ichts  oder Negation ist nach der Ansicht der scholastischen Philosophen irgend etwas, das kein reales Sein hat und nur durch eine Negation erfaßt und bezeichnet werden kann.

Man sieht, wie sich Leute darüber beklagen, daß sie nach allen erdenklichen Anstrengungen, um das Nichts zu begreifen, doch nicht damit fertig werden können. Was ist der Erschaffung der Welt vorausgegangen? Was hat ihren Platz eingenommen? Nichts. Wie aber soll man sich dieses Nichts vorstellen? Es ist leichter, sich eine ewige Materie vorzustellen. Jene Leute strengen sich dort an, wo man sich überhaupt nicht anstrengen sollte, und das ist eben der Grund, der sie in Verlegenheit bringt. Sie wollen sich irgendeine Idee bilden, die ihnen das Nichts vorstellt; aber wie jede Idee real ist, so ist auch das, was sie ihnen vorstellt, real.

Sobald wir vom Nichts sprechen, müssen wir, wenn unsere Gedanken sich unserer Sprache gemäß einstellen und ihr entsprechen sollen, darauf verzichten, uns irgend etwas vorzustellen. Vor der Schöpfung existierte Gott; doch was existierte dabei, was nahm den Raum der Welt ein? Nichts! Es gab überhaupt keinen Raum; der Raum wurde mit dem Weltall geschaffen, das sein eigener Raum ist; denn es besteht in sich selbst, nicht aber außer sich. Es gab also nichts; aber wie soll man nun das Nichts begreifen?

Man braucht gar nichts zu begreifen. Wer nichts sagt, erklärt durch seine Sprache, daß er jede Realität von sich weist; also muß das Denken, wenn es dieser Sprache entsprechen soll, auf jede Idee verzichten und darf seine Aufmerksamkeit nicht auf irgend etwas richten, das eine Realität vorstellt.

Zwar enthält man sich dabei nicht des Denkens überhaupt, man denkt immer; aber in diesem Fall heißt denken eben einfach sich selbst empfinden, heißt empfinden, daß man sich enthält, sich Vorstellungen zu bilden. - (enz)

Nichts (2) Weil naturwissenschaftliche Gesetze erst gelten - weil man erst dann rechnen kann, wenn man Bereiche betrachtet, die größer sind als etwa ein Dreißigstel des stabilsten Elementarteilchens, des Protons. In Meter übersetzt ergibt das eine Null vor und 43 Nullen hinter dem Komma, bevor eine Eins kommt, zehn hoch minus 43 Meter. Für Areale mit kleineren Durchmessern gelten weder die Naturgesetze, noch bietet die Mathematik bislang das notwendige Rüstzeug, dort gültige Gesetze überhaupt zu formulieren. Würde ein Beobachter unter diese Fundamentallänge schrumpfen, stünde er im naturwissenschaftlichen Nirwana - im naturwissenschaftlichen Nichts. - Nach: SWR2 Wissen, Das reine Nichts

Nichts (3)

Dreißig Speichen gehören zu einer Nabe,
doch erst durch das Nichts in der Mitte
kann man sie verwenden,
man formt Ton zu einem Gefäß,
doch erst durch das Nichts im Innern
kann man es benutzen,
man macht Fenster und Türen für das Haus,
doch erst durch ihr Nichts in den
Öffnungen erhält das Haus seinen Sinn

Somit entsteht der Gewinn
durch das, was da ist,
erst durch das, was nicht da ist  

- (tao)

Nichts (4)  Vor dem Berufungsrichter sitzt mit sonderbar leerem und hartem Gesicht eine Frau von achtunddreißig Jahren. Ein Zeuge sagt von ihr: »Sie arbeitete nicht, sondern betätigte sich in der Hauptsache sexuell.« Dieses Wort scheint zuzutreffen, in seiner ganzen Nüchternheit. Was sie je getan, es geschah immer in bezug auf das Geschlecht. Sie hatte viel Umgang vor ihrer ersten Ehe und ist nun zum zweitenmal verheiratet. Aber immer hatte sie die Spezialität, an ihren früheren Liebhabern Erpressungsversuche zu verüben. Einmal schon wurde sie zu zwei Jahren Gefängnis deswegen verurteilt. Als sie frei wurde, wählte sie zum Opfer einen ihrer ältesten Freunde. Achtzehn Jahre ist es her. Der etwas leichtsinnige junge Mann von damals ist jetzt in geachteter Stellung und verheiratet. Schon damals hatte sie ihn und seine Familie mit einer angeblichen Schwangerschaft geängstigt, später behauptete sie, er sei ihr bei einer Abtreibung behilflich gewesen und sei der Urheber ihrer Krankheiten. Noch vor Gericht behauptet sie das, obgleich schließlich ärztliche Atteste vorgebracht werden, die überhaupt eine Schwangerschaft als unwahrscheinlich hinstellen. Ihre Verteidigung wird immer kleinlauter. Schließlich verstummt sie, wird ein Nichts. Ohne Bewegung nimmt sie das Urteil zu drei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust hin. Der Richter spricht die sofortige Verhaftung aus. Sie wird hinausgeführt. Und es ist nicht, als sei ein Mensch dagewesen. - Sling, Der Fassadenkletterer vom "Kaiserhof". Berliner Kriminalfälle aus den Zwanziger Jahren. Hg. Ruth Greuner. Berlin 1990

Nichts (5) Wer den Urknall ausgelöst hat? Ich nicht.

Was vor dem Urknall war -?

Können Sie sich vorstellen, daß einmal, vor Beginn der Zeit, nichts war?

Können Sie sich vorstellen, daß außerhalb des Universums nichts ist?

Also nicht - das könnten Sie sich vielleicht notfalls noch vorstellen -, nicht leerer Raum, schwarze Leere, nein, nicht einmal Leere. Sondern nichts. Das Nichts -was schon falsch ist, vom »Nichts« zu reden, denn allein das Wort »Nichts« suggeriert, daß es es gäbe. Es es gäbe, zweimal »es«, schon richtig. Aber das Nichts gibt es nicht, weil, wenn es es gäbe, es nicht nichts wäre. Hat schon Parmenides geschrieben. - Herbert Rosendorfer: Kadon, ehemaliger Gott. München 2008 (zuerst 2001)

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