eser  Der derzeitige Autor dieses Buches beteuert dem Leser, daß er, sollte er es zu Ende lesen, nicht zu sterben braucht, wie das mit seinem Vorgänger, dem Benutzer der Ausgabe des Chasarischen Wörterbuchs aus dem Jahre 1691, der Fall war, als dieses Buch noch seinen ersten Verfasser hatte.

Im Zusammenhang mit dieser Ausgabe sind hier ein paar Erklärungen angebracht; damit dies jedoch nicht zu langwierig gerät, schlägt der Lexikograph den Lesern einen Vergleich vor: Er wird sich, um diese Anmerkungen zu schreiben, vor dem Abendessen niedersetzen, der Leser hingegen möge sie nach der Mahlzeit zur Hand nehmen. So soll der Hunger den Autor antreiben, sich kurz zu fassen, während dem satten Leser die Einführung nicht allzulang erscheinen wird. - (pav)

Leser (2)

- N.N.

Leser (3) Vor ein paar Jahren unterzogen ein paar französische Kritiker das berühmteste Gedicht, das zu Ruhm und Ehre der Revolution verfaßt worden ist, einer genaueren Lektüre. Sie mußten feststellen, daß die Marseillaise, ein Werk von Rouget de Lisle, einige äußerst blutrünstige, um nicht zu sagen sadistische Zeilen enthält. Eine hitzige Debatte schloß sich dieser Entdeckung an. Konnte ein Lied, das zu Mord und Terrorismus aufrief, als Hymne der Grande Nation durchgehen? Wäre es nicht angebracht, den Text zu retuschieren und die peinlicheren Stellen umzuschreiben? Nach ein paar Wochen ließ man den Streit auf sich beruhen, vielleicht weil kaum jemand in Frankreich oder sonstwo beim Absingen der respektiven Nationalhymne über die erste Zeile hinauskommt. - Hans Magnus Enzensberger, Haßproduzenten. Eine Erinnerung. In FR 3, 1997

Leser (4) Ich befand mich allein in einem leeren Abteil des Zuges von Zürich nach Lugano. Unterwegs stieg eine ältere, einfach gekleidete Frau zu, die mich mit einem kurzen Kopfnicken begrüßte und mir gegenüber Platz nahm. Kaum hatte sie sich hingesetzt, so zog sie ein Buch aus ihrer Reisetasche und schlug es bei der Seite auf, die durch ein schmales Band gekennzeichnet war. Ich selbst hatte noch einige Zeitschriften durchzusehen und beachtete sie daher kaum, aber nach einiger Zeit wurde mein Blick von dem farbigen Umschlag des Buches angezogen, und ich stellte fest, daß es sich um die deutsche Ausgabe meines einige Jahre zuvor erschienenen Romans Brot und Wein handelte. Daraufhin legte ich Zeitschriften und Zeitungen beiseite und begann, neugierig geworden, die Frau zu beobachten.

Ihre Kleidung war bescheiden, sie war schlicht gekämmt und trug keinerlei Schmuck, wie es in der Schweiz auf dem Lande, besonders in den protestantischen Kantonen, noch üblich ist. Ihr Haar war grau, aber die Gesichtsfarbe frisch, ihre Züge waren fein und regelmäßig, der Ausdruck des Gesichtes intelligent, offen und sympathisch; in ihrer Jugend mußte sie sehr gut ausgesehen haben. Ich stellte sie mir etwa als eine pensionierte Lehrerin oder als die Frau eines Arztes vor. Sie machte den Eindruck eines starken, ausgeglichenen Menschen, dem schmerzliche Erfahrungen nicht erspart geblieben waren.

Unter dem Vorwand, einige Zeitschriften ins Gepäcknetz zu legen, stand ich auf, um zu sehen, an welcher Stelle des Romans sie angelangt war. Es war ein Kapitel, an das ich mich noch genau erinnerte, denn es hatte mich nicht wenig Mühe gekostet. Von diesem Augenblick an begleitete ich, scheinbar in eine Zeitung vertieft, in Gedanken Seite für Seite, fast möchte ich sagen Zeile für Zeile, die Lektüre der Unbekannten.

Ihr Gesicht war äußerlich unbewegt. Nur hin und wieder schloß sie die Augen, um nach kurzer Zeit weiter zu lesen. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl: ich saß einem unbekannten Menschen gegenüber, dem ich insgeheim eine lange Geschichte erzählte. Zum Glück war die betreffende Ausgabe des Romans nicht mit einem Photo des Autors versehen. Wenn die Frau mich erkannt hätte, wäre ich in einige Verlegenheit geraten, denn allmählich bemächtigte sich meiner ein seltsames Unbehagen. Die Seite, bei der die Leserin gerade angelangt war, befriedigte mich durchaus nicht, im Gegenteil, sie kam mir in diesem Augenblick geradezu töricht vor. Warum hatte ich sie geschrieben? Hätte ich voraussehen können, daß Menschen wie diese Frau mein Buch lesen würden, so dachte ich mir, dann hätte ich diese Seite zweifellos weggelassen, hätte noch etliche andere gestrichen und genauer über manche Ausdrücke nachgedacht. Vielleicht habe ich nie zuvor auf eine so unmittelbare und prägnante Weise das Privileg und die Verantwortung des Schriftstellerberufes empfunden, obwohl ähnliche Überlegungen mir nicht neu waren. Ich erinnerte mich an die Verlegenheit, in die mich ein Jahr zuvor der Brief eines italienischen Arbeiters versetzt hatte. Im Namen einer Gruppe italienischer Arbeitskameraden, die wie er in die Schweiz emigriert waren, bat er mich um Auskunft über einen bestimmten Satz meines Buches, über dessen Bedeutung sie sich nicht hätten einigen können. Und dabei hatte ich diesen Satz völlig gedankenlos hingeschrieben ...

Die Frau verließ den Zug vor mir, und während der restlichen Reise setzte ich meine Betrachtungen über die große Würde und Macht der Literatur fort und über die große Unwürdigkeit der meisten Schriftsteller, mich inbegriffen. - Ignazio Silone, Nachwort zu: Brot und Wein. Köln 1992 (zuerst 1936)

Leser (5) Die meisten Schriftsteller sind zugleich ihre Leser- indem sie schreiben - und daher entstehn in den Werken so viele Spuren des Lesers - so viele kritische Rücksichten - so manches, was dem Leser zukömmt und nicht dem Schriftsteller. Gedankenstriche - großgedruckte Worte - herausgehobne Stellen - alles dies  gehört in das Gebiet des Lesers. Der Leser sezt den Accent  willkührlich - er macht eigentlich aus einem Buche, was er will. (Schleg[els] Behandlung] Meisters.)

/Ist nicht jeder Leser ein Philolog?/

Es giebt kein allgemeingeltendes Lesen, im gewöhnlichen Sinn. \ Lesen ist eine freye Operation. Wie ich und was ich lesen soll, kann mir keiner vorschreiben.

/Soll nicht der Schriftsteller Philolog bis in die unendliche Potenz zugleich - oder gar nicht Philolog seyn? Der Letztere hat litterairische Unschuld/. - Novalis, Teplitzer Fragmente (1798)

Leser (6)  Ein Leser wird nie einen »Lieblingsautor« haben. - (bleist)

Leser (7) Wie sagt doch Novalis? »Es ist gewiß, daß eine Meinung sehr viel gewinnt, sobald ich weiß, daß jemand davon überzeugt ist, sie wahrhaft annimmt.« Und was ist ein Roman anders als die Überzeugung vom Vorhandensein unseres Mitmenschen; eine Überzeugung, stark genug, für ein imaginiertes Leben einzustehen, das verständlicher als die Wirklichkeit ist und dessen in ausgewählten Episoden zusammengetragene Wahrscheinlichkeit den Stolz der dokumentierten Historie beschämt? Die Vorsehung, die mein Manuskript vor den Stromschnellen des Kongo bewahrte, gab es auf hoher See einer hilfsbereiten Seele zur Kenntnis. Es wäre die denkbar größte Undankbarkeit meinerseits, wenn ich je das blasse, eingesunkene Gesicht und die tiefliegenden dunklen Augen dieses jungen Absolventen der Universität Cambridge vergäße (er machte die Reise nach Australien auf dem guten Schiff Torrens seiner Gesundheit wegen), welcher der erste Leser von ›Almayers Wahn‹ - mein erster Leser überhaupt wurde. »Würde es Sie sehr langweilen, ein von mir verfaßtes Manuskript zu lesen?« fragte ich ihn eines Abends impulsiv am Ende einer langen Unterhaltung, deren Gegenstand Gibbons Geschichtswerk gewesen war. Jacques (so hieß er) war während einer stürmischen Hundewache bei mir in der Kajüte geblieben, nachdem er mir aus seiner Reisebibliothek ein Buch gebracht hatte.

»Aber gar nicht«, sagte er in seinem höflichen Ton und lächelte dabei ein wenig. Als ich eine Schublade aufzog, verlieh die plötzlich geweckte Neugier seinem Gesicht einen wachsamen Ausdruck. Ich frage mich, was er wohl zu sehen erwartete. Vielleicht ein Gedicht. Das alles liegt aber jenseits aller Vermutung. Er war kein kalter, aber ein ruhiger Mensch, noch gedämpfter in seinem Gebaren durch seine Krankheit, im Umgang wortkarg, unaufdringlich und bescheiden, doch war in seinem Wesen etwas Ungewöhnliches, das ihn von den übrigen sechzig unbedeutenden Passagieren deutlich unterschied. In seinen Augen war ein gedankenvoller, nach innen gerichteter Ausdruck. Er fragte in seiner anziehenden, zurückhaltenden Weise mit der verschleierten, angenehmen Stimme: »Was ist das?«

»Es ist eine Art Erzählung«, erwiderte ich mühsam. »Sie ist nicht einmal fertig. Trotzdem möchte ich wissen, was Sie davon halten.« Er steckte das Manuskript in die Brusttasche seiner Jacke. Ich sehe noch genau die dünnen, gebräunten Finger, die es der Länge nach falteten. »Ich werde es morgen lesen«, sagte er dabei, packte die Türklinke, paßte im Schlingern des Schiffes den geeigneten Moment ab, öffnete die Tür und war verschwunden. Im Augenblick seines Abganges vernahm ich das langgezogene Jaulen des Windes, das Klatschen der Wellen, die über das Deck der Torrens wuschen, und das gedämpfte, wie entfernte Brüllen der aufgewühlten See. Ich hörte die wachsende Unruhe in der großen Bewegtheit des Ozeans und reagierte seemännisch mit dem Gedanken, daß um acht Uhr, also in spätestens einer halben Stunde, die Oberbramsegel weggenommen werden müßten.

Am Tage darauf, diesmal aber in der ersten Hundewache, betrat Jacques meine Kajüte. Um den Hals trug er einen dicken wollenen Schal und in der Hand das Manuskript. Er hielt es mir hin, sah mich dabei unverwandt an, sagte aber kein Wort. Ich nahm es schweigend entgegen. Er setzte sich aufs Sofa und sagte immer noch nichts. Ich öffnete und schloß eine Schublade meines Schreibtisches, auf dessen Platte das Wachbuch weit geöffnet in seinem Holzrahmen lag und darauf wartete, daß ich seine Angaben säuberlich in jene Art Buch übertrage, das zu schreiben ich gewöhnt war, das Logbuch des Schiffes. Ich kehrte dem Schreibtisch ostentativ den Rücken zu, doch auch jetzt sagte Jacques nichts. »Nun, was halten Sie davon?« fragte ich schließlich. »Lohnt es, das zu Ende zu schreiben?« Diese Frage drückte genau all das aus, was mir im Sinne lag.

»Unbedingt«, erwiderte er mit seiner gelassenen verschleierten Stimme und hustete ein wenig.

»Hat es Sie interessiert?« fragte ich weiter, beinahe flüsternd.
»Sehr!«

In der folgenden Pause paßte ich mich instinktiv dem heftigen Rollen des Schiffes an, während Jacques die Füße aufs Sofa legte. Der Vorhang vor meiner Koje schwang hin und her wie eine Punkah, die Schottlampe kreiste in ihrem Doppelring, und die Kajütentür erzitterte gelegentlich unter den Windstößen. Soweit ich mich erinnere, fanden diese stillen Riten der Auferstehung Almayers und Ninas etwa auf vierzig Grad südlicher Breite und auf dem Längengrad von Greenwich statt.

In dem fortdauernden Schweigen fiel mir ein, daß die Geschichte, soweit sie vorlag, eine Menge rückblickender Schilderung enthielt. Ist die Handlung verständlich? fragte ich mich, und es war, als werde der Erzähler bereits in den Leib des Seemannes hineingeboren. Doch hörte ich von Deck her die Signalpfeife des Wachoffiziers, und meine Aufmerksamkeit galt ganz dem Befehl, der auf den ankündigenden Pfiff folgen mußte. Er klang als gedämpfter, wilder Ruf an mein Ohr: »Rahen vierkant brassen!« ›Aha‹, dachte ich, ›da kommt ein Weststurm auf.‹ Dann wandte ich mich meinem allerersten Leser zu, der, ach, nicht lange genug leben sollte, um das Ende der Geschichte zu erfahren.

»Erlauben Sie mir noch eine Frage: ist Ihnen die Erzählung, so wie sie dasteht, verständlich?«
Er hob die dunklen, sanften Augen und schien überrascht. »Ja! Durchaus!«

Dies war alles, was ich von ihm über die Meriten von ›Almayers Wahn‹ vernehmen sollte. Wir unterhielten uns nie wieder über dieses Buch.  - Joseph Conrad. Über mich selbst. Einige Erinnerungen. Frankfurt am Main 1982 (Fischer Tb. 5725, zuerst 1912)

Leser (8) Manchmal neige ich zu der Überzeugung, daß die guten Leser noch geheimnisvollere und seltenere Vögel sind als die guten Autoren. Niemand wird mir bestreiten wollen, daß die Partien, die Valéry seinem Plusquamperfekt Edmond Teste zugeschrieben hat, ersichtlich weniger wert sind als die seiner Gattin und seiner Freunde.

Lesen ist jedenfalls eine Tätigkeit, die dem Schreiben den Vortritt läßt: sie ist entsagender, höflicher, intellektueller. - Jorge Luis Borges, Vorwort zu: Universalgeschichte der Niedertracht, nach (bo3)

Leser (9) Man muß wissen, daß dieser Junker alle Stunden wo er müßig war - und es waren dies die meisten des Jahres -, sich dem Lesen von Ritterbüchern hingab, mit so viel Neigung und Vergnügen, daß er fast ganz und gar die Übung der Jagd und selbst die Verwaltung seines Vermögens vergaß; und so weit ging darin seine Wißbegierde und törichte Leidenschaft, daß er viele Morgen Ackerfeld verkaufte, um Ritterbücher zum Lesen anzuschaffen; und so brachte er so viele ins Haus, als er ihrer nur bekommen konnte. Und von allen gefielen ihm keine so gut wie die von dem berühmten Feliciano de Silva verfaßten; denn die Klarheit seiner Prosa und die verwickelten Redensarten, die er anwendet, dünkten ihm wahre Kleinode; zumal wenn er ans Lesen jener Liebesreden und jener Briefe mit Herausforderungen kam, wo er an mancherlei Stellen geschrieben fand: Der Sinn des Widersinns, den Ihr meinen Sinnen antut, schwächt meinen Sinn dergestalt, daß ein richtiger Sinn darin liegt, wenn ich über Eure Schönheit Klage führe. Und ebenso, wenn er las: ... die hohen Himmel Eurer Göttlichkeit, die Euch in göttlicher Weise bei den Sternen festigen und Euch zur Verdienerin des Verdienstes machen, das Eure hohe Würde verdient. Durch solche Redensarten verlor der arme Ritter den Verstand und studierte sich ab, um sie zu begreifen und aus ihnen den Sinn herauszuklauben, den ihnen Aristoteles selbst nicht abgewonnen noch sie verstanden hätte, wenn er auch zu diesem alleinigen Zweck aus dem Grab gestiegen wäre. Er war nicht sonderlich einverstanden mit den Wunden, welche Don Belianís austeilte und empfing; denn er dachte sich, wie große Ärzte ihn auch gepflegt hätten, so könnte er doch nicht anders als das Gesicht und den ganzen Körper voll Narben und Wundenmale haben. Aber bei alldem lobte er an dessen Verfasser, daß er sein Buch mit dem Versprechen jenes unbeendbaren Abenteuers beendet; und oftmals kam ihm der Wunsch, die Feder zu ergreifen und dem Buch einen Schluß zu geben, buchstäblich so, wie es dort versprochen wird; und ohne Zweifel hätte er es getan, ja er wäre damit zustande gekommen, wenn andere größere und ununterbrochen ihn beschäftigende Ideen es ihm nicht verwehrt hätten.

Don Quichote

- Adolf Schroedter: Don Quijote im Lehnstuhl lesend. 1834. (Nach: Flyer FU Berlin 2006, Ausstellung 400 Jahre Don Quichote)

Vielmals hatte er mit dem Pfarrer seines Ortes - der war ein gelehrter Mann und hatte den Grad eines Lizentiaten zu Siguenza erlangt - Streit darüber, wer ein besserer Ritter gewesen, Palmerin von England oder Amadís von Gallien; aber Meister Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, sagte, es reiche keiner an den Sonnenritter, und wenn einer sich ihm vergleichen könne, so sei es Don Galaor, der Bruder des Amadís von Gallien, weil dessen Naturell sich mit allem zurechtfinde; er sei kein zimperlicher Rittersmann, auch nicht ein solcher Tränensack wie sein Bruder, und im Punkte der Tapferkeit stehe er nicht hinter ihm zurück.

Schließlich versenkte er sich so tief in seine Bücher, daß ihm die Nächte vom Zwielicht bis zum Zwielicht und die Tage von der Dämmerung bis zur Dämmerung über dem Lesen hingingen; und so, vom wenigen Schlafen und vom vielen Lesen, trocknete ihm das Hirn so aus, daß er zuletzt den Verstand verlor. Die Phantasie füllte sich ihm mit allem an, was er in den Büchern las, so mit Verzauberungen wie mit Kämpfen, Waffengängen, Herausforderungen, Wunden, süßem Gekose, Liebschaften, Seestürmen und unmöglichen Narreteien. Und so fest setzte es sich ihm in den Kopf, jener Wust hirnverrückter Erdichtungen, die er las, sei volle Wahrheit, daß es für ihn keine zweifellosere Geschichte auf Erden gab. Er pflegte zu sagen, der Cid Rui Diaz sei ein sehr tüchtiger Ritter gewesen, allein er könne nicht aufkommen gegen den Ritter vom flammenden Schwert, der mit einem einzigen Hieb zwei grimmige ungeheure Riesen mitten auseinandergehauen. Besser stand er sich mit Bernardo del Carpio, weil dieser in Roncesvalles den gefeiten Roldàn getötet, indem er sich den Kunstgriff des Herkules zunutze machte, als dieser den Antäus, den Sohn der Erde, in seinen Armen erstickte. Viel Gutes sagte er von dem Riesen Morgante, weil dieser, obschon von jenem Geschlechte der Riesen, die sämtlich hochfahrende Grobiane sind, allein unter ihnen leutselig und wohlgezogen gewesen. Doch vor allen stand er sich gut mit Rinald von Montalbán, und ganz besonders, wenn er ihn aus seiner Burg ausreiten und alle, auf die er stieß, berauben sah und wenn derselbe drüben über See jenes Götzenbild des Mohammed raubte, das ganz von Gold war, wie eine Geschichte besagt. Gern hätte er, um dem Verräter Ganelon ein Schock Fußtritte versetzen zu dürfen, seine Haushälterin hergegeben und sogar seine Nichte obendrein. - (don)

Leser (10)  Ich sah aus meinem Fenster, wie Babel das Redaktionsgebäude verließ und mit gekrümmtem Rücken auf der Schattenseite des Primorskij-Boulevards davonging. Er bewegte sich nur langsam, denn er hatte, kaum daß er draußen war, den Kipling-Band aufgeschlagen und las im Gehen. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, damit Vorüberkommende an ihm vorbei konnten, aber er hob kein einziges Mal den Kopf, um sie, wenn auch nur flüchtig, anzusehen. Die Vorüberkommenden umgingen ihn und sahen sich befremdet nach ihm um, aber niemand sagte auch nur ein Wort zu ihm. Bald danach verschwand er im Schatten der Platanen. - Konstantin Paustowskij, Die Zeit der großen Erwartungen, nach (babel)

Leser (11)

- Stanislaw Lem, Philosophie des Zufalls Bd. 2. Frankfurt am Main 1989 (zuerst 1968)

Leser (12)  Singleton, der seit seinem zwölften Jahr auf großen Segelschiffen zur See fuhr, der in den letzten fünfundvierzig Jahren (wie wir aus seinen Papieren festgestellt haben) keine vierzig Monate an Land gelebt hatte - der alte Singleton, der sich in der nachsichtigen Abgeklärtheit seines hohen Alters rühmte, er sei gewöhnlich vom Augenblick seiner Abmusterung an bis zu dem Tage, an dem er auf einem anderen Schiff wieder anmusterte, selten in der Verfassung gewesen, das Tageslicht wahrzunehmen - der alte Singleton saß ungerührt in dem lärmenden Stimmengewirr und arbeitete sich Buchstabe für Buchstabe mühsam durch Bulwer-Lyttons ›Pelham‹ hindurch. In tiefer Versunkenheit, wie im Trancezustand, las er völlig der Welt entrückt in seinem Buch. Er atmete regelmäßig, und jedesmal wenn er das Buch in seinen riesigen, teerigen Händen bewegte, sah man die Muskeln seiner kräftigen, weißen Arme unter der glatten Haut spielen. Halb verborgen unter dem weißen Schnurrbart bewegten sich seine Lippen in lautlosem Flüstern, wobei aus seinen Mundwinkeln Tabaksaft den langen Bart hinunterlief. Verschwommen blickten seine Augen unverwandt hinter den glitzernden, schwarzgeränderten Gläsern hervor. Ihm gegenüber, in gleicher Höhe mit seinem Gesicht, saß die Schiffskatze auf der Spilltrommel wie ein lauerndes Schreckgespenst und blinzelte ihren alten Freund aus grünen Augen an. Sie schien einen Sprung auf des alten Mannes Schoß zu planen. - Joseph Conrad, Der Nigger von der 'Narzissus'. Frankfurt am Main 1978 (zuerst 1897)

Leser (13)  Wir wollen die Phantasie durch ihre verschiedenen Grade bis zu dem begleiten, wo sie unter dem Namen Genie poetisch erschafft. Der kleinste ist, wo sie nur empfängt. Da es aber kein bloßes Empfangen ohne Erzeugen oder Erschaffen gibt; da jeder die poetische Schönheit nur chemisch und in Teilen bekommt, die er organisch zu einem Ganzen bilden muß, um sie anzuschauen: so hat jeder, der einmal sagte: das ist schön, wenn er auch im Gegenstande irrte, die phantastische Bildungkraft. Und wie könnte denn ein Genie nur einen Monat, geschweige jahrtausendelang von der ungleichartigen Menge erduldet oder gar erhoben werden ohne irgendeine ausgemachte Familienähnlichkeit mit ihr? Bei manchen Werken gehts den Menschen so, wie man von der Clavicula Salomonis erzählt: sie lesen darin zufällig, ohne im geringsten eine Geister-Erscheinung zu bezwecken, und plötzlich tritt der zornige Geist vor sie aus der Luft. - Jean Paul, Vorschule der Ästhetik. München 1974 (zuerst 1804 ff.)

Leser (14)  Den wesentlichen Teil meines Lebens habe ich als Leser verbracht. Damit meine ich nicht nur die Zeit, die ich den Büchern gewidmet habe, sondern vor allem deren Vorrang in meiner geistigen und physischen Existenz.

Seitdem ich lesen konnte, ist kaum ein Tag vergangen, in dem mich nicht ein Buch oder deren mehrere beschäftigten. Ich war ein schlechter Schüler, weil ich bis spät in die Nacht und manchmal bis zum Morgengrauen Bände verschlang, wie sie mir in die Hand fielen, seien es Schundromane oder klassische Werke, sogar solche, deren Inhalt ich nicht verstand. Das Lesen war für mich eine kultische Handlung, wie es als solche geehrt wurde, als es innerhalb der Völker nur kleine Eliten von Schriftkundigen gab. - Ernst Jünger, Siebzig verweht V. Stuttgart 1997, Notat vom 17. Dezember 1994

Leser (15)  

- Jacques Gamelin

Leser (16)  Nur für diejenigen schreiben, die weder auf Schmähungen noch auf Lob ansprechen; die sich durch den Tonfall, die Autorität, die Gewalt, überhaupt alles Äußerliche nicht bewegen nochbeeindrucken lassen.

Für den ›intelligenten‹ Leser schreiben. Für den, dem weder die Emphase noch der Ton Respekt einflößen.

Für ihn, der deinem Gedanken nachleben oder ihn zerstören, ihn verwerfen wird — für ihn, dem du die höchste Macht über ihn gibst; und der das Recht hat zu überspringen, vorüberzugehn, nicht fortzufahren; oder das Gegenteil zu denken, ungläubig zu sein, mit deinem Vorhaben nicht einig zu gehn.  - (pval)

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