aske
Um ein Beispiel anzuführen, mit welcher Wucht eine Erscheinung
des Traumes sich Anerkennung erzwingt,
muß man sich den Eindruck vergegenwärtigen, den man empfängt, wenn plötzlich
ein Gegenstand, den man für tot hielt, sich zu beleben beginnt oder, umgekehrt,
wenn ein anscheinend Lebendiges sich als tot erweist. Der dämonische Eindruck
eines Wachsfigurenkabinetts, dem sich so leicht niemand entzieht, gehört
hierher; ebenso die mannigfaltige Welt, die sich um den Begriff der Maske
gruppiert. In Gedichten Baudelaires
wandelt die Seele lautlos durch eine zu Metall
und schwarzem Marmor erstarrte Natur, während bei Hoffmann die Kristalle
und Erze in den Schächten der Bergwerke sich magisch beleben oder umgekehrt
hinter den Bewegungen des Lebens sich plötzlich die künstliche Mechanik,
das spielende Uhrwerk einer Marionette offenbart. In der Maske betten sich
Leben und Tod auf wundersame Weise ineinander ein; so kann man eine Sammlung
von Masken, wie sie der Japaner zum No-Feste verwendet, nur mit Herzklopfen
beobachten, und ich stehe nicht an, die dämonische Welt, die sich hier
zum Ausdruck bringt, an Wucht jeder anderen für ebenbürtig zu halten. -
(ej)
Maske (2) Seit wieviel Stunden irrte ich allein durch die Schar der schweigenden Masken, in diesem Schuppen, der sich wie eine Kirche wölbte, und er war tatsächlich eine Kirche, eine verlassene, nicht mehr benutzte Kirche, dieser hohe Saal mit den Spitzbogenfenstern, die zum größten Teil halb zugemauert waren und deren laubverzierte Säulchen eine dicke gelbliche Putzschicht trugen, in der die gemeißelten Blüten der Kapitelle versanken.
Seltsamer Ball, auf dem niemand tanzte, wo es kein Orchester gab! De Jakels war verschwunden, ich blieb allein, allein inmitten dieser unbekannten Menge. Ein alter schmiedeeiserner Kronleuchter strahlte hell, er hing hoch unter dem Gewölbe und beleuchtete die verstaubten Steinplatten, von denen einige, durch Inschriften geschwärzt, vielleicht auf Gräbern ruhten; hinten, an der Stelle des Altars, liefen Futterkrippen und Raufen in halber Höhe die Wand entlang, und in den Ecken lagen vergessenes Sattelzeug und Geschirre: Der Ballsaal war ein Stall. Hier und dort warfen große, mit Goldpapier gerahmte Frisierspiegel einander das Bild des stummen Treibens zu, das heißt, sie hatten es sich zugeworfen, denn nun saßen alle Masken unbeweglich auf beiden Seiten der früheren Kirche, bis zu den Schultern in dem alten Chorgestühl versunken.
Als hätten sie sich in ihr Geheimnis zurückgezogen, saßen sie da, stumm, reglos, die langen Mönchskutten aus silbernem Tuch, von einem stumpfen, glanzlosen Silber; denn es gab keine Dominos mehr und keine blauseidenen Blusen, keine Kolumbinen und Pierrots, keine grotesken Verkleidungen, sondern alle Masken sahen sich ähnlich, sie waren in das gleiche grüne Gewand gehüllt, ein bleiches, schwefeliges Goldgrün, die weiten Ärmel schwarz, die Kapuzen dunkelgrün, und überschattet von ihren Kapuzen die Augenlöcher ihrer silbernen Kutten.
Man hätte sie für die kreidigen Gesichter von Leprakranken aus den alten Spitälern halten können, und ihre schwarzbekleideten Hände waren wie die Stengel langer, schwarzer Lilien mit bleichen Blättern; und ihre Kapuzen waren wie die Dantes von schwarzen Lilien bekränzt.
Und alle diese Kutten schwiegen, unbeweglich wie Geistererscheinungen, und über ihren schauerlichen Kränzen verliehen ihnen die Spitzbogen der Fenster, die sich im weißen Mondschein abhoben, durchsichtige Mitren.
Ich spürte, wie mein Verstand vom Schrecken überwältigt wurde; Übernatürliches umgab mich: diese Starre, das Schweigen all dieser Masken! Wer waren sie? Noch eine Minute der Ungewißheit, und ich würde verrückt! Ich konnte es nicht mehr ertragen, ich ging auf eine der Masken zu, und mit vor Angst verkrampfter Hand zog ich plötzlich die Kutte weg.
Welches Grausen! Es war nichts da, nichts. Meine angstvollen Augen sahen nur die Höhle unter der Kapuze; das Gewand, der Mantel waren leer. Dieses Wesen, das doch lebte, war nur Schatten und Nichts.
Außer mir vor Entsetzen, riß ich der Kutte im nächsten Chorstuhl die Kapuze herunter; sie war leer, leer waren die Kapuzen der anderen Masken, die an den Wänden entlang saßen. Alle hatten Gesichter aus Schatten, alle waren Nichts.
Und das Gas flammte heller, beinahe pfeifend in dem hohen Saal; durch die zerborstenen Fenster der Spitzbögen drang das strahlende Mondlicht herein, es blendete fast. Da ergriff mich inmitten all dieser leeren Wesen, dieser Geistererscheinungen die Panik, und furchtbarer Zweifel schnürte mir vor diesen Masken das Herz ab.
Wenn auch ich ihnen glich, wenn auch ich aufgehört hatte zu existieren, und wenn unter meiner Maske nichts war, nichts als das Nichts! Ich stürzte zu einem der Spiegel. Ein Traumwesen erhob sich vor mir, in dunkelgrüner Kapuze, mit schwarzen Lilien bekränzt, mit Silber maskiert.
Und diese Maske war ich, denn ich erkannte meine
Handbewegung, als ich die Kutte hob, und vor Schrecken
erstarrt, stieß ich einen Schrei aus: Unter der Maske aus silbernem Tuch
war nichts, nichts im Oval der Kapuze, nur die leere, hohle Form, die der
Stoff umschloß; ich war tot . . . - Jean Lorrain, Die Löcher
in der Maske. In: Das Spiegelkabinett. Englische und französische Erzählungen
des Fin de Siècle. Hg. Wolfgang Pehnt. München 1969 (dtv 567, zuerst 1966)
Maske (3) Was zunächst rein physiognomisch
auffällt, das ist die maskenhafte Starrheit des Gesichtes, die ebensowohl
erworben ist, wie sie durch äußere Mittel, etwa Bartlosigkeit, Haartracht
und anliegende Kopfbedeckungen, betont und gesteigert wird. Daß in dieser
Maskenhaftigkeit, die bei Männern einen metallischen, bei Frauen einen
kosmetischen Eindruck erweckt, ein sehr einschneidender Vorgang zutage
tritt, ist schon daraus zu schließen, daß sie selbst die Formen, durch
die der Geschlechtscharakter physiognomisch sichtbar wird, abzuschleifen
vermag. Nicht zufällig ist, nebenbei bemerkt, die Rolle, die seit kurzem
die Maske wieder im täglichen Leben zu spielen beginnt. Sie tritt in mannigfaltiger
Weise in Erscheinung, an Stellen, an denen der spezielle Arbeitscharakter
zum Durchbruch kommt, sei es als Gasmaske, mit der man ganze Bevölkerungen
auszurüsten sucht, sei es als Gesichtsmaske für Sport und hohe Geschwindigkeiten,
wie sie jeder Kraftfahrer besitzt, sei es als Schutzmaske bei der Arbeit
im durch Strahlen, Explosionen oder narkotische Vorgänge gefährdeten Raum.
Es ist zu vermuten, daß der Maske noch ganz andere Aufgaben zufallen werden,
als man sie heute ahnen kann — etwa im Zusammenhange mit einer Entwicklung,
innerhalb deren die Photographie den Rang
einer politischen Angriffswaffe gewinnt. - Ernst Jünger, Der Arbeiter.
Herrschaft und Gestalt. Stuttgart 1982 (Cotta's Bibliothek der Moderne
1, zuerst 1932)
Maske (4) Es war eine sehr feine, sehr feste, fleischfarbene gummi-maske, die er mit spitzen fingern aus den eingeweiden der kröte ans karbidlicht beförderte und vorsichtig auf die bettdecke placierte. Dann, ich hätte mich fast durch einen laut des erstaunens verraten, dann griff er mit seiner ungewaschenen rechten nach seinem nacken und zog etwas hoch, das ich, von meinem standpunkt aus konnte ich es nicht sehen, für eine art reißverschluß hielt. An der stirne angelangt, hielt er in der bewegung inne, die despektierliche glatze des pseudocaligari war aufgeklafft, und nun wußte ich: sein wahres gesicht ist es nicht, was ich bislang für ein solches gehalten hatte. Er nahm die maske wie eine haut ab, aber es war kein menschengesicht, kein engelsantlitz, keine teufelsfratze, was hier zum vorschein kam, es war nichts, was man hinter einer vorgesetzten gummilarve hätte vermuten können, weder rohes enthäutetes fleisch noch kahler knochen noch irgend etwas, das an eine bekannte konsistente masse erinnert hätte - und schließlich gewahrte ich, daß dieser unaussprechliche Dr. Unspeakable überhaupt keinen kopf besitzen konnte, denn ich fand mit vor grauen zusammengeschnürter kehle, daß ich hinter ihm alles ausmachen konnte, was bisher sein falscher kopf verdeckt hatte. Er legte die »masken« seiner beiden hände ab und warf sie achtlos in den koffer, wie er es bereits vorher mit dem gummigesicht getan hatte. Dr. Unspeakable wies auch keine hände auf - die fahlen, unappetitlichen finger mit den trauerrändern waren wie ein paar handschuhe in den tiefen des schrecklichen gladstone-bags verschwunden; was sich nun vor mir hin und her bewegte, glich einer lebendig gewordenen Vogelscheuche, die in einen cirkuswagen eindringt, um die schlaftrunkene seiltänzerin oder die aus alpträumen erwachende kunstreiterin zu erschrecken ...
Nun nahm der vollends zu einem gespenst gewordene Dr. Unspeakable
die neue, noch zusammengefaltete fleischfarbene maske mit unsichtbaren fingern
hoch, praktizierte sie vor das, was mir mastixriechende luft und nicht feste
materie schien, zog das, was ich für eine art reißverschluß hielt, von der stirne
weg nach rückwärts - und ich blickte aufs höchste verdutzt in das etwas leere,
doch keinesfalls uninteressante, glatte, sehr blasierte gesicht eines lebemannes!
- (dru)
Maske (5) Eine der feinsten Verkleidungs-Formen
ist der Epikureismus und eine gewisse fürderhin zur Schau getragene Tapferkeit
des Geschmacks, welche das Leiden leichtfertig nimmt und sich gegen alles Traurige
und Tiefe zur Wehre setzt. Es gibt "heitere Menschen", welche sich
der Heiterkeit bedienen, weil sie um ihretwillen mißverstanden
werden: — sie wollen mißverstanden sein. Es gibt "wissenschaftliche Menschen",
welche sich der Wissenschaft bedienen, weil dieselbe einen heiteren Anschein
gibt, und weil Wissenschaftlichkeit darauf schließen läßt, daß der Mensch oberflächlich
ist: — sie wollen zu einem falschen Schlüuse verführen. Es gibt freie freche
Geister, welche verbergen und verleugnen möchten, daß sie zerbrochene, stolze,
unheilbare Herzen sind (der Zynismus Hamlets — der
Fall Galiani); und bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein
unseliges allzu gewisses Wissen. — Woraus sich ergibt, daß es zur feineren Menschlichkeit
gehört, Ehrfurcht "vor der Maske" zu haben und nicht an falscher Stelle
Psychologie und Neugierde zu treiben. - Friedrich
Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse (zuerst 1886)
Maske (6)

"Komiker"
- Paul Klee 1904, nach: Wieland Schmied, Zweihundert Jahre
phantastische Malerei. München 1980
Maske (7) Der Grüne Leguan (Iguana iguana) hat eine Haut, die aussieht wie aus winzigen grüngesprenkelten Schuppen geflochten. Von dieser Haut hat er zuviel: am Hals, an den Füßen bildet sie Falten, Taschen, Schlaufen, wie ein Kleidungsstück, das glatt am Körper anliegen müßte, aber statt dessen überall lose herunterhängt. Längs der Wirbelsäule erhebt sich ein Zackenkamm, der bis zum Schwanz weitergeht; der Schwanz ist ebenfalls grün bis zu einem bestimmten Punkt, danach wird er blasser und segmen-tiert sich in Ringe von wechselnder Farbe: hellbraun und dunkelbraun. Über dem breiten Maul auf dem grünen Schuppenkopf öffnet und schließt sich das Auge, und genau dieses »entwickelte« Auge, ein Auge mit Blick, mit Interesse, mit Traurigkeit, weckt den Gedanken, daß in dieser Drachengestalt ein anderes Wesen verborgen sein könnte: ein Tier, das mehr denen ähnelt, die uns vertraut sind, ein Lebewesen, das uns näher steht, als es scheint...
Dann weitere stachlige Kämme unter dem Kinn, am Hals zwei runde weiße Plättchen wie von einem Hörapparat: eine Menge Zubehör und Beiwerk, Zierat und Schutzvorrichtungen, eine Musterkollektion der verfügbaren Formen im Tierreich und vielleicht noch in anderen Reichen, zuviel für ein einziges Tier, was macht es mit all dem Zeug? Dient es als Maske für jemanden, der uns aus seinem Innern betrachtet?
Die Vorderfüße mit ihren fünf Fingern würden eher an Krallen
als an Hände erinnern, säßen sie nicht an richtigen Armen,
die muskulös und wohlgestaltet erscheinen. - (calv)
Maske (8)

Maske (9)

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