Ordnung  Marione hatte beschlossen, daß es nicht so weitergehen dürfe und daß er dringend die Welt in Ordnung bringen müsse. Er sah sich um und mußte die Augen schließen, weil er es nicht ertragen konnte, alle Dinge so durcheinandergewürfelt und miteinander vermischt zu sehen. Eines Morgens kaufte er zwei dicke Hefte und begann, die geraden Zahlen von den ungeraden zu trennen. Er schrieb die einen ins eine und die anderen ins andere Heft, und als er bei hundert Millionen angelangt war, hörte er auf und machte sich daran, die quadratischen Dinge von den runden zu trennen. Nachts im Traum verrückte er die Engelsburg und das Pantheon, alle römischen Kirchenkuppeln, die Antoninssaule und die Hadrianssäule, die Piazza del Popolo und den Esedrabrunnen, den gleichnamigen Platz und die kleine Sporthalle, um alle runden von allen quadratischen und rechteckigen Bauwerken der Hauptstadt zu trennen. Am nächsten Morgen ging er wie gewöhnlich zur Arbeit. Marione arbeitete als Angestellter in einem Supermarkt und war diesmal bis ein Uhr damit beschäftigt, ein wenig Ordnung zu schaffen, wie er es nannte. Er stellte alle viereckigen Behälter auf die eine und alle runden Behälter auf die andere Seite, so daß die Keksschachteln zusammen mit den Waschmittelkartons und die Konservendosen zusammen mit den Insektenspraydosen auf jeweils denselben Regalen standen. Der Direktor des Supermarkts schäumte vor Wut und drohte, ihn zu entlassen. So mußte Marione abends nach Geschäftsschluß noch dableiben, um alle Dinge wieder genauso in Unordnung zu bringen wie sie vorher waren.

Marione versuchte, seinen Freunden zu erklären, daß er die Welt in Ordnung bringen wolle, aber niemand mochte ihn verstehen und vor allem mochte ihm niemand helfen. Da er nicht zu denen gehörte, die leicht den Mut verlieren, beschloß er, alles alleine zu machen. So begann er eines schönen Tages damit, das Weiße vom Schwarzen zu trennen. Aber auch dabei stieß er auf eine Fülle von Schwierigkeiten. Wie sollte er die weißen Schaumkronen der Meereswellen von den schwarzen Felsen der Küste trennen? Den Kopf ganz voll von solchen Gedanken schlenderte Marione durch eine belebte Straße, als er plötzlich eine Frau mit einer weißen Bluse sah, die eine schwarze Tasche am Arm trug. Marione rannte ihr nach und riß ihr die Tasche vom Arm. Er landete auf dem Polizeikommissariat und hatte große Mühe zu erklären, daß er kein Handtaschendieb war.

Nach dieser unliebsamen Erfahrung wandte sich Marione wieder seiner Schreibtischarbeit zu. Er nahm ein Wörterbuch und eine Schere zur Hand und begann, die einsilbigen von den mehrsilbigen und die endbetonten von den anfangsbetonten Wörtern zu trennen, dann trennte er die Substantive von den Abjektiven, die Verben von den Adverbien, die Vokale von den Konsonanten, und endlich entschloß er sich der Vollständigkeit halber auch noch alle Buchstaben des Alphabets zu ihren Kameraden zu gesellen - alle »A«s zu den »A«s und alle »Z«s zu den »Z«s, wobei natürlich die großen Buchstaben auf die eine und die kleinen auf die andere Seite kamen. Viele Nächte lang war er mit Ausschneiden beschäftigt, bis er ebensoviele Säcke mit Buchstaben gefüllt hatte wie es Buchstaben im Alphabet gibt.Mariones Nächte bevölkerten sich mit phantastischen Träumen. Er trennte den Sauerstoff vom Wasserstoff, die Druckerschwärze vom bedruckten Papier, den Sand vom Zement, das Eisen vom Holz, die Heuschrecken von den Ameisen, das Wasser von der Erde, den Parmesan von den Makkaroni, die Hitze von der Kälte, den Mond vom Mondschein und vieles andere mehr.

Eines Morgens nach einer unruhigen Nacht stand Marione auf mit dem Entschluß, die Männer von den Frauen zu trennen. Er ging durch die Straßen, und jedesmal wenn er einen Mann mit einer Frau sah, drängte er sich dazwischen und versuchte, sie zu trennen. Aber niemand wollte etwas von Mariones neuer Ordnung wissen, und irgendwer gab ihm sogar eine Ohrfeige.

Beim Anblick von so viel Unordnung ringsumher auf der Welt wurde Marione immer deprimierter. Als seine Frau drohte, daß sie ihn verlassen würde, wenn er weiter darauf bestünde, die Männer von den Frauen zu trennen, gab Marione endlich Frieden und sah ein, daß ein wenig Unordnung ganz gut zu ertragen sei. - (ma)

Ordnung (2) Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen. - (cel)

Ordnung (3)  Die Tischtuchtolle ist blütenweiß und atmet in Linnen. Ihre Finger sind strikt, ihre Augen eckig. Seit sie denken kann, hat sie nie Schnupfen gehabt und doch ist die Stimme ein wenig heiser. Sie sagt, daß sie noch nie einen Traum gehabt hat, und man glaubt‘s ihr.

Manche kommen zu ihr, um sich Ordnung zu holen. Sie ist unwiderstehlich. Sie sagt wenig, aber was sie sagt, hat die Glaubenskraft einer ganzen Kirche. Es ist nicht ausgemacht, daß sie betet, sie ist selbst ihre Kirche. Wenn sie die Blütenweiße zelebriert, versinkt man vor Scham, daß man so lange in Schmutz gelebt hat. Verglichen mit ihr ist alles Schmutz, da hilft kein Leugnen. Sie öffnet die eckigen Augen groß, richtet sie ungetrübt auf einen und man spürt von innen her ein Leuchten. Da ist es, als trüge man alle ihre Tischtücher in sich, strikt gefaltet, nie ausgebreitet, auf einem blütenweißen Haufen, ewig, ewig.

Sie ist aber nie ganz zufrieden, denn selbst sie findet Flecken auf ihren Blüten. Man soll sie sehen, wenn sie urplötzlich stutzt, weil sie einen winzigen Punkt gewahrt hat. Da wird sie gefährlich wie eine Giftschlange. Da öffnet sie den Mund und zeigt schreckliche Giftzähne. Da hißt sie, bevor sie zustößt, wehe dem winzigen Fleck. Es ist vorgekommen, daß er aus Angst vor ihr verschwand und daß sie dann stundenlang beharrlich nach ihm suchte. Aber es kommt auch vor, daß er nicht verschwindet. Dann erlebt man einen Orkan. Sie packt das Blütenweiße, sie packt es nicht allein, sie packt es zusammen mit zwanzig andern Blütenweißen, wo es geschichtet lag und macht sich daran, den ganzen hohen Pack auf der Stelle wiederzuwaschen.

In solchen Augenblicken ist es geraten, sie allein zu lassen, denn ihre Raserei kennt keine Grenzen. Was immer in die Nähe gerät, wird mitgewaschen, Tische, Stühle, Betten, Leute, Tiere. Da geht es zu wie beim Jüngsten Gericht. Da findet nichts vor ihren eckigen Augen Gnade. Da sind schon Tiere und Leute totgewaschen worden. Da geht es zu wie vor Erschaffung der Geschöpfe. Da wird Licht und Finsternis getrennt. Da ist Gott seiner weiteren Sache nicht mehr sicher. - (can)

Ordnung (4) Auch die moderne Ordnung, die sich kennzeichnend von der vorangegangenen Art des Erzeugens abhebt, beruht auf einer fundamentalen Symbolik. Sofern man die überlieferte Zivilisation mit ihrer natürlichen Ordnung der Substanzen oralen Strukturen zuordnen kann, muß man in der modernen Ordnung der Produktion, des Kalküls und der Funktionalität, die mit dem Unternehmen des Überholens, des Umformens und Hervorbrechens objektiver Strukturen verbunden ist, eine phallische Ordnung erblicken — aber auch eine Ordnung der Fekalität, beruhend auf der Abstraktion, Extraktion homogener Stoffe, Kalkulation und Analyse der Substanzen, und auf einer analen Aggressivität, die sich im Spiel, im Gespräch, im Ordnen, Klassifizieren und Verteilen sublimiert.  - (baud)

Ordnung (5)  Ein Problem waren schon immer die Pilze: Solange man nur Tiere und Pflanzen unterschied, mußte man sie wohl oder übel zu den Pflanzen rechnen. Andererseits enthalten Pilze kein Chlorophyll, weshalb sie, wie ein Tier, auf die Ernährung mit organischer Substanz angewiesen sind. Diese wiederum können sie aber nicht, wie ein Tier das tut, durch den Abbau mit eigenen Enzymen selbst auswerten. Pilze leben daher parasitisch, auf toter organischer Substanz (»Schimmelpilze«) oder auf lebenden Tieren oder Pflanzen, denen sie gleichsam bereits verdaute Nahrung entziehen.

Angesichts dieser Einordnungsschwierigkeit und nicht zuletzt auch angesichts der an dieser Stelle des Textes geschilderten neuen Erkenntnisse wird die belebte Natur von den Wissenschaftlern, einem Vorschlag des amerikanischen Biologen R. H. Whittaker folgend, seit einigen Jahren nicht mehr in 2, sondern in 5 selbständige »Reiche» eingeteilt: 1. das Reich der »Moneren». Als Moneren bezeichnen die Biologen alle heute noch ezistierenden Vertreter der ursprünglichsten und primitivsten Zellart, die »kernlosen Zellen» (oder »Prokaryoten«). Dazu gehören also alle Bakterien und die Blaualgen. 2. das Reich der Protisten (oder Protozoen), zu dem die große Zahl aller der vielen verschiedenen Einzeller vom »fortschrittlichen Typ» rechnet, die mit einem selbständigen Kern und spezialisierten Organellen ausgestattet sind. Die restlichen 3 Reiche werden von all den vielzellig gebauten Lebewesen gebildet, die sich aus unterschiedlich spezialisierten und weiterentwickelten Formen der » Protisten» zusammensetzen. Als » Pflanzen» bezeichnet man jetzt ausschließlich die Vielzeller, deren Zellen Chloroplasten enthalten, die sich also (überwiegend) mit Hilfe der Photosynthese ernähren.

»Tiere« heißen die Vielzeller, die zu ihrer Ernährung fertig vorliegender organischer Substanzen bedürfen, die also Pflanzen fressen müssen oder Tiere, die sich ihrerseits von Pflanzen ernähren, Und die Pilze schließlich haben ein eigenes, 5. »Reich« in dieser Einteilung bekommen.

Diese Einteilung ist sicher ein Fortschritt. Daß auch sie noch keineswegs befriedigt, geht allein aus der Tatsache hervor, daß auch in ihr die Viren nach wie vor keinen überzeugenden Platz gefunden haben. - Hoimar v. Ditfurth, Im Anfang war der Wasserstoff. Hamburg 1972

Ordnung (6)  Ich bin leider in den Jugendjahren und gleichsam im Keime schon verdorben, denn wie andere gelehrte Knaben und vielversprechende Jünglinge es sich angelegen sein lassen immer gescheuter und vernünftiger zu werden, habe ich im Gegentheile stets eine besondere Vorliebe für die Tollheit gehabt, und es zu einer absoluten Verworrenheit in mir zu bringen gesucht, eben um, wie unser Herrgott, erst ein gutes und vollständiges Chaos zu vollenden, aus welchem sich nachher gelegentlich, wenn es mir einfiele, eine leidliche Welt zusammen ordnen ließe. —Ja es kommt mir zu Zeiten in überspannten Augenblicken wohl gar vor, als ob das Menschengeschlecht das Chaos selbst verpfuscht habe, und mit dem Ordnen zu voreilig gewesen sei, weshalb denn auch nichts an seinen gehörigen Platz zu stehen kommen könne, und der Schöpfer bald möglichst dazu thun müsse die Welt, wie ein verunglücktes System auszustreichen und zu vernichten.  -  [August Klingemann,] Nachtwachen von Bonaventura. Frankfurt am Main 1974 (it 89, zuerst 1804)

Ordnung (7) Jeder Mythos stellt ein Problem und behandelt es, indem er zeigt, daß es anderen Problemen analog ist; oder der Mythos behandelt mehrere Probleme gleichzeitig, indem er zeigt, daß sie untereinander analog sind. Diesem Spiegelspiel, diesen einander erwidern-den Reflexen entspricht nie ein wirkliches Objekt.

Genauer: Das Objekt bezieht seine Substanz aus invarianten Eigenschaften, die herauszuarbeiten dem mythischen Denken gelingt, wenn es eine Vielzahl von Aussagen zueinander in Parallele setzt. Sehr ver-einfachend könnte man sagen, daß der Mythos ein System von logischen Operationen ist, die durch die Methode des »wenn, dann« oder »so, wie« definiert werden. Eine Lösung, die keine Lösung eines besonderen Problems ist, mildert die intellektuelle Unruhe und gegebenenfalls die existentielle Angst, sobald eine Anomalie, ein Widerspruch oder ein Skandal als die Manifestation einer Ordnungsstruktur dargeboten wird, die in anderen, das Denken oder das Gefühl gleichwohl nicht im selben Maße betreffenden Aspekten des Realen sehr viel deutlicher ist. - (str)

Ordnung (8) Viele Jahre führte Cesare Borgia Krieg, um im Namen seines Vaters, Papst Alexanders, weite Teile von Italien unter seine Kontrolle zu bekommen. Im Jahr 1500 gelang es ihm, die Romagna zu erobern. Die Region war seit langer Zeit von einer Reihe gieriger Herren regiert worden, die die Reichtümer des Landes nur zum eigenen Nutzen ausgeplündert hatten. Ohne Polizei oder eine sonstige disziplinierende Staatsgewalt war die Region in die Gesetzlosigkeit zurückgefallen, ganze Landstriche wurden von Räubern und sich befehdenden Familien beherrscht. Um die Ordnung wiederherzustellen, berief Cesare Remirro de Orco zum Generalleutnant der Region — »einen grausamen und schnell zupackenden Mann«, wie Niccolò Machiavelli schrieb. Cesare gab de Orco absolute Macht.

Mit Energie und harter Hand baute de Orco ein strenges, brutales Justizwesen in der Romagna auf, und bald hatte er sie von so gut wie allen gesetzlosen Elementen gesäubert. Doch er schoß in seinem Eifer oft über das Ziel hinaus, und nach zwei Jahren verachtete, ja, haßte die ortsansässige Bevölkerung ihn. Im Dezember 1502 schritt Cesare ein. Zunächst ließ er wissen, daß er de Orcos grausamem und brutalem Vorgehen nie zugestimmt hatte, daß dies auf die gewalttätige Natur des Leutnants zurückzuführen sei. Am 22. Dezember ließ er dann de Orco in Cesena gefangennehmen, und am zweiten Weihnachtstag erblickten die Bewohner der Stadt in der Mitte der Piazza eine merkwürdige Szenerie: de Orcos kopfloser Körper, in ein prächtiges Gewand und ein Purpurcape gekleidet, daneben sein auf eine Lanze gespießter Kopf und die blutige Axt des Henkers sowie der Hinrichtungsblock. Machiavelli beschließt seine Ausführungen dazu mit den Worten: »Dieses furchtbare Schauspiel erfüllte die Einwohner mit Genugtuung und machte gleichzeitig tiefen Eindruck auf sie.« - (macht)

Ordnung (9) Eine Katze hält ihre Kätzchen an ungefähr sechs Codes fest. Einer ist für die Zeit der Fütterung, der zweite fürs Herbeirufen, der dritte fürs schnelle Verschwinden, der vierte, um sich totzustellen, der fünfte ist der Liebescode für die Siesta, und der sechste Code bedeutet, daß es Zeit ist, schlafen zu gehen ... Bei fortschreitendem Sonnenuntergang hat nur ein einziger Fasan einen schönen, wehmütigen Code, mit dem er allen anderen Fasanen kundtut, daß die Nahrungssuche zu Ende geht und es Zeit ist, sich auf die Äste zu setzen, schlafen zu gehen. Ich jedoch habe keinen Code und keine Ordnung, ich bin einsam, aber nicht verlassen, denn nur so nehme ich all das wahr, was um mich herum vorgeht, wodurch ich zum Reklamespiegelchen der von außergewöhnlichen Alltagsereignissen angefüllten Kugelfläche werde. - (hra2)

Ordnung (10) Die Gelehrten ertragen den Zweifel und das Scheitern, weil sie nicht anders können. Aber Unordnung ist das einzige, das sie nicht dulden können und dürfen. Das Ziel der reinen Wissenschaft besteht darin, die Reduktion dieser chaotischen Wahrnehmung, die auf einer niedrigere und wahrscheinlich unbewußten Ebene mit dem Ursprung des Lebens selbst begonnen hat, bis zum höchsten und bewußtesten Punkt zu führen. In bestimmten Fällen könnte man sich fragen, ob der Typus von Ordnung, der erarbeitet worden ist, ein objektives Merkmal der Erscheinungen ist oder eine Konstruktion des Gelehrten. Diese Frage stellt sich unaufhörlich in der Taxonomie der Tiere... Dennoch ist es das grundlegende Postulat der Wissenschaft, daß die Natur selbst geordnet ist ... In ihrem theoretischen Teil läßt sich die Wissenschaft auf Herstellung von Ordnung reduzieren, und wenn es wahr ist, daß die Systematik in einer solchen Herstellung von Ordnung besteht, dann können die Termini der Systematik und der theoretischen Wissenschaft als Synonyme angesehen werden. - G. G. Simpson, nach: Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken. Frankfurt am Main 1973 (zuerst 1962)

Ordnung (11) Während nun aber die Wissenschaft zwar mit der Magie eines gemeinsam hat, daß sie nämlich ebenfalls den Glauben an die Ordnung als das Grundprinzip aller Dinge ansieht, so brauchen die Leser dieses Werkes wohl kaum daran erinnert zu werden, daß die von der Magie angenommene Ordnung wesentlich von derjenigen abweicht, die die Grundlage der Wissenschaft bildet. Der Unterschied ergibt sieh ganz naturlich aus den verschiedenen Methoden, nach denen man zu den beiden Ordnungen gelangt ist. Während nämlich die Ordnung, mit der die Magie rechnet, lediglich eine auf einer falschen Analogie beruhende Erweiterung derjenigen ist, nach der sich die Gedanken unserem Geiste aufdrängen, so gründet sich die von der Wissenschaft aufgestellte Ordnung auf die geduldige und genaue Beobachtung der Phänomene selbst. Die Fülle, Zuverlässigkeit und der Glanz der bereits erzielten Ergebnisse dürften wohl dazu angetan sein, uns mit freudigem Vertrauen zu der Richtigkeit der Methode zu erfüllen. Hier hat der Mensch endlich nach jahrhundertelangem Umhertasten im Dunkeln einen Faden durch das Labyrinth, einen goldenen Schlüssel gefunden, der viele Schlösser in der Schätzkammer der Natur öffnen kann. Es ist wahrscheinlich nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß die Hoffnung auf Fortschritt — und zwar sowohl sittlichen als auch geistigen — in Zukunft mit dem Schicksal der Wissenschaft verbunden ist, und daß jedes Hindernis, das der wissenschaftlichen Forschung in den Weg gelegt wird, ein Unrecht gegen die Menschheit ist.  - (fraz)

Ordnung (12) Als in der Urzeit Bau Hi die Welt beherrschte, da blickte er empor und betrachtete die Bilder am Himmel, blickte nieder und betrachtete die Vorgänge auf Erden. Er betrachtete die Zeichnungen der Vögel und Tiere und die Anpassungen an die Orte. Unmittelbar ging er von sich selbst aus, mittelbar ging er von den Dingen aus. So erfand er die acht Zeichen, um mit den Tugenden der lichten Götter in Verbindung zu kommen und aller Wesen Verhältnisse zu ordnen. - (ig)

Ordnung (13) Das gleiche Verlangen nach Ordnung, das am Anfang die Mathematik erschuf, machte, daß ich eine Ordnung in dieser Verirrung der Mathematik suchte, die die unsinnigen Täuschungssteine darstellen. In ihren unvorhersehbaren Abwandlungen wollte ich ein Gesetz auffinden. Tage und Nächte verbrachte ich damit, die Änderungen statistisch zu erfassen. Aus jener Phase sind mir einige Hefte geblieben, die gefüllt sind mit nutzlosen Zahlen. Ich ging folgendermaßen vor. Mit den Augen zählte ich die Steine und schrieb die Zahl auf. Dann teilte ich sie in zwei Handvoll und warf sie auf den Tisch. Ich zählte beide Mengen, schrieb die Zahl auf und wiederholte den Vorgang. Vergebens war die Suche nach einer Ordnung, nach einem geheimen Muster in den Veränderungen. Die Höchstzahl an Steinen, die ich erhielt, war 419; die Mindestzahl drei. Es gab einen Augenblick, in dem ich hoffte oder befürchtete. daß sie verschwänden. Nach einigem Versuchen stellte ich fest, daß ein von den anderen isoliertes Plättchen sich nicht vervielfachen oder verschwinden konnte. Natürlich waren die vier Grundrechenarten der Addition. Subtraktion, Multiplikation und Division unmöglich. Die Steine verweigerten sich der Arithmetik und der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Vierzig Plättchen konnten bei der Division durch zwei neun ergeben: die neun, ihrerseits dividiert, konnten dreihundert sein. Ich weiß nicht, wieviel sie wogen. Eine Waage nahm ich nicht zu Hilfe, doch bin ich sicher, daß ihr Gewicht gleich und leicht war. Die Farbe war immer jenes Blau. - Jorge Luis Borges, Blaue Tiger. In: Blaue Tiger und andere Geschichten. München 1988 (zuerst 1977)

Ordnung (14)  Die Ordnung der Primaten, eine der Untergliederungen der Säugetiere, umfasst so verschiedene ARTEN wie Krallenäffchen, die Eichhörnchen recht ähnlich sehen, Menschenaffen und Menschen. Mit Ausnahme des Menschen ist ihnen allen ihre Anpassung an ein Leben auf den Bäumen gemeinsam. Ihre Beckenstruktur und die Form ihrer Hände und Füße ermöglichen es ihnen, sich mühelos von Ast zu Ast zu hangeln. Daumen und großer Zeh sind sehr beweglich und lassen sich bei manchen Arten den Fingern beziehungsweise Zehen gegenüberstellen. Anstelle von Krallen haben sie Finger- und Zehennägel, die es ihnen ermöglichen, Gegenstände feiner zu handhaben. Die oberen Gliedmaßen sind daher imstande, andere Funktionen als das Gehen zu übernehmen, und diese Tiere können eine fast aufrechte Haltung einnehmen.

Ein weiteres charakteristisches Merkmal der Primaten ist die Rückbildung des Geruchssinns zugunsten der Sehfähigkeit, was die Wahrnehmung der Umgebung volkommen verändert. Die meisten Säugetiere erhalten Informationen hauptsächlich über Gerüche, während Primaten sich vor allem auf ihr Sehvermögen stützen. Durch die Parallelstellung ihrer Augen können sie die Bilder, die jedes Auge von einem Gegenstand liefert, vergleichen und seine Entfernung abschätzen. Diese Fähigkeit setzt jedoch eine ausreichend entwickelte Gehirntätigkeit voraus.   - (thes)

Ordnung (15)  Pythagoras hat  in den Mittelpunkt seiner Gedanken die Idee der Ordnung gestellt: die musikalische Ordnung, die mathematische Ordnung, die Ordnung des Kosmos und schließlich die ethische und soziale Ordnung. Er entdeckte, daß die Intervalle der Tonleiter den Verhältnissen der Längen schwingender Saiten entsprechen und durch Zahlverhältnisse ausgedrückt werden können. Die so entstehenden Zahlverhältnisse waren 1:2, 2:3 und 3:4, und damit sind die vier ersten natürlichen Zahlen gegeben, deren zentrale Bedeutung die Pythagoräer immer wieder hervorgehoben haben. Aus solchen Überlegungen kamen die Pythagoräer zu der Überzeugung, daß »der Kosmos mit reiner Mathematik isomorph ist« (Bell) und daß alles im Universum durch ganze Zahlen meßbar sei. Es gab im System keinen Raum für irrationale Zahlen, und die Entdeckung des Hippasus, daß die quantitative Beziehung zwischen der Seite und der Diagonale eines Rechtecks nicht durch ganze Zahlen ausgedrückt werden kann, erschütterte das Weltbild der Pythagoräer. - (zahl)

Ordnung (16)  Wir Chinesen sind besessen von der Idee der Totalität aller Dinge. Darum gelingt uns das Spezifische und Praktische oft nicht. Wir betrachten Ursache und Wirkung nur als zwei unter mehreren Aspekten des entscheidenden Triebes und Zwecks des Lebens. Ursache und Wirkung sind für uns nur Nebenprodukte des letzten Lebenszwecks, der alle Ursache und Wirkung hervorruft. — Zufall oder was ihr 'Glück' nennt, ist eine andere Manifestation der gleichen Dinge, nicht nur etwa irgendein zufälliges Ereignis, das in keinem Zusammenhang steht in der allgemeinen Ordnung von Vorgängen, sondern im Gegenteil Teil ist eines fundamentalen Gesetzes, dessen Funktionieren ihr entweder schmerzhaft unwissend seid, oder das ihr arrogant verachtet. Wir dagegen haben tiefen Respekt davor und studieren es ohne Unterlaß und entwickeln Methoden, die Natur dieses Gesetzes zu ahnen. Wir tun es instinktiv. Sehen Sie, es ist gerade dieses Zusammensein aller Dinge in der Zeit und nicht ihre scheinbare Beziehungslosigkeit in der konkreten Welt, die uns Chinesen interessiert.  - Laurens van der Post, Flamingo Feathers. Nach: Hans Richter, in: Dada - Kunst und Anti-Kunst. Köln 1964

Ordnung (17)  Das überwältigende Bestreben nach Unordnung bedeutet nicht, dass sich geordnete Strukturen wie Sterne und Planeten über geordnete Lebensformen wie Pflanzen und Tiere nicht bilden können. Sie können. Und sie tun es offensichtlich. Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass bei der Hervorbringung von Ordnung eine mehr als gleichwertige Erzeugung von Unordnung erfolgt. Die Entropiebilanz ist noch immer in der Gewinnzone, selbst wenn einige Bestandteile ein höheres Maß an Ordnung annehmen. -  Brian Greene, Der Stoff, aus dem der Kosmos ist 
 
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Unterbegriffe
{?}
VB

Chaos

Antonym

Synonyme
{?}