abyrinth Lashley
versuchte den
Ort des Gedächtnisses
innerhalb des
Kortex
zu identifizieren,
und um das
zu tun, trainierte
er zuerst Ratten,
Labyrinthe
zu durchlaufen,
und entfernte
sodann verschiedene
kortikale Bereiche.
Er ließ die
Tiere sich
erholen und
testete, wieviel
von der Fähigkeit,
sich im Labyrinth
zurechtzufinden,
ihnen noch
blieb. Zu seiner
Überraschung
war es nicht
möglich, einen
spezifischen
Bereich zu
ermitteln,
der der Fähigkeit
entsprochen
hätte, sich
im Labyrinth
zurechtzufinden.
Dagegen erlebten
alle die Ratten,
bei denen Teile
der Großhirnrinde
entfernt worden
waren, irgendwelche
Schäden, und
der Umfang
dieser Schäden
war ungefähr
proportional
zu der Menge
der entfernten
Großhirnrinde.
Die Entfernung
der Großhirnrinde
beeinträchtigte
die motorischen
und sensorischen
Fähigkeiten
der Tiere,
und sie begannen
zu humpeln,
zu hüpfen,
zu rollen oder
zu taumeln,
aber irgendwie
brachten sie
es immer fertig,
das Labyrinth
zu durchqueren.
Was die Erinnerung
betraf, so
schien die
Großhirnrinde
"äquipotentiell"
zu sein, d.
h. daß alle
Regionen von
gleich groß
möglichem Nutzen
waren. In der
Tat schloß
Lashley
In seinem letzten
Aufsatz In
Search of the
Engram
("Auf
der Suche nach
dem Engramm"),
der 1950 erschien,
ziemlich verdrossen,
der einzig
mögliche Schluß
sei der, daß
Gedächtnis
überhaupt nicht
möglich sei.
- Steven
Rose,
nach (hof)
Labyrinth (2)

Labyrinth (3) Die Kanalisation
ist für die Bewohner heutiger Metropolen das, was der Wald
für die Menschen im Mittelalter darstellte. Obwohl die Abwassersysteme der Großstädte
heute im allgemeinen rationeller und weniger verstopft sind, nähren sie doch
weiterhin atavistische Angste und ererbte Schreckensvisionen, die unangefochten
vom Horror vor den Ratten dominiert werden, den wahren Herren der metropolitanen
Finsternis.
Als Städte der Dunkelheit unter den Städten des Sonnenlichts, als unendliche Labyrinthe geben die Kanalisationen das Theater für unsere Alpträume ab: Sie enthalten monströse und entsetzliche Tiere, widerliche Pflanzen, Geheimnisse, feuchte, von Säuren zerfressene Tunnelwände, Mauern aus schlüpfrigen Steinen, Schlamm, Kot und erstickende Nebel. Irgend jemand hat einmal die Kanalisation von New York als von Albino-Alligatoren mit roten Augen bevölkert beschrieben, die dort wild und bösartig hin- und herlaufen und sich von Ratten ernähren, so daß Kanalarbeiter, die es wagen, dort hinabzusteigen, dies nur bewaffnet mit Gewehren tun und entschlossen, gegen die Monster zu kämpfen. Und offenbar wünscht sich jemand eine solche Szenerie auch bei uns in Neapel und verschafft sich kleine Wassertiere, die er in die Kanalisation entläßt, in der Hoffnung, daß sie sich vermehren. Meldungen wie die über eine ein Meter lange Ratte, die in den Abwasserkanälen von Rom getötet worden sein soll, verbreiten sich wie ein Lauffeuer, und jeder fügt noch etwas hinzu.
Im Dunkeln raschelt es überall. Alles ist größer, blinder, weißer, sowohl
Pflanzen als auch Tiere. Obskure Gerüchte über die Existenz von vergessenen
Kanälen tauchen hin und wieder auf, über mutierte Pflanzen oder Tiere, abstoßende
Wesen, vielleicht sogar Außerirdische, die sich dort eingenistet haben, um ungestört
wachsen zu können und schließlich in die Wasserrohre zu kriechen, Straßen aufzubrechen
und Häuser und Menschen zu verschlingen.
- Aus:
Francesco Santoianni, Von Mäusen und Menschen. München 1998 (Serie Piper 2594,
zuerst 1993)
Labyrinth (4)
Jill glaubt, daß Jack kleinlich und gierig ist |
-
Ronald D. Laing, nach (was)
Labyrinth (5) BETTLER UND HUREN In
meiner Kindheit war ich ein Gefangener des alten und neuen Westens. Mein Clan
bewohnte diese beiden Viertel damals in einer Haltung, die gemischt war aus
Verbissenheit und Selbstgefühl und die aus ihnen ein Ghetto machte, das er als
sein Lehen betrachtete. In dies Quartier Besitzender blieb ich geschlossen,
ohne um ein anderes zu wissen. Die Armen — für die reichen Kinder meines Alters
gab es sie nur als Bettler. Und es war ein großer Fortschritt der Erkenntnis,
als mir zum erstenmal die Armut in der Schmach der schlechtbezahlten Arbeit
dämmerte. Das war in einer kleinen Niederschrift, vielleicht der ersten, die
ich ganz für mich selbst verfaßte. Sie hatte es mit einem Mann zu tun, der Zettel
austeilt und mit den Erniedrigungen, die er durch ein Publikum erfährt, das
für die Zettel kein Interesse hat. So kommt es, daß der Arme — damit schloß
ich — sich heimlich seines ganzen Packs entledigt. Gewiß die unfruchtbarste
Bereinigung der Lage. Aber keine andere Form der Revolte ging mir damals ein
als die der Sabotage; diese freilich aus eigenster Erfahrung. Auf sie griff
ich zurück, wenn ich der Mutter mich zu entziehen suchte. Am liebsten aber bei
den »Besorgungen«, und zwar mit einem verstockten Eigensinn, der meine Mutter
oft zur Verzweiflung brachte. Ich hatte nämlich die Gewohnheit angenommen, immer
um einen halben Schritt zurückzubleiben. Es war als wolle ich in keinem Falle
eine Front, und sei es mit der eigenen Mutter, bilden. Wieviel ich dieser träumerischen
Resistenz bei den gemeinschaftlichen Gängen durch die Stadt zu danken hatte,
fand sich später, als ihr Labyrinth sich dem Geschlechtstrieb öffnete. Der aber
suchte mit seinem ersten Tasten nicht den Leib, sondern die ganz verworfene
Psyche, deren Flügel faulig im Scheine einer Gaslaterne glänzten oder noch unentfaltet
unterm Pelz, in welchen sie verpuppt war, schlummerten. Ein Blick, der nicht
den dritten Teil von dem zu sehen scheint, was er in Wahrheit umfaßte, kam mir
nun zugut. Schon damals aber als noch meine Mutter mein Brödeln und verschlafenes
Schlendern schalt, spürte ich dumpf die Möglichkeit, im Bund mit diesen Straßen,
in denen ich mich scheinbar nicht zurechtfand, mich später ihrer Herrschaft
zu entziehn. Kein Zweifel jedenfalls, daß ein Gefühl — ein trügerisches leider
— ihr und ihrer und meiner eignen Klasse abzusagen, Schuld an dem beispiellosen
Anreiz trug, auf offener Straße eine Hure anzusprechen. Stunden konnte es dauern,
bis es dahin kam. Das Grauen, das ich dabei fühlte, war das gleiche, mit dem
mich ein Automat erfüllt hätte, den in Betrieb zu setzen, es an einer Frage
genug gewesen ware. Und so warf ich denn meine Stimme durch den Schlitz. Dann
sauste das Blut in meinen Ohren und ich war nicht fähig, die Worte, die da vor
mir aus dem stark geschminkten Munde fielen, aufzulesen. Ich lief davon, um
in der gleichen Nacht — wie häufig noch — den tollkühnen Versuch zu wiederholen.
Wenn ich dann, manchesmal schon gegen Morgen, in einer Torfahrt innehielt, hatte
ich mich in die asphaltenen Bänder der Straße hoffnungslos verstrickt, und die
saubersten Hände waren es nicht, die mich freimachten. - (ben2)
Labyrinth (6) Lashley
beschrieb Experimente zum Labyrinthlernen nach kortikaler Ablation
und kam zu dem Schluß:
Die Fähigkeit, das Labyrinth zu erlernen, ist abhängig von der Menge des funktionalen Cortexgewebes und nicht dessen anatomischer Spezialisierung... Die Ergebnisse sind unvereinbar mit Theorien, nach denen Lernen durch Veränderungen der Synapsenstruktur geschieht, und auch mit jeder anderen Theorie, die davon ausgeht, bestimmte neurale Integrationen seien abhängig von definitiven anatomischen Bahnen, die auf sie spezialisiert sind... Die Integrationsmechanismen sind in den dynamischen Beziehungen zwischen den Teilen des Nervensystems zu suchen und nicht in Details struktureller Differenzierung.
- Howard Gardner, Dem Denken auf der Spur. Der Weg der Kognitionswissenschaft.
Stuttgart 1992 (zuerst 1985)
Labyrinth (7) IN
MEINER EIGENSCHAFT als Labyrinth bin ich nicht imstande zu definieren,
wieviel Raum ich eigentlich einnehme; denn ich bin nicht
durch Mauern abgegrenzt wie eine Stadt, nicht durch
Basteien wie eine Festung oder durch Gräben wie eine Burg auf der Höhe, noch
früherer Belagerungen eingedenk. Obschon es sicherlich einen Ort gibt, hinter
dem ich aufhöre, als Labyrinth zu existieren, bin ich doch keine Oberfläche,
sondern die Summe der Wege, die kreuz und quer durch mich verlaufen, mit ihren
Ecken, Gängen, Schluchten, Brunnen, Statuen und Höhlen. Ein riesiges, grenzenloses
Eingeweide, Dickicht trügerischer Wegweiser, unentzifferbarer Wegstrecken, eine
genaue, aber unbekannte Landkarte bin ich und in meinen Ausmaßen einem jener
Tiere ähnlich, die nichts als Innereien zu haben scheinen und aus denen, wenn
sie geschlachtet und aufgeschlitzt sind, gleich
unendlich verschlungenen Wegen rosiges, blutiges und bisweilen durchsichtiges
Gedärm hervorquillt. Wenn ich mich aus meinem labyrinthischen Zustand herausreißen
könnte, dann könnten diese meine Wege gewiß als Grenzen einer Welt dienen, etwa
eines Asteroiden, der verloren im Geschwirr ihn flüchtig berührender Kometen
steht. Aber vielleicht ist es nicht ungenau, wenn ich meine Alleen, Gassen und
Pfade als meine inneren Grenzen betrachte, die einen engen, muffigen Raum abstecken,
wo es nach Verkommenem und Verwestem riecht und wo Indizien, Zeichen
und schweigendes Augenzwinkern zu Hause sind. - Giorgio Manganelli, Labyrinth. In: (irrt)
Labyrinth (8) Ich
legte die Mappen mit den Protokollen über meine
Versuche in die Fächer und schloß das Schränkchen
ab. Nachdem ich den Schlüssel an den Nagel gehängt hatte, ging ich zur Tür.
In der erhitzten Stille hallten meine Schritte vernehmlich. Während ich nach
der Klinke griff, blieb ich mit erhobenem Kopf stehen. Hinter mir hatte ich
ein leichtes, eiliges Geräusch gehört.
Die Ratte, schoß es mir durch den Kopf. Ist sie aus dem Käfig hinausgelangt? Unmöglich.
Ich konnte das auf mehreren Tischen aufgestellte Labyrinth mit einem Blick überschauen. Die gewundenen kleinen Korridore unter der Glashaube waren leer. Also wohl eine Täuschung. Dennoch rührte ich mich nicht von der Stelle. Wieder ein Geräusch, jetzt in der Nähe des Fensters. Ein deutliches Scharren kleiner Pfoten. Ich wandte mich um, hockte mich schnell nieder und blickte unter die Tische. Nichts. Wieder ein Geräusch, diesmal aus der entgegengesetzten Richtung. Ich lief zum Ofen. Hinter meinem Rücken raschelte es kurz und heftig. Ich verharrte auf der Stelle, drehte langsam den Kopf zur Seite und schaute aus den Augenwinkeln. Alles war hell und still. Ein zweites, ein drittes Geräusch aus verschiedenen Richtungen. Ich stieß die Tische gewaltsam auseinander. Nichts. Dicht neben mir ein unverschämtes Scharren, ein Nagen an Holz. Reglos wie eine Statue beobachtete ich das Zimmer. Nichts. Plötzlich drei, vier scharfe Geräusche, ein Kratzen unter den Tischen. Vor Ekel lief mit ein Schauder den Rücken hinunter.
Na, na, du wirst doch vor Ratten keine Angst haben, wies ich mich selbst zurecht.
Von dem Schränkchen, das ich soeben abgeschlossen hatte, klang das energische
Nagen scharfer Zähne herüber. Ich eilte hinzu - darinnen tobt etwas, fällt weich,
springt. Ich reiße das Schloß auf, ein graues Knäuel stürzt mir direkt auf die
Brust. - Stanislaw Lem, Die Ratte im Labyrinth (zuerst 1957)
Labyrinth (9) Mir
ist heute klarer geworden, was diese Schützengräben sind: die Chinesische Mauer,
doch zerbrechlicher als jene Chinesische Mauer, über die man sich in den Reiseberichten,
in denen ich sie beschrieben fand, so sehr lustig gemacht hat.
Hier also nun, mein Liebes, meine Odyssee durch diese bleiche Stadt des Schweigens und der Monotonie.
Ich bin um acht Uhr morgens zu Fuß zu den Stellungen unserer Batterie aufgebrochen, um dort die Order entgegenzunehmen. Dormegnie, der unberittene Führer aus meiner Stube, stößt zu mir, damit ich ihn in die Schützengräben mitnehme. Der Sekretär des Kommandeurs, der aus der entgegengesetzten Richtung kommt, zeigt mir meine Beförderung zum Obergefreiten. Der Schütze aus meiner Stube namens Braque will mir erklären, wo sich der Adjutant aufhält, aber er verläuft sich so gründlich, daß er schließlich mit uns geht. Unterwegs bleiben wir stehen, um ganze Berge von nicht explodierten Granaten aller Kaliber zu überprüfen. Schließlich stoßen wir auf eine Batterie eines anderen Regiments. Man richtet die 75er ein. Ssss peng, eine Sprenggranate explodiert 4 Meter von uns entfernt: eine österreichische 8 8er. Alle Mann laufen weg, außer uns, wir wissen nicht, was wir tun sollen, denn wir kennen die Kerls aus dieser Batterie, bei der wir uns befinden, nicht. Ssss peng, zweites Geschoß, zwei Schritt entfernt. Zum Glück bleiben die Splitter in dem Loch oder fliegen wer weiß wohin. Am Ende haben wir nur Erde und Zweige abbekommen. Die Kerls von der fremden Batterie rufen uns in ihren Unterstand. Wir gehen hin. Diese Kanoniere sind von der Orne, alle aus der Normandie. Die Granaten fallen eine nach der anderen. Dann Ruhe. Wir brechen auf. Die Gräben schimmern weißlich in der Ebene. Man könnte meinen, daß man in der Metro ist. Wir erreichen die Schützengräben und betreten den ersten Laufgang. 2 Meter hoch, l Meter breit. Bis zu eineinhalb Meter unterm Boden Kreidegestein: schneeweiß. Alles von penibler, außergewöhnlicher Reinlichkeit. Nicht ein Strohhälmchen, nicht ein Stück Papier. Alle 4 oder 5 Meter eine halbkreisförmige Ausweichstelle, die es einem gestattet beiseite zu treten, um die durchzulassen, die aus der entgegengesetzten Richtung kommen. Gegenüber befindet sich ein Abflußloch. Die Gänge haben Namen: Boulevard Bonaparte, Deutscher Boulevard, Boulevard Tod den boches, Fabert-Gang, Gabrielle-Gang, Rosen-Gang, Gang der Marquise, Hosenscheißer-Gang. All das zieht sich kreuz und quer endlos hin. Es ist, wie gesagt, die Chinesische Mauer, aber innen hohl. Es ist ein richtiger Irrgarten. Minos mit seinem Stierkopf würde sich in seinem Labyrinth glauben, das zwar viereckig, aber nicht das der Ariadne ist, die Ariadnen fehlen hier völlig.
Frauenzimmer
Haben wir nimmer
Nur Rosalie-die-Flinte
heißt es im Frontlied. Sehr wenig Soldaten. Manchmal ein Wachposten an den
Schießscharten. Manchmal sieht man in einem Loch Füße, schlafende poilus, deren
Füße zu sehen sind. Manchmal ein Typ mit einem Marmeladen- oder einem Weinkübel.
Und die Gänge ziehen sich kreuz und quer hin. Eine Kugel pfeift, srrrrst, dann
pfeifen 7 oder 8 auf einmal. Am Rande eines Lochs liest ein Unteroffizier in
einem Band der Werke von Walter Scott. Kilometer, Kilometer! Die Schießscharten
in der vordersten Linie sind Kisten aus dünnem Holz ohne Boden und Deckel, die
man ringsum mit kleinen Sandsäcken bepackt hat. Ich habe auch eine durchlöcherte
Schiefertafel gesehen. Aber an den Schießscharten sieht man immer, wie dünn
die Trennwand zwischen uns und den boches ist. Sie ist zerbrechlich und hat
einen gewissen Schick. Sie ist aus nichts gemacht. Es steckt eine gewisse Anmut
darin, ja wirklich, weibliche Anmut. Das ist so etwas wie ein empfindlicher
Hut nach der Pariser Mode. Keineswegs solide, leicht, leicht. Soldaten gibt
es nur wenige. Einer von ihnen läßt an der Sonne einen Schafspelz trocknen.
Wir gehen einen ziemlich flachen Gang entlang; wir laufen so einen Kilometer
auf allen vieren. Dann ein tiefer Gang, davor ein Wald mit Birken und Haselnußsträuchern.
Ich springe auf die Böschung vor den Schützengräben der vordersten Linie, um
Dir einen Zweig von einem Haselnußstrauch abzubrechen, werde ihn Dir mit dem
Ring schicken. Ich finde da auch ein Veilchen. Ich schicke es Dir zusammen mit
anderen Blumen oder Pflanzen aus den Schützengräben. Diese Eskapade bringt mir
eine kleine Schramme an der Stirn und einen gewaschenen Anpfiff von einem Infanterieadjutanten
ein. Endlich treffen wir bei den Husaren ein. Ich suche unseren Adjutanten,
wo er sein muß: ein Horchposten in 30 Meter Entfernung von den boches. Wir finden
ihn nicht. Empoilu meißelt eine nackte Frau in das Kreidegestein der Gräben,
diese unbefleckte Nacktheit ist erbärmlich kitschig. Eine Glocke (eine Schelle,
wie sie die Kühe in der Schweiz haben) hängt in einer Ecke. Darüber hat man
mit Kreide ein Geschlechtsteil geritzt. Auf den Säcken an den Schießscharten
ist zu lesen: »Wir kriegen sie!«, »Trotzdem!« usw., usw. Ich finde meinen Adjutanten
vom 3 8. nicht. Um 4 Uhr entschließe ich mich, mit den beiden poilns und meiner
Ladung Blumen und Pflanzen umzukehren, Zweiglein von der Heckenrose, vom Haselnußstrauch
und Stielen von Pimpernelle, Vergißmeinnicht, Eisenhut, Gänseblümchen usw. Empoilu,
der einen Aluminiumring putzt, erzählt uns, daß die boches seit zwei
Tagen Bomben mit Flaschensplittern herüberschicken. Wir kehren durch den Gang
der Marquise zurück, der zu den rückwärtigen Linien führt. Dort ist ein
sehr tiefer Brunnen, erschreckende Bequemlichkeiten. Poilus reinigen, entlausen
sich usw. Außerhalb der Gräben beackern einige ein seltsames Stückchen Garten,
das sie selbst oder ihre Vorgänger angelegt haben. - (apol)
Labyrinth (10) Wenn
der Einbruch der Nacht mich zwingt, das Haus zu verlassen und - ich allein -
in den Sumpf einzudringen, dann weiß ich - weiß ich, nachdem ich entdeckt habe,
daß ich mich wirklich im Sumpf befinde -, daß der Sumpf die Form eines Labyrinths
angenommen hat; unter meinen Füßen ist der Boden fest, und nur ein anhaltender
Geruch von Schlamm, Schlick und eitrigem Erdschweiß bestätigt mir, daß der Sumpf,
auch wenn er sich als Labyrinth gebärdet, noch immer er selbst ist. Die Nacht
des Labyrinths wird durch eine Phosphoreszenz erhellt, die teils aus dem Sumpf
heraufsteigt, teils von dem, was ich den Himmelssumpf nannte, herabscheint.
Ich durchlaufe eine Zeichnung, die mich in Wahrheit keinen Augenblick lang daran
hindert, die Grenzen dessen zu überschreiten, was ich als Pfade beschreiben
müßte; aber ich weiß, daß ich die Zeichnung, der ich folgen muß, in keiner Weise
verletzen darf; wie ein Schachspieler bin ich an eine geringe Zahl von Bewegungen
gebunden, ich kann das Sumpffeld nicht seitwegs durchlaufen, und kann auch nicht,
wie es bequem erschiene, direkt auf das Zentrum zugehen. In Wirklichkeit weiß
ich, daß ich das Labyrinth durchlaufe, weiß, daß ich aufpassen muß, nie auswegslos
in eine Straße eingeschlossen zu sein, die zwar nur gezeichnet ist, aber unerbittlich;
und trotzdem weiß ich nicht, welches der Punkt, der Ort, der lediglich angedeutete
Weiher ist, wo der Zwang zum Abbiegen, zum Erforschen der Gabelungen, zum rückwärts
Weitergehen sich auflöst; und gleichzeitig irre ich mich ständig, auch wenn
dieses Wort in solchem Spiel ungenau erscheint; ständig finde ich mich in eine
Straße eingeschlossen, die nirgendwo hinführt, und muß dann zurückgehen und
die irrtümliche Gabelung suchen, muß schließlich noch andere Irrtümer probieren,
in der Hoffnung - aber als reines Spiel -, die Lösung am Ende zu finden; als
reines Spiel, sage ich mir, aber in Wirklichkeit sage ich das, weil ich nicht
weiß, ob dieser Lauf durchs Labyrinth zur Kategorie der belanglosen Spiele gehört,
oder ob im Gegenteil meine Beziehung zum Sumpf und zu allen Gestalten, in denen
der Sumpf sich von nah und fern vor mir aufspielt, in absoluter Weise davon
abhängt. - Giorgio Manganelli,
Der endgültige Sumpf. Berlin 1993(zuerst 1991)
Labyrinth (11) Das
Epos, das wir lesen, ist ein Labyrinth, in dem sich
andere Labyrinthe auftun. In der Mitte der Dichtung gibt es eine
Fallgrube, eine Art Strudel, von dem die Hauptpersonen
eine nach der anderen verschlungen werden: das verwunschene Schloß des Zauiberers
Atlas. Schon vorher hatte der Zauberer uns ein stählernes Schloß in den Pyrenäen
vor Augen geführt und es dann in Luft aufgehen lassen. Jetzt erblicken wir mitten
auf einer Wiese unweit der Küste des Ärmelkanals ein prächtiges Schloß, das
ein Strudel von Leere ist, in dem sich alle Bilder des Epos brechen. Während
er durch einen Wald reitet, hört Rüdiger einen Schrei:
Er sieht einen Riesen mit einem Ritter kämpfen. Unter einem Keulenschlag des
Riesen stürzt der Ritter zu Boden, sein Helm löst sich, und eine Flut blonden
Haares quillt hervor: Es ist Bradamante! Rüdiger verfolgt den Riesen, der mit
der reglosen Kriegerin flieht und in einem marmornen Schloß mit goldenen Pforten
verschwindet. Rüdiger tritt ein, läuft durch Säle und Flure, treppauf, treppab,
verirrt sich, durchsucht das Schloß mehrmals von oben bis unten-, keine
Spur des Entführers noch der Entführten. - (rol)
Labyrinth (12)
- N. N.
Labyrinth (13) Wenn
das Bessere des Guten Feind ist, muß zwangsläufig auch
gelten, daß das Gute der Feind des Besseren ist, denn die philosophischen Abstraktionen
kennen so wenig Pardon wie Selbsterniedrigung. Ein Mensch kann auf Haß mit Liebe
reagieren, eine Idee niemals, und je glanzvoller diese Idee ist, um so störrischer
ist sie.
Man behauptet also implizit, daß das Gute das Bessere verabscheut und daß ein wilder Haß sie entzweit. Davon zehrt das jeweils andere, in Ewigkeit. Was aber ist das Gute und das Bessere, und worin liegt der Ursprung ihres Konfliktes? Was will dieser grammatikalische Manichäismus besagen?
Ist es beispielsweise gut, ein Dummkopf zu sein, und besser, Genie zu haben? Wenn man sagt, daß Gott alles zum Besten geschaffen hat, muß ich dann darunter verstehen, daß er nichts zum Guten gewendet hat? In welcher metaphysischen Höhle haben sich dieser Komparativ und dieser Positiv den Krieg erklärt? Es ist zum Verrücktwerden.
Ich stütze den Kopf in beide Hände und gebe mir selbst zärtliche Kosenamen: — Sehen wir zu! Noch einmal, mein lieber Freund, mein Schatz, mein kleiner blauer Hase! Nur ruhig, wir werden den roten Faden schon finden. Wir haben gesagt oder sagen hören, daß das Bessere des Guten Feind ist, nicht wahr? Was aber ist der Feind des Guten, wenn nicht das Böse? Das Bessere und das Böse sind mithin identisch. Da haben wir also bereits etwas Aufklärung, wie es scheint...
Ja, aber wenn das Bessere wirklich das Böse ist, werden wir anzuerkennen gezwungen sein, daß auch das Gute wiederum das Böse ist, und zwar auf ganz unbestreitbare Weise, weil alle Menschen ja zugeben, daß es selbst besser ist als das Böse, welches das Bessere ist, und daß es folglich besser ist als das Bessere, welches dann das Schlechteste wäre !!!???
Mist! Ariadne läßt mich los, und ich höre den Minotaurus
schnauben. - (bloy)
Labyrinth (14) »Immer
rein, schöne Jungs«, rief sie von weitem und kam wohl auch selbst heraus, sich
bei einem einzuhängen und ihn mit aller Kraft nach ihrer Tür zu ziehen, indem
sie sich an ihn klammerte wie eine Spinne, die ein größeres Tier abschleppt.
Der Mann, erregt durch die Berührung, widersetzte sich schlaff, die anderen
blieben stehen und guckten, zaudernd, ob sie sofort eintreten oder die appetitmachende
Promenade noch verlängern sollten. Hatte die Frau den Matrosen dann nach erbitterten
Anstrengungen bis zur Schwelle ihres Logis gezerrt und wollte die ganze Bande
sich hinter ihm hineindrängeln, rief auf einmal Celestin Duclos, der sich mit
solchen Häusern auskannte: »Nicht da rein, Marchand, das ist nicht das Richtige.«
Dann machte der Mann, dieser Stimme gehorsam, sich mit brutalem Schubs frei,
die Freunde reihten sich unter unflätigen Beschimpfungen des wütenden Mädchens
wieder ein, und vor ihnen traten, die ganze Gasse hinauf, von dem Lärm gelockt,
andere Frauen aus den Türen und stießen verheißungsvolle Angebote aus rostigen
Kehlen. Von Mal zu Mal mehr entflammt, zogen sie also weiter zwischen den Schmeicheleien
und Versprechungen des Chors der Liebestürhüterinnen vom ganzen oberen Straßenende
und den Flüchen, die ihnen der untere Chor nachschleuderte, der Chor der verachteten
Mädchen. Ab und zu begegneten sie einer anderen Bande, Soldaten, denen Eisen
gegen die Beine schlug, dann wieder Matrosen, vereinzelten Bürgern, Handelsangestellten.
Überall taten sich neue schmale Gassen mit trüben Leitsternen auf, und die Männer
strichen immer weiter durch das Labyrinth der Spelunken, über schmieriges Pflaster,
wo stinkiges Wasser versickerte, rechts und links Mauern
weiblichen Fleisches. - (nov)
Labyrinth (15) Am
Stadtrand streichen oft ältere Personen männlichen Geschlechts ohne Papiere
und im Zustand einer allgemeinen Gedächtnislosigkeit herum. Manche werden wieder
bei ihren Verwandten abgeliefert, andere werden weder identifiziert noch irgendwo
vermißt.
Es handelt sich um Personen, die ein plötzlicher Impuls dazu drängt, aus dem Haus zu gehen, und die irgendwohin gehen, sich aber nicht erinnern können wohin. Sie sehen aus, als hätten sie eine Verabredung. Oft legen sie viele Kilometer zurück. Mancher steigt automatisch in einen Zug. Und er weiß weder, wo er abgefahren ist, noch an welchem Bahnhof er ankommen wird. Gewöhnlich werden sie von der Stadtpolizei gefunden, und es wiederholt sich immer dasselbe Gespräch.
Der nicht Identifizierte, dem Aussehen nach um die siebzig, wird auf die Polizeiwache gebracht. Im allgemeinen ist er gefügig. Man führt ihn in ein Büro (wie zum Beispiel im letzten, hier zu Protokoll genommenen Fall). Aber der Betreffende sucht sofort den Ausgang. Er geht daran vorbei, ohne ihn zu sehen; und er geht auf eine Zimmerecke zu. Er tastet die Ecke ab und sagt: »Das ist ein Labyrinth!«
Er wird zur Tür hinausgeführt. Da schaut er die Tür an und sagt: »Endlich! Ist das der Ausgang?«
Als er auf dem Gang ist, geht er auf die gegenüberliegende Wand zu, anstatt den Gang entlang, und er sucht mit der Hand nach etwas; dann sagt er: »Aber wo ist denn das Fenster?«
Man sagt ihm: »Hier sind keine Fenster.« Er sieht ratlos aus. Und er sagt weiter: »Aber hier war doch eins.« Während er weiter mit den Händen die Wand entlangstreicht und sie abtastet, geht er nach rechts. Mit einem Knie berührt er einen Stuhl und sofort beginnt er auszuschlagen. Er sagt mit beunruhigter Miene: »Wem gehören diese Katzen, dem Hausmeister?«
Man sagt ihm, das sei ein Stuhl. Er lacht und sagt: »Der Stuhl des Hausmeisters.«
Er wird den Gang entlanggeführt. Er sträubt sich ein wenig und sagt immer wieder: »Langsam, langsam, soll ich denn die Treppe hinunterfallen?«
Man sagt ihm, hier sei keine Treppe, er brauche sich keine Sorgen zu machen. Dadurch ist er irgendwie ermutigt, bleibt aber vorsichtig. »Aber diese Stufen! Wenn man nicht aufpaßt, sieht man sie gar nicht.«
Zuletzt betritt er in Begleitung das Büro für verlorengegangene Personen. Man bietet ihm einen Sitzplatz an. Er sagt: »So viele Leute! Warten die alle?« Er grüßt jemanden auf der rechten Seite, winkt ihm zu und sagt: »Hier ist Platz, hier ist noch Platz« und deutet auf die Wand.
Man fragt ihn nach seinem Nachnamen. Er sagt: »Boni, ich heiße Boni.« Dann steht er auf und sagt wieder: »So viele Leute! Wie haben die denn alle hier Platz?«
Man sagt ihm, er sei allein. Er lächelt verständig und deutet nach rechts. »So viele Leute habe ich noch nie gesehen. Ist das ein öffentlicher Wettbewerb?«
Man antwortet ihm, das sei es nicht. Er erscheint zufrieden.
»Wie alt sind Sie?« Er denkt lange nach: »Das wußte meine Frau; ich halte nichts davon.« Er winkt wieder, als wollte er einen Sitzplatz anbieten.
»Boni«, sagte man zu ihm, »was haben Sie in Ihrem Leben gemacht?« Er beugt sich nach vorne, ist betroffen. Das Wort scheint ihn zu rühren. Man wiederholt ihm die Frage. Er schließt beinahe weinend die Augen. Er sagt: »In meinem Leben?« und weint, »was ich da gemacht habe? Wenig hab ich gemacht. Das schwör ich Ihnen.« »Aber was?« fragt man ihn. »Waren Sie Angestellter?« Er antwortet sofort: »Nein, nein, das schwör ich Ihnen.«
»Was haben Sie gemacht?« Er blickt um sich. Halblaut sagte er: »Ich habe
keine Zeit gehabt. Es war so kurz.« Dann wiederholt er: »Mein Leben! Es war
so kurz, mein Leben.« - (cav)
Labyrinth (16) Von
nahem kam es ihnen wie eine gerade, endlose, durchweg aus Backstein errichtete
Mauer vor, wenig mehr als mannshoch. Dunraven sagte, sie habe die Form eines
Kreises, aber so weit erstrecke sich ihr Umfang, daß die Krümmung nicht wahrzunehmen
sei. Unwin erinnerte an Nikolaus Cusanus, für den jede Linie der Bogen
eines unendlichen Kreises ist... Gegen Mitternacht entdeckten sie ein verfallenes
Tor vor einem blinden, riskanten Gang. Dunraven sagte,
im Inneren des Hauses gebe es viele Kreuzungen, aber wenn sie immer nach links
abbögen, würden sie in wenig mehr als einer Stunde den Mittelpunkt
des Netzes erreichen. Unwin stimmte zu. Die vorsichtigen Schritte hallten auf
dem Steinboden; der Gang verzweigte sich in andere, die schmaler waren. Das
Haus schien sie ersticken zu wollen; die Decke war sehr niedrig. -
Jorge Luis Borges, Das Aleph, nach (bo3)
Labyrinth (17) Dem
Morast ziehe ich in jedem Fall das Labyrinth vor. - (rom)
Labyrinth (18) Auf diesem Weg kam man also nicht weiter; freilich schien es mir meinen Berechnungen
zufolge sicher zu sein, daß der Abstellraum der letzte in der Reihe war und
daß meine Wand, unterbrochen von einem großen quergestellten Raum (nämlich dem
Gang mit den Rehböcken), folglich dort endete. Mir brach der kalte Schweiß aus,
und mir wurde ganz wirr im Kopf; wieder an den Ausgangspunkt zurückgekehrt,
bestimmte ich nur aus dem Gedächtnis die Richtung
dieser verflixten Wand, und das bestätigte mich in meiner
Annahme. Die Stellung mußte also in weitem Bogen umgangen werden.
Der große Korridor schien wirklich mit der Innenwand die Enden der beiden Fluchten ab-und einzuschließen, also diejenige, die ich bis jetzt so mühsam durchlaufen hatte, und die andere, zu der mein Zimmer und ebenso das gesuchte gehörte. Nun zeigte besagte Wand gegen Ende und hinter der von mir angenommenen Breite der beiden Reihen allerdings nur einen kleinen Eingang. Ich war unsicher und wußte nicht recht, ob ich mich in diese dritte Flucht von Zimmern hineinbegeben sollte, die ich nicht kannte und in der sich vielleicht auch dasjenige meines Gastgebers befand. Zudem hatte die kleine verschlossene, wohlgearbeitete und verspiegelte Flügeltür ein so intimes Aussehen, daß sie mir wider meinen Willen Respekt einflößte. Aber dann machte ich mir doch Mut und trat behutsam ein.
Ich stand jetzt in einer Art Vorzimmer, das allerdings nicht ganz vernachlässigt war. Obwohl die Jalousien und auch die Fensterläden fast ganz geschlossen waren, erkannte ich zwei Polsterstühle und ein Paar Wandtischchen aus farbigem Marmor mit Gegenständen darauf; was mich, gemeinsam mit einem gewissen Geruch oder einer gewissen Wärme in der Luft, vermuten ließ, daß dieser Ort derzeit bewohnt war, mich aber auch immer mehr befürchten ließ, daß sich das Nest meines Gastgebers in nächster Nähe befand. Wieder ergriffen mich Skrupel; aber nachdem ich eine Weile gehorcht und nicht den geringsten Laut gehört hatte, entschloß ich mich, weiterzugehen. Vor allem deshalb, weil ich an der richtigen Seite eine Tür sah; von der ich glaubte, was ich damit sagen will, daß sie mich in das ersehnte Zimmer führen würde.
Nachdem ich diese Tür geöffnet hatte, gelangte ich in einen zweiten, hellen
Raum, der jedoch ein wenig kühler oder weniger bewohnt als der erste und fast
ohne Möbel war; ein verschlissener Teppich und eine kostbare Wandverkleidung,
allerdings in dem gewohnten schlechten Zustand; zwei oder drei vergoldete und
aus ihrer Verankerung gelöste Wandleuchter, ein runder Tisch, dessen Platte
sich in der Mitte aufgeworfen hatte. Wahrscheinlich war dies ein Durchgang,
dem, sollte mein Eindruck des ersten Zimmers richtig gewesen sein, ein weiteres
bewohntes folgen mußte, in dem sich vielleicht gerade jemand aufhielt. Immerhin
befand ich mich jetzt, meinen Berechnungen gemäß, in der Mitte der zentralen
Zimmerflucht, und die Tür, die ich vor mir hatte mußte mir endlich den Zugang
in das mit soviel Ausdauer gesuchte Zimmer verschaffen. So nahe am Ziel, zögerte
ich also nicht mehr länger und öffnete behutsam diese Tür.
- Tommaso Landolfi, Herbsterzählung. Reinbek bei Hamburg 1990 (zuerst
1975)
Labyrinth (19) Als
Dr. Bauer und Dr. Hake eines Tages auf dem Weg zu einem neuen Fall miteinander
zusammenstießen, fragte Dr. Hake sie höflich: »Waren Sie schon mal unten im
Labyrinth?«
Er steckte seine Pfeife ins Etui, immer ein Zeichen, daß er etwas im Schilde führte, und sie machten sich auf den Weg. Die Treppe führte direkt hinunter in den Praktikumsraum der städtischen Bestattungsfachschule. Von hier verband ein Netz dunkler, heißer Korridore die Morgue mit der Psychiatrie und dem Hauptgebäude.
Die technischen Einrichtungen des Krankenhauses befanden sich hier, aber auch streunende Katzen, Ratten und Obdachlose suchten Zuflucht in den Lagernischen. Dann und wann kam ein grün gekleideter Pfleger vorbei, oder Katzen stoben in wilder Flucht davon. Die Ärzte benutzten diese Gänge nie. Doctores Bauer und Hake bildeten ein schönes, weißbekitteltes Paar. Als sie auf einen schlafenden Tippelbruder stießen, der quer auf dem Gang lag wie eine Schnapspfütze, nahm Dr. Hake sie galant auf die Arme und trug sie hinüber. Während dieses Manövers wagte sie ihm einen flinken Kuß an den Hals zu drücken.
Beim nächsten Penner ließ Dr. Hake sich Zeit, und breitbeinig über dem Schnarchenden stehend, riskierten sie den ersten kleinen Ballwechsel, bis sie allmählich den festen Boden unter den Füßen verloren.
Gerade im rechten Augenblick kam ein Krankenpfleger mit einer Leiche auf
der Bahre daher und rief: »Dürfen wir mal vorbei?« Dr. Hake besann sich und
stellte Dr. Bauer jenseits des Hindernisses wieder auf die Füße, und während
sie langsam weitergingen, begann er einen weitschweifigen Diskurs über seinen
neuesten Fall von Skelettrekonstruktion. -
Irene Dische, Fromme Lügen. Frankfurt am Main 1989
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