nacht   Dann gute N., Marie! = dann ist jede Gewinnaussicht geschwunden. Vermutlich eine Abschiedsäußerung des Mannes nach dem Geschlechtsverkehr. Verkürzt aus »gute Nacht, Marie, - das Geld liegt auf der Fensterbank«. - (kü)

Nacht (2) Olbers hat zuerst die Frage aufgeworfen: weshalb es Nachts nicht so hell sey, als am Tage? bei der großen Masse von Sternen, bei den Millionen leuchtender Körper welche dichter od. dünner gewebt einen wahren Sternen Teppich über das Himmelsgewölbe decken? Diese Untersuchung hat auf die Annahme einer lichtextingirenden Materie, eines hemmenden Princips, in den Himmelsräumen geführt, wodurch die Lichtverbreitung mit wachsender Entfernung beschränkt wird. Auf diese Weise ließe sich auch die wunderbare Erscheinung der dunkelschwarzen Stellen (Kohlensäcke) erklären, die in der südlichen Hemisphäre sichtbar werden. Wenn man sich das Himmelsgewölbe aus vielen Sternschichten übereinander bestehend vorstellt, so sind diese schwarzen Flecken ein Durchbruch derselben, gleichsam längere Röhren, die in die Schichten hineingehen, und uns in die äußersten Gränzen des Weltraums einen Blick werfen lassen, von deren Entfernung wir gar keinen Begriff haben können, da nicht einmal das Licht davon bis zu uns gelangen konnte. Diese Bewandniß mag es mit dem großen Flecken im südlichen Kreuz haben, den wir uns gewissermaßen hier als ein Loch im Firmament denken können; anstatt daß die weniger dunkle 4-5 Mondbreiten große Stelle im Scorpion, wohl auch eine Oeffnung sein kann, aber nicht so tief hineingehend.

Wenn dieser lichtauslöschende Aether die Himmelsräume nicht erfüllte, so würden die Millionen Sonnen am Firmament eine Helle verbreiten, die uns, in einem Lichtmeere schwebend, hindern müßte die Sterne zu sehen. Der Ideenkreis würde sich in einem eingeschränkten Raume bewegen, während er jetzt die entferntesten Weiten umfaßt. — Auch auf die Entwickelung religiöser Gefühle müßte dieser Zustand einwirkend gewesen sein, da unstreitig nichts mehr geeignet ist, eine religiöse Begeisterung hervorzurufen, als die Betrachtung des Gesetzmäßigen in der Bewegung der Himmelskörper. - Alexander von Humboldt, Über das Universum. Frankfurt am Main 1993 (it 1540, zuerst 1827/28)

Nacht (3) Ich liebe die Nacht mit Leidenschaft. Ich liebe sie, wie man sein Land oder seine Geliebte liebt, mit instinktiver, tiefer und unüberwindlicher Liebe. Ich liebe sie mit allen meinen Sinnen, mit meinen Augen, die sie sehen, mit meiner Nase, die sie riecht, mit meinen Ohren, die ihr Schweigen vernehmen, mit meinem ganzen Fleisch, das sich von den Finsternissen streicheln läßt. - Guy de Maupassant

Nacht (4) Es war eine von jenen unheimlichen Nächten, wo Licht und Finsterniß schnell und seltsam mit einander abwechselten. Am Himmel flogen die Wolken, vom Winde getrieben, wie wunderliche Riesenbilder vorüber, und der Mond erschien und verschwand im raschen Wechsel. Unten in den Straßen herrschte Todtenstille, nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm, wie ein unsichtbarer Geist.

Es war mir schon recht, und ich freute mich über meinen einsam wiederhallenden Fußtritt, denn ich kam mir unter den vielen Schläfern vor wie der Prinz im Mährchen in der bezauberten Stadt, wo eine böse Macht jedes lebende Wesen in Stein verwandelt hatte; oder wie ein einzig Übriggebliebener nach einer allgemeinen Pest oder Sündfluth.  -  [August Klingemann,]  Nachtwachen von Bonaventura. Frankfurt am Main 1974 (it 89, zuerst 1804)

Nacht (5)  Es war Mitternacht; wir legten die Waffen nicht ab. Nach einer anscheinenden Ruhe, die ungefähr eine Stunde dauerte, empörten sich die Soldaten von neuem. Sie waren ganz von Sinnen und kamen wie Verzweifelte mit Säbeln oder Messern auf uns los. Wir mußten uns abermals zur Wehr setzen. Sie griffen uns zuerst an, wir drängten sie zurück, und bald war das Floß mit ihren Leichen bedeckt.

Diejenigen unter ihnen, die keine Waffen hatten, bissen mit den Zähnen und nicht selten ziemlich derb. Herr Savigny erhielt einen solchen Biß an Bein und Schulter, wie auch eine Säbelwunde am rechten Arm, so daß er lange Zeit ein Paar Finger nicht gebrauchen konnte. Auch einige andere wurden verwundet, von den Kleidern ganz zu schweigen, die von Degen- und Messerstichen durchbohrt waren. -  Savigny, Corréard: Der Schiffbruch der Fregatte Medusa. Nördlingen 1987 (zuerst 1818)

Nacht (6) Eines Nachts erwischten wir einen kleinen Teil von einem Holzfloß — schöne Kiefernplanken. Es war zwölf Fuß breit und an die fünfzehn oder sechzehn Fuß lang und ragte über sechs oder sieben Zioll aus dem Wasser heraus, eine stabile, ebene Fläche. Bei Tage konnten wir manchmal Sägebalken vorbeitreiben sehn, aber wir ließen sie schwimmen; wir kamen bei Tage gar nicht zum Vorschein.

Eine andre Nacht, kurz vor Morgengrauen, als wir am Kopf der Insel waren. kam an der Westseite ein Holzhaus angeschwommen. Es war zwei Geschosse hoch und kippte bedenklich über. Wir ruderten hin und gelangten an Bord und kletterten durch ein Fenster in den Oberstock. Aber es war noch zu dunkel, um was zu erkennen, so machten wir das Boot fest und setzten uns rein, um aufs Tageslicht zu warten.

Es wurde dämmerig, ehe wir noch ans Ende der Insel gelangten. Da guckten wir zum Fenster rein. Wir konnten ein Bett erkennen und einen Tisch und zwei alte Stühle und eine Menge Sachen, die auf dem Fußboden rumlagen; und an der Wand hingen irgendwelche Kleidungsstücke. In der äußersten Ecke lag etwas auf dem Boden, das aussah wie ein Mann. So rief Jim: »Hallo, du!«

Aber es rührte sich nicht. Da rief ich noch mal, und dann sagte Jim: »Der Mann schlafen nix — er sein tot. Du bleiben da — ich gehn und sehen nach.«

Er ging rein, beugte sich über ihn und guckte und sagte: »Ein tote Mann. Ja, ein tote, und nackend. Sein schossen worden in Rücken. Ich glauben, er schon tot zwei Tage oder drei. Komm rein, Huck, aber kucken du nix auf sein Gesicht — es sein zu gräßlich.« - Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer. Frankfurt am Main 1975 (it 126, zuerst 1884)

Nacht (7)

Schweigende Nacht. Schweigendes Haus.
Ich aber bin der stillsten Sterne,
ich treibe auch mein eignes Licht
noch in die eigne Nacht hinaus.

Ich bin gehirnlich heimgekehrt
aus Höhlen, Himmeln, Dreck und Vieh.
Auch was sich noch der Frau gewährt,
ist dunkle süße Onanie.

Ich wälze Welt. Ich röchle Raub.
Und nächtens nackte ich im Glück:
es ringt kein Tod, es stinkt kein Staub
mich, Ich-Begriff, zur Welt zurück.

 - (benn)

Nacht (8) Die offene, Hütte des Mattenwebers beim Hindutempel war erfüllt von schlafenden Menschen, die umherlagen wie eingewickelte Leichen. Hoch oben am Himmel brannte das starre Auge des Mondes. Dunkelheit täuscht Kühle nur vor; beständig mußte ich mir vorsagen, das grelle Licht trüge keine Schuld an der Hitze ringsum. Eine krankhafte Wärme ging vom Mond aus und strahlte in die Luft.

Wie ein gerader Streifen aus poliertem Stahl lief die Straße hinüber zur Stadt der furchtbaren Nächte; an den Wegrändern hingestreckt in phantastischen Stellungen, leichenhaft schlafend, die Leiber von hundertsiebzig Menschen auf Lagerstätten. Einige ganz in Weiß gehüllt und die Münder fest geschlossen, einige nackt und schwarz wie Ebenholz in dem gleißenden Licht, und einer, weit weg von ihnen, das Gesicht aufwärts gekehrt, den Kiefer herabgesunken, silberig schimmernd und aschig fahl: ein Aussätziger. Die übrigen: erschöpfte Kulis, Diener, Kleinladenbesitzer und Kutscher von dem nahen Wagenstand. Szene: das Land vor den Toren der Stadt Lahore und eine heiße Augustnacht. Das war alles, was ich sah, aber nicht alles, was ich hätte sehen können. Der Hexenspuk des Mondlichts hatte die Welt in ein grausiges Bild verwandelt: die lange Reihe der nackten »Toten« bot einen schauerlichen Anblick - und als letzter darin der statuenhafte Leprakranke.

Wieder: leichenhaft schlafende Leiber, eine Koppel bewegungslos ruhender Kamele am Wegesrand, Mondlichtstreifen, eine weiße Straße, eine Vision dahineilender Schakale, Ekka-Ponys in tiefem Schlummer, das Zuggeschirr noch auf dem Rücken, und - wieder Leichen, Leichen. Messingbeschlagene Landkarren blitzen im Mondlicht - wieder Leichen, Leichen. Wo immer ein Heuwagendach, ein Baumstumpf, ein zersägter Stamm, ein Büschel Bambus, oder ein Strohhaufen Schatten wirft, da ist der Boden bedeckt mit diesen Schlafleichen. Einige mit dem Gesicht nach abwärts, die Arme verschränkt, im Staub; einige mit über den Köpfen gefalteten Händen; andere, zusammengekrümmt wie Hunde, oder wie die Geschützrohre steif an den Seiten der Kornwagen liegend. Andere wieder im grellen Mondesglanz und die Stirnen an die Knie gepreßt.

Ich empfände es wie eine Erlösung, wenn sie schnarchen würden, aber alles bleibt still wie auf einem Totenfeld. Bisweilen beschnuppert den oder jenen ein Hund und trabt dann weiter. Hie und da liegt ein mageres Kindchen neben seinem Vater auf der Erde und gelegentlich schlingt sich ein Arm um seinen Körper; aber zumeist schlafen die Kleinen bei ihren Müttern auf den Dächern. - Gelbhäutige, blankzähnige Parias weiß man nicht gern in der Nähe brauner Kinderleiber. Ein erstickend heißer Hauch aus dem Munde des Delhi-Tores ertötet fast meinen Entschluß, um diese Stunde die Stadt der furchtbaren Nächte zu betreten. - Rudyard Kipling, Die Stadt der furchtbaren Nächte, nach (ki)

Nacht (9) Ich mache mich mit Joseph durch die Wüste auf nach Assuan. Aus Angst vor Hyänen sind wir bis an die Zähne bewaffnet; unsere Esel trippeln munter drauflos, ein kleiner Junge von ungefähr zwölf Jahren, ganz reizend in seiner Anmut und Behendigkeit, bekleidet mit einem großen weißen Kittel, läuft mit einer Laterne voran. Das Blau des Himmels ist mit Sternen übersät, fast sind es Feuer, so funkelt das, eine wahrhaft orientalische Nacht! Rechts tauchte ein singender Araber auf einem Kamel auf, er kreuzte den Weg vor uns und ritt weiter. - (orient)

Nacht (10)

Die freie Nacht ist aufgegangen,
Unsichtbar wird ein Mensch dem andern,
So kann ich mit den Tränen prangen
Und hin zu Liebchens Fenster wandern.
Der Wächter rufet seine Stunden,
Der Kranke jammert seine Schmerzen
Die Liebe klaget ihre Wunden,
Und bei der Leiche schimmern Kerzen.

Die Liebste ist mir heut gestorben,
Wo sie dem Feinde sich vermählet,
Ich habe Lieb in Leid geborgen,
Ihr Tränen mir die Sterne zählet.
Wie herzhaft ist das Licht der Sterne,
Wie schmerzhaft ist das Licht der Fenster,
Ein dichter Nebel deckt die Ferne,
Und mich umspinnen die Gespenster.

Im Hause ist ein wildes Klingen,
Die Menschen mir so still ausweichen,
In Mitleid mich dann fern umringen:
So bin ich auch von eures Gleichen?
Mich hielt der Wald bei Tag verborgen
Die schwarze Nacht hat mich befreiet.
Mein Liebchen weckt ein schöner Morgen,
Der mich dem ew'gen Jammer weihet.

Wie oft hab ich hier froh gesessen,
Wenn alle Sterne im Erblassen,
Ach alle Welt hat mich vergessen,
Seit mich die Liebste hat verlassen:
Nichts weiß von mir die grüne Erde,
Nichts weiß von mir die lichte Sonne,
Der Mondenglanz ist mir Beschwerde,
Die Nacht ist meiner Tränen Bronne.

- Achim von Arnim, Isabella von Ägypten. In: A.v.A., Erzählungen. München 1979 (dtv 2056, zuerst 1812)

Nacht (11) Schon regnete es Asche, doch zunächst nur dünn. Ich schaute zurück: Im Rücken drohte dichter Qualm, der uns, sich über den Erdboden ausbreitend, wie ein Giessbach folgte. 'Lass uns vom Wege abgehen', rief ich, 'solange wir noch sehen können, sonst kommen wir auf der Strasse unter die Füsse und werden im Dunkeln von der mitziehenden Masse zertreten.' Kaum hatten wir uns gesetzt, da wurde es Nacht, aber nicht wie bei mondlosem, wolkenverhangenem Himmel, sondern wie in einem geschlossenen Raum, wenn man das Licht gelöscht hat. Man hörte Weiber heulen, Kinder jammern, Männer schreien; die einen riefen nach ihren Eltern, die anderen nach ihren Kindern, wieder andere nach ihren Männern oder Frauen und suchten sie an den Stimmen zu erkennen; die einen beklagten ihr Unglück, andere das der Ihren, manche flehten aus Angst vor dem Tode um den Tod, viele beteten zu den Göttern, andere wieder erklärten, es gebe nirgends noch Götter, die letzte, ewige Nacht sei über die Welt hereingebrochen. Auch fehlte es nicht an Leuten, die mit erfundenen, erlogenen Schreckensnachrichten die wirkliche Gefahr übersteigerten. Einige behaupteten, in Misenum sei dies und das eingestürzt, anderes stehe in Flammen - blinder Lärm, aber sie fanden Glauben.

Dann hellte es sich ein wenig auf, doch es war anscheinend nicht das Tageslicht, sondern ein Vorbote des nahenden Feuers. Aber das Feuer blieb in ziemlicher Entfernung stehen; es wurde wieder dunkel, wieder fiel Asche, dicht und schwer, die wir, fortgesetzt aufstehend, abschüttelten; wir wären sonst verschüttet und durch die Last erdrückt worden. Ich könnte damit prahlen, dass sich mir trotz der furchtbaren Gefahr kein Seufzer, kein verzagtes Wort entrungen hatte, hätte ich nicht - ein schwacher, aber für uns Menschen immerhin ein im Tode wirksamer Trost - fest geglaubt, ich ginge mit allem und alles mit mir zugrunde.

Endlich wurde der Qualm dünner und verflüchtigte sich sozusagen zu Dampf oder Nebel. Bald wurde es richtig Tag, sogar die Sonne kam heraus, doch nur fahl wie bei einer Sonnenfinsternis. Den noch verängstigten Augen erschien alles verwandelt und mit einer hohen Ascheschicht wie mit Schnee überzogen. - Plinius d. J. an Tacitus

Nacht (12)

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so mußt du bedenken: wem.
Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.

- Rilke,  Buch der Bilder

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