ust  Wie deß Lustes zweyerley / nemlich des Leibes und des Gemütes / so muß auch jeder nach seiner Beschaffenheit beschrieben und gebildet werden. Ferners ist der Lust zulässig und bey den Knaben in den Füssen / bey der Jugend in der MittelStelle / bey dem Alter in dem Haubt / entweder in dem Augenlust dem Geitz / oder in der Wissenschaft und Erfahrung / welche die Alten schwätzig machet / nach dem Sprüchwort: Wer viel weiß kann viel sagen. Der Jugend Brust ist voller Lust / deß Alters Lust ist Trunkenheit. Die süße / beliebte / reitzende / mächtige / streitende / gebüsste / bereute / flüchtige / entzündende  / böse Lust / empfangt durch Einwillig und gebührt durch würckliche Vollziehung die Sünde. - (hrs)

Lust (2) Ich stand einst an einem heißen Sommertage an einem Teich und betrachtete eine Wasserlilie, die ihre Blätter glatt über das Wasser gebreitet hatte und mit offner Blüte sich im Lichte sonnte. Wie ausnehmend wohl müßte es dieser Blume sein, dachte ich, die oben in die Sonne, unten in das Wasser taucht, wenn sie von der Sonne und dem Bade etwas empfände. Und warum, fragte ich mich, sollte sie nicht? Es schien mir, daß die Natur wohl nicht ein Geschöpf für solche Verhältnisse so schön und sorgsam gebaut hätte, um es bloß als Gegenstand müßiger Betrachtung darzustellen, zumal da tausend Wasserlilien verblühen, ohne daß sie jemand betrachtet; viel mehr mutete mich der Gedanke an, sie habe die Wasserlilie deshalb so gebaut, um die vollste Lust, die sich aus dem Bade im Nassen und Lichten zugleich schöpfen läßt, auch einem Geschöpfe in vollstem Maße zugute kommen, von ihm recht rein durchempfinden zu lassen. - Gustav Theodor Fechner, Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen (1848)

Lust (3)

WAs ist die Lust der Welt? Nichts als ein  Fastnachts=Spiel /
So lange Zeit gehofft / in kurtzer Zeit verschwindet /
Da unsre Masquen uns nicht hafften / wie man will /
Und da der Anschlag nicht den Ausschlag recht empfindet.
Es gehet uns wie dem / der Feuerwercke macht /
Ein Augenblick verzehrt offt eines Jahres Sorgen;
Man schaut / wie unser Fleiß von Kindern wird verlacht /
Der Abend tadelt offt den Mittag und den Morgen.
Wir fluchen offt auf diß / was gestern war gethan /
Und was man heute küßt / muß morgen Eckel heissen /
Die Reime / die ich itzt gedultig lesen kan /
Die werd ich wohl vielleicht zur Morgenzeit zerreissen.
Wir kennen uns / und diß / was unser ist / offt nicht /
Wir treten unsern Kuß offt selbst mit steifen Füssen /
Man merckt / wie unser Wunsch ihm selber widerspricht /
Und wie wir Lust und Zeit als Sklaven dienen mussen.
Was ist denn diese Lust / Und ihre Macht und Pracht?
Ein grosser Wunderball / mit leichtem Wind erfüllet.
Wohl diesem / der sich nur den Himmel dienstbar macht /
Weil aus dem Erdenkloß nichts als Verwirrung quillet.

- (hofm)

Lust (4)  Die Adern, die in der Leber und im Bauch des Mannes sind, treffen sich in seinen Genitalien. Und wenn die Erregung der Lust vom Marke des Mannes ausgeht, gelangt sie in die Geschlechtstheile und erregt im Blute den Vorgeschmackt der Lust. Und weil diese Theile eng und fest eingeschlossen sind, kann jene Erregung sich nicht genügend verbreiten und erglüht dort stark in Lust, so dass sie in dieser Glut selbstvergessen sich nicht enthalten kann, den Samenschleim zu entsenden; denn wegen der Eingeschlossenheit der Schamtheile entbrennt das Feuer der Lust heftiger, wenn auch seltener, in ihm als in der Frau. Denn wie auf grossen Wellen, die sich von starken Stürmen auf Flüssen her heben, ein Schiff heftig kämpft und kaum sich halten und widerstehen kann: so kann auch im Sturm der Wollust die Natur des Mannes sich schwer zähmen. - Hildegard von Bingen

Lust (5)

Jeder fällt sich um den Hals
Zu der Zeit des Karnevals.
Und nach alten Münchner Bräuchen
Hörst du ihn vor Lust fast keuchen.

Bis zur Drau, bis zu Sau
Hörst du herzigen Radau.
Wo du deinen Blick hin schwenkst,
Quietscht die Stute, bläst der Hengst.

Ganz zur Pfeife, ganz zur Tute
Lärmen sie durch die Redoute.
Mit Musik und blauem Dunst
Herrscht a kreuzfidele Brunst.

Menschensehnsucht?, dick verdeckt?
Arme, in die Welt gereckt?
(... Mit dem Hin- und Herwärts-Neigen
Junger Körper gehn die Geigen ...)

- Ernst Blass

Lust (6) Lust ist das unvernünftige Frohgefühl über eine scheinbar begehrenswerte Sache; ihr untergeordnet sind Entzücken, Schadenfreude, Ergötzung, Zerstreuung. Entzücken ist die durch das Gehör bezaubernde Lust; Schadenfreude ist die Lust über das Unglück anderer; Ergötzung, gleichsam eine Wendung , ist eine Hinwendung der Seele nach der Abspannung hin; Zerstreuung ist eine Entspannung der Tugendstrenge.   - Stoiker, nach (diol)

Lust (7)  Allen unseren Handlungen liegt die Absicht zugrunde, weder Schmerz zu empfinden noch außer Fassung zu geraten. Haben wir es aber einmal dahin gebracht, dann glätten sich die Wogen; es legt sich jeder Seelensturm, denn der Mensch braucht sich dann nicht mehr umzusehen nach etwas, was ihm noch mangelt, braucht nicht mehr zu suchen nach etwas anderem, das dem Wohlbefinden seiner Seele und seines Körpers zur Vollendung verhilft. Denn der Lust sind wir dann benötigt, wenn wir das Fehlen der Lust schmerzlich empfinden; fühlen wir uns aber frei von Schmerz, so bedürfen wir der Lust nicht mehr. Eben darum ist die Lust, wie wir behaupten, Anfang und Ende des glückseligen Lebens. Denn sie ist, wie wir erkannten, unser erstes, angeborenes Gut, sie ist der Ausgangspunkt für alles Wählen und Meiden, und auf sie gehen wir zurück, indem diese Seelenregung uns zur Richtschnur dient für Beurteilung jeglichen Gutes. Und eben weil sie das erste und angeborene Gut ist, entscheiden wir uns nicht schlechtweg für jede Lust, sondern es gibt Fälle, wo wir auf viele Annehmlichkeiten verzichten, sofern sich weiterhin aus ihnen ein Übermaß von Unannehmlichkeiten ergibt, und anderseits geben wir vielen Schmerzen vor Annehmlichkeiten den Vorzug, wenn uns aus dem längeren Ertragen von Schmerzen um so größere Lust erwächst. Jede Lust nun ist, weil sie etwas von Natur uns Angemessenes ist, ein Gut, doch nicht jede auch ein Gegenstand unserer Wahl, wie auch jeder Schmerz ein Übel ist, ohne daß jeder unter allen Umständen zu meiden wäre. Nur durch genaue Vergleichung und durch Beachtung des Zuträglichen und Unzuträglichen kann alles dies beurteilt werden. Denn zu gewissen Zeiten erweist sich das Gute für uns als Übel und umgekehrt das Übel als ein Gut.  - Epikur, nach (diol)

Lust (8)

- Edvard Munch

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Akme  Abgewöhnen Erregung
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