achbar  Tiere kämpfen, aber sie führen keine Kriege. Der Mensch ist der einzige unter den Primaten, der die Tötung seiner Artgenossen planvoll, in größerem Maßstab und enthusiastisch betreibt. Der Krieg gehört zu seinen wichtigsten Erfindungen; die Fähigkeit, Frieden zu schließen, ist vermutlich eine spätere Errungenschaft. Die ältesten Überlieferungen der Menschheit, ihre Mythen und Heldensagen, handeln hauptsächlich von Mord und Totschlag. Nicht nur die schlichte Waffentechnik sorgte dafür, daß der Kampf aus nächster körperlicher Nähe geführt wurde. Es ist auch psychisch befriedigender, seinen Haß an denen auszulassen, die man kennt, also an seinen unmittelbaren Nachbarn.  - H. M. Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg. Frankfurt am Main 1993

Nachbar (2)

KRIEGSLIED DER DEUTSCHEN

ZOTTELBÄR und Panthertier
Hat der Pfeil bezwungen;
Nur für Geld, im Drahtspalier,
Zeigt man noch die Jungen.

Auf den Wolf, soviel ich weiß,
Ist ein Preis gesetzet;
Wo er immer hungerheiß
Naht, wird er gehetzet.

Reinecke, der Fuchs, der sitzt
Lichtscheu in der Erden,
Und verzehrt, was er stipitzt,
Ohne fett zu werden.

Aar und Geier nisten nur
Auf der Felsen Rücken,
Wo kein Sterblicher die Spur
In den Sand mag drücken.

Schlangen sieht man gar nicht mehr,
Ottern und dergleichen,
Und der Drachen Greuelheer,
Mit geschwollnen Bäuchen.

Nur der Franzmann zeigt sich noch
In dem deutschen Reiche;
Brüder, nehmt die Keule doch,
Daß er gleichfalls weiche.

Dresden, im März 1809 

- Heinrich von Kleist

Nachbar (3)

Alle Plätze, Trift‘ und Stätten,
Färbt mit ihren Knochen weiß;
Welchen Rab und Fuchs verschmähten,
Gebet ihn den Fischen preis;
Dämmt den Rhein mit ihren Leichen;
Laßt, gestäuft von ihrem Bein,
Schäumend um die Pfalz ihn weichen,
Und ihn dann die Grenze sein!

- Aus: Heinrich von Kleist: Germania an ihre Kinder / Eine Ode

Nachbar (4) In einem Wohngebäude ist der Fußboden der oberen Wohnung für die darunterliegende eine Decke und umgekehrt. Desgleichen in einer Welt, die aus einander überlagernden Ebenen gebildet ist: »Was für uns feste Erde ist«, sagen die Campa, »ist für die unter uns hausenden Wesen luftiger Himmel, und der luftige Himmel bildet den festen Boden für die, die darüber wohnen.« Nichts Erstaunliches also, wenn in einem solchen Universum die Probleme des Zusammenlebens kosmische Dimensionen annehmen. Indianer, die in häufig rudimentären Hütten und zu ebener Erde leben, machen sich, auf sehr realistische Weise, eine ebenso genaue Vorstellung von den Beeinträchtigungen — wie man heute wieder zu sagen beginnt —, die bei den Versammlungen der Besitzer von Eigentumswohnungen ein unerschöpfliches Thema für die Klagen der Nachbarn übereinander liefern: Lärmbelästigungen, Wasserrohrbrüche, mit Abfällen und Zigarettenstummeln verschmutzte Balkone . . .

Die Mundurukú glauben, daß die Unterwelt von einem Volk harmloser und wenig angriffslustiger Geister bewohnt wird. Diese Geister organisieren Fischzüge bei denen Atemgift verwendet wird: »Solche Fischzüge gehen immer unter großem Lärm vonstatten, aber die der Kokeriwat verlaufen derart ungestüm, daß sie einen heftigen Sturm entfachen. Man spürt ihn in der irdischen Welt an den Kälteschauern, die im Juni das Mundurukú-Land durchziehen und zwei oder drei Tage dauern. Umgekehrt bewirken die Fischzüge der Mundurukú Abkühlung in der Unterwelt.«

Die Pipintu-Zwerge der Sanema-Indianer leiden sehr viel mehr unter der Präsenz der Menschen über ihnen: die Abfälle, die sie ausschütten, verunstalten ihnen den Kopf, und sie haben keine Haare mehr. Das Motiv des mit Unrat besudelten und kahl gewordenen Kopfes ist auch am anderen Ende der Neuen Welt bezeugt. Es nimmt im Nordwesten Nordamerikas einen Bereich mit ungenauen Grenzen ein, denn es unterliegt dort so zahlreichen Transformationen, daß man bei seiner Identifizierung häufig Bedenken hat. Die nordamerikanischen Mythographen haben ihm einen Code-Namen gegeben: anus wiper. Durch Zwischenglieder, nämlich Versionen der Nez Percé und Kalapuya, scheinen diese Mythen vom »Arsch-Wischer« einem umfassenderen Komplex anzugehören, von dem in dem betreffenden Gebiet nurmehr Spuren erhalten sind und in dem von vier aufeinanderfolgenden Schöpfungsakten die Rede ist. Gegen Ende des ersten, sagt die Kalapuya-Version, »drehte die Erde sich um, und die Menschen der mythischen Urzeit wurden zu den Sternen«. Nun sind aber in Südamerika, im Chaco, wo, wie ich bereits gesagt habe, die Mythen eine deutliche Affinität zu denen aus dem Nordwesten Nordamerikas haben, das Motiv des unratbesudelten Kopfes und das der umgedrehten Erde ausdrücklich miteinander verbunden. Den Ayore zufolge lebten der Himmel und die Erde einst gemeinsam hinieden. Aber der Himmel wurde dieses Zustandes überdrüssig, weil das Aussehen der Erde ihn abstieß. Aufgrund der Menschen, die auf sie und auf das Antlitz des Himmels urinierten, war sie schmutzig. Also beschloß der Himmel, sich von der Erde zu trennen und einen Ort zu suchen, wo man ihn mit Achtung behandelte, anstatt sich auf ihm zu erleichtern. Er erhob sich bis zu seiner gegenwärtigen Höhe; die Erde blieb, wo sie war. Die Toba erzählen für ihren Teil, daß sich früher »die Welt über unseren Köpfen an der Stelle der Erde befand. Aber die Erde darunter liebte es nicht, daß das himmlische Volk sie mit seinen Exkrementen verunreinigte. Also tauschte sie den Platz mit der Welt darüber.« Denn den Toba zufolge sind die Sternschnuppen die Exkremente der Fixsterne. Auch die Ute in Nordamerika sehen in den Sternschnuppen die Ausscheidungen der »schmutzigen kleinen Sternen-Götter«. - (str)

Nachbar (5) Es giebt ein Wesen, das vollkommen unschädlich ist, wenn es dir in die Augen kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen. Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise ins Gehör gerät, so entwickelt es sich dort, es kriecht gleichsam aus, und man hat Fälle gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem Organ verheerend gedieh, ähnlich den Pneumokokken des Hundes, die durch die Nase eindringen.

Dieses Wesen ist der Nachbar.

Nun, ich habe, seit ich so vereinzelt herumkomme, unzählige Nachbaren gehabt; obere und untere, rechte und linke, manchmal alle vier Arten zugleich. Ich könnte einfach die Geschichte meiner Nachbaren schreiben; das wäre ein Lebenswerk. Es wäre freilich mehr die Geschichte der Krankheitserscheinungen, die sie in mir erzeugt haben; aber das teilen sie mit allen derartigen Wesen, daß sie nur in den Störungen nachzuweisen sind, die sie in gewissen Geweben hervorrufen.

Ich habe unberechenbare Nachbaren gehabt und sehr regelmäßige. Ich habe gesessen und das Gesetz der ersten herauszufinden versucht; denn es war klar, daß auch sie eines hatten. Und wenn die pünktlichen einmal am Abend ausblieben, so hab ich mir ausgemalt, was ihnen könnte zugestoßen sein, und habe mein Licht brennen lassen und mich geängstigt wie eine junge Frau. Ich habe Nachbaren gehabt, die gerade haßten, und Nachbaren, die in eine heftige Liebe verwickelt waren; oder ich erlebte es, daß bei ihnen eines in das andere umsprang mitten in der Nacht, und dann war natürlich an Schlafen nicht zu denken. Da konnte man überhaupt beobachten, daß der Schlaf durchaus nicht so häufig ist, wie man meint. Meine beiden Petersburger Nachbaren zum Beispiel gaben nicht viel auf Schlaf. Der eine stand und spielte die Geige, und ich bin sicher, daß er dabei hinübersah in die überwachen Häuser, die nicht aufhörten hell zu sein in den unwahrscheinlichen Augustnächten. Von dem anderen zur Rechten weiß ich allerdings, daß er lag; er stand zu meiner Zeit überhaupt nicht mehr auf. Er hatte sogar die Augen geschlossen; aber man konnte nicht sagen, daß er schlief. Er lag und sagte lange Gedichte her, Gedichte von Puschkin und Nekrassow, in dem Tonfall, in dem Kinder Gedichte hersagen, wenn man es von ihnen verlangt. Und trotz der Musik meines linken Nachbars, war es dieser mit seinen Gedichten, der sich in meinem Kopfe einpuppte, und Gott weiß, was da ausgekrochen wäre, wenn nicht der Student, der ihn zuweilen besuchte, sich eines Tages in der Tür geirrt hätte. Er erzählte mir die Geschichte seines Bekannten, und es ergab sich, daß sie gewissermaßen beruhigend war. Jedenfalls war es eine wörtliche, eindeutige Geschichte, an der die vielen Würmer meiner Vermutungen zugrunde gingen. - Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Fankfurt am Main 2000 (it 2691, zuerst 1910)

Nachbar (6)  Mitten im Dorfkern stand das Haus der Dur, dem der Berthier benachbart. Die Dur — wildwütende Anhänger der Soutane, die Dur! — hatten einen halbwüchsigen Sohn und zwei Töchter. Der junge Dur hatte ein Berthiermädchen entjungfert und bewahrte immer noch eine wollüstige Erinnerung daran. Das ältere von den beiden Mädchen legte eine aufrichtige und unverhohlene Abneigung gegen die männlichen Berthier an den Tag, und die jüngere, ein vierzehnjähriges Ding, gewährte dem alten Berthier, einem Siebziger, den seine Rheumatismen krumm gebogen hatten, ein Schaferstündchen ums andere; doch unternahm er dabei nichts, was tiefer ging. Dem Anschein nach waren die Glieder der Familie Dur recht verschieden für oder gegen die Berthier eingenommen. Was verschlug's? Wenn der alte Dur, der Vater, gegen die Berthier loszog und wutschäumend dieses Revoluzzerpack verfluchte, konnte er sich darauf verlassen, daß ihm seine Kinder verständnisvoll zuhörten; nicht eines von ihnen täuschte sich über den Sinn dieses Ausbruchs, der ein familieneigenes Mißtrauen und nachträgerisches Grollen wachrief. Sie fühlten sich alle in einem geschlechtlichen Sonderbereich bedroht, einer Gemeinschaft kleiner Schweinigeleien, einer ihnen allein bekannten und vertrauten Eigenart, sich ganz leise mit ihren Sehnsüchten und Gelüsten zu unterhalten, ihnen heimlich und im Dunkeln zu frönen, wie es die Schamhaftigkeit erheischte. Sie fühlten sich bedroht durch eine gewisse zynische Art der Berthier, die nicht nur in ihren Reden allein lag, sondern auch in ihren Blicken, ja sogar in ihrem Schweigen. Bei diesen Leuten schienen die Männer allezeit ihre Zippidilderiche wie Jagdflinten schußbereit umgehängt vor sich her zu tragen, und man kam nicht darum herum, sich ihre Frauen immer nackt unter den Kleidern vorzustellen.  - Marcel Aymé, Die grüne Stute. Reinbek bei Hamburg 1964 (rororo 402, zuerst 1932)

Nachbar (7)   David Clauss d.Ä. und seine Familie gehörten zur Nachbarschaft und waren somit zu den üblichen gegenseitigen Diensten und Hilfeleistungen verpflichtet, bei Geburt und Taufe, Heirat und Vormundschaft, Krankheit und Tod, oder sonstigen kleinen Unterstützungen im Alltag. Die Nachbarschaft war ebenfalls der bevorzugte Schauplatz von Konflikten und der Ort der höchsten Gefährdung, wo Hexen umgingen und ihre magische Kunst ausübten. Auch vor dem Haus des Scharfrichters machten sie nicht halt, und so wurden auch seine Familienangehörigen zu Opfern von Schadenzauber. Seine Frau wurde wie andere Lemgoerinnen als Hexe beschuldigt. Innerhalb Lemgos und darüber hinaus unterhielt David Clauss d.Ä. vielfältige Geschäftsbeziehungen. Auch wurde er, wenn auch anscheinend nicht häufig, als Heiler konsultiert. Er erwarb in St. Nicolai mehrere Kirchenstühle, machte fromme Stiftungen und pachtete Land. Auf der Basis von Gegenseitigkeit war er ebenfalls in die in Lemgo üblichen geselligen Zusammenkünfte einbezogen. Soziale Ausgrenzung betraf allein seine als Abdecker tätigen Knechte. Die Beziehungsnetze von David Clauss d.Ä. rissen auch während der Hexenprozesse nicht. Selbst als Scharfrichter blieb er Lemgoer und Nachbar, dem niemand die Tätigkeit als Strafvollstrecker nachtrug, nicht einmal die Angehörigen der Hingerichteten.  - historicum.net

Nachbar (8)  Bergmann und ich  lasen  ein paar Seiten aus Großvaters Manuskript. Es war hebräisch geschrieben, auf quadratische gelbe Bogen, groß wie Landkarten. Das Manuskript hieß: »Der Mann ohne Kopf.« Darin waren alle Nachbarn beschrieben, die Levi Jizchok in den siebzig Jahren seines Lebens gehabt hatte — zuerst in Skwira und Belaja Zerkow, dann in Odessa. Levi Jizchoks Helden waren Sargmacher, Kantoren, jüdische Trunkenbolde, Köchinnen bei Beschneidungsfeiern und Bader, die die rituelle Handlung vornahmen — allesamt zänkische Leute, Heuchler mit höckerigen Nasen, mit Pickeln auf dem Schädel und knochigem Steiß. - (babel)

Nachbar (9) 

"Nachbarn auf Mars"

- Uwe Bremer

Nachbar (10)   Nicht überlaufen, liegt ein kleineres Hundeauslaufgebiet im Jagen 95 der Berliner Forsten in Frohnau. Auf dem knapp 25 Hektar großen Areal stehen überwiegend Nadelbäume, teils auch Birken. Da dieses Gebiet nahe der Grenze zu Brandenburg liegt, halten sich dort auch Wildtiere auf. - Berliner Morgenpost vom 14. März  2010

Nachbar (11)  Es war an einem heiteren Juliabend. Wie gewöhnlich saß Wrzesmian am offenen Fenster, den Kopf in die Hand gestützt, und sein gedankenverlorener Blick schweifte über Villa und Garten. Als sein Auge eines der Fenster im Seitenflügel wahrnahm, erbebte er. Durch die Scheibe starrte ihn das blasse Gesicht eines Mannes an. Der unverrückt auf ihn geheftete Blick des Unbekannten war bedrohlich. Eine unbestimmte Angst erfaßte ihn. Er rieb sich die Augen, ging ein paarmal im Zimmer auf und ab und schaute wieder zum Fenster hinüber, das strenge

Gesicht war nicht verschwunden, sondern blickte fortwährend zu ihm her.

»Ist der Villenbesitzer vielleicht zurückgekehrt?« überlegte er halblaut.

Als Antwort verzerrte sich die düstere Maske in ein wildironisches Lächeln. Wrzesmian zog den Vorhang vor, er konnte den Blick nicht länger ertragen.

Um den Eindruck auszulöschen, versenkte er sich bis Mitternacht in seine Lektüre. Gegen zwölf Uhr erhob er sich erschöpft und schob, von einer übermächtigen Versuchung getrieben, den Vorhangrand zur Seite, um hinauszuschauen. Und wieder fuhr ihm ein Angstschauer bis in die Knochen: Der blasse Mann stand immer noch reglos hinter der Scheibe auf dem rechten Flügel, hell beleuchtet vom magnesiumartigen Glanz des Mondes, und lahmte ihn mit seinem Blick. Beunruhigt ließ Wrzesmian den Vorhang wieder fallen und versuchte einzuschlafen.

Aber vergeblich. Seine von Angst durchdrungene Phantasie gönnte ihm keine Ruhe und quälte ihn unerträglich. Erst gegen Morgen versank er in einen kurzen, nervösen Schlaf voller Alpträume und Schreckbilder. Als er am nächsten Tag um die Mittagszeit mit schwindligem Kopf erwachte, war sein erster Gedanke, zum Fenster der Villa hinüberzublicken. Er atmete auf — das hartnäckige Gesicht war verschwunden.

Den ganzen Tag hatte er Ruhe. Gegen Abend jedoch erblickte er hinter einer Scheibe im Oberstock die starrende Maske einer Frau; windzerzauste Haare umgaben das bereits verblühte Gesicht mit den Spuren ehemaliger Schönheit, ein wahnsinniges Gesicht mit zwei verstörten, verbissenen Augen. Auch sie schaute ihn mit irrem Blick genauso streng an wie ihr Gefährte vom rechten Flügel. Beide schienen von ihrer gemeinsamen Existenz in dem seltsamen Haus nichts zu wissen. Nur die Wrzesmian bedrohende Haltung verband sie.

Auf eine vom Ausschauhalten nach den Verfolgern unterbrochene schlaflose Nacht folgte wieder ein Tag, frei von den Larven. Doch als die Dämmerung sich insgeheim mit der Nacht verbündete, erschien in einem dritten Fenster eine neue Gestalt, um bis zum Morgen nicht zu weichen. So füllten sich binnen weniger Tage sämtliche Fenster der Villa mit unheilverkündenden Gesichtern. Hinter jeder Scheibe blickten ihn verzweifelte Augen an, leuchteten von Schmerz oder Wahnsinn durchfurchte Ovale. Das Haus betrachtete ihn mit den Augen von Irren, mit den Grimassen von Verrückten, es grinste ihn an mit dem Gelächter von Besessenen. Nicht einen dieser Menschen hatte er im Leben je gesehen, und trotzdem waren sie ihm irgendwie bekannt. Woher, wußte er nicht. Jeder hatte ein anderes Gesicht, alle aber vereinte die drohende Bewegung zu ihm hin; offenbar hielt man ihn dort für den gemeinsamen Feind. Dieser Haß entsetzte ihn und zog ihn zugleich auf magnetische Weise an. Und seltsam - in den tiefsten Schichten seiner Seele verstand er ihren Zorn und gab ihnen recht.

Sie aber — als errieten sie ihn von ferne - wurden in ihrem Ausdruck immer sicherer, ihre Masken mit jedem Tag rücksichtsloser.

Bis sich in einer Augustnacht, als er, aus dem Fenster gelehnt, den durchdringenden Blicken der haßerfüllten Augen standhielt, die unbeweglichen Gesichter plötzlich belebten; in allen leuchtete gleichzeitig derselbe Wille auf. Dutzende von knochendünnen Armen hoben sich in befehlender Gebärde, Dutzende von blassen Händen vollzogen mit gebogenen Fingern eine bedeutsame Geste ...

Wrzesmian verstand — man rief ihn. Wie hypnotisiert sprang er über das Fensterbrett, überquerte den schmalen Streifen der Straße, schwang sich über den Zaun und ging durch die Allee auf die Villa zu.  - Stefan Grabinski,  Das Gebiet.  In: Phantastische Träume. Hg. Franz Rottensteiner. Frankfurt am Main 1983 (Phantastische Bibliothek 100)

Nachbar (12) Zwei Antipoden können einander nicht fremder und unbekannter sein, als zwei Nachbarn von Paris, und ein armer Fremdling kann sich gar an niemanden knüpfen, niemand knüpft sich an ihn - zuweilen gehe ich durch die langen, krummen, engen, schmutzigen, stinkenden Straßen, ich winde mich durch einen Haufen von Menschen, welche schreien, laufen, keuchen, einander schieben, stoßen, umdrehen, ohne es übel zu nehmen, ich sehe einen fragend an, er sieht mich wieder an, ich frage ihn ein paar Worte, er antwortet mir höflich, ich werde warm, er ennnuyiert sich, wir sind einander herzlich satt, er empfiehlt sich, ich verbeuge mich, und wir haben einander vergessen, sobald wir um die Ecke sind - Geschwind laufe ich nach dem Louvre, und erwärme mich an dem Marmor, an dem Apoll von Belvedere, an der mediceischen Venus, oder trete unter die italienischen Tableaus, wo Menschen auf Leinwand gemalt sind - - Heinrich von Kleist an  Louise von Zenge, 16. August 1801

Nachbar (13)   Ich wohne im zweiten stock, die toüette befindet sich im dritten, neben der dachbodentüre, eine lage, die bei damen, welche mich hin und wieder besuchen, schrecksekunden auslöst. Im dachboden selbst haust, wie es sich für einen anständigen seeport gehört, ein richtiger, wenn auch retirierter klabautermann. Er ist von geburt Jütländer oder Ostfriese, sein langer bart ist weiß bis käsefarben, der von der dunkelheit langer Seereisen katzenhaft gewordene blick durchdringend und scharf, fast möchte man sagen karfunkelnd, sein gang wackelnd, aber fest, seine hand stramm im griff. Er trägt eine verschossene blaue seglermütze und, wenn er sich toilettierenden damen zeigt, seine medaillen aus sieben Seeschlachten:

Tsushima, Skagerrak, Emdenunfall, Lord Kitcheners Eismeerunfall, Graf Spees La Plata Unfall, Roosevelts Pearl Harbor Zufall, KaLeu Priens U-boot Ausfall.

Fließendes wasser habe ich in der küche, allerdings nur kalt, um diese zeit [21. Dezember] auch an den fensterscheiben [gefroren] und an der inneren wohnungstüre [nicht gefroren].

Meine gasse heißt Grönegatan, meine hausnummer ist 42, ich wohne auf der stiege C, stockwerk habe ich bereits erwähnt. Ich habe keine etagennachbarn, aber eine herrenlose katze. Sie heißt Kisse, Misse, Mlssemåns uam. Sonst hat sie keine namen. Jeden morgen miaut sie vor der türe. Da geh ich ihr halt immer eine handvoll schwemegrieben und eine schale milch. Die schale hat ein blaues zwiebelmuster, ihr griff ist abgebrochen. Eine richtige katzenschale. Die herrenlose katze ist scheu, sie pfaucht und weicht zurück. Sie kennt mich nun schon an die fünf monate und dennoch pfaucht sie und weicht zurück, wenn ich mit den grieben und der milch komme. Alexander mag sie lieber, aber der redet auch schwedisch mit ihr. Auch schon was! Soll ich mich etwa wegen einer herrenlosen katze als linguist betätigen? Aber ihre milch und die schweinegrieben kriegt sie. - (hca)

Gesellschaft Nachbarschaft
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