iebespaar
Nachdem Laugier sich verabschiedet hatte, nicht ohne vorher zum
Diner eingeladen worden zu sein, gingen Fec und Bichette Arm in Arm auf dem
Quai spazieren.
Sie erregten Sensation. Ein österreichischer Graf wies mit dem Stock auf das Paar und errötete über seine Taktlosigkeit.
Fec lächelte spitz. »Laugier ist bereits vernarrt in dich. Umsomehr, als er dich für seriös hält.«
Bichette gelang es, eine jener Körperwindungen zu unterlassen, deren Hohn so Manchen auf dem Montmartre hatte erbleichen lassen. »Seriös?« zirpte sie schließlich.
»Ich habe ihm zudem heute erzählt, daß ich dein Erster bin. Wenn wir uns für verheiratet ausgäben, wäre der Reiz um vieles kleiner. Es ist ein ganz immenser Vorteil, ein Liebespaar zu sein. Das hebt unser beider Renommée auch ins Wolkige und überzieht uns gewissermaßen mit Leim.«
»Hein?« Bichette, die irgendetwas zu ärgern schien, tat so, als hätte sie nicht verstanden.
Fec hatte die Absichtlichkeit ihrer Frage gemerkt. »Mit Leim,« wiederholte er deshalb scharf. »Auf den Leute gehen sollen, Leute... Laugier ist bereits - gegangen.« Es machte ihm nun aber doch Mühe, den beabsichtigten sachlichen Ton zu finden, der ihm unerklärlicher Weise ebendeshalb gelang. »Er kennt Flinsparker. Von dem... von dem läßt du dich - mir wegnehmen, ça y est.«
Bichette empfand ein leichtes krampfähnliches Zusammenziehen der Kehle. Sie streichelte, wie um Falten zu glätten, ihre straffen Brüste. »Der mit den weißen Haaren und dem schwarz gefärbten Schnurrbart?« Ihre Stimme war so klein, daß Fec sicherlich aufmerksam geworden wäre, hätte nicht eine heftige Brise vom Meer her sie verweht.
Fecs Nase zuckte. »Meine Absicht ist...«
»Sag mir das später!«
Als er es ihr auf einer Bank der Place Massena sagte, hörte Bichette schweigend zu, stellte dann einige zweckdienliche Fragen und erhob sich plötzlich.
»Willst du hier Blüten treiben?«
Fec stand langsam auf, ein wenig verwundert.
In diesem Augenblick stieß Bichette einem dahertrottenden Jagdhund mit dem Fuß in die Flanke, so daß er aufheulend auf sie losfuhr.
Bichette wich ihm geschickt aus.
Fec trat schnell dem Hund entgegen, der sich scheu
wedelnd entfernte.
- Walter Serner, Die Tigerin. Eine absonderliche Liebesgeschichte.
München 1982 (dtv 10054, zuerst 1925)
Liebespaar (2) Du kannst dir die nun folgende
Szene leicht ausmalen. Freilich muß ich hier dem Pater Superior, wenn auch widerstrebend,
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er war ein Mann (natürlich bloß als Folge
seines mönchischen Empfindens), der dem Verkehr zwischen den verschiedenen Geschlechtern
so ahnungslos gegenüberstand wie dem Unterschied zwischen irgendwelchen Lebewesen
einer anderen Art. Die Szene, welche er nun erblickte, kann ihn also nicht stärker
empört haben als der Anblick so abscheulicher Liebesbräuche, wie sie etwa die
Paviane oder die Hottentottenweiber auf dem Kap der Guten Hoffnung pflegen.
Oder jene noch abscheulicheren Umschlingungen, welche die Schlangen Südamerikas
mit ihren menschlichen Opfern vollführen, sobald sie ihrer erst habhaft geworden
sind, um sich in den unnatürlichsten und unbeschreiblichsten Krümmungen und
zur scheußlichsten Vereinigung um deren Körper zu winden. So stand er in der
Tat nicht minder erstaunt im Angesicht zweier menschlicher Wesen verschiedenen
Geschlechts, welche es wagten, einander gegen jede klösterliche Ordnung zu lieben,
so schrak er vor solchem Anblick nicht weniger zurück, als hätte er einer jener
entsetzlichen Vereinigungen des Fleisches beiwohnen müssen, welche ich eben
angedeutet habe. Hätte er statt dieser Liebesszene
jenen fürchterlichen Knoten giftgeschwollener Vipern erblickt, welcher als ein
Unterpfand aller menschlichen Bosheit und Gottesfeindschaft gilt, er hätte kein
größeres Entsetzen zur Schau tragen können, - und zu seiner Rechtfertigung sei
gesagt, daß er tatsächlich empfand, was er da zur Schau trug. Welcher Verstellungen
er sich sonst auch immer in Ansehung der klösterlichen Observanz bedienen mochte
- hier war nichts davon zu spüren: Liebe, das war für
ihn ein stets mit der Sünde verbundener Begriff, auch
dann, wenn er durch das Sakrament der Ehe bekräftigt ward, wie das in unserer
Kirche der Fall ist. Und erst Liebe in einem Kloster!
Ach, sein Zorn war nicht auszudenken! - Charles Robert Maturin, Melmoth
der Wanderer. München 1969 (Hanser Bibliotheca Dracula, zuerst 1820)
Liebespaar (3) Es gab einmal einen Mann, der einigen Freunden sein Landhaus zur Verfügung gestellt hatte. Als sie zurückkamen, dankten sie ihm herzlich und schickten ihm die schmutzige Wäsche zum Waschen. Mr. Rice hatte das Gefühl, daß Phyllis Harrison etwas Vergleichbares mit ihm getan hatte.
»Aber Liebster, du mußt doch einsehen, daß ich gar nichts anderes tun konnte«, erklärte Phyllis angemessen reuevoll, als sie neben einem schweigend ausschreitenden Mr. Rice vom Kricketplatz zurückging. »Ich hätte es nie geschafft, die Jungen auch richtig nach Hause zu schicken. Wirklich, ich könnte es nicht. Sie würden alle irgendwo landen, mit falschen Socken und so weiter. Das mußt du einsehen.«
»Du hast mich hängen lassen«, sagte Mr. Rice stur.
»Liebster!« bat Mrs. Harrison.
»Durch dich habe ich vor den Jungen wie ein Narr ausgesehen.«
»Liebling!«
Pause.
»Bitte, vergib mir«, sagte Phyllis. »Bitte!«
»Das hätte ich nicht von dir erwartet, Phyllis.«
»Nein, Liebling. Bitte vergib mir.«
»Nun, wie dem auch sei«, sagte Mr. Rice mit einer finsteren Genugtuung im Blick. »Ich gehe!«
»Oh, das meinst du doch nicht ernst!« jammerte Phyllis. »Du darfst nicht gehen. Gerald, du darfst nicht. Was soll ich ohne dich anfangen?«
»Du hast doch einen Ehemann, oder etwa nicht?« erwiderte Mr. Rice mit blasierter Miene.
Phyllis zog einen Flunsch.
»Mein liebes Mädchen, warum hast du ihn dann überhaupt geheiratet?«
»Das weiß der Himmel«, sagte Phyllis offen. »Willst du mich nicht mitnehmen, Gerald?«
»Nein, ich will nicht.«
Phyllis seufzte.
»Ich habe es mir gedacht. Du liebst mich nicht wirklich? Stimmt's?«
»Liebst du mich etwa wirklich?«
»Gerald, aber natürlich liebe ich dich. Wie kannst du nur so etwas fragen?«
Ihre Augen flatterten über die große Gestalt, die neben ihr ging. Als er den Blick erwiderte, senkte sie bescheiden die Augen.
»Hätte ich... wenn ich dich nicht liebte?«
»Ja«, sagte Mr. Rice knapp und kompromißlos.
Phyllis lachte vergnügt.
»Gerald, ich liebe dich wirklich, wenn du so starr und schweigend und ehrenhaft dreinsiehst. Siehst du - du mußt selbst lächeln. Du bist doch nicht mehr böse mit mir?«
»Doch«, sagte Mr. Rice.
»Sag, daß du nicht mehr böse mit mir bist, oder ich küsse dich hier auf der Stelle vor all den Jungen. Das schwöre ich dir, ich tue es. Bist du immer noch böse mit mir?«
»Nein«, sagte Mr. Rice hastig, denn er war nicht im geringsten sicher, daß sie ihre Drohung nicht doch etwa wahrmachte.
»Dann ist es gut«, sagte Phyllis zufrieden. »Und was machen wir nun? Wie zahlen wir Amy diesen Schlag heim?«
»Wirklich, ich habe nicht im mindesten den Wunsch, Amy etwas heimzuzahlen.«
»Unsinn, Liebling. Natürlich hast du den Wunsch. Genauso wie ich. Das ist es ja, was mir an diesem Ort so gefällt. Wir sind genauso kindisch wie die Jungen. Sogar noch mehr, weil wir es eigentlich besser wissen sollten. Ich habe es ganz einfach gern, es anderen Leutenheimzuzahlen. Ich weiß: Ich gehe jetzt zu Leila Jevons und halte einen kleinen Schwatz mit ihr. Amy hat heute morgen versucht, sie hinaus zugraulen. Sie denkt sicher genauso wie wir.«
»Mein liebes Mädchen«, sagte Mr. Rice mit viel Würde. »Ich versichere dir, daß ich nichts dergleichen fühle.«
»Liebling!« sagte Mrs. Harrison innig. - Anthony Berkeley, Der Kellermord. München
1979 (zuerst 1932)
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