esen  Man erwerbe das Nutzungsrecht an einem Wolkenkratzer, der genausoviel Stockwerke zählt wie der zu lesende Text Zeilen; auf jedem Stockwerk bringt man einen Leser unter, der ein Buch in der Hand hält; jedem Leser gebe man eine Zeile; nun beginnt der oberste Leser, von der Spitze des Gebäudes hinunterzustürzen,

und
während
er
nacheinander
an
den
verschiedenen
Fenstern
vorbeifällt,
liest
der
Leser
des
betreffenden
Stockwerks
mit
lauter
und
klarer
Stimme
die
ihm
anvertraute
Zeile.


- (man)

Lesen (2) Aus der Schülerbibliothek bekommt man ein Buch. In den unteren Klassen wird ausgeteilt. Nur hin und wieder wagt man einen Wunsch. Oft sieht man neidisch ersehnte Bücher in andere Hände gelangen. Endlich bekam man das seine. Für eine Woche war man gänzlich dem Treiben des Textes anheimgegeben, das mild und heimlich, dicht und unablässig, wie Schneeflocken einen umfing. Dahinein trat man mit grenzenlosem Vertrauen. Stille des Buches, die weiter und weiter lockte!
Dessen Inhalt war gar nicht so wichtig.

Denn die Lektüre fiel noch in die Zeit, da man selber Geschichten im Bett sich ausdachte.

Ihren halbverwehten Wegen spürt das Kind nach. Beim Lesen hält es sich die Ohren zu; sein Buch liegt auf dem viel zu hohen Tisch, und eine Hand liegt immer auf dem Blatt.

Ihm sind die Abenteuer des Helden noch im Wirbel der Lettern zu lesen wie Figur und Botschaft im Treiben der Flocken. Sein Atem steht in der Luft der Geschehnisse, und alle Figuren hauchen es an. Es ist viel näher unter die Gestalten gemischt als der Erwachsene.

Es ist unsäglich betroffen von dem Geschehen und den gewechselten Worten, und wenn es aufsteht, ist es über und über beschneit vom Gelesenen. - (ben)

Lesen (3)  Nach disem fürbild solt ihr euch weißlich wissen anzustellen, so werden ihr die süsse diser holdseligen Büchlein von innerlicher dicker fette, und mercklichem marckhafftem Schmär viler lehren gespicket, fülen und hoch zilen: Dieweil sie im anfüren und trib wol leichtschäfftig, aber im antrefen, nachtruck und vollführen, sich werden erweisen als hefftig unnd kräfftig. Derwegen erprecht das beyn fleissig durch genau sorgfeltiges lesen, unnd stätem unauffhörlichem nachsinnen, und sauget darauß dz substantzialisch wesenlich Marck, nit wie der erstbenant Hundsklemmer, die Gerberzullen für minckelend Schmär. Schlappert nit auff Chorherrisch die Wort in euch, wie der Hund die Sup, sonder kauet und widerkauet sie wie die Küh, distilliert sie durch neun balcken, so findet ihr die Bon, das ist, findet was ich durch diese Pitagorische unsimpele simbolen, unnd geheime losungen gesuchet hab: inn gewisser hoffnung dadurch euch gantz trucken auß dem bad außgezwagen und abgeriben heimzufertigen.   - (fisch)

Lesen (3)  SCHÜLERBIBLIOTHEK In einer Pause wurde das erledigt: man sammelte die Bücher ein und dann verteilte man sie neu an die Bewerber. Nicht immer war ich flink genug dabei. Oft sah ich dann ersehnte Bände dem zufallen, der sie nicht zu schätzen wußte. Wie anders war ihre Welt als die der Lesebücher, wo ich in einzelnen Geschichten Tage, ja Wochen im Quartiere liegen mußte wie in Kasernen, welche überm Tor, noch vor der Aufschrift, eine Nummer trugen. Noch schlimmer war es in den Kasematten der vaterländischen Gedichte wo jedwede Zeile eine Zelle war. Wie südlich, linde wehte aus den Büchern, die in der Pause ausgegeben wurden, die laue Schmökerluft mich an. Die Luft, in der der Stefansdom den Türken, die Wien belagerten, herüberwinkte, blauer Rauch sich aus den Pfeifen des Tabakskollegiums wölkte, die Flocken an der Beresina tanzten und fahler Schein Pompejis letzte Tage verkündete. Nur war sie meistens etwas abgestanden, wenn sie aus Oskar Höcker und W. O. von Horn, aus Julius Wolff und Georg Ebers uns entgegenschlug. Am muffigsten jedoch in jenen Bänden »Aus vaterländischer Vergangenheit«, die sich so massenhaft in Sexta angesammelt hatten, daß die Wahrscheinlichkeit, um sie herumzukommen und auf einen Band von Wörishöffer oder Dahn zu fallen, klein war. In ihren roten Leinendeckel war ein Hellebardenträger eingepreßt. Schmucke Fähnlein von Reisigen begegneten im Text, dazu ehrsame Handwerksburschen, blonde Töchter von Kastellanen oder Waffenschmieden, Vasallen, die ihrem Herrn den Treueid hielten; aber auch der falsche Truchseß, welcher Ränke spann und fahrende Gesellen, die im Sold des welschen Königs standen, fehlten nicht. Je weniger wir Kaufmannssöhne und Geheimratskinder uns unter all dem Knechts- und Herrenvolke etwas denken konnten, desto besser ging diese festgeschiente, hochgesinnte Welt in unsere Wohnung ein. Das Wappen überm Tor der Ritterburg fand ich im Ledersessel meines Vaters, der vor dem Schreibtisch thronte, Humpen wie sie die Runde an der Tafel Tillys machten, standen auf der Konsole unserer Kachelöfen oder dem Vertiko im Vestibül und Schemel, wie sie in den Mannschaftsstuben, frech über Eck gestellt, den Weg versperrten, standen auf unsern Aubüssons ganz ebenso, nur daß kein Prittwitzscher Dragoner rittlings draufsaß. In einem Falle aber glückte die Verschmelzung beider Welten nur allzugut. Das war im Zeichen eines Schmökers, dessen Titel gar nicht zum Inhalt paßte. Haften blieb mir nur der Teil, auf den ein Öldruck sich bezog, den ich mit nie vermindertem Entsetzen aufschlug. Ich floh und suchte dieses Bild zugleich; es ging mir damit wie später mit dem Bild im Robinson, das Freitag an der Stelle zeigt, an der er zum erstenmal die Spur von fremden Tritten und unweit Schädel und Gerippe findet. Doch wieviel dumpfer war das Grauen, das von der Frau im weißen Nachtgewande ausging, die mit offnen Augen doch wie schlafend und sich mit einem Kandelaber leuchtend durch eine Galerie hinwandelte. Die Frau war Kleptomanin. Und dies Wort, in dem ein bleckender und böser Vorklang die beiden schon so geisterhaften Silben »Ahnin« verzerrte wie Hokusai ein Totenantlitz durch ein paar Pinselstriche zum Gespenst macht — dies Wort versteinerte mich vor Entsetzen. Längst stand das Buch — es hieß »Aus eigener Kraft« — wieder im Klassenschrank der Sexta als der Flur, der vom berliner Zimmer in die hinteren führte, noch immer jene lange Galerie war, durch die die Schloßfrau nächtlich wandelte. Aber diese Bücher mochten gemütlich oder grauenhaft, langweilig oder spannend sein — nichts konnte ihren Zauber steigern oder mindern. Denn er war nicht auf ihren Inhalt angewiesen, lag vielmehr darin, immer wieder mich der einen Viertelstunde zu versichern, um derentwillen mir das ganze Elend des öden Schulbetriebs erträglich vorkam. Ich stimmte mich auf sie schon wenn ich abends das Buch in meine fertige Mappe steckte, welche von dieser Last nur leichter wurde. Das Dunkel, das es dort mit meinen Heften, Lehrbüchern, Federkästen teilte, paßte zu dem geheimnisvollen Vorgang, dem es am nächsten Vormittag entgegenharrte. Denn endlich war der Augenblick gekommen, der mich im gleichen Raume, der noch eben Schauplatz meiner Erniedrigung gewesen war, mit jener Fülle von Macht bekleidete, wie sie dem Faust zufällt, wenn Mephistopheles bei ihm erscheint. Was war der Lehrer, der das Podium nun verlassen hatte, um Bücher einzusammeln und am Klassenschrank dann wieder auszugeben, wenn nicht ein niedrer Teufel, der der Macht zu schaden sich entäußern mußte, um im Dienst meiner Gelüste seine Kunst zu zeigen. Und wie schlug jeder seiner schüchternen Versuche fehl, mit einem Hinweis meine Wahl zu lenken. Wie blieb er ganz und gar geprellt als armer Teufel bei seiner Fron zurück, wenn ich schon längst auf einem Zauberteppich unterwegs ins Zelt des letzten Mohikaners oder ins Lager Konradins von Staufen war.  - (ben2)

Lesen (4) Wer hat nicht schon im Lexikon, GOLDSCHMINKE nachschlagen wollend, erst einmal den Artikel über GOLDONI, dann den über GOLDREGEN gelesen, dort auf LABURNUM verwiesen, die Einrichtung von LABORATORIEN gestreift, Interesse an der Herstellung eines Chlorkalziumröhrchens gefaßt, das Glasblasen erlernt, dabei einen Wangenriß erlitten, pflasterbeklebt einem Clown geähnelt, nachgedacht, was zum Clown noch fehlte, dabei Blanc und Rouge aufgefunden und so den Gedanken zurückgewonnen, daß er ja GOLDSCHMINKE nachschlagen wollte — was er nun endgültig tat. - (oko)

Lesen (5) Kein Mensch kann zweitausend Bücher lesen. In den vier Jahrhunderten, die ich jetzt lebe, habe ich nicht mehr als ein halbes Dutzend bewältigt. Außerdem kommt es nicht auf das Lesen an, sondern auf das Wiederlesen. Der Buchdruck, der heute abgeschafft ist, war eins der schlimmsten Übel der Menschheit, denn er lief darauf hinaus, überflüssige Texte zu vervielfältigen, bis einem schwindlig wurde. - Jorge Luis Borges, Utopie eines müden Mannes. In: Spiegel und Maske. Erzählungen 1970 bis 1983. Frankfurt am Main 2000 (Fischer Tb. 10589)

Lesen (6) Aber lesen — möchten wir sagen — ist doch ein ganz bestimmter Vorgang! Lies eine Druckseite, dann kannst du's sehen; es geht da etwas Besonderes vor und etwas höchst Charakteristisches. — Nun, was geht denn vor, wenn ich den Druck lese? Ich sehe gedruckte Wörter und spreche Wörter aus. Aber das ist natürlich nicht alles; denn ich könnte gedruckte Wörter sehen und Wörter aussprechen, und es wäre doch nicht Lesen. Auch dann nicht, wenn die Wörter, die ich spreche, die sind, die man, zufolge einem bestehenden Alphabet, von jenen gedruckten ablesen soll. — Und wenn du sagst, das Lesen sei ein bestimmtes Erlebnis, so spielt es ja gar keine Rolle, ob du nach einer von Menschen allgemein anerkannten Regel des Alphabets liest, oder nicht. - Worin besteht also das Charakteristische am Erlebnis des Lesens? - Da möchte ich sagen: »Die Worte, die ich ausspreche, kommen in besonderer Weise.« Nämlich sie kommen nicht so, wie sie kämen, wenn ich sie z.B. ersänne. — Sie kommen von selbst. — Aber auch das ist nicht genug; denn es können mir ja Wortklänge einfallen, während ich auf die gedruckten Worte schaue, und ich habe damit diese doch nicht gelesen. — Da könnte ich noch sagen, daß mir die gesprochenen Wörter auch nicht so einfallen, als erinnerte mich, z. B., etwas an sie. Ich möchte z. B. nicht sagen: das Druckwort »nichts« erinnert mich immer an den Laut »nichts«. — Sondern die gesprochenen Wörter schlüpfen beim Lesen gleichsam herein. Ja, ich kann ein deutsches gedrucktes Wort gar nicht ansehen, ohne einen eigentümlichen Vorgang des Innern Hörens des Wortklangs. - (wit)

Lesen (7)  Marc Bernard: Erlauben Sie, Boris Vian, Ihnen in der Hitze des Gefechts einige Fragen zu stellen, mit allem Respekt, der Ihrem Ehrenamt gebührt, selbstverständlich. Es gibt einige pataphysische Werke, darunter Der Monolog des Angestellten, der auf dem Rücken liegend gelesen werden soll. Warum?

Boris Vian: Ja natürlich, weil nie jemand an die Menschen gedacht hat, die liegend lesen, und das ist äußerst peinlich. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass er friert. Sie sind gezwungen, beim Lesen beide Hände außerhalb des Bettes zu halten; der Monolog von Ferry kann liegend gelesen werden, eine Hand außerhalb, die andere unter der warmen Bettdecke und man kann mit der einen Hand abwechselnd umblättern, d.h. abwechselnd nimmt man die rechte und die linke Hand, was bedeutet, dass der Leser von Monolog selbst bei eisiger Kälte an den Händen nicht zu frieren braucht.
Ich erlaube mir, ein letztes Wort hinzuzufügen. Es ist nicht nötig, auf komplizierte Dinge zu warten, um die 'Pataphysik zu finden. Um Ihnen ein persönliches Beispiel zu geben: ich bin mit acht oder neun Jahren auf die 'Pataphysik gestoßen, als ich ein Stück von Robert de Flers und Caillavet las, das Das schöne Abenteuer hieß, das ist wirklich die letzte Stelle, wo sie man erwarten kann, wenn man nicht Pataphysiker ist; aber sie enthielt insbesondere die Replik aus dem Munde von Viktor Boucher, die ich Ihnen geben will, um diese Unterhaltung vorläufig zu beschließen. Ich glaube, dass sie jedermann sehr leicht und sehr schnell zur 'Pataphysik anregen kann. Das ist sie: Mit Fleiß denke ich gerne an Dinge, von denen ich denke, dass andere nicht an sie denken.  - Boris Vian

Lesen (8)

Lektüre des Albertus Magnus

 - Félicien Rops

Lesen (9)   Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt. Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art zu lesen. In einem Buch gibt's nichts zu verstehen, aber viel, dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann. - G. Deleuze und F. Guattari, nach: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Hg. Karlheinz Barck u.a. Leipzig 1991

Lesen (10)   Ich mag elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein, als ich in einem Vorort von Buenos Aires II tragico quotidiano (Das alltägliche Tragische) und II pilota cieco (Der blinde Flieger) in einer schlechten spanischen Übersetzung las. In diesem Alter genießt man die Lektüre, man genießt und urteilt nicht. Stevenson und Salgari, Eduardo Gutierrez und Tausendundeine Nacht sind Formen des Glücks, nicht Gegenstand der Beurteilung.  - Jorge Luis Borges, Vorwort zu Giovanni Papini, Der Spiegel auf der Flucht. Stuttgart 1984 (Die Bibliothek von Babel Bd. 19)

Lesen (11)    Da die unsinnliche Ähnlichkeit in alles Lesen hineinwirkt, so eröffnet sich in dieser tiefen Schicht der Zugang zu dem merkwürdigen Doppelsinn des Wortes Lesen als seiner profanen und auch magischen Bedeutung. Der Schüler liest das Abcbuch und der Astrolog die Zukunft in den Sternen. Im ersten Satze tritt das Lesen nicht in seine beiden Komponenten auseinander. Dagegen wohl im zweiten, der den Vorgang nach seinen beiden Schichten deutlich macht: der Astrolog liest den Gestirnstand von den Sternen arn Himmel ab; er liest zugleich aus ihm die Zukunft oder das Geschick heraus. - Walter Benjamin, Lehre vom Ähnlichen. In: Zur Aktualität W.B.s. Hg. Siegfried Unseld. Frankfurt am Main 1972

Lesen (12)  Etwas Schwieriges lesen um sich dem persönlichsten, geheimsten Innern zu öffnen.

Anders gesagt, die Maschine mit einem Brennstoff in Gang setzen, der von anderswo kommt. - Robert Pinget, Tintenkleckse. Monsieur Traums letztes Notizheft, Berlin 1997

Lesen (13)  Es ist uns nicht gegeben, beim Lesen alles aufzunehmen, was geschrieben steht. Unser Gedanke ist eifersüchtig auf jeden fremden Gedanken und verdunkelt sich in jedem Augenblick; es gibt in uns keinen Platz für zwei Gerüche zu gleicher Zeit. Jene im Zeichen der Heiligen Dreifaltigkeit, einem männlichen Zeichen, nehmen während der Lektüre die ungeraden Sätze auf, wir aber, im Zeichen der Zahl vier, einer weiblichen Zahl, nehmen beim Lesen nur die geraden Sätze unserer Bücher auf. Du und dein Bruder, ihr werdet aus demselben Buch nicht dieselben Sätze lesen, denn unsere Bücher bestehen nur in der Verknüpfung des männlichen mit dem weiblichen Zeichen. - (pav)

Lesen (14)   Das Kind ist ganz allein in der guten Stube, in welcher der Weihnachtsbaum steht. Es streut an der Seite des Tisches, wo seine Geschenke liegen, die für die Nacht übergeschlagene Decke zurück, nimmt das Buch heraus, setzt sich auf den Schaukelstuhl. Aber das ist noch nicht der richtige Leseplatz. Es wechselt hinüber zum Sessel, vor dem die Fußbank ist. Es kniet auf die Fußbank, legt das Buch auf das blaue Eiderdaunenkissen, das sich in den Sessel schmiegt, schlägt auf, liest.

Erst kommen die Verse vom Fischerknaben, vom Hirten und vom Alpenj äger. Die liest es noch nicht so genau. Die schaukeln schnell von Zeile zu Zeile und gehen sanft ein. Aber dann kommt Ruodi, der Fischer, aus der Hütte und beginnt:

»Mach hurtig, Jenni. Zieh die Naue ein.« Naue! Wie geheimnisvoll.

»Der graue Talvogt kommt, dumpf brüllt der Firn.« Das sind Sturmgeister. Sie brausen daher. Un was der Fischer ankündigt, bestätigt der Hirt:

»'s kommt Regen, Fährmann. Meine Schafe fressen mit Begierde Gras, und Wächter scharrt die Erde.«

Was tut da die Erde? Sie scharrt Wächter? Scharrt, weil sie sich fürchtet vor dem Sturm, vor all den bösen Wesen, dem Talvogt, dem Firn, dem Mythenstein mit seiner kriegerischen Haube, Wachtposten empor. Wächter scharrt die Erde!

Später, wenn man dann den »Teil« in der Schule »hat«, kommt heraus: die Naue ist ein Boot, der Mythenstein ist ein Berg. Und nicht die Erde scharrt Wächter, sondern der Hund, der Wächter heißt, scharrt die Erde. Ist auch ganz schön, aber eigentlich war es noch schöner, als man noch nicht verstand. . . als sie selbst, die Göttin, die Erde, scharrte — mitten im Weihnachtszimmer, durch dessen Tannen- und Marzipanduft ferner Sturm brauste, als noch die Zeit war, da man Mythen schuf rings um das schmal behütete Kinderreich, die Zeit, da in dem schönen Lied von der »Brigg dort auf den Wellen« zuletzt das verlorene Boot des Retters von einem Dämon ans Land getrieben wird. Kieloben heißt der Dämon! »Kieloben treibt das Boot zu Lande, und sicher fährt die Brigg vorbei.« Ja, da hockte man, von Geistern umgeben. Sie waren unheimlich, aber anhaben konnten sie einem doch nichts. Ein Ästhet war man, ein reiner Genießer, hatte eine angenehme Art mit Tod und Teufel zu verkehren . . .

Wie schön war die Zeit, als man noch las, ohne zu verstehen!   - Franz Hessel, Ermunterung zum Genuß. Berlin 1981

Lesen (15)   Sagt mir, meint ihr nicht, daß der Leser nur Teile assimiliert, und auch das nur teilweise? Er liest einen Teil oder ein Stückchen, und dann hört er auf, um nach einer Weile das nächste Stückchen zu lesen; und manchmal kommt es vor, daß er in der Mitte anfängt oder gar am Ende und so, vom Ende aus rückwärts, zum Anfang gelangt. Oft liest er ein paar Stücke und gibt auf - nicht einmal darum, weil es ihn etwa langweilt, sondern weil ihm etwas anderes einfiel. Und selbst, wenn er schließlich das Ganze gelesen hat, meint ihr, daß er es dann in seiner Ganzheit überblickt und die harmonischen Verhältnisse der einzelnen Teile zueinander erkennt, wenn ihn nicht ein Spezialist darauf hinweist? Dazu also müht sich jahrelang der Autor, schneidet zu, biegt hin, reißt ab, flickt, schwitzt und quält sich, damit ein Spezialist dem Leser sage, daß die Konstruktion gut ist? Doch gehen wir weiter, weiter auf das Terrain alltäglicher privater Erfahrung! Wird den Leser nicht vielleicht das Telephon oder eine Fliege gerade an der Stelle unterbrechen, wo alle einzelnen Teile in die Einheit einer dramatischen Lösung zusammenlaufen? Und was erst, wenn gerade in diesem Augenblick, sagen wir mal, sein Bruder ins Zimmer tritt und etwas sagt? Angesichts des Bruders, der Fliege oder des Telephons geht alles edle Mühen des Schriftstellers zum Teufel - pfui, ihr schlechten Fliegen, warum setzt ihr den Menschen zu, die schon die Schwänze verloren und nichts mehr haben, womit sie sich wehren können? Und nehmen wir dazu noch in Betracht, ob dieses euer Werk, euer einziges, einzigartiges und ausgearbeitetes Werk nicht nur ein Teil ist von dreißigtausend anderen, ebenso einzigartigen Werken, die grundsätzlicherweise Jahr für Jahr erscheinen? Ach, ihr entsetzlichen Teile! Darum also konstruieren wir das Ganze, damit ein Teilchen eines Teiles des Lesers ein Teilchen eines Teiles des Werkes in sich aufnehme — und auch das nur zum Teil?   - (fer)

Lesen (16)  Gut liest man nur aus einer ganz persönlichen Absicht heraus. Etwa um ein bestimmtes Können zu erlangen.

Oder weil man den Verfasser haßt.   - (pval)

Lesen (17)   Die meisten Schriftsteller sind zugleich ihre Leser- indem sie schreiben - und daher entstehn in den Werken so viele Spuren des Lesers - so viele kritische Rücksichten - so manches, was dem Leser zukömmt und nicht dem Schriftsteller. Gedankenstriche - großgedruckte Worte - herausgehobne Stellen - alles dies gehört in das Gebiet des Lesers. Der Leser sezt den Accent willkührlich - er macht eigentlich aus einem Buche, was er will. (Schlegfels Behandlung Meisters.)

/Ist nicht jeder Leser ein Philolog?/

Es giebt kein allgemeingeltendes Lesen, im gewöhnlichen Sinn. Lesen ist eine freye Operation. Wie ich und was ich lesen soll, kann mir keiner vorschreiben.

/Soll nicht der Schriftsteller Philolog bis in die unendliche Potenz zugleich - oder gar nicht Philolog seyn? Der Letztere hat litterairische Unschuld/.  - Novalis, Teplitzer Fragmente

Lesen (18)   Man wirft mir vor, daß ich nicht lese, aber es gibt auch ohne Lesen so viel zu sehen rings um mich und in mir. Was kümmert es mich, was ein anderer denkt, wenn ich selber denken kann, mag mein Denken auch so langsam wie ein Ochsenkarren sein. Wer liest, der läßt sich meist an seinem Lesen genügen; das enthebt ihn des Denkens und täuscht ihn über seine Trägheit hinweg. Er käme sich untätig vor, wenn er sich mit sich selbst begnügte, wenn er sich zu denken begnügte, und statt zu leben, liest er. Wenn ich nichts zu tun habe, setze ich mich vor meine Tür und betrachte alles, was ich sehe; ich horche auf alles, was ich höre; ich betaste die Dinge, wo andere sich mit der bloßen Berührung begnügen, und alles, was mich berührt, mag auch mich betasten, als wäre es eine Hand, die mich liebkost, und ich ein Hund, der sich auf den Rücken wirft und alle Viere von sich streckt; was ich atme, das schnaufe ich ein, und ich koste meinen eigenen Geschmack.   - Marcel Jouhandeau, Das Tagebuch des Friseurs. In: M. J., Chaminadour. Reinbek bei Hamburg 1964

Bewegung Handeln, menschliches
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VB
Wahrnehmung, überflüssige
Synonyme