pfer  Ist der Tausch die Säkularisierung des Opfers, so erscheint dieses selber schon wie das magische Schema rationalen Tausches, eine Veranstaltung der Menschen, die Götter zu beherrschen, die gestürzt werden gerade durch das System der ihnen widerfahrenden Ehrung.

Das Moment des Betrugs im Opfer ist das Urbild der odysseischen List, wie denn viele Listen des Odysseus gleichsam einem Opfer an Naturgottheiten eingelegt sind.  Überlistet werden die Naturgottheiten wie vom Heros so von den solaren Göttern. Die olympischen Freunde des Odysseus benutzen den Aufenthalt des Poseidon bei den Äthiopiern, den Hinterwäldlern, die ihn noch ehren und ihm gewaltige Opfer bringen, dazu, ihren Schützling ungefährdet zu geleiten.

Betrug ist schon im Opfer selbser involviert, das Poseidon mit Behagen annimmt.  - Max  Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1969 (zuerst 1947)

Opfer (2) »Das Opfern-müssen schlechthin betrifft einen jeden, weil jeder, wie wir gesehen haben, vom Leben und allen Gütern des Lebens den ihm umfaßbaren Anteil — das ursprüngliche suum cuique — nur dadurch empfängt, daß er beständig gibt und wiedergibt. Es ist aber nicht vom Tauschen im Sinne des gewöhnlichen Gütertauschs die Rede (der freilich uranfänglich gleichfalls vom Opfergedanken die Weihe erhält), sondern vom Austausch der Fluiden oder Essenzen durch Hingebung der eigenen Seele an das tragende und nährende Leben der Welt« - Ludwig Klages, Der Geist als Widersacher der Seele. 1932. Nach: Max  Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1969 (zuerst 1947)

Opfer (3) Wenn eine Gurke die Stelle des Opfers einnimmt, sprechen die Nuer von ihr, als sei sie ein Ochse, und indem sie sich so ausdrücken, gehen sie ein wenig über die einfache Behauptung hinaus, daß die Gurke den Ochsen ersetzt. Gewiß, sie behaupten nicht, daß Gurken Ochsen seien, und wenn sie sich auf diese einzelne Gurke, die gerade geopfert werden soll, wie auf einen Ochsen beziehen, sagen sie nur, daß sie in diesem besonderen Rahmen einem Ochsen vergleichbar ist; und sie handeln dementsprechend, indem sie jeden Ritus der Opferung vollziehen, soweit es möglich ist, genauso wie sie es tun, wenn das Opfer ein Ochse ist. Die Ähnlichkeit liegt im Begriffsbereich, nicht im Wahrnehmungsbereich; das »ist« gründet auf einer qualitativen Analogie, die nicht den Ausdruck einer Symmetrie einschließt: eine Gurke ist ein Ochse, aber ein Ochse ist keine Gurke. - Evans-Pritchard, nach: Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken. Frankfurt am Main 1973 (0rig. 1962)

Opfer (4) Poularden im älteren und eigentlichen Sinne sind weibliche Kapaune, hoffnungsvolle Hühnerjungfrauen, denen die unheilvolle Schere alle Aussichten auf das Vergnügen der Mutterschaft abgeschnitten hat. Neuerdings hat man jedoch erkannt, daß das Fett der edlen Weiblichkeit sich ziemlich unabhängig von der Liebe entwickelt, und begnügt sich daher mit der einfachen Klausur der Tierchen ohne alle Operation. Die auf diese Weise gezogenen reinen Masthühner sollen sogar leichter und vollständiger fett werden als die eigentlichen Poularden. Das Fettwerden aber ist in diesem Falle die große Hauptsache, denn »das Fett ist der Stolz der Poularde, wie die Schwindsucht der Stolz des lyrischen Dichters ist« (Grimod). Eine Poularde kann gar nicht fett genug sein, ist sie‘s aber, so liefert sie, besonders wenn man ihre Eingeweide durch Trüffeln ersetzt, den denkbar zartesten, saftigsten und würzigsten Braten, den je eines Menschen Nase gerochen und eines Menschen Zunge verschmeckt hat. Für eine solche getrüffelte Poularde könnte man seine letzte Liebe abschwören oder sonst ein heroisches Opfer bringen. - (ap)

Opfer (5)

Es schlummern orphische Zellen
in Hirnen des Okzident,
Fisch und Wein und Stellen,
an denen das Opfer brennt,
die Esse aus Haschisch und Meten
und Kraut und das delphische Lied
vom Zuge der Auleten,
wenn er am Gott verschied.

Wer nie das Haupt verhüllte
und niederstieg, ein Stier,
ein rieselnd Blut erfüllte
das Grab und Sargrevier,
wen nie Vermischungslüste
mit Todesschweiß bedrohn,
der ist auch nicht der Myste
aus der phrygischen Kommunion.

Um Feuerstein, um Herde
hat sich der Sieg gerankt,
er aber haßt das Werde,
das sich dem Sieg verdankt,
er drängt nach andern Brüsten
nach andern Meeren ein,
schon nähern sich die Küsten,
die Brandungsvögel schrein.

Nun mag den Sansibaren
der Himmel hoch und still,
eine Insel voll Nelkenwaren
und der Blüte der Bougainville,
wo sie in Höfen drehen
die Mühlen für Zuckerrohr,
nun mag das still vergehen -:
Er tritt als Opfer vor.

Und wo Vergang: in Gittern,
an denen der Mörder weint,
wo sonst Vergang, ach Zittern
löst schon die Stunde, die eint -:
ihm beben Schmerz und Schaden
im Haupt, das niemand kennt,
die Brandungsvögel baden,
das Opfer brennt.

- (benn)

Opfer (6) »Diese Nacht«, schrieb Edith, »hatte ich einen Traum, der nicht enden wollte und der furchtbar auf mir lastet. Ich erzähle ihn Dir, weil ich Angst habe, ihn für mich allein zu behalten.

Wir beide waren mit ein paar Freunden zusammen, und es hieß. Du würdest, sobald Du hinausgingest, umgebracht werden. Und zwar, weil Du politische Artikel veröffentlicht hattest . . . Deine Freunde behaupteten, das wäre ohne Bedeutung. Du hast nichts gesagt, aber Du bist ganz rot geworden. Du wolltest keinesfalls ermordet werden, aber Deine Freunde haben Dich mitgeschleppt, und Ihr seid alle weggegangen.

Da erschien ein Mann, der Dich töten wollte. Dazu mußte er eine Lampe anzünden, die er in der Hand hielt. Ich ging neben Dir her, und der Mann, der mir begreiflich machen wollte, daß er Dich ermorden würde, zündete die Lampe an: aus ihr kam eine Kugel heraus, die durch mich hindurchging.« . . .

»Du warst in Begleitung eines jungen Mädchens, und in diesem Augenblick begriff ich, was Du wolltest, und ich sagte zu Dir: ›Da man Dich töten wird, geh wenigstens, solange Du lebst, mit diesem Mädchen in ein Zimmer und tu mit ihm, was Du willst.‹ Du antwortetest: ›Gern.‹ Du gingst mit dem jungen Mädchen in das Zimmer. Bald darauf erklärte der Mann, es sei nun Zeit. Er zündete die Lampe  wieder an, es ging ein zweiter Schuß los, der für Dich bestimmt war, aber ich fühlte, daß die Kugel mich traf und daß es aus sei mit mir . . . Ich fuhr mir mit der Hand über die Brust: sie war heiß und klebrig vom Blut. Es war entsetzlich . . .«  - Georges Bataille, Das Blau des Himmels. München 1969 (zuerst 1935)

Opfer (7)  Mit dem wahren Ursprung alles Theismus genau verwandt und eben so aus der Natur des Menschen hervorgehend ist der Drang seinen Göttern Opfer zu bringen, um ihre Gunst zu erkaufen, oder, wenn sie solche schon bewiesen haben, die Fortdauer derselben zu sichern, oder um Uebel ihnen abzukaufen. (S. Sanchoniathonis fragmenta, ed. Orelli, Lips. 1826. p. 42.) Dies ist der Sinn jedes Opfers und eben dadurch der Ursprung und die Stütze des Daseyns aller Götter; so daß man mit Wahrheit sagen kann, die Götter lebten vom Opfer. Denn eben weil der Drang, den Beistand übernatürlicher Wesen anzurufen und zu erkaufen, wiewohl ein Kind der Noth und der intellektuellen Beschränktheit, dem Menschen natürlich und seine Befriedigung ein Bedürfniß ist, schafft er sich Götter. Daher die Allgemeinheit des Opfers, in allen Zeitaltern und bei den allerverschiedensten Völkern, und die Identität der Sache, beim größten Unterschiede der Verhältnisse und Bildungsstufe. So z. B. erzählt Herodot (IV, 152), daß ein Schiff aus Samos, durch den überaus vortheilhaften Verkauf seiner Ladung in Tartessos einen unerhört großen Gewinn gehabt habe, worauf diese Samier den zehnten Theil desselben, der sechs Talente betrug, auf eine große eherne und sehr kunstvoll gearbeitete Vase verwandt und solche der Here in ihrem Tempel geschenkt haben. Und als Gegenstück zu diesen Griechen sehn wir, in unsern Tagen, den armsäligen, zur Zwerggestalt eingeschrumpften, nomadisirenden Rennthierlappen sein erübrigtes Geld an verschiedenen heimlichen Stellen der Felsen und Schluchten verstecken, die er Keinem bekannt macht, als nur in der Todesstunde seinem Erben, - bis auf eine, die er auch diesem verschweigt, weil er das dort Hingelegte dem genio loci, dem Schutzgott seines Reviers, zum Opfer gebracht hat. (S. Albrecht Pancritius, Hägringar, Reise durch Schweden, Lappland, Norwegen und Dänemark im Jahre 1850. Königsberg 1852. S. 162.) - So wurzelt der Götterglaube im Egoismus.  - (schop)

Opfer (8) Und ihn, der die Gestalt gewandelt hat, seinen eigenen Sohn hebt der Vater empor, schlachtet ihn und spricht auch noch ein Gebet dazu, der arge Tor! Sie aber sind verstört, die den Flehenden opfern wollen; doch jener taub gegen seine Rufe rüstet, nachdem er ihn schlachtete, damit im Hause ein böses Mahl. Ebenso ergreift seinen Vater der Sohn und ihre Mutter die Kinder, entreißen ihnen das Leben und schlingen das eigene Fleisch hinunter. - Empedokles, nach: Leben Töten Essen. Anthropologische Dimensionen. Hg. Heike Baranzke u.a. Stuttgart und Leipzig 2000

Opfer (9)  Sezer sieht aus wie einer dieser Halbstarken, die sich gegenseitig als "Opfer" anreden und es tatsächlich ein bisschen sind, weil ihr Hauptschulabschluss sie nicht weit bringen wird. Die manchmal auch zu Tätern werden, zu Straftätern, prügeln oder klauen, Sachen abziehen. Manche enden im Knast, manche auf der Bühne, manche erst im Knast und dann auf der Bühne. Sezer trägt ein schwarzes Shirt, Sneakers - und die 472. Seine Haare sind an den Seiten rasiert, oben hat er sie mit Gel aufgestellt.

Tatsächlich hat Sezer früher Unsinn gemacht, so ähnlich wie die türkischen Jungs in Filmen wie "Knallhart". Kein Respekt vor den Lehrern, Schule scheißegal.

Es war wirklich einiger Unsinn dabei, er redet nicht gern drüber. Die Sache hat sich nämlich grundlegend geändert, er hat sich geändert. "Jetzt bin ich Einzelhandelskaufmann", sagt Sezer. - Johannes Gernert, taz vom 19.Oktober 2006

Opfer (10)  Daß Penthesilea in einen Dämmerzustand verfällt, das kommt besonders aus Liebesgram zweifellos täglich vor. Daß sie dann einen Menschen angreift: ist auch häufig; in den meisten Fällen hat Geschirr und Scheiben dran zu glauben. Daß sie ihn halb verschlingt, ist zwar selten, aber Irre verschlingen noch ganz andere Sachen. Das Ganze ist: sie merkt nicht in ihrer Erregung, daß Achilles als Liebender kommt; das ist der Kernpunkt, darauf baut sich alles auf, diese Voreiligkeit: ich muß mich damit abfinden, ich bin verpflichtet, es zu bewundern. Aber dies ist nur ein Mittel zum Zweck; worauf es ankommt, Kleist wie uns: es muß einer gefressen werden, bildlich, und was hier so sensationell ist, auch unbildlich. Das ist in allen Tragödien so, und hier läßt es sich mit Händen greifen. Ein Schlachtopfer muß uns fallen, das Schlachtopfer, das wir brauchen. Tragödie hat seinen Namen vom Böcklein, das einstmals geopfert wurde; das Böcklein ist verschwunden, wir halten uns an Menschen! Denn wir sind Kannibalen und brechen täglich die irdische Speiseordnung; wir füttern uns im Theater satt. Ein Vegetarier sieht sich keine Tragödie an; ein wirklicher Vollvegetarier. Wir verklären es schlau, reden von Kunst, halten uns Professoren, die dicke Bücher darüber schreiben müssen, was tragisch sei. Aber wir lassen gern unser Gehirn umdüstern, wir nehmen leichtgläubig den grenzenlosen Unsinn, die hanebüchene Borniertheit der Heroen hin, wenn es nur geschieht, wie es im Homer beim Gastmahl der Freier heißt: «Und siehe, ein großes Gelächter erregte Pallas Athene im Saal und verwirrte der Freier Gedanken; und schon lachten sie alle mit gräßlich verzuckten Gesichtern. Blutbesudeltes Fleisch verschlangen sie jetzo, die Augen waren mit Tränen erfüllt und Jammer umschwebte die Seele.»

Wir schmausen Othello und Desdemona, König Lear und seine süße Tochter. Je strahlender ein Achill ist, um so lieber nehmen wir ihn, denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht. - (poot)

Opfer (11)  Kinder psychoanalytischer Eltern welken früh. Als Säugling muß es zugeben, daß es beim Stuhlgang Wollustempfindungen habe. Später wird es gefragt, was ihm dazu einfällt, wenn es auf dem Weg zur Schule der Defäkation eines Pferdes beigewohnt hat. Man kann von Glück sagen, wenn so eins noch das Alter erreicht, wo der Jüngling einen Traum beichten kann, in dem er seine Mutter geschändet hat. - Karl Kraus, Pro Domo et Mundo, nach   (enc)

Opfer (12)  »Nun magst du büßen!« Lin riß ihm das Wams auf und stieß ihm den Dolch tief in die Herzgrube. Dann blickte er nach rückwärts. Der Aufseher hatte sich inzwischen von seiner Betäubung erholt und rappelte sich gerade wieder in die Höhe. Mit einigen Sätzen war Lin bei ihm und hatte ihm den Kopf vom Rumpf getrennt. Das gleiche grausige Werk verrichtete er an Lu und Fu An. Dann trug er die drei Köpfe, an den zusammengeknoteten Schöpfen baumelnd, in den Tempel und legte sie als Opfergabe auf dem Altar vor dem Standbild des Berggeistes nieder. Hierauf trank er in großen durstigen Zügen die Kürbisflasche leer, zog seinen linnenen Schneekittel über, stülpte den Filzhut auf, verabschiedete sich vom Berggeist und schritt ostwärts in die Nacht hinaus.   - (raub)

Opfer (13)    Das letzte Drittel - oder tercio de muerte - ist das des eigentlichen Opfers. Mit den Instrumenten des Todes bewaffnet (Stoßdegen und Muleta) unterjocht der Matador den Stier, lockt ihn in das straffe Netz von »Pases« hinein, versucht über ihn Herr zu werden, um ihn dann »einstellen« zu können, d. h. in die für die Hinrichtung geeignete Stellung zu bringen, schwer auf den Klauen lastend mit herunterhängendem Kopf. In diesem letzten Drittel enthüllt der Gegensatz - der im ersten tercio erregt und konfus, im zweiten klarer und gegliederter war - seine schärfste Ambiguität: haßerfüllter Tanz der beiden Gegner; der Mensch zieht die Bestie in seinen Todeswalzer hinein, schillert mit seinem bunten Tuch vor deren Augen wie ein Sadist, der dem kleinen Mädchen, das er erwürgen will, Süßigkeiten anbietet.   - Michel Leiris, Spiegel der Tauromachie, eingeleitet durch Tauromachien. Mit Zeichnungen von André Masson. München 1982 (entstanden 1937)

Betrug Religion Tausch
Oberbegriffe
zurück 

.. in der Systematik ...

weiter im Text 
Unterbegriffe
Verwandte Begriffe
Synonyme