unst    Es ist jetzt wohl die Zeit, Ihnen ein paar Prinzipien zur Kunst des Mordes an Hand zu geben, weniger für Ihre praktische Arbeit als zur Übung des kritischen Intellekts. Alten Weibern und der Masse der Zeitungsleser gefällt ja rein alles, vorausgesetzt, daß genügend Blut dabei fließt. Doch der denkende Mensch verlangt mehr. Lassen Sie mich daher bitte erstens vom personellen Objekt sprechen, das sich für die Zwecke des Mörders am besten eignet; zweitens von den lokalen Bedingungen; und drittens über die Abhängigkeit von zeitlichen und anderen, weniger wichtigen, Tatumständen.

Was die Person angeht, so halte ich es für evident, daß sie ein »guter Mensch« sein muß. Ist diese Forderung nicht erfüllt, dann besteht die Gefahr, daß das präsumtive Opfer selber Mordabsichten hat. Es kann zum Handgemenge Mörder gegen Mörder kommen. Das ist als Kuriosität ganz reizvoll, strenger ästhetischer Kritik hält es nicht stand. Ich will keine Namen nennen, aber ich könnte leicht mehrere Fälle aufzählen, wo in einer dunklen Allee jemand umgebracht wurde und hinterher der Tatverlauf sonnenklar zu sein schien. Bei genauerer Prüfung stellte sich dann heraus, daß die Ermordeten selber die Absicht gehabt hatten, ihre Mörder zu überfallen, auszurauben und, falls die physischen Kräfte es zulassen, auch noch umzubringen. Wo aber das geschieht, ja wo nur die Möglichkeit besteht, daß es geschehen könnte, dort sind wir mit den genuinen Ausdruckswerten der Kunst am Ende. Denn der finale Sinn des Mordes ist doch der gleiche wie in der Tragödie, die Aristoteles als die Kunst definiert, »das menschliche Herz durch Furcht und Mitleid zu läutern«. Vielleicht ist Furcht hier noch mit im Spiel. Allein, wie soll man Mitleid empfinden, wo ein Tiger den andern zerfleischt?

Ebenso klar scheint mir zu sein, daß das Mordopfer niemand sein darf, der im öffentlichen Leben steht. Ein Künstler mit Urteil würde zum Beispiel niemals daran gedacht haben, Abraham Newland 1 zu ermorden. Denn den Namen dieses Mannes las jeder Mensch in London so oft, daß er für das große Publikum ein abstrakter Begriff geworden war, wenn auch die wenigsten ihn jemals gesehen hatten. Ich entsinne mich, daß ich einmal gesprächsweise erwähnte, ich hätte in einem Caféhaus zusammen mit Abraham Newland gespeist, und werde nie die ungläubigen Blicke vergessen, die mir das eintrug. Es war, als hätte ich behauptet, Prester John sei mein Billardpartner, oder der Papst habe sich mit mir duelliert. Übrigens gehört der Papst gleichfalls in die Kategorie der zum Mordopfer gänzlich ungeeigneten Persönlichkeiten. Als Vater der Christenheit besitzt er die Tugend der Allgegenwart. Man hört beständig von ihm, sieht ihn allerdings so selten wie den Kuckuck, und die Vermutung liegt nahe, auch er sei darum bereits zu einer abstrakten Größe geworden. Etwas anderes freilich ist es, wenn eine Person im öffentlichen Leben steht und Parties gibt, bei denen »das letzte Raffinement der Saison« aufgeboten wird. In einem solchen Fall darf man überzeugt sein, es nicht mit einer abstrakten Größe zu tun zu haben, und der Ermordung einer Persönlichkeit dieser Kategorie stünde nichts im Wege. Allerdings wäre dann die Tat in die Klasse der Meuchelmorde einzuordnen, von denen ich bisher noch nicht gesprochen habe.

Drittens. Das auserwählte Opfer muß vollkommen gesund sein. Eine kranke Person um-zubringen, die dem Mörder keine Gegenwehr leisten kann, ist krasse Barbarei. Aus diesem Grunde sollte man sich niemals einen Schneider im Alter von über fünfundzwanzig Jahren aussuchen. Denn von diesem Alter an leiden die meisten unter ihnen schon an Störungen im Verdauungstrakt. Will man aber auf die Jagd in diesen Revieren nicht verzichten, dann sollte man nach alter Waidmannsregel wenigstens eine Potenz von neun, also achtzehn, siebenundzwanzig oder sechsunddreißig auf einmal zur Strecke bringen. Gerade hier, in dieser zarten Rücksicht auf das Befinden kranker Menschen, verrät sich wieder der durchgehende Effekt jeglicher Kunstausübung, daß sie nämlich veredelnd und verfeinernd wirkt. Die Welt da draußen, meine Herren, schreit nach Blut. Sie verlangt von einem Mord weiter nichts, als daß Blut in Strömen fließt. Sie will die grelle Schau. Das ist ihr genug. Aber der Kenner ist damit nicht zufrieden. Sein Geschmack ist anspruchsvoller. Hat er doch die veredelnde Wirkung seiner Kunst schon am eigenen Leibe erfahren, denn

»Ingenuas didicisse fideliter artes
Emollit mores, nec sinit esse feros.«

Ein philosophischer Parteigänger unserer Sache, bekannt für seine Menschenfreundlichkeit und Nächstenliebe, stellt das Postulat auf, der Ermordete müsse eine Schar hilfloser, unversorgter Kinder hinterlassen; das sei zur Steigerung des artistischen Effektes unerläßlich. Ich gebe gern zu, daß eine bestimmte letzte Perfektion auf diese Weise zu erzielen ist. Indessen, wo das vom Künstler gekürte Opfer moralisch und gesundheitlich sonst auf der Höhe ist, möchte ich dieser Einengung nicht das Wort reden. - Thomas de Quincey, Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet, nach (hum)

1   Abraham Newland, Chefkassierer der Bank von England, im Jahre 1807 gestorben, ist heute völlig vergessen. Zur Zeit jedoch, als dieses Buch entstand (1827), war von allen Namen in England der seine wohl der populärste, denn man las ihn auf allen großen und kleinen Banknoten, und ein Vierteljahrhundert hindurch (ganz besonders während der Französischen Revolution) war dieser Name das Garantiezeichen höchster Sicherheit im Papiergeldverkehr.

Kunst (2)  Es ergeben sich zwei Syllogismen:

Die Kunst blättert den Kitsch vom Leben.
Der Kitsch blättert das Leben von den Begriffen.
Und: Je abstrakter die Kunst wird, desto mehr wird sie Kunst.

Je abstrakter der Kitsch wird, desto mehr wird er Kitsch. Das sind zwei herrliche Syllogismen. Wer sie auflösen könnte!

Nach dem zweiten scheint es, daß Kitsch = Kunst ist.

Nach dem ersten aber ist Kitsch = Begriff — Leben.
Kunst= Leben — Kitsch = Leben — Begriff + Leben = zwei Leben — Begriff.
Nun ist aber, nach II, Leben == 3 X Kitsch und daher Kunst = 6 X Kitsch — Begriff.

Also was ist Kunst?

- (nach)

Kunst (3) Um auf Degas' allgemeinen Ansichten über Malerei  zu kommen, so behauptete er immer, daß die Kunst eigentlich eine Konvention sei, daß das Wort "Kunst" den Begriff des Künstlichen in sich schließe.

Um dagegen auszudrücken, daß die Kunst, wie abstrakt auch immer, es doch von Zeit zu Zeit nötig habe, auf unmittelbare Natureindrücke zurückzugreifen, hatte er sich die Sage von Antäus folgendermaßen zurechtgelegt:

Der besiegte Riese sei von Herakles nicht etwa kurzerhand erwürgt worden, vielmehr habe dieser seine Umklammerung gelockert und ihm zugerufen: "Komm wieder zu dir, Antäus!" und ihn auf dem Erdboden Fuß fassen lassen. Er sagte auch: "Die Malerei bietet nicht besondere Schwierigkeiten, solange man noch kein Wissender ist... Wenn man aber einmal weiß ... o! dann! . . . Dann ist es etwas anderes!"   - (deg)

Kunst (4)   «Was ist die Kunst?» hat Tolstoj gefragt. Es heißt, er habe kurz vor dem Wahnsinn gestanden.   Ich hingegen bin bei voller Vernunft. Was ist die Kunst? Ein Aufschönen, ein Täuschen - der Feind der Natur. Ich bin für das Natürliche ohne jede Aufschönung. Ich hasse die Kunst - das Wort und die Sache. - (leau)

Kunst (5)  Kunst hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Kunst ist kein Experiment. Es gibt keinen Fortschritt in der Kunst, ebensowenig wie es Fortschritt in der Sexualität gibt. Um es einfach zu sagen: Es gibt nur verschiedene Wege, sie auf die Beine zu stellen. - Man Ray, nach: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Hg. Karlheinz Barck u.a. Leipzig 1991

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