feifen
Die Schaluppe kam langsseit. Hierauf langte Stubb mit der Lanze
weit über den Steven hinaus, bohrte dem Fisch bedächtig das lange, scharfe Eisen
in den Leib, das er darin stecken ließ, um damit weiter behutsam herumzubohren,
als taste er den Wal vorsichtig nach einer goldenen Uhr
ab, die er verschluckt haben mochte, und die beim Herausangeln nicht beschädigt
werden durfte. Diese goldene Uhr, die er suchte, war die innerste Lebensmitte des
Tiers. Und dann traf er sie; plötzlich zuckte nämlich
der Wal zusammen, und der unsägliche Todeskampf setzte ein; grauenvoll wälzte
sich das Ungetüm in seinem Blut, ganz in das sprühende Spritzwasser eingenebelt,
so daß es der achteraus fallenden Schaluppe nur mit knapper Not gelang, sich
aus der diesigen Dämmerung blindlings wieder ans Tageslicht zu retten.
Als dann der Wal in den letzten Zügen lag, bekam man ihn nochmals zu Gesicht, wie er von einer Seite auf die andere wogte, dieweil sich die Blaslöcher mit einem furchtbaren Röcheln krampfhaft weiteten und zusammenzogen. Endlich zeigte er die rote Flagge; ein dicker, blutiger Blast nach dem ändern wurde schaurig emporgeschleudert, trübe wie der Bodensatz dunkeln Rotweins, fiel alsdann hernieder und troff die reglosen Flanken herab ins Meer. Sein Herz war geborsten!
«Der pfeift auf dem letzten Loch», stellte Dagu fest. - Herman Melville, Moby Dick. Zürich ca. 1944 (zuerst
1851)
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Walter Kempowski, Im Block. Frankfurt am Main 1972 (zuerst 1969)
Pfeifen (3) Ist es denn überhaupt Gesang? Trotz unserer Unmusikalität haben wir Gesangsüberlieferungen; in den alten Zeiten unseres Volkes gab es Gesang; Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann. Eine Ahnung dessen, was Gesang ist, haben wir also und dieser Ahnung entspricht Josefinens Kunst eigentlich nicht. Ist es denn überhaupt Gesang? Ist es nicht vielleicht doch nur ein Pfeifen? Und Pfeifen allerdings kennen wir alle, es ist die eigentliche Kunstfertigkeit unseres Volkes, oder vielmehr gar keine Fertigkeit, sondern eine charakteristische Lebensäußerung. Alle pfeifen wir, aber freilich denkt niemand daran, das als Kunst auszugeben, wir pfeifen, ohne darauf zu achten, ja, ohne es zu merken und es gibt sogar viele unter uns, die gar nicht wissen, daß das Pfeifen zu unsern Eigentümlichkeiten gehört. Wenn es also wahr wäre, daß Josefine nicht singt, sondern nur pfeift und vielleicht gar, wie es mir wenigstens scheint, über die Grenzen des üblichen Pfeifens kaum hinauskommt - ja vielleicht reicht ihre Kraft für dieses übliche Pfeifen nicht einmal ganz hin, während es ein gewöhnlicher Erdarbeiter ohne Mühe den ganzen Tag über neben seiner Arbeit zustandebringt - wenn das alles wahr wäre, dann wäre zwar Josefinens angebliche Künstlerschaft widerlegt, aber es wäre dann erst recht das Rätsel ihrer großen Wirkung zu lösen.
Es ist aber eben doch nicht nur Pfeifen, was sie produziert. Stellt- man
sich recht weit von ihr hin und horcht, oder noch besser, läßt man sich in dieser
Hinsicht prüfen, singt also Josefine etwa unter ändern Stimmen und setzt man
sich die Aufgabe, ihre Stimme zu erkennen, dann wird man unweigerlich nichts
anderes heraushören, als ein gewöhnliches, höchstens durch Zartheit oder Schwäche
ein wenig auffallendes Pfeifen. Aber steht man vor ihr, ist es doch nicht nur
ein Pfeifen; es ist zum Verständnis ihrer Kunst notwendig, sie nicht nur zu
hören sondern auch zu sehn. Selbst wenn es nur unser tagtägliches Pfeifen wäre,
so besteht hier doch schon zunächst die Sonderbarkeit, daß jemand sich feierlich
hinstellt, um nichts anderes als das Übliche zu tun. - Franz Kafka: Josefine,
die Sängerin oder Das das Volk der Mäuse, nach (kaf)
Pfeifen (4) Als ich in blinder Hast den Gipfel erreicht hatte, bemerkte ich nicht, daß es gleich wieder schroff abwärts ging, glitt aus und war augenblicklich in einer rapide anwachsenden Lawine abwärts polternder Steinbrocken, deren donnerndes Getöse in der schwarzen Kellerluft in einer ohrenbetäubenden Serie erdbebenhafter Erschütterungen nachhallte.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wann und wie ich diesem Chaos entfloh, aber in einem flüchtigen Augenblick des Bewußtseins sehe ich mich inmitten des Höllenlärms durch den Korridor stürzen und stolpern und klettern - noch immer mit Taschenlampe und Behälter.
Dann, gerade als ich auf jene urzeitliche Basaltkrypta zukam, vor der ich mich so fürchtete, faßte schiere Raserei mich an. Denn als der Nachhall der Steinlawine verklungen war, hörte ich wieder dieses unheimliche, fremdartige Pfeifen. Diesmal gab es keinen Zweifel - und was das Schlimmste war, es kam nicht von hinten, sondern aus irgendeiner Richtung vor mir.
Wahrscheinlich habe ich in diesem Moment laut aufgeschrien. Verschwommen sehe ich mich durch das höllische Basaltgewölbe fliehen, verfolgt von dem widerwärtigen, fremdartigen Pfeifton, der aus der offenen, unbewachten Tür zu den endlos tiefen schwarzen Abgründen heraufdrang. Es wehte auch ein Wind - nicht bloß ein kühler, feuchter Luftzug, sondern ein starker, tückischer Sturm, der aus diesem widerwärtigen Loch hervorbrach, aus dem auch die unheimlichen Pfeiftöne kamen.
Ich erinnere mich, wie ich über Hindernisse aller Art hinwegtaumelte, während hinter mir der tobende Sturm und das schrille Pfeifen immer mehr anschwollen und zielbewußt und bösartig nach mir zu schnappen schienen.
Obwohl er von hinten kam, hatte dieser Wind die merkwürdige Eigenschaft,
meinen Lauf zu behindern, anstatt ihn zu beschleunigen, gerade so, als hätte
jemand von hinten eine Schlinge oder ein Lasso über mich geworfen. - H. P. Lovecraft, Der Schatten aus der Zeit.
In: H. P. L., Das Ding auf der Schwelle. Frankfurt am Main 1976 (st 357)
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