örder »Ich gelange auf einem schlechten Wege zum Tode«, sagte er, »ich muß zu ihm eine Treppe hinaufsteigen.«

Deserteur und Urkundenfälscher in Frankreich, Mörder in Italien, dann Raubmörder in Paris und, wie er selbst gesagt hat, »ständig finstere Pläne gegen die Gesellschaft schmiedend«, widmet Lacenaire die wenigen Monate vor seiner Hinrichtung dem Schreiben seiner »Mémoires, révélations et poésies« und tut sein möglichstes, die spektakuläre Anziehungskraft seines Prozesses noch zu verstärken. Die Erinnerung an seine Opfer, den Schweizer aus Verona, einen seiner ehemaligen Mithäftlinge, Chardon, und dessen Mutter, bringt ihn ebensowenig wie das Bild des Kassenboten, den er, in der Absicht, ihn zu berauben, zu töten versuchte, auch nur einen Augenblick von der halb zerstreuten, halb belustigten Haltung ab, die er bis zum Ende der Verhandlung bewahrt. Ohne im geringsten zu versuchen, seinen Kopf zu retten, macht er sich einen letzten grausamen Spaß daraus, seine Komplizen zu belasten, die sich wenigstens verteidigen, während er selbst sich darauf beschränkt, für seine Verbrechen eine materialistische Rechtfertigung vorzubringen. In moralischer Hinsicht hat es wohl nie ein ruhigeres Gewissen gegeben als das dieses Banditen.

Am Vorabend seines Todes zieht er die Priester auf, die ihn belästigen, und treibt seinen Scherz mit den Phrenologen und Anatomikern, die ihm auflauern; er gesteht, »kleine Anwandlungen von Melancholie« zu haben, die ihn »belustigen«; in der Nacht ist er drauf und dran, dem Wachtposten durch das Gitter Kuckuck zuzurufen.

Ein Kritiker, der jüngst das Zentenar eines berühmten Werkes von Balzac feierte, schrieb: »1836, als das Buch erschien und von der Presse kühl aufgenommen und sogar bekrittelt wurde, schwärmte man gerade wahnsinnig für Lacenaire, den eleganten Mörder im blauen Gehrock, den Gerichtshofdichter und Theoretiker des ›Rechts auf Verbrechen‹, und schien an dem ganzen Zauber von »Lys dans la Vallée« nicht sogleich Geschmack zu finden.« - (hum)

Mörder (2) Ich muß versuchen, von Monk zu erzählen. Ich meine buchstäblich versuchen - einen gut durchdachten Versuch unternehmen, die Widersprüche in seiner kurzen und erbärmlichen und wenig originellen Geschichte zu überbrücken, etwas daraus zu machen, nicht aus den nebelhaften Werkzeugen der Vermutung und Folgerung und Erfindung, sondern diese nebelhaften Werkzeuge und das nebelhafte und unerklärliche Material anzuwenden, das er zurückgelassen hat. Denn nur in der Literatur können die paradoxen und sich gegenseitig widerlegenden Anekdoten in der Geschichte eines menschlichen Herzens durch die Kunst zu Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit nebeneinandergestellt und verschmolzen werden.

Er war schwachsinnig, vielleicht sogar ein Kretin; er hätte überhaupt nicht ins Zuchthaus geschickt werden dürfen. Doch zur Zeit, als sein Prozeß lief, hatten wir einen jungen Staatsanwalt, der gern einen Sitz im Kongreß gehabt hätte, und Monk hatte keine Angehörigen und kein Geld und sogar keinen Anwalt, denn ich glaube nämlich nicht, daß er je begriff, weshalb er einen Anwalt benötigen könnte oder auch nur, was ein Anwalt war, und daher bestimmte das Gericht einen Anwalt für ihn, einen jungen Mann, der gerade erst für Prozesse zugelassen war und wahrscheinlich nicht viel mehr über die praktische Funktion der Strafgesetze wußte als Monk, und der Monk vielleicht auf Anweisung des Gerichts als schuldig erkannte oder vielleicht vergaß, daß er einen Antrag auf geistige Unzurechnungsfähigkeit hätte einreichen können, da Monk keine Sekunde leugnete, den Verstorbenen getötet zu haben. Ja, man konnte ihn einfach nicht hindern, es zu bestätigen oder zu wiederholen. Es war kein Bekennen und auch kein Prahlen. Es war beinahe, als versuchte er, eine Ansprache zu halten — an die Leute, die ihn neben der Leiche festhielten, bis der Deputy kam, und an den Gefängniswärter und an die andern Gefangenen - vereinzelte Nigger, die wegen Glücksspiels oder Vagabundierens eingelocht waren, oder weil sie Whisky in den Hinterhöfen verkauft hatten — und an den Friedensrichter, der ihn vor Gericht stellte, und an den vom Gericht bestimmten Anwalt und an den Gerichtshof und die Geschworenen. Schon eine Stunde nach dem Mord schien er sich nicht mehr erinnern zu können, wo es geschehen war; er konnte sich nicht einmal an den Mann erinnern, den getötet zu haben er dauernd bestätigte; er nannte als sein Opfer mehrere Männer (und das nur auf Hilfe und Unterstützung hin), Männer, die noch am Leben waren, und sogar einen, der um die Zeit im Amtszimmer des Friedensrichters saß. Doch nie leugnete er, getötet zu haben. Es war keine Hartnäckigkeit; es war einfach eine gelassene Wiederholung der Tatsache, wiederholt mit einer klaren und eifrigen und sogar sympathischen Stimme, während er gleichzeitig versuchte, seine Ansprache zu halten und ihnen etwas zu sagen, woraus sie nicht klug wurden und das anzuhören sie sich weigerten. Er legte kein Geständnis ab, er versuchte nicht, Gründe zur Milde vorzubringen, um sich so den Folgen seiner Tat zu entziehen. Es war, als versuche er, etwas zu postulieren, und als benütze er die Gelegenheit, um den bisherigen Abgrund zwischen sich und der Welt zu überbrücken - der Welt lebender Menschen, der wägbaren und kreißenden Erde -, wie es die merkwürdige Ansprache bezeugt, die er fünf Jahre später vor dem Galgen hielt. - William Faulkner, Monk. In: W. F., Der Springer greift an. Kriminalgeschichten. Zürich 1975 (detebe 86, zuerst 1949)

Mörder (3) Eines Tages, es war 1974, hütete sie die Yaks ihrer Familie auf einer Sommerweide in der Nähe von Macchermo, als der Yeti hinter einem Felsen hervorkam und auf sie zusprang, sie zum Fluß schleppte, dann jedoch losließ und sich daranmachte, drei der Yaks zu schlachten, indem er ihnen einfach die Hörner umdrehte. Auch dieses Tier hatte gelbe Augen, große, gewölbte Augenbrauen und eingefallene Schläfen. Von Namche kamen ein paar Polizisten hoch, die die Yakkadaver untersuchten und kategorisch erklärten, der Mörder könne auf keinen Fall ein Mensch gewesen sein.  - Bruce Chatwin, Was mache ich hier. Frankfurt am Main 1993 (Fischer-Tb. 10362, zuerst 1989)

Mörder (4) Pozzos Sicherheit hatte einen gewissen Eindruck auf Maigret gemacht Es war ein Körnchen Wahrheit, ja mehr als ein Körnchen in dem, was der Wirt gesagt hatte. Selbst am Quai des Orfèvres behauptete man gern, die meisten, wenn nicht alle Mörder seien dumm.

»Dilettanten«, wie Pozzo gesagt hatte.

Er hatte damit nicht so unrecht. Nur etwa zehn Prozent entgingen in Europa der Polizei, während drüben in Amerika Leute wie Cinaglia, von denen man ganz genau wußte, daß sie Mörder waren, frei umherliefen, weil man ihnen nichts nachweisen konnte. Das waren die Berufsverbrecher, jene, die nach Pozzos Worten vor nichts zurückscheuten. Der Kommissar erinnerte sich nicht, schon einmal von irgend jemand so väterlich wie von Pozzo gewarnt worden zu sein:

»Lassen Sie die Finger davon, Maigret.« - Georges Simenon, Maigret und die Gangster. München 1972 (Heyne Simenon-Kriminalromane 6, zuerst 1951)

Mörder (5) Der kleine Mörder.  Er wußte nicht, warum er so elend war und warum der Himmel an jenem Abend so schwelend war. Sein Schädeldeckel war aufgeklappt und Fliegen setzten sich auf sein rosiges Hirn und leckten daran. Göttliche Gedanken schienen ihn zu durchirr'n. Wenn er das Messer nähme und sich die große Zehe abschnitt? Oder ginge er lieber auf den Abtritt, und spielte mit sich, über den Abfluß geneigt? – da hat sich seine kleine Schwester in der Küche gezeigt. Er hob ihr den Rock hoch und stieß ihr die große Kelle in den Schoß, daß sie schrie. Ihn trug die Welle des Abendrotes durch die Wolken hin. Er sah nichts mehr. Er fühlte nichts mehr. Ihn trieb die rote Flut, das rote Meer zu einem uferlosen Ziel. Er fiel lächelnd über die kleine Leiche hin. - Klabund

Mörder (6)

Das Holz der Wendeltreppe kracht,
Der kahle Mond verstört die Nacht.
Ein Männlein kraucht auf krummem Stiege.
Zerschmettert liegt ein altes Weib,
Der Mörder bleibt zum Zeitvertreib
Ein Weilchen noch im Dunkeln liegen.
Dann nimmt er sie an beiden Beinen
Und packt sie in den Brunneneimer
Und sieht den Mond, den blanken runden
Er denkt: O Haupt voll Blut und Wunden.

- Jakob van Hoddis (1910)

Mord
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