ensch (dicker) der Knudel, (diensteifriger) der Glufemichel, (durchtriebener) der Mamser, (einsamer) der Griesler, (häßlicher) der Marrastl, (kleiner) der Fips, (langweiliger) der Nieselpriem, (obdachloser) der Sonnenbruder, (schlechter) der Schraffel, (unbeholfener) der Linkmichel, (unruhiger) der Hambacher, (verdrießlicher) der Gnatzkopf, (willenloser) der Ofenhänger. - (pu)

Mensch (2)


- Matthias Koeppel, aus (ma2)

Mensch (3) Die Adoleszenz ist nicht nur ein wichtiger Lebensabschnitt, sondern der einzige Abschnitt, in dem man im vollen Sinn dieses Wortes von Leben sprechen kann. Die Triebanziehungskräfte entfesseln sich um das dreizehnte Lebensjahr, danach werden sie zunehmend schwächer oder lösen sich in Verhaltensmodelle auf, die alles in allem nichts weiter als erstarrte Kräfte sind. Die Gewalt der ursprünglichen Entfesselung bewirkt, dass der Ausgang des Konflikts mehrere Jahre lang ungewiss bleiben kann; man nennt dies in der Elektrodynamik einen ›Übergangszustand‹. Das Oszillieren wird jedoch nach und nach langsamer, bis es sich in lange melancholische und sanfte Wellen auflöst; von diesem Moment an ist alles gesagt, und das Leben ist nur noch eine Vorbereitung auf den Tod.

Brutaler und weniger exakt ausgedrückt kann man sagen, dass der Mensch ein verminderter Heranwachsender ist.  - Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone. Berlin 1999, zuerst 1996

Mensch (4)

Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch —:
geht doch mit anderen Tieren um!
Mit siebzehn Jahren Filzläuse,
zwischen üblen Schnauzen hin und her,
Darmkrankheiten und Alimente,
Weiber und Infusorien,
mit vierzig fängt die Blase an zu laufen —:
meint ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde
von Sonne bis zum Mond —? Was kläfft ihr denn?
Ihr sprecht von Seele — Was ist eure Seele?
Verkackt die Greisin Nacht für Nacht ihr Bett —
schmiert sich der Greis die mürben Schenkel zu,
und ihr reicht Fraß, es in den Darm zu lümmeln,
meint ihr, die Sterne samten ab vor Glück...?
Ah! — Aus erkaltendem Gedärm
spie Erde wie aus anderen Löchern Feuer,
eine Schnauze Blut empor —:
das torkelt
den Abwärtsbogen
selbstgefällig in den Schatten.

- (benn)

Mensch (5)  Mit Recht müssen wir mit dem Menschen den Anfang machen, um dessentwillen die Natur alles andere erschaffen zu haben scheint, wenn sie gleich für ihre großen Gaben einen so hohen und strengen Preis setzt, daß man nicht genau entscheiden kann, ob sie gegen den Menschen eine gute Mutter oder eine böse Stiefmutter gewesen sei. Von allen lebenden Wesen ist er das einzige, das sie mit fremder Hilfe bekleidet; den übrigen hat sie mancherlei Bedeckungen verliehen, als: Schalen, Rinden, Häute, Stacheln, Zotten, Borsten, Haare, Federn, Flaum, Schuppen und Wolle.

 Sogar die Stämme der Bäume hat sie mit einer zuweilen doppelten Rinde vor Kälte und Hitze verwahrt. Nur den Menschen wirft sie bei der Geburt sogleich zum Jammern und Klagen nackt auf die bloße Erde und kein anderes Tier sonst zum Vergießen von Tränen, und zwar gleich von der Geburt an.

Aber wahrlich! des Lachens, jenes voreiligen, zu schnellen Lachens ist er vor dem 40. Tage nicht fähig. - (pli)

Mensch (6) »Der Mensch«, so hatte Platon definiert,« ist ein zweibeiniges Lebewesen ohne Federn.« Die Definition trug ihm Anerkennung ein, Diogenes aber rupfte einen Hahn, brachte ihn in Platons Hörsaal und sagte: »Das ist also Platons Mensch!« Aus diesem Grunde wurde die Definition noch um den Begriff »mit flachen Nägeln« erweitert. - (diog)

Mensch (8) Was kann man nun von einem Menschen ... erwarten? Uberschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, versenken Sie ihn in Glück bis über die Ohren, bis über den Kopf, so daß an die Oberfläche des Glücks wie zum Wasserspiegel nur noch Bläschen aufsteigen, geben Sie ihm ein pekuniäres Auskommen, daß ihm nichts anderes zu tun übrigbleibt, als zu schlafen, Lebkuchen zu vertilgen und für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen — so wird er doch, dieser selbe Mensch, Ihnen auf der Stelle aus purer Undankbarkeit, einzig aus Schmähsucht einen Streich spielen. Er wird sogar die Lebkuchen aufs Spiel setzen und sich vielleicht den verderblichsten Unsinn wünschen, den allerunökonomischsten Blödsinn, einzig um in diese ganze positive Vernünftigkeit sein eigenes unheilbringendes phantastisches Element beizumischen. Gerade seine phantastischen Einfälle, seine banale Dummheit wird er behalten wollen... - Dostojewski, nach: Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein. München und Zürich 1983

Mensch (9)  Der Mensch im System der Natur (homo phaenomenon, animal rationale) ist ein Wesen von geringer Bedeutung und hat mit den übrigen Tieren, als Erzeugnissen des Bodens, einen gemeinen Wert (pretium vulgare). Selbst, daß er vor diesen den Verstand voraus hat, und sich selbst Zwecke setzen kann, das gibt ihm doch nur einen äußeren Wert seiner Brauchbarkeit (pretium usus), nämlich eines Menschen vor dem anderen, d. i. ein Preis, als einer Ware, in dem Verkehr mit diesen Tieren als Sachen, wo er doch noch einen niedrigern Wert hat, als das allgemeine Tauschmittel, das Geld, dessen Wert daher ausgezeichnet (pretium eminens) genannt wird. -  Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten (1797)

Mensch (10)  Menschen — Menschen! falsche, heuchlerische Krokodillenbrut! Ihre Augen sind Wasser! Ihre Herzen sind Ertz! Küsse auf den Lippen! Schwerter im Busen! Löwen und Leoparden füttern ihre Jungen, Raben tischen ihren Kleinen auf dem Aas, und Er, Er — Bosheit hab ich dulden gelernt, kann dazu lächeln, wenn mein erboster Feind mir mein eigen Herzblut zutrinkt — aber wenn Blutliebe zur Verräterin, wenn Vaterliebe zur Megäre wird, o so fange Feuer, männliche Gelassenheit, verwilde zum Tiger, sanftmütiges Lamm, und jede Faser recke sich auf zu Grimm und Verderben. - Karl Moor in: Friedrich Schiller, Die Räuber (1781)

Mensch (11)  m. n. mhd. mensch(e), ahd. mennisco, älter mannisco, asächs. mennisco, mnl. mensche, afries. mann(i)ska. Westgerm. Substantivierung ('humanus‘ steht für 'homo‘) unseres ältesten Adj. auf -isch, das mit Suffix germ. -iska von  mann 'homo' abgeleitet ist: got. mannisks, anord. menskr, ags. mennisc, afries. asächs. mannisk, ahd. mennisc 'menschlich'. Ebenso steht aind. manusyà-Adj. 'menschlich', m. 'Mensch' neben manu(s) 'Mensch‘.

Daneben besteht die Möglichkeit, ahd. asächs. mennisco m. als 'den von Mannus (dem bei Tacitus, Germ. 2 bezeugten Urvater der Germanen) Stammenden' aufzufassen, wofür unter mehreren Wurzeln am besten die gleiche Herleitung wie Mann aus *men 'denken' voauszusetzen ist.  — Das N. als Genus für Mensch tritt im Mhd. auf, bis ins 17. Jh. ohne verächtlichen Nebensinn, gern für weibl. Dienstboten. Dies ging im 18. Jh. verloren; fortan die sittliche Wertung. Die Wortkarte 'Mädchen' von Dora Blank bei Mitzka, Dt. Wortatlas IV (1955) weist Mensch in jenem guten Sinne in weiter Fläche in Nieder- und Oberösterreich nach. - Kluge/Mitzka, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin 1967

Mensch (12)  Der Mensch verhält sich zu den Mineralien des Tierreichs, wie das Eisen zu den Mineralien des Mineralreichs. Wie nur das Eisen einer höhern Kraft gehorcht, die gleichsam Himmel und Erde verbindet und scheidet, so der Mensch einer Kraft, die Welt und Gott verbindet. - (rit)

Mensch (13) Und als sie erst aus dem Wasser heraufgestiegen waren, auf Ranken, auf Füßen, da begannen sich auch am Grunde des Luftozeans lange Wälder zu bilden und meilengroße Wiesen — die Fische nannten sich hier ‹Vögel› — manche zeigten frech das Sägegebiß, und verbargen dafür die Organe der Fortpflanzung; die Blumen trieben‘s umgekehrt, steckten die Freßwerkzeuge in die steife schlüpfrige Erde, und hielten, ja reckten ihre Genitalien, bunt & duftend, nicht zu übersehen noch zu überriechen, unter alle äugenden Nasen. Überall rupfte und knusperte es, und leise sägte ein Meer von Grillen.

Da sie — sie konnten wohl nicht dafür — so angelegt waren, daß Eines nur existieren konnte, wenn es das Andere auffraß, mußten Überfall & Totschlag ihre Hauptbeschäftigung sein, und Lust- & Mordgedanken ein wichtiger Bestandteil ihrer Mentalität.

Als man dann anfing, mit Kunststoffen zu arbeiten — Wespen etwa, die heute noch scharmante hängende Kuppeln aus Zellulose montieren; ( Termiten auch, ja); aber sie Alle hoffnungslos gehandicapt durch eine zu geringe Lebensdauer von 4 Wochen — da kam Schick in die Sache. Besonders kluge Tiere, und die im Durchschnitt 10 bis 20 Tausend Tage alt werden, bildeten sich, in Selbst-Konkurrenz, kurios immer weiter; nunmehr, im Jahre Neunzehnhundert Strichundsechzig, sind ihre Wohnsiedelungen groß wie Inseln geworden; kein Krake ist mehr vor ihnen sicher, und kein Stern. Einzelne davon erfinden bereits, rührend tapfer, Wissenschaftchen & Künstlern, winzige nacaratfarbene Pünktchen in einem üblen grau-grünen Neutrum; die Meisten freilich müssen, ( und man kann es ihnen, wie gesagt, nicht krumm nehmen), hauptsächlich auf frische, möglichst belegte, Semmeln erpicht sein — die knirschen noch genau so angenehm zwischen den Zähnen, ( und wenn‘s falsche sind), wie weiland im Groß-Perm! Sie zucken die weißen ( oder gelb-braunen) Achseln; sie arbeiten; sie haben Lust- & Mordgedanken; und lassen sich von der Erde um die Sonne kutschieren.

Daß diese Wesen verhältnismäßig bald dahin gelangen mußten, nun auch sich selbst zu beschreiben, war jedem Denkenden von vornherein klar; und ich möchte ausdrücklich betonen, daß es dem homo sapiens — meinethalben auch ‹faber-ludens-lucifer› zur Ehre gereicht, wie er sich dieser jenun ‹Aufgabe› ( man lügt, sobald man zu tippen anfängt!) entledigt hat : unsere Museen und Bibliotheken, Konzertsäle und Observatorien, Universitäten und Krankenhäuser, all diese immer-erstaunlichen Konzentrationen & Vermehrungen eines sonst nur in Spurenelementen vorhandenen ( wieder ‹jenun› !) ‹Wahren gutenschönen›, können wir durchaus ‹vorzeigen›, in Konkurrenz mit einer ‹Schöpfung›,  die sich derart abgeschmackte Witze geleistet hat, wie etwa die Organe der Liebeskraft gleichzeitig als ‹Harnröhren› anzulegen, und sie zusätzlich noch ausgerechnet am Popo zu befestigen! ( Ein, zugegeben, seit Sir Thomas Browne nicht mehr ganz neues Aperçu; ...

Selbstverständlich leiden wir noch schwer an ‹Instinkten›; schleppen Urväterhausrat von Zirbeldrüsen und ‹Wurmfortsätzen› mit uns herum; periodisch überwältigen uns Hormone; uns, mühsam Wassertretende in einer See von nicht-euklidischen Gespenstrigkeiten — enfin : die Schweinerei um uns ist so groß, daß sie wohl Jedem peinlich ist. - Arno Schmidt, Die 10 Kammern des Blaubart. In: ders., Aus Julianischen Tagen. Frankfurt am Main 1979 (Fischer-Tb. 1926, zuerst 1966)

Mensch (14) Merkwürdig ist es, daß jener witzigste Mensch in Deutschland auch zugleich der ehrlichste war. Nichts gleicht seiner Wahrheitsliebe. Lessing machte der Lüge nicht die mindeste Konzession, selbst wenn er dadurch, in der gewöhnlichen Weise der Weltklugen, den Sieg der Wahrheit befördern konnte. Er konnte alles für die Wahrheit tun, nur nicht lügen ...

Das schöne Wort Buffons «der Stil ist der Mensch selber!» ist auf niemand anwendbarer als auf Lessing. Seine Schreibart ist ganz wie sein Charakter, wahr, fest, schmucklos, schön und imposant durch die inwohnende Stärke. Sein Stil ist ganz der Stil der römischen Bauwerke: höchste Solidität bei der höchsten Einfachheit; gleich Quadersteinen, ruhen die Sätze aufeinander, und wie bei jenen das Gesetz der Schwere, so ist bei diesen die logische Schlußfolge das unsichtbare Bindemittel. Daher in der Lessingschen Prosa so wenig von jenen Füllwörtern und Wendungskünsten, die wir bei unserem Periodenbau gleichsam als Mörtel gebrauchen. Noch viel weniger finden wir da jene Gedankenkaryatiden, welche ihr la belle phrase nennt. - Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. 1834

Mensch (15) Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat. - Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung

Mensch (16) Da erstand vor ihm ein Bild vom ganzen Leben des Menschen auf Erden und ihm schien das Menschenleben nichts zu sein, nur ein winziges Entbrennen, ein kurzes Aufflackern in grenzenlos-schreckensvoller Finsternis; und alle Größe, alle tragische Würde des Menschen und sein heldischer Ruhm rührten daher, daß dieses Aufflammen so kurz war. Er wußte: sein Leben war gering und würde wieder verlöschen, und übrigbleiben würde nur die unermeßliche, ewige Finsternis, Und er wußte: mit Hohn auf den Lippen würde er sterben, und mit dem letzten Schlag seines Herzens würde seine trotzige Absage hineintönen in die alles verschlingende Nacht. - Thomas Wolfe, Es führt kein Weg zurück, nach: Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung

Mensch (17) Der Mensch ist eine unangenehme Gattung, sehr peinlich, ja. ... Die Hoffnung, daß es auch andere Wesen gibt, und zwar nicht nur Humanoide, ist ein kleiner Trost. Ein Trost könnte auch sein, daß es noch ekelhaftere Kreaturen gibt als den Menschen. Es wäre peinlich zu denken, daß wir die einzigen sind, die das Weltall bewohnen und ständig solche schrecklichen Dinge tun. - Stanislaw Lem, FAZ vom 19. Februar 2003

Mensch (18) Die Leute, die sagen, daß der Mensch Eins ist, folgen nach meiner Ansicht folgendem Gedankengang: Da sie sahen, daß die Kranken, die Mittel genommen hatten und an übermäßiger Purgierung starben, teils Galle erbrachen, teils Schleim, so meinten sie, der Mensch sei jeweils das, bei dessen Ausscheidung sie ihn sterben sahen. Diejenigen, die sagen, der Mensch sei Blut, argumentieren in der gleichen Weise; da sie sehen, daß bei Menschen, die erstochen werden, das Blut aus dem Körper fließt, glauben sie, dies sei das Lebensprinzip des Menschen. Diese Dinge führen alle als Beweise in ihren Reden an. Aber erstens ist bei übermäßiger Purgierung noch keiner gestorben, nachdem er nur Galle ausgeschieden hatte, sondern wenn jemand ein galletreibendes Mittel genommen hat, wird er zuerst Galle erbrechen, dann Schleim, danach wird er schwarze Galle erbrechen und am Ende reines Blut. Ebenso geht es denen, die an schleimtreibenden Mitteln sterben; zuerst erbrechen sie Schleim, dann gelbe, dann schwarze Galle, schließlich reines Blut, und dabei sterben sie. Denn wenn das Abführmittel in den Körper kommt, führt es zunächst das ab, was ihm von den Bestandteilen des Körpers am nächsten verwandt ist, dann zieht es auch die anderen heraus und führt sie ab. Wie nämlich das, was gepflanzt und gesät wird, wenn es in die Erde kommt, jeweils das ihm Verwandte in der Erde an sich zieht — in der Erde aber ist Saures und Bitteres, Süßes und Salziges und anderes mehr enthalten —, zuerst also zieht es möglichst viel von dem an sich, was ihm am nächsten verwandt ist, dann aber auch das andere; so machen es auch die Medikamente im Körper. Was Galle treibt, führt zuerst ganz reine Galle ab, dann vermischte; die Abführmittel für Schleim führen zuerst den Schleim ganz rein ab und dann gemischt, und bei erstochenen Menschen fließt das Blut zuerst ganz warm und rot, dann aber mehr schleimig und gallig. - (hi)

Mensch (19) Mein ganzes Leben lang sah ich die Menschen mit engen Schultern, ohne eine einzige Ausnahme, stupide und zahlreiche Taten vollbringen, sah sie ihresgleichen verdummen und die Seelen mit allen Mitteln verderben. Das Motiv ihrer Handlungen nennen sie: Ruhm. Bei solchem Anblick wollte ich lachen wie die anderen; aber das, seltsame Nachahmung, war unmöglich. Ich nahm ein Federmesser mit scharf geschliffener Klinge, und dort, wo die Lippen sich vereinigen, durchschnitt ich das Fleisch. Einen Augenblick lang glaubte ich mein Ziel erreicht. In einem Spiegel betrachtete ich diesen durch eigenen Willen verletzten Mund! Es war ein Irrtum! Das Blut, das reichlich aus beiden Wunden floß, hinderte mich übrigens zu erkennen, ob dies wirklich das Lachen der anderen sei. Aber nach kurzen Vergleichen sah ich genau, daß mein Lachen dem der Menschen nicht glich, das heißt, ich lachte nicht. Ich sah die Menschen mit häßlichem Haupt und mit schrecklichen, tief in finsterer Höhle liegenden Augen, die Härte des Felsens, die Starre gegossenen Stahls, die Grausamkeit des Haifisches, die Arroganz der Jugend, die Raserei der Verbrecher, den Verrat der Heuchler, die ungewöhnlichsten Komödianten, die Charakterstärke der Priester und die höchste Verstellungskunst, die kältesten Wesen der Welten und des Himmels übertreffen; sah die Moralisten erlahmen, ihr Herz zu entdecken und unversöhnlichen Zorn von oben herabbeschwören. Ich habe sie alle auf einmal gesehen, bald die derbe Faust wider den Himmel erhoben wie die eines schon perversen Kindes wider die Mutter, wahrscheinlich von einem Dämon der Hölle getrieben, die Augen schwer von nagender Reue und Haß zugleich, in eisigem Schweigen verharren, nicht wagend, die ungeheuerlichen und undankbaren Gedanken, voller Ungerechtigkeit und Grauen, die ihr Herz verbarg, zu äußern, um bei dem Gott der Barmherzigkeit trauerndes Mitleid zu wecken; bald, zu jeder Stunde des Tages, von Kindheit auf bis zum höchsten Greisenalter, unglaubliche Flüche verbreitend, ohne Sinn für Gemeinschaft, wider alles, was atmet, wider sich selbst und die Vorsehung, Frauen und Kinder prostituieren und so die Leibesteile entehren, die der Scham geweiht sind. Da erheben die Meere ihre Fluten, reißen die Planken in ihre Schlünde hinab: Orkane und Erdbeben zerschmettern die Häuser; die Pest und vielerlei Krankheit lichten die betenden Familien. Aber die Menschen achten dessen nicht. Ich sah sie auch vor Scham erröten und erbleichen wegen ihres Wandels auf dieser Erde; selten jedoch. Stürme, Brüder der Orkane, bläuliches Firmament, dessen Schönheit ich nicht anerkenne, heuchlerisches Meer, Ebenbild meines Herzens, Erde, geheimnisvoller Schoß, Bewohner der Sphären, gesamtes Universum, Gott, der du es so herrlich geschaffen hast, dich rufe ich an: zeige mir einen Menschen, der gut ist!... Aber möge deine Gnade meine natürlichen Kräfte verzehnfachen; denn beim Anblick dieses Scheusals könnte ich vor Staunen sterben: man stirbt an weniger. - (mal)

Mensch (20)  Die folgenden Worte stammen weder von mir selbst, noch von irgendeinem Menschen; ich bringe sie vor, wie ich sie in einem Gesichte von oben empfangen habe. Knecht Gottes, ... und Kind Gottes, ... vernimm, was das makellose Licht spricht:

Der Mensch ist irdisch und himmlisch zugleich; durch die gute Wissenschaft der vernünftigen Seele ist er himmlisch, durch die böse Wissenschaft aber ist er gebrechlich und finster; je mehr er sich im Guten erkennt, desto mehr liebt er Gott. Besieht nämlich ein Mensch sein Antlitz in einem Spiegel und findet, daß es beschmutzt und von Staub bedeckt ist, dann trachtet er, es zu reinigen und abzuwaschen; in gleicher Weise seufzt er auch, wenn er merkt, daß er gesündigt und sich in mannigfaltige Eitelkeit verstrickt hat. Er weiß dann, daß er in seinem guten Wissen beschmutzt wurde, und klagt mit dem Psalmisten: »Tochter Babylons! Elend bist du, und glückselig ist der Mann, der dir wieder vergilt, was du uns angetan! Glückselig der Mann, der deine Kinder erfaßt und an einem Felsen zerschmettert!« - (bin)

Mensch (21)  Es ist nämlich unsinnig, wenn einer meint, die politische Wissenschaft oder die Klugheit sei die beste Wissenschaft. Denn der Mensch ist nicht das Beste, was es im Kosmos gibt.  - (eth)

Mensch (22)  Mich hungerte jetzt; ich zog mein Reisemesser aus der Tasche und schnitt mir ein Stück von dem Felsen ab, aber ich fand es geschmacklos, wie auch bei uns der Stein zu sein pflegt. Ich warf den Trugbissen gerade ärgerlich beiseite, als ich plötzlich um die Ecke des Felsens her ein Geräusch vernahm, das offenbar nur von Menschenstimmen herrühren konnte; denn obgleich die Töne nicht sonderlich viel Menschliches hatten, vernahm ich doch bestimmte artikulierte und modulierte Klänge, welche irgendeiner Sprache angehören mußten, und ich verstand sogar mehrere einzelne Worte.

Rasch entschlossen und mutig trat ich um die Ecke - und richtig, Menschen sah ich vor mir, wenn man solche Gestalten auch Menschen nennen darf. Sie waren von riesiger Größe, dunkelbraun und völlig unbekleidet.

Im Ganzen hatten sie zwar menschliche Formen, allein auf dem Rumpfe saß kein Kopf, sondern nur ein unförmiger Halsstumpf, eine Röhre, aus der helle Flammen emporschlugen. Dabei gehörten diese Geschöpfe nach unseren irdischen Begriffen in das Geschlecht der Insekten; denn obgleich sie nur zwei Beine hatten, hatten sie doch an jeder ihrer Schultern zwei Arme, mit denen sie Fackeln, Beile, Hämmer unter wildem Geheul gegen mich schwangen.

Jetzt wird man nach dem Sitz des Verstandes fragen; hatten sie denn einen solchen gar nicht? - O ja, dem Anschein nach wenigstens, mindestens grinsten mich häßliche Menschengesichter von einem Orte an, wo bei uns oberirdischen Menschen der Verstand wahrlich nicht zu suchen ist, nämlich vom Bauch.

Ich will nicht verhehlen, daß ich bei dem Anblick dieser gräßlichen Gestalten erschrak; ich taumelte einige Schritte zurück und vergaß sogar in der ersten Überraschung, nach meinern Säbel zu greifen, der mir übrigens gegen alle diese Beile und Hämmer kaum von großem Nutzen gewesen wäre.

Dabei entfuhr mir ganz unwillkürlich ein Ausruf des Schreckens: »Alle guten Geister! - das sind leibhaftige Teufel!« oder so etwas Ähnliches. Genug, dieser Ausruf war mein Heil, meine Rettung, denn ein glücklicher Zufall wollte, daß ich dabei das hier geltende Friedensbannwort mit ausrief, und sogleich warfen die Ungetüme ihre Waffen fort und reichten mir die Hände, die meinigen drückend, daß ich Ach und Weh hätte schreien mögen. - Ludwig von Alvensleben, Der Lügenkaiser. In: Erwin Wackermann (Hg.), Münchhausens wunderbare Reisen. Die phantastischen Geschichten des Lügenbarons und seiner Nachfolger. München 1968 (dtv 527, zuerst 1833)

Mensch (23)

 Bescheidene graugestrichene Stuhlmenschen
die nichts anderes sein wollen
als Stühle auf die sich andere setzen.

Wolkenmenschen die sich selbst gebären.

Unbenabelte Unmenschen die sich bessern möchten
und sich langsam langsam wie blind
nach einem Menschennabel hintasten.

Löchermenschen durch die schnurstraks
der Weg in die fortschrittliche Hölle führt.
Löchermenschen die eine Wabe hervorbringen
aber wenig Honig.

Lange lange dünne Fadenmenschen
aus weißem unbeschriebenem Faden
die auf einer Spule aufgerollt
bequem in Hosentaschen mitgeführt werden können.

Menschen die das Gefühl haben
daß die Steine demnächst reif seien.

Menschen die der Meinung sind
daß es keinen Sinn habe
sich zu seinen zwei Beinen vorne
noch zwei Beine hinten wachsen zu lassen
und daß selbst ein einziges Bein genügte
um ins Bodenlose zu springen.

Zeigermenschen die an einer Wand angebracht
sich sofort wie Zeiger im Kreise drehen
kuckuck kuckuck rufen
und die Zeit anzeigen.

Menschen die nach ihrem Tode leuchtende Sonnen sind.

Menschen die ein Meer sind
das mit Sträußen würfelt.

Menschen die mild leuchtende vereierte Monde sind.

Menschen die als eine arabische Eins
in eine Eisenbahn einsteigen
und als römische Eins wieder aussteigen.

Menschen sagen sich:
Pflanzen immer fortpflanzen
seien dies Schirme oder potemkinsche Lanzen
hinter böhmischen oder spanischen Dörfern
bringt zum rasen.
Lieber mit kalten Grenzen Spalieren.
Lieber den Peridrom
sein lebelang nicht verlassen

Menschen die Kieselsteine niesen.

Kentaurmenschen halb Auto halb Mensch.

Plaudertaschenmenschen die aus der Taillenschule plaudern.

Menschen die dem Urgrund
keinen rechten Geschmack abgewinnen können
lieber im Diesseits hangeln
und in ihrem entnasten Gesicht
drei streng übereinander angeordnete und üppig gediehene
heraldisch stilisierte Schnurrbärte
täglich sorgfältig bürsten vergolden und lackieren.  


- Hans Arp,  Menschen. In: Lesebuch. Deutsche Literatur zwischen 1945 und 1969. Hg. Klaus Wagenbach. Berlin 1980 (zuerst 1957)

Mensch (24)  Von dem ersten Anfange des Lebens an kommt er, was nicht einmal mit den bei uns erzeugten wilden Tieren geschieht, an allen Gliedern in Fesseln und Bande, und so liegt der glücklich Geborene da mit gebundenen Händen und Füßen, als ein weinendes Geschöpf, welches die übrigen beherrschen soll, und beginnt sein Leben mit Strafen für die einzige Schuld, daß er geboren ward. O über den Unsinn derer, welche nach einem solchen Anfange glauben, sie seien zum Stolze geboren!

Die erste Ahnung von Kraft, das erste Geschenk der Zeit, macht ihn zu einem vierfüßigen Tiere. Wann aber lernt der Mensch gehen? Wann sprechen? Wann ist sein Mund fest genug, um Speisen zu genießen? Wie lange klopft sein Scheitel, ein Beweis, daß er das schwächste aller Geschöpfe ist? Nun kommen Krankheiten und ebenso viele dagegen ersonnene Heilmittel, und auch diese werden oft durch Zufälle zuschanden. Die übrigen Tiere erlangen bald ihre Ausbildung; einige machen Gebrauch von der Schnelligkeit ihrer Füße, andere von ihrem schnellen Fluge, andere vom Schwimmen. Aber der Mensch kann nichts, ohne daß er es gelehrt wird, weder sprechen noch gehen, noch essen; kurz, er kann von Natur nichts als weinen. Daher hat es viele gegeben, welche für das beste hielten, nicht geboren zu sein oder doch bald wieder zu sterben. - (pli)

Mensch (25)   Weiß der Teufel wie es kommt: wenn man genauer zusieht, werden Menschen und Dinge leicht dürftig, häßlich und oft sinnlos zweideutig. - George Grosz 1930, nach:  Ivo Kranzfelder, Grosz.  Köln 1999

Mensch (26)   mendsch n. 'mendschadl n.

mensch, obgleich das wort sehr alt ist und sehr deutsch  klingt,  möchte ich  noch zig. mintš, rw. minsch „vulva" heranziehen, das ihm vermutlich erst das abschätzige gegeben hat. - Aus: Oswald Wiener, Beiträge zu einer Ädöologie des Wienerischen. In: Josefine Mutzenbacher. München 1969 (zuerst 1906)

Mensch (27)

Menschliches Elende.

WAs sind wir Menschen doch? ein Wohnhaus grimmer Schmertzen.
Ein Ball deß falschen Glücks / ein Irrlicht dieser Zeit.
Ein Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharffem Leid /
Ein bald verschmeltzter Schnee vnd abgebrante Kertzen.

Diß Leben fleucht davon wie ein Geschwätz vnd Schertzen.
Die vor vns abgelegt deß schwachen Leibes Kleid
Vnd in das todten-Buch der grossen Sterbligkeit
Längst eingeschrieben sind / sind vns auß Sinn vnd Hertzen.

Gleich wie ein eitel Traum leicht auß der acht hinfällt /
Vnd wie ein Strom verscheust / den keine Macht auffhält:
So muß auch vnser Nahm / Lob Ehr vnd Ruhm verschwinden /

Was itzund Athem holt / muß mit der Lufft entflihn /
Was nach vns kommen wird / wird vns ins Grab nach zihn
Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starcken Winden.

- Andreas Gryphius

Mensch (28)  Sie halten sich streng vom Wirtsvolk abgesondert, eheliche Verbindungen mit den Bewohnern des Landes kommen höchst selten vor. Der Zigeuner weiß sich dem Wirtsvolk gegenüber sozial unterlegen. Bei aller Wahrung der Distanz unterhält sich der einheimische Südosteuropäer mit ihm, macht Witze über ihn, verspottet oder verprügelt ihn, ohne daß in ihm als dem Opfer irgendein Rachegefühl aufkommt.

In seiner Ohnmacht läßt er mit Gleichmut alles über sich ergehen. Selbst in den Konzentrationslagern bewahrte er Frohsinn, Tanz und Scherz. Er bleibt stets, was er ist, ein stolzer, selbstbewußter Zigeuner, der sich o rom »der Mensch« nennt (fast alle Naturvölker haben die Selbstbezeichnung »die Menschen«) und für alle Nichtzigeuner den verächtlichen Namen o gadzo oder e gadzi »Fremde, Barbaren, nicht zu ihm Gehörige« hat, als sei er sich selbst genug. - Nachwort zu: Zigeunermärchen.  Hg. Walther Aichele, Martin Block. München 1961 (Diederichs, Märchen der Weltliteratur)

Mensch (29)  Was ist ein Mensch ? Mensch ist, wer tötet, Mensch ist, wer Unrecht zufügt oder leidet; kein Mensch ist, wer jede Zurückhaltung verloren hat und sein Bett mit einem Leichnam teilt.  Und wer darauf gewartet hat, bis sein Nachbar mit Sterben zu Ende ist, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, der ist, wenngleich ohne Schuld, vom Vorbild des denkenden Menschen weiter entfernt als der roheste Pygmäe und der grausamste Sadist. Ein Teil unseres Seins wohnt in den Seelen der uns Nahestehenden: darum ist das Erleben dessen ein nichtmenschliches, der Tage gekannt hat, wo der Mensch in den Augen des Menschen ein Ding gewesen ist. - Primo Levi, Auschwitz, 26. Januar 1945. Nach (enc)

Mensch (30)  Ich glaube, daß Menschen schon vor vielen Jahrtausenden dieses ganze Elend überblicken konnten, daß sie den menschlichen Charakter — als Kombination so vieler tierischer Züge — hassenswert fanden und »in ihrem Geist« mit diesem Dasein abgeschlossen hatten. Man braucht sich also die Erfahrungen jener Menschen nur zu wiederholen. Man wächst auch zwangsweise in sie hinein. Es ist mit großer Sicherheit anzunehmen, daß jeder heute lebende Mensch zugleich zehn solcher Menschen ist, die in Abständen immer gelebt haben. Selbst wenn er eine unbedeutende Abweichung fertigbringt - was wird das schon sein? Es werden immer weiter einmal mehr, einmal weniger Menschen leben, und diese sind in irgendeinem bunten System miteinander unheimlich identisch, aber von Tieren und Menschen merken nur wenige etwas von allen ihren Identitäten. Langsam wachsen manche Menschen vielleicht in die Tiefe (was aber immer unwahrscheinlicher wird, wenn sie nicht einmal mehr Wurzeln schlagen können) - aber wenn jemand bis zur Ruhe der Verwurzelung kommt, dann findet er mit dem Durchdenken von tausendmal mehr Daseins-Varianten, daß er genausogut »jeder« wie »einer« sein kann. - Ernst Fuhrmann, Vorwort zu (fuhr)

Mensch (31)  Man kann jeden Menschen aus zwei entgegengesetzten Gesichtspunkten betrachten: aus dem einen ist er das zeitlich anfangende und endende, flüchtig vorübereilende Individuum, der Traum eines Schattens [Pindaros], dazu mit Fehlern und Schmerzen schwer behaftet; - aus dem ändern ist er das unzerstörbare Urwesen, welches in allem Daseyenden sich objektivirt und darf, als solches, wie das Isisbild zu Sais, sagen: Ich bin alles, was war und ist und sein wird. - Freilich könnte ein solches Wesen etwas Besseres thun, als in einer Welt, wie diese ist, sich darzustellen. Denn es ist die Welt der Endlichkeit, des Leidens und des Todes. Was in ihr und aus ihr ist muß enden und sterben. Allein was nicht aus ihr ist und nicht aus ihr seyn will durchzuckt sie mit Allgewalt, wie ein Blitz, der nach oben schlägt, und kennt dann weder Zeit noch Tod. - (schop)
 

Götter Menschen, gemischte
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