Hahn führte ein sehr ausschweifendes
Leben, was schließlich zum seelischen Zusammenbruch des Dichters führte. - (erot)
Professor (16) Mein Bettnachbar war ein Korporal. Auch ein Kriegsfreiwilliger. Bis zum August war er Professor an einem Gymnasium in der Touraine gewesen und hatte, wie er mir erzählte, in Geographie und Geschichte unterrichtet. Nach ein paar Kriegsmonaten hatte er sich zu einem kolossalen Dieb entwickelt. Aus dem Transportzug seines Regiments, aus den Packwagen der Intendantur, aus den Vorräten der Kompanie, überall, wo immer er sich aufhielt, stahl er Konserven.
Er war mit uns allen gestrandet und stand so halb und halb vor dem Kriegsgericht.
Aber seine Familie wollte partout nachweisen, daß die Schießerei seinen Geist
verwirrt und seine sittlichen Prinzipien erschüttert hätte. So schob die Untersuchungskommission
also von Monat zu Monat die Entscheidung heraus. Er hat sich stundenlang den
Bart gekämmt und immer von derselben Sache gesprochen: davon, daß er ein Präservativ
erfunden habe und daß seine Frau jetzt nie mehr Kinder kriegen werde. War er
wirklich irr? Wenn die ganze Welt verkehrt ist und es für Irrsinn gilt, zu fragen,
weshalb man ermordet werden soll, ist es klar, daß man leicht für einen Irrsinnigen
gehalten werden kann. Die Geschichte muß auch ziehen, aber um der Vierteilung
zu entgehen, kann das menschliche Gehirn wunderbare Leistungen vollbringen.
- (reise)
Professor (17) Die Mütter der kleinen Mädchen vom Lyzeum haben ihm aufgelauert und ihn verhauen. Eine ganze Affäre. Die Sache wird untersucht. Man hat was auszustehen.
Im letzten Moment erwischt er mit knapper Not durch eine Annonce in einer medizinischen Zeitschrift eine andere Stellung. Nichts Großartiges natürlich, aber eine Sache, die nicht anstrengt und sehr geeignet für ihn ist. Es handelt sich um die neuesten Theorien des Professors Baryton über die Erziehung kleiner Kretins durch das Kino. Ein großartiger Schritt vorwärts im Unterbewußten. Man hat von nichts anderem gesprochen. Das war eine Sensation.
Parapine begleitete diese Patienten in das moderne ‹Tarapout›. Er holt sie
in Barytons modernem Irrenhaus an der Peripherie ab
und bringt sie nach der Vorstellung wieder zurück. Ganz blöde, vollgefressen
mit Gesichten, glücklich und unverletzt. Was sagen Sie? Sobald sie vor der Leinwand
sitzen, braucht man sich nicht mehr um sie zu kümmern. Ein goldiges Publikum.
Hocherfreut, zehnmal hintereinander denselben Film zu sehen. Immer aufs neue
überrascht. Sie haben kein Gedächtnis. Genießen immer wieder die Überraschung.
Ihre Familien sind begeistert. Parapine auch. Ich auch. Wir lachen vor Behagen
und trinken ein Bier ums andere, um den materiellen Wiederaufbau Parapines zu
feiern. - (reise)
Professor (18) Ich trommle am nächsten Nachmittag
Spanier-John und Klein-Isadore zusammen, und Klein-Isadore spielt gerade Siebzehn-und-vier
mit einem Burschen namens Professor Edmund, der Professor Edmund genannt wird,
weil er einmal auf die höhere Schule geht und darum für ein gelehrtes Haus gehalten
wird, und ich bitte Professor Edmund, mit uns mitzukommen. Mir ist nämlich bekannt,
daß Professor Edmund sich recht und schlecht damit durchbringt, daß er mit Klein-Isadore
Siebzehn-und-vier spielt, und ich denke mir, solange ich ibrn seine einzige
Einnahmequelle vorübergehend entziehe, ist es nichts als einfache Höflichkeit,
ihm dafür etwas anderes zukommen zu lassen. Ferner kalkuliere ich, daß es —
da es ja in dieser Angelegenheit um Briefe geht — vielleicht nicht schlecht
ist, den Professor bei der Hand zu haben für den Fall, daß ein Lesekundiger
gebraucht wird, denn Spanier-John und Klein-Isadore können überhaupt nicht lesen,
und ich lese nur großgedruckte Zahlen. - Damon Runyon, Stories vom Broadway. Reinbek bei
Hamburg 1963 (rororo 566, zuerst ca. 1935)
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