inotaurus   Der Minotaurus machte einen Tanzschritt, die Spiegelbilder auch, doch diesmal tanzten viele Spiegelbilder verzögert, er konnte es deutlich bemerken. Der Minotaurus stand wieder unbeweglich und spähte nach dem anderen Minotaurus, der auch unbeweglich stand. Der Minotaurus versuchte zu denken. Er bewegte den kleinen Finger der rechten Hand, sah scharf hin, bewegte den Finger noch einmal, der andere bewegte den kleinen Finger der rechten Hand, was den Minotaurus beunruhigte, er war unsicher, der andere schien den kleinen Finger an der falschen Hand bewegt zu haben. Der andere Minotaurus stand unmittelbar vor ihm, aber es konnte auch ein Spiegelbild des anderen Minotaurus sein oder ein Spiegelbild seines eigenen Spiegelbilds, es war vielleicht sogar mit Denken nicht auszumachen, der andere hatte, wenn es einen anderen gab, einen Kopf wie er und einen Leib wie er. Der Minotaurus bewegte die rechte Hand, nun bewegte der andere die linke Hand, fast gleichzeitig, aber vielleicht auch gleichzeitig; und wie der Minotaurus all den Möglichkeiten nachspürte, sah er plötzlich, daß am Leib des anderen Minotaurus oder am Leib des Spiegelbilds des anderen Minotaurus an der Lende ein Gegenstand geheftet war, etwas Pelzartiges, von dem der Minotaurus zwar nicht wußte, was es war, aber das ihm bewies, daß er einem anderen Minotaurus oder dessen Spiegelbild gegenüberstand. Der Minotaurus schrie auf, wenn es auch mehr ein Brüllen war als ein Schreien, ein langgezogenes Auffieulen, Aufinuhen und Aufjaulen vor Freude darüber, daß er nicht mehr der Vereinzelte war, der zugleich Aus- und Eingeschlossene, daß es einen zweiten Minotaurus gab, nicht nur sein Ich, sondern auch ein Du. Der Minotaurus begann zu tanzen. Er tanzte den Tanz der Brüderlichkeit, den Tanz der Freundschaft, den Tanz der Geborgenheit, den Tanz der Liebe, den Tanz der Nähe, den Tanz der Wärme. Er tanzte sein Glück, er tanzte seine Zweisamkeit, er tanzte seine Erlösung, er tanzte den Untergang des Labyrinths, das donnernde Versinken seiner Wände und Spiegel in die Erde, er tanzte die Freundschaft zwischen den Minotauren, Tieren, Menschen und Göttern, den roten Wollfaden um die Hörner gewunden, er umtanzte den andern Minotaurus, der den roten Wollfaden spannte und den Dolch aus der Scheide aus Pelz zog, ohne daß der Minotaurus es bemerkte, und die Spiegelbilder des einen umtanzten die Spiegelbilder des andern, die einen roten Wollfaden spannten und einen Dolch aus der Scheide aus Pelz zogen, und als der Minotaurus in die geöffneten Arme des andern stürzte, im Vertrauen darauf, einen Freund gefunden zu haben, ein Wesen wie er, und als seine Spiegelbilder in die Arme der Spiegelbilder des andern stürzten, stieß der andere zu, und seine Spiegelbilder stießen zu, und so sicher senkte der andere den Dolch in den Rücken, daß der Minotaurus schon tot war, als er zu Boden sank.

Theseus nahm die Stiermaske vom Gesicht, und alle seine Spiegelbilder nahmen die Stiermaske vom Gesicht, wickelte den roten Wollfaden auf und verschwand aus dem Labyrinth, und alle seine Spiegelbilder wickelten den roten Wollfaden auf und verschwanden aus dem Labyrinth, das nichts mehr widerspiegelte als endlos den dunklen Kadaver des Minotaurus. Dann, bevor die Sonne kam, kamen die

Vögel.

- Friedrich Dürrenmatt, Minotaurus. Eine Ballade. Zürich 1985

Stier Labyrinth Tiermenschen
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