der lärm ist da, damit man nicht alles versteht.
ja soll man denn nicht
alles verstehen?
man soll jene menschen gut verstehen, von denen man das
geld erhält. man soll polizisten gut verstehen.
man soll die vorgesetzten
verstehen, und eventuell die eltern, wenn man von ihnen lebt.
sollen wir
einander verstehen?
dies ist nicht erforderlich.
im gegenteil. wechselseitiges
verstehen macht unruhig, führt zur planung.
liegen im missverständnis gefahren?
nur
angesichts des axioms, also angesichts der befohlenen anstrengung. (die familie
ist ja die keimzelle des staats.)
wir erzeugen den lärm, um leichter an die
oberflächlichkeit zu gelangen; etwa wie wir strassen bauen, um mit dem wagen
an das meer zu kommen. - Oswald Wiener: Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman.
Reinbek bei Hamburg 1969
Lärm (2) Ich sitze in meinem Zimmer im Hauptquartier
des Lärms der ganzen Wohnung. Alle Türen höre ich schlagen, durch ihren Lärm
bleiben mir nur die Schritte der zwischen ihnen Laufenden erspart, noch das
Zuklappen der Herdtüre in der Küche höre ich. Der Vater
durchbricht die Türen meines Zimmers und zieht im nachschleppenden Schlafrock
durch, aus dem Ofen im Nebenzimmer wird die Asche gekratzt, Valli fragt, durch
das Vorzimmer Wort für Wort rufend, ob des Vaters Hut schon geputzt ist, ein
Zischen, das mir befreundet sein will, erhebt noch das Geschrei einer antwortenden
Stimme. Die Wohnungstüre wird aufgeklinkt und lärmt, wie aus katarrhalischem
Hals, öffnet sich dann weiterhin mit dem Singen einer Frauenstimme und schließt
sich endlich mit einem dumpfen, männlichen Ruck, der
sich am rücksichtslosesten anhört. Der Vater ist weg, jetzt beginnt der zartere,
zerstreutere, hoffnungslosere Lärm, von den Stimmen der zwei Kanarienvögel angeführt.
Schon früher dachte ich daran, bei den Kanarienvögeln fällt es mir von neuem
ein, ob ich nicht die Türe bis zu einer kleinen Spalte öffnen, schlangengleich
ins Nebenzimmer kriechen und so auf dem Boden meine Schwestern und ihr Fräulein
um Ruhe bitten sollte. - (kaf)
Lärm (3) Kant hat eine Abhandlung über die lebendigen
Kräfte geschrieben: ich aber möchte eine Nänie und Threnodie [einen Klage-
und Trauergesang] über dieselben schreiben; weil ihr so überaus häufiger Gebrauch,
im Klopfen, Hämmern und Rammeln, mir mein Leben hindurch, zur täglichen Pein
gereicht hat. Allerdings giebt es Leute, ja, recht viele, die hierüber lächeln;
weil sie unempfindlich gegen Geräusch sind: es sind jedoch eben die, welche
auch unempfindlich gegen Gründe, gegen Gedanken, gegen Dichtungen und Kunstwerke,
kurz, gegen geistige Eindrücke jeder Art sind: denn es liegt an der zähen Beschaffenheit
und handfesten Textur ihrer Gehirnmasse. Hingegen finde ich Klagen über die
Pein, welche denkenden Menschen der Lerm verursacht, in den Biographien, oder
sonstigen Berichten persönlicher Aeußerungen fast aller großen Schriftsteller,
z. B. Kants, Goethes, Lichtenbergs,
Jean Pauls; ja, wenn solche bei irgend Einem fehlen sollten, so ist es
bloß, weil der Kontext nicht darauf geführt hat. Ich lege mir die Sache so aus:
wie ein großer Diamant, in Stücke zerschnitten, an Werth nur noch eben so vielen
kleinen gleich kommt; oder wie ein Heer, wenn es zersprengt, d. h. in kleine
Haufen aufgelöst ist, nichts mehr vermag; so vermag auch ein großer Geist nicht
mehr, als ein gewöhnlicher, sobald er unterbrochen, gestört, zerstreut, abgelenkt
wird; weil seine Ueberlegenheit dadurch bedingt ist, daß er alle seine Kräfte,
wie ein Hohlspiegel alle seine Strahlen, auf einen Punkt und Gegenstand
koncentrirt; und hieran eben verhindert ihn die lermende Unterbrechung. Darum
also sind die eminenten Geister stets jeder Störung,
Unterbrechung und Ablenkung, vor Allem aber der gewaltsamen durch Lerm, so höchst
abhold gewesen; während die übrigen dergleichen nicht sonderlich anficht. -
(schop)
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