rolog    Hiernach bekommt ihr ein schwer verdauliches Buch vorgesetzt. Es steckt gerüttelt voll gepfefferter Späße, eigens gewürzt für jene hochgerühmten Gichtknoteriche und viellieben teuern Zecher, an welche sich unser preislicher Landsmann Franziskus Rabelais, Ruhm und Zier unserer wunderschönen Touraine, gewandt hat. So vermessen ist zwar der Verfasser nicht, Gott bewahre! daß er etwas anderes sein möchte als bloß ein wackerer Sohn der Touraine! Er maßt sich beileibe nicht an, mehr zu können und Besseres, als die saftigen Happen und riesigen Schlucke der weitherum berühmten Inwohner dieses üppigen, gottgesegneten Ländchens mit guter Laune und Freudseligkeit zu würzen, dieses Landstrichs,  so reich gesegnet an Gehörnten, Hörnerheckenden und anderen Spaßvögeln wie keiner weit und breit, dieses heitern Himmelsstriches, der Frankreich so manchen vielberufenen Mann beschert hat: Courier zum Exempel, boshaften Angedenkens, oder Verville, den Verfasser des mutwilligen Büchelchens, betitelt: Wie man's zu etwas bringt . . . und noch andere gut angeschriebene Köpfe. Den Meister Cartesius aber lassen wir lieber unerwähnt, denn der war ein sauertöpfischer Griesgram und frönte lieber hirngespinstigen Grübeleien als dem Bechern und Schlemmen. Drum ist selbiger Trübsalbläser auch allen Zuckerbäckern und Garköchen zu Tours mit Fug und Recht ein Greuel; sie mögenihn nicht leiden, wollen nichts von ihm wissen und geraten in hellen Zorn, wenn man seiner Erwähnung tut. »Wo wohnt der Gauch?« fragen sie und tun erstaunt, wenn sein Name einmal fällt.

Dies Buch nun ist der Niederschlag stillvergnügter Stunden unserer guten alten Mönchlein, von denen noch mancherlei Spuren rings im Lande erhalten sind, so beispielsweis nächst Saint-Cyr in der Grenadière oder im Flecken Sacché-lez-Azay-le-Ridel, in Marmoustiers, Veretz, La Roche-Corbon und in andern Typotheken trefflicher Schwanke und Geschichten, als da sind uralte Domherren und hochehrbare Frauen, die noch die gute alte Zeit erlebt haben, wo man einen Spaß verstand und aus vollem Herzen lachen konnte, ohne alleweil ängstlich niederzuschielen, ob einem nicht am Ende bei jedem herzhaften Gelächter ein Rößlein oder ein paar muntere Fohlen zwischen den Rippen hervorgesprungen kämen. Denn so treiben's heutigentags die jungen Weiber: sie möchten sich ganz feierlich und ernst vergnügen, und solches steht unserm fröhlichen Frankreich so übel an wie etwa ein Öltopf dem gesalbten Haupt einer Königin.

Und weil das Lachen ein Vorrecht ist, das einzig dem Menschen verliehen ward, und weil überdies bei diesen Zeitläuften mit ihren politischen Freiheiten Grund genug zum Weinen vorliegt, ohne daß wir mit unsern Büchern weitern Anlaß zum Tränenvergießen zu schaffen brauchten, so erachtete ich's für eine verteufelt vaterländische Tat, meinen Lesern einen Korb voll frischfröhlicher Schnurrpfeifereien und Possen vorzusetzen. Ist ja auch die Zeit danach. Wie ein feiner Nieselregen legt sich die Langeweile auf die Welt, durchnäßt und kühlt uns ab bis auf die Knochen, weicht unsre althergebrachten Sitten und Bräuche auf und zersetzt sie, die vormals alle öffentlichen Geschehnisse für den Großteil der Bürger zu einem Heidenspaß und einer höchstvergnüglichen Angelegenheit machten. Doch sind sie schon nahezu ausgestorben, die alten Pantagruelisten, die wackern Lebenskünstler, die den lieben Gott und ihren König schalten und walten ließen und ihnen nicht mehr als nötig ins Handwerk pfuschten. Sie waren vollauf zufrieden, wenn es etwas zu lachen gab. Jetzt sind ihrer nur noch wenige, und sie sterben tagtäglich dahin wie die Fliegen, so daß mir angst und bange wird, ich müsse es noch erleben, wie man diese ehrenwerten Überbleibsel solcher alten Breviere bespeit, bescheißt, verunglimpft und verunziert, und das wäre mir gar nicht gleich, zumal ich einen ausbündigen Respekt vor den ehrwürdigen Trümmern unserer heimischen Altertümer hege. - Honoré de Balzac, Tolldrastische Geschichten. München 1963 (zuerst 1853)

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