ormalität Es
wäre völlig unnormal, wenn
nicht normal wäre, schließlich
gibt es viel mehr normale als unnormale Zahlen. Das hat Emile Borel schon 1909
bewiesen. Nur ist es schwierig, die Eigenschaft der Normalität für
eine konkrete Zahl auch nachzuweisen. Seit Lambert 1771 die Irrationalität
und 1882 Lindemann die darüber hinausgehende Transzendenz (mit der daraus
folgenden Unmöglichkeit der Quadratur des Kreises) von
nachgewiesen haben,
quält die Zahlentheoretiker die Frage, ob denn
auch normal sei. Für
die Mathematiker ist eine reelle Zahl dann normal bezüglich einer Zahlenbasis,
wenn alle Ziffern mit gleicher Wahrscheinlichkeit in der Zahlendarstellung auftauchen
und so jede beliebige (endliche) Ziffernkombination darin vorkommt. Total normal
ist die Zahl dann, wenn sie normal zu allen Zahlenbasen ist.
Als schöner philosophischer Nebeneffekt der Normalität ergibt sich,
dass eine normale Zahl alle beliebigen Texte (geeignet kodiert in Ziffern, etwa
als ASCII) irgendwo in sinnvoller Reihenfolge enthält, also ist irgendwo
dieser Text, diese ganze c't, die Bibel und alles, was je geschrieben worden
ist und geschrieben werden wird, schon in jeder normalen Zahl enthalten — nur
'normalerweise' recht weit hinten. - (c't 17/2001)
Normalität (2) Miss Beswicks Normalität lag in der Tatsache, daß sie nicht begreifen konnte, daß sie tot war, und infolgedessen hing der kalte, dunkle Schatten ihrer Mumie in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts über Manchester.
Wenn man sie in der Erde begrübe, so argumentierte Miss Beswick, könnte
ihr Tod sich womöglich als Illusion erweisen, als traumloser Schlaf...
Sie hinterließ daher dem Arzt Dr. Charles White und seinen beiden Kindern, Miss
Rosa White und ihrer Schwester, zusammen mit ihrem Vetter Captain White eine
große Geldsumme unter der Bedingung, daß der Arzt
sie jeden Morgen — nach dem, was unbelehrten Leuten als ihr Tod
vorkommen könnte — aufsuchte, um sich von der Wirklichkeit ihres Todes zu vergewissern,
Als sie den letzten Atemzug getan hatte, wurde also die bewegungslose alte Dame
mit dem starren weißen Gesicht und den drohenden schwarzen Augen unter dicken
schwarzen Augenbrauen einbalsamiert und in dem Haus, in dem sie fast achtzig
Jahre gelebt hatte, in den Staub des Dachbodens niedergelegt. Dr. White wohnte
darunter, und die Stille und der Staub des Hauses wurde von Zeit zu Zeit durch
das hastige Verschwinden seiner geisterhaften Kinder und jeden Morgen von der
Stimme des Doktors unterbrochen, wenn er seine stumme, aber wachsame Patientin
untersuchte. - Aus: Edith Sitwell, Englische
Exzentriker. Berlin 2000 (Wagenbach Salto 93, orig, 1933)
Normalität (3) Das meiste Interesse und etwas von dem Entsetzen, das große Verbrechen auslösen, geht nicht von dem Abnormalen, sondern von dem Normalen an ihnen aus; was wir mit dem Verbrecher gemein haben - mehr noch als die schwer deutbare Geistesstörung, die ihn von uns unterscheidet —, läßt uns mit so lebhafter Anteilnahme einen Mitmenschen betrachten, der diese tragischen und tödlichen Gefilde betreten hat.
Ein niedriges Verbrechen wie das des brutalen Kerls, der wegen ein paar Shillingen in der Ladenkasse einer alten Frau den Kopf einschlägt, hat ein niedriges Motiv; ein großes Verbrechen, wie das eines Ehemannes, der seine Frau und seine kleinen Kinder umbringt und anschließend Selbstmord begeht, weil er nur Hunger und Elend als Zukunft für seine Familie sieht, wächst zu einem verzweifelten Protest gegen das Schicksal und sammelt in sich alles, was diesem Menschen noch an Edelmut und Größe geblieben ist. Deshalb gebührt seinem Verbrechen aber nicht mehr juristische Rechtfertigung als dem des Raubmörders; auf keinen Fall. Im Gegenteil, es stellt einen größeren Frevel gegen das Leben dar und ist weit schädlicher in seinen Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft. Dennoch hassen oder verfluchen wir den Urheber dieses Verbrechens nicht - wir bedauern ihn zutiefst; und manchmal ist es sogar möglich, eine gewisse schreckliche Schönheit in dem Motiv zu erkennen, das ihn reinen Tisch mit dieser kleinlichen Welt machen ließ, die dem Vergleich mit einer größeren Welt nicht länger standhalten konnte.
Für ein großes Verbrechen gibt es zumindest Gründe; für ein niedriges Verbrechen aber gibt es höchstens Entschuldigungen.
Das Reich des menschlichen Todes ist kein flaches Feld; es gibt Hügel und
Täler darin, Tiefebenen und Hochebenen; doch auch gewisse schroffe Felsen ragen
vereinzelt daraus hervor, furchtbar in ihrer Vereinsamung, in Stürme und düstere
Nebel gehüllt, aber dennoch fällt dann und wann ein Sonnenstrahl auf sie herab
und enthüllt die wilde Schönheit der Blumen und funkelnden Moose, die sich in
ihren schrecklichen Schrunden verbergen. - Filson Young: Dr. Crippen
an Bord. In: Mary Hottinger (Hg.), Wahre Morde. Zürich 1978
Normalität (4) Es war die Kunst (oder auch die
Philosophie) des Müllkastens. Der Führer dieser «Schule» war ein gewisser Schwitters
aus Hannover, der sammelte alles, was er beim Spazierengehen
oder sonst auf Schutthaufen, in Kehrichttonnen oder Gott weiß wo fand: verrostette
Nägel, alte Putzlappen, Zahnbürsten ohne Haare, Zigarrenstummel, alte Fahrradspeichen,
einen halben Regenschirm. Alles, was der Mensch
als nicht mehr brauchbar weggeworfen, fand in Schwitters einen Sammler
und wurde von ihm auf alten Brettern oder Leinwänden zu kleineren, flachen Müllhaufen
geordnet, geklebt oder mit Draht und Bindfaden befestigt, dann als sogenannte
«Merzkunst» ausgestellt und auch gekauft. Viele Kritiker,
die durchaus mitlachen wollten, priesen diese Art von Fopperei des Publikums
und nahmen sie todernst. Nur das gewöhnliche Volk, das von Kunst nichts versteht,
reagierte normal und hieß die Dadakunstwerke Dreck,
Mist und Müll — woraus sie ja
auch bestanden. - George Grosz, Ein kleines Ja und ein
großes Nein. Sein Leben von ihm selbst erzählt. Reinbek bei Hamburg 1986, zuerst
1955
Normalität (5) Als ich jüngst mit Helga
Fischer ihre Gänseprotokolle eines nach dem anderen durcharbeitete, zeigte ich
mich offenbar etwas enttäuscht darüber, daß sich der von meinem Lehrer
beschriebene Normalfall der absolut und bis über den Tod hinaus getreuen Ehe
unter unseren vielen, vielen Gänsen so verhältnismäßig selten verwirklicht fand.
Darauf tat Helga, über meine Enttäuschung empört, den unsterblichen Ausspruch:
»Ich weiß nicht, was du willst, Gänse sind schließlich
auch nur Menschen.« - Konrad Lorenz, Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression. München
1974 (zuerst 1963)
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