ustmolch    Er war wahrscheinlich der älteste Anwalt in ganz Paris. Wie alt er eigentlich war, wußte der Kommissar nicht, aber seit er ihn kannte, war er immer schon alt gewesen und halb gelähmt, was ihn nicht hinderte, ein lächelndes Gesicht zur Schau zu tragen und von den Frauen mit lüsternen Augen zu sprechen.

Er wohnte mit einer Hausangestellten zusammen, die fast ebenso alt war wie er, und zwar in einer Junggesellenwohnung, die mit Büchern und Kupferstichen vollgepfropft war, die er sammelte und von denen die meisten galante Themen behandelten.

Orin saß in einem Lehnstuhl am offenen Fenster, eine Decke über den Knien, trotz der Sommerhitze.

»Na, mein Sohn?  Welcher Wind weht Sie herein? Ich begann schon zu glauben, daß sich keiner mehr meiner erinnerte und daß man mich längst auf dem Père-Lachaise wähnte. Um was handelt es sich diesmal?«

Er machte sich keine Illusionen, und Maigret errötete ein wenig, denn er hatte den alten Anwalt nur selten besucht, ohne einen bestimmten Zweck damit zu verbinden.

»Ich hatte mir gerade überlegt, ob Sie nicht zufällig einen gewissen Serre gekannt haben, der, wenn ich mich nicht irre, vor zweiunddreißig oder dreiunddreißig Jahren gestorben ist.«

»Alain Serre?«

»Er war Anwalt.«

»Dann ist es Alain.«

»Was für ein Mensch war das?«

»Vermutlich habe ich nicht das Recht, zu erfahren, worum es sich handelt?«

»Um seinen Sohn.«

»Den jungen Mann habe ich nie zu sehen bekommen. Ich wußte, daß er existiert, aber begegnet bin ich ihm kein einziges Mal. Sehen Sie, Maigret, Alain und ich gehörten einer lustigen Bande an, für die das Familienleben nicht der Weisheit letzter Schluß war. Man traf uns vor allem im Klub und hinter den Kulissen der kleinen Theater, und wir kannten sämtliche Ballettmädchen mit ihren Vornamen.«

Und mit einem schalkhaften Lächeln fügte er hinzu:

»Wenn ich davon mal erzählen könnte!« - Georges Simenon, Maigret und die Bohnenstange. München 1975 (Heyne Simenon-Kriminalromane 15, zuerst 1951)

Lustmolch (2)  Ratschkowski, »der begabte und unheimliche Ratschkowski«, der Chef der russischen Geheimpolizei m Paris, kämpfte, so behauptet Nilus, selbstlos gegen alle satanischen Sekten dieser Welt und tat »viel, um die Krallen der Feinde Christi zu beschneiden«. Ein gewisser Papus, der die Gelegenheit hatte, ihn näher kennenzulernen, malt sein Porträt auf eine Art und Weise, die, nicht nur wegen der großen Buchstaben, an eine Prosodie der Symbolisten erinnert: »Wenn Sie ihn je im Leben treffen sollten, so bezweifle ich, daß Sie ihm gegenüber das geringste Mißtrauen hegen könnten, denn sein Verhalten verrät nichts von seinen finsteren Absichten. Groß gewachsen, dynamisch, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, mit einem hufeisenförmigen Bart und lebhaften Augen, sieht er eher wie ein herrlicher Lustmolch aus, aber nicht wie ein russischer Korinther. Ohne Rücksicht auf die sehr auffällige Schwäche, die er kleinen Pariserinnen gegenüber hegt, ist er ohne jeden Zweifel der geschickteste Organisateur, den es überhaupt in den zehn europäischen Hauptstädten gibt.« (L'Echo de Paris, den 21. November 1901.)  - (kis)
 
 

Lust Molch

 

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