aternoster  »Hab keine Angst, Sanyi, er beißt nicht«, ermutigte Imre seinen Bruder. Sie waren im Treppenhaus des Ministeriums vor der Tür des Paternosters stehengeblieben. »Du mußt während der Fahrt einsteigen, ich zeig's dir.« Sandor, der mit dem Morgenzug angekommen war, sah der Kabine mit geschürzten Lippen hinterher, ein wenig beleidigt, denn bei ihnen zu Hause wurden solche Vorrichtungen nicht benutzt, gleichzeitig auch mißtrauisch, denn derlei städtischen Erfindungen vertraute er nur in Maßen. »Jetzt!« sagte Imre. »Paß auf, daß wir gleichzeitig einsteigen.«

Sie hoben den Fuß. Die Kabine schwebte langsam aus dem Schacht empor, aber sie hatte schon zwei Passagiere. Zwei hübsche Frauen, unbeweglich wie Statuen. »Halt!« sagte Imre und faßte seinen Bruder am Ellbogen. »Es dürfen nur zwei auf einmal damit fahren.« Die zwei Frauen waren jetzt fast auf gleicher Höhe mit den beiden jungen Männern. Die Untersetztere trug einen erbsengrünen Cardigan, aber an ihrer Bluse standen zwei Glasknöpfe offen; demzufolge bot sich von oben ein gewisser Einblick in den Blusenausschnitt, auf die beiden stolzen, sich mütterlich hochwölbenden Hügel ihrer Brüste. Während sie vor den beiden Männern emporschwebte, konnte man sie folgendes sagen hören:

»Da habe ich ihn gefragt, denken Sie etwa, ich bin auch so wie die anderen? Also, erstens spucken Sie gefälligst den Apfel-strunk aus, wenn Sie mit mir reden, und zweitens ...« Die Mitfahrerin, die ihr mit einem stetigen leichten, billigenden Kopfnicken zuhörte, war eine andere Art Schönheit. Sie trug eine amerikanische Brille und eine Nylonbluse, ebenfalls amerikanisch. An ihrem sportlichen, biegsamen Körper gingen Erhebungen und Täler so harmonisch ineinander über wie bei einer etruskischen Vase. Sie trug keine Strümpfe, und wie sie so nach oben schwebte, glitten die Blicke der beiden Männer an ihren schlanken Schenkeln entlang, und als der Aufzug die entsprechende Höhe erreicht hatte, auch unter ihren Rock. Anschließend sahen sie sich an, zwinkerten einander zu.

»Mein lieber Mann«, sagte Sandor enthusiastisch. »Da war was los, mein Lieber.«

»Die Pester Frauen sind wunderbar«, bemerkte Imre mit der Gelassenheit des Eingeweihten. »Aber ich sage nichts, du wirst es schon noch sehen ... Mach dich bereit.« Der Lift kam. Nur daß man auch in diese Kabine nicht einsteigen konnte, denn schon wieder standen zwei Frauen darin. Imre zwinkerte Sandor zu: Aufpassen! Sandor zwinkerte zurück, doch dann machte er ein ernstes Gesicht. Er betrachtete die eine Frau, die einen erbsengrünen Cardigan und einen Faltenrock anhatte, er betrachtete die andere, die eine Nylonbluse und eine Taucherbrille trug. Er hörte, was die mit dem Cardigan sagte:

»Da habe ich ihn gefragt, denken Sie etwa, ich bin auch so wie die anderen? Also, erstens spucken Sie gefälligst den Apfelstrunk aus, wenn Sie mit mir reden, und zweitens ...« Die andere nickte häufig dazu und stand so da, daß man ihr unter den Rock schauen konnte. - (min)

Paternoster (2)  In Kopenhagen hatte das Ministerium, in dem ich eine Woche lang arbeitete, einen Aufzug, wie ich ihn nirgends sonst gesehen habe, einen offenen Aufzug, der dauernd fährt, ohne anzuhalten, so wie die Rolltreppen, aber anstatt der relativen Gelassenheit, die einem diese Mechanismen geben, da einem, wenn man eine Stufe falsch kalkuliert, schlimmstenfalls passieren kann, daß der Schuh mit einem unangenehmen Ruck auf die folgende abrutscht, präsentierte sich der Aufzug im Ministerium von Kopenhagen als ein großes finsteres Loch, in dem langsam die offenen Käfige auftauchten, die man im richtigen Augenblick betreten mußte, um sich nach oben oder unten fahren zu lassen, wobei man einen nach dem anderen die Stockwerke vorbeiziehen sah, die in unbekannte und stets finstere Regionen führten, oder schlimmer noch, wie mir das aus einer Selbstmordmanie heraus widerfuhr, die ich nie besonders bereuen werde, als ich an den Funkt kam, da die Käfige, den letzten Stock erreichend, in einen völlig dunklen und geschlossenen Kreisbogen eintraten, wo man sich am Rande einer scheußlichen Offenbarung wähnte, da es außer der Finsternis eine lange, knackende und schwankende Sekunde gab, während der Käfig den Bereich zwischen Aufstieg und Abstieg, das mysteriöse Zünglein der Waage passierte. Natürlich begriff man diesen Aufzug schließlich, und später war es sogar vergnüglich, in einen der Käfige zu steigen und eine Zigarette zu rauchen,, während man hoch und runter fuhr und sich acht- oder neunmal den Amtsdienern der verschiedenen Stockwerke zeigte, die sprachlos den ganz und gar nicht dänischen Aufzugfahrer anstarrten, der nicht aussteigen und Vernunft annehmen wollte, doch nachts gab es keine Amtsdiener, es war da tatsächlich niemand außer einem Nachtwächter, der darauf wartete, daß wir vier oder fünf Übersetzer unsere Arbeit beendeten, und eben dann begann ich durch das Ministerium zu gehen, und so lernte ich sie alle kennen, und im Laufe von fünfzehn Jahren erweiterten sich meine Alpträume um Zimmer, Galerien und Aufzüge und Freitreppen mit schwarzen Statuen, wurden ausgeschmückt mit Fahnen und Prunksälen und merkwürdigen Begegnungen.   - (cort)
 
 

Aufzug

 

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