üssen  Nur für Jungen! Das stumme Spiel der Lippen. Auch die Unerfahrenen und die Schüchternen brauchen nicht zu verzweifeln. Unsere Zeitschrift hilft ihnen mit einer Schule der Kußarten. Jede schenkt den Liebenden neue und andere Wonnen.

1 Der Kuß der Verehrung: etwa so, wie der Frühlingswind die Weidenkätzchen umschmeichelt. Er wird abgeleitet von dem Kuß des Moses auf die Gesetztafeln.
2 Der Kuß des Versprechens: leicht und zärtlich auf beide Augen; erst auf das rechte, dann auf das linke. Verweile bei jedem Auge nur sekundenlang, und das Mädchen wird verstehen, daß du innerlich soeben ewige Treue gelobtest, wie es arabische Heerführer taten, wenn sie in den Krieg zogen.
3 Der Kuß der Zuneigung: Du stehst seitlich neben dem Mädchen und hältst ihren Kopf umfangen. Dabei küßt du sie mit einer streichelnden Bewegung kurz unter dem Haaransatz. Damit beweist du ihr, daß du ihr niemals in unziemlicher Weise nahe treten würdest.
4 Der Kuß der Stärke: Du ergreifst mit deiner rechten Hand den linken Oberarm des Mädchens, drückst ihn etwas nach vorn und umschließt mit deiner linken Hand ihren Unterarm. Dann ziehst du den Unterarm zart an dich, die Innenfläche nach oben gewendet, und küßt die Innenfläche eine Handbreit über dem Handgelenk. (Nicht ausrenken!) Auch dieser Kuß stammt von ins Feld ziehenden Kriegern.
5 Der Kuß der tausend Wünsche: Hier drückst du einen Kuß auf die Oberfläche des Oberarms, etwa eine Handbreit über dem Ellenbogen. Dieser Kuß drückt all die Wünsche aus, die ein Liebender an die Geliebte hat, Wünsche jedoch, die stets vom Respekt beherrscht werden.
6 Der Kuß der wahren Liebe: Er ist die Krone des Kusses. Er gilt jenem Menschen, den man wahrhaft liebt und mit dem man sich eine Verbindung fürs Leben wünscht. Du mußt deine leicht angefeuchteten etc.

Unzählige Gedichte sind dem Kuß gewidmet. Eines der schönsten stammt von Franz Grillparzer.

Du hast jetzt alles über den Kuß gelernt, und dein Verständnis für die Bewunderung dieser Königskrone der Liebe ist sicherlich groß genug, um sie zu teilen. Dazu gehört jedoch nicht nur das "Gewußt wie“, sondern auch das "Gewußt wo". Dieses "Gewußt wo" erfährst du im nächsten Heft. Tschüß.

Küssen 2. Aus einer erweiterten Kußschule

Küssen 1) mit Dezimalnumeration:

0.00 bis 4.99 Die bereits durchgenommenen Salon- und Anfängerküsse
5.00 Der Stirnprothesenkuß
5.10 Der Wimpernzupfkuß
5.20 Der Nasenlöcherkuß (unerkältet)
5.21 " "(erkältet)
5.40 Der Damenbartkuß (flachsblond)
5.48 " "(maulwurfbrünett)
5.49 " "(schwarz)
5.55Der Damenvollbartkuß
5.92Der Doppelkinnkuß
5.93 Der Dreifachkinnkuß
5.94 Der Vierfachkinnkuß
6.00 Der Rauchfangkehrerkuß
6.10 Der Drillbohrerkuß
6.20 Der Ferdinandkuß
6.70 Der Zwiebelkuß
6.80 Der Senfkuß (Estragon)
6.81 " "(Kremser)
6.93 Der Blattlauskuß
7.00 Der Achselhöhlenkuß (desodoriert)
7.01 " "(naturfrisch)
7.10 Der Armreifenknackkuß
7.39 Der Büstenhaltersuchkuß
7.54 Der Miedersprengkuß (Größe 4)
7.55 " "("5)
8.00 Der Schwimmhäutekuß
8.50 bis 8.59 Die Strumpfküsse
8.98 Der Oberschenkelkuß (straffes Fleisch)
8.99 " "(schlabbriges Fleisch)
9.30 Der Gesäßspaltenkuß
9.32 " "(mit Jasminparfum)
9.33 " "( Hagebuttenparfum)
9.40 Der Känguruhkuß
9.57 Der Strumpfbandgürtelkuß (besonnen)
9.58 " "(unbesonnen)
9.59 Der Keuschheitsgürtelkuß
9.68 Der Vorkuß zu 9.69

9.69 bis 9.96 Küsse, die lt. 169—196 des kaiserl. salischen Hofkußerlasses v. 1. 4. 1069 und §§ 269—296 der Neuen Bundeskußverordnung (NBKV) der Staatsanwaltschaft angezeigt werden müssen
9.97 Das Anknabbern
9.98 Die stückweise (partielle) Auffressung
9.99 Die vollständige (totale) Auffressung - (oko)

Küssen (2)
 
Wie Er wolle geküsset seyn.

NJrgends hin / als auff den Mund /
da sinckts in deß Hertzen grund.
Nicht zu frey / nicht zu gezwungen /
nicht mit gar zu fauler Zungen.

Nicht zu wenig nicht zu viel.
Beydes wird sonst Kinder-spiel.
Nicht zu laut / und nicht zu leise /
Bey der Maß‘ ist rechte weise.

Nicht zu nahe / nicht zu weit.
Diß macht Kummer / jenes Leid.
Nicht zu trucken / nicht zu feuchte /
wie Adonis Venus reichte.

Nicht zu harte / nicht zu weich.
Bald zugleich / bald nicht zugleich.
Nicht zu langsam / nicht zu schnelle.
Nicht ohn Unterscheid der Stelle.

Halb gebissen / halb gehaucht.
Halb die Lippen eingetaucht.
Nicht ohn Unterscheid der Zeiten.
Mehr alleine / denn bey Leuten.

Küsse nun ein Jedermann
wie er weiß / will / soll und kan.
Jch nur / und die Liebste wissen /
wie wir uns recht sollen küssen.

- Paul Fleming, nach: Lyrik des Barock I, Hg. Marian Szyrocki. rk 538, Reinbek bei Hamburg 1971

Küssen (3) Alles nur Süßholzgeraspel, um uns in eure Bubenlasterhaftigkeit hineinzuschwatzen! Pfui, der Kuß, der gar zarte Austausch! Er macht den Anfang, den rechten Anfang, mais oui, denn eigentlich ist er das Ganze schon, toute la lyre, und gleich das Schlimmste davon, denn Warum? Weil es die Haut ist, was euere Liebe im Sinn hat, des Körpers bloße Haut, und die Haut der Lippen ist allerdings zart, dahinter ist gleich das Blut, so zart ist sie, und daher das poetische Sichfinden der Lippenpaare — die wollen auch sonst überallhin in ihrer Zartheit, und worauf ihr aus seid, das ist, mit uns zu liegen nackt, Haut an Haut, und uns das absurde Vergnügen zu lehren, wie ein armer Mensch des anderen dunstige Oberfläche abkostet mit Lippen und Händen, ohne daß sie sich schämten der kläglichen Lächerlichkeit ihres Treibens und dabei bedächten, was ihnen gleich das Spiel verdürbe und was ich einmal als Verschen gelesen habe in einem geistlichen Buch:

»Der Mensch, wie schön er sei, wie schmuck und blank,
Ist innen doch Gekrös‘ nur und Gestank«.

 - Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Frankfurt am Main 1965 (Fischer-Tb. 639, zuerst 1954)

Küssen (4)  »Ist der Mund die Pforte des Herzens, der Quell der Rede und Uberzeugung, so entströmt ihm auch die Liebe, deren heilige Glut, verschmelzend in einer Doppelflamme, die Lippen besiegeln! Daher der Drang, was der Mund gesprochen, durch den Druck des Mundes zu bekräftigen; es gilt, Seele in Seele zu hauchen, wo der Ausdruck fehlt, reden nur die Lippen in keuscher Vermählung ... Alles Große und Erhabene personificiren wir im Bild des Kusses; die Sonne küßt das Meer, der Himmel im Lenz die Erde; der Meister drückt seinem Kunstwerke den Kuß der Vollendung auf.«

Wo das Damen-Conversationslexikon 1835 noch sprachlos stammelnd erglühte, spricht Meyer 1902 kalt vom »Aufdrücken der Lippen auf irgend einen Gegenstand«: »Gegen das hygienisch nicht unbedenkliche Küssenlassen der Kinder hat sich in neuerer Zeit eine Anti-Kußliga gegründet.« Für Brockhaus ist 1996 der Kuß verhaltensgeschichtlich «möglicherweise« nicht mehr als eine Erinnerung an die tierische Mund-zu-Mund-Fütterung.« - (lex)

Küssen (5)

VOLLMONDNACHT

Herrin, sag, was heißt das Flüstern?
Was bewegt dir leis die Lippen?
Lispelst immer vor dich hin,
Lieblicher als Weines Nippen!
Denkst du deinen Mundgeschwistern
Noch ein Pärchen herzuziehn?

"Ich will küssen! Küssen! sagt ich."

Schau! Im zweifelhaften Dunkel
Glühen blühend alle Zweige,
Nieder spielet Stern auf Stern;
Und smaragden durchs Gesträuche
Tausendfältiger Karfunkel;
Doch dein Geist ist allem fern.

"Ich will küssen! Küssen! sagt ich."

Dein Geliebter, fern, erprobet
Gleicherweis im Sauersüßen,
Fühlt ein unglücksel‘ges Glück.
Euch im Vollmond zu begrüßen,
Habt ihr heilig angelobet,
Dieses ist der Augenblick.

"Ich will küssen! Küssen! sag ich.“

- Goethe, West-östlicher Divan 

Küssen (6)  Sie kroch in meine wartenden Arme, strahlend, gelöst, und streichelte mich mit ihren zärtlichen, geheimnisvollen, unkeuschen, gleichgültigen Zwielichtaugen - wie das billigste aller billigen Hürchen! Denn die machen sie nach, diese Nymphchen - während wir stöhnen und sterben.

«Was hat mein Katz gegen das Schüssen?» stammelte ich in ihr Haar (keine Gewalt mehr über die Sprache).

«Wenn du's wissen willst», sagte sie, «du machst es falsch.»

«Zeig mir, wie man's michtig racht.»

«Alles zu seiner Zeit», gab die Urheberin meiner Buchstabenvertauschungen zurück. - (lo)

Küssen (7)

PROTHOE zur Oberpriesterin.
Was soll man nun der Rasenden erwidern? -

PENTHESILEA. Nun, werd ichs hören?

MEROE.                                    - O meine Königin,
Bringt es Erleichterung der Schmerzen dir,
In deiner Rache opfre, wen du willst.
Hier stehn wir all und bieten dir uns an.

PENTHESILEA. Gebt acht, sie sagen noch, daß ich es war.

DIE OBERPRIESTERIN schüchtern.
Wer sonst, du Unglückselige, als nur -?

PENTHESILEA. Du Höllenfürstin, im Gewand des Lichts,
Das wagst du mir -?

DIE OBERPRIESTERIN.            Diana ruf ich an!
Laß es die ganze Schar, die dich umsteht,
Bekräftigen! Dein Pfeil wars der ihn traf,
Und Himmel! war es nur dein Pfeil gewesen!
Doch, als er niedersank, warfst du dich noch,
In der Verwirrung deiner wilden Sinne,
Mit allen Hunden über ihn und schlugst -
O meine Lippe zittert auszusprechen,
Was du getan. Frag nicht! Komm, laß uns gehn.

PENTHESILEA. Das muß ich erst von meiner Prothoe hören.

PROTHOE. O meine Königin! Befrag mich nicht.

PENTHESILEA.Was! Ich? Ich hätt ihn -? Unter meinen Händen -?
Mit diesen kleinen Händen hätt ich ihn -?
Und dieser Mund hier, den die Liebe schwellt -?
Ach, zu ganz anderm Dienst gemacht, als ihn -!
Die hätten, lustig stets einander helfend,
Mund jetzt und Hand, und Hand und wieder Mund -?

PROTHOE. O Königin!

DIE OBERPMESTERIN. Ich rufe Wehe! dir.

PENTHESILEA. Nein, hört, davon nicht überzeugt ihr mich.
Und stünds mit Blitzen in die Nacht geschrieben,
Und rief es mir des Donners Stimme zu,
So rief ich doch noch beiden zu: ihr lügt!

MEROE. Laß ihn, wie Berge, diesen Glauben stehn;
Wir sind es nicht, die ihn erschüttern werden.

PENTHESILEA. - Wie kam es denn, daß er sich nicht gewehrt?

DIE OBERPRIESTERIN. Er liebte dich. Unseligste! Gefangen
Wollt er sich dir ergeben, darum naht' er!
Darum zum Kampfe fordert er dich auf!
Die Brust voll süßen Friedens kam er her,
Um dir zum Tempel Artemis' zu folgen.
Doch du -

PENTHESILEA. So, So -

DIE OBERPRIESTERIN.       Du trafst ihn -

PENTHESILEA.                                    Ich zerriß ihn.

PROTHOE. O meine Königin!

PENTHESILEA.                   Oder war es anders?

MEROE. Die Gräßliche!

PENTHESILEA.                  Küßt ich ihn tot?

DIE ERSTE PRIESTERIN.                              O Himmel!

PENTHESILEA. Nicht? Küßt ich nicht? Zerrissen wirklich? sprecht?

DIE OBERPRIESTERIN. Weh! Wehe! ruf ich dir. Verberge dich!
Laß fürder ewge Mitternacht dich decken!

PENTHESILEA. - So war es ein Versehen. Küsse, Bisse,
Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt,
Kann schon das eine für das andre greifen.

 - Heinrich von Kleist, Penthesilea

Küssen (8) Jack zeigte auf die Wand. »Schieb deine Ärmel hoch und mach die Beine breit.«

Perkins spuckte seinen Zahnstocher aus. »So verrückt sind Sie nicht.«

Johnny Stomp, Vachss, Teitlebaum - alle m Hörweite. Jack sagte: »Küß die Wand, Scheißkerl.«

Perkins lehnte sich über den Tisch und legte die Hände flach an die Wand. Jack schob ihm die Ärmel hoch - frische Einstichspuren - und leerte seine Taschen aus. Treffer - ein Spritzbesteck. Eine Menge Leute stand jetzt um sie herum, und Jack nutzte die Situation. »Die Einstiche und das Besteck sind gut für drei Jahre Staatsgefangnis. Sagen Sie mir, wer Ihnen die Spritze verkauft hat, und Sie können gehen.«

Deuce schwitzte Blut und Wasser. Jack wiederholte: »Wenn Sie hier vor Ihren Freunden singen, sind Sie frei.«

Perkins leckte sich die Lippen. »Barney Stinson. Er ist Krankenpfleger im Queen of Angels.«

Jack zog ihm mit einem schnellen Tritt die Beine weg.

Perkins landete mit dem Gesicht in den Aufschnittplatten. Der Tisch brach unter ihm zusammen. - James Ellroy, L.A. Confidential. Berlin 2006 (zuerst 2000)

Küssen (9)  Wenn du vom Schiff kommst, mußt du am frühen Morgen in Madrid den Berg hinuntergehen zum Puente de Toledo zum Matadero und dort auf dem nassen Pflaster stehen, wenn vom Manzanares ein Nebel herüberweht, und warten, bis kurz vor Tagesanbruch die alten Weiber kommen, um das Blut der geschlachteten Tiere zu trinken. Wenn solch ein altes Weib aus dem Matadero herauskommt, in die Mantilla gewickelt, und ihr Gesicht ist grau, und ihre Augen sind hohl, und auf ihrem Kinn und auf den Wangen sproßt der Altweiberbart aus der wächsernen Blässe ihres Gesichts, wie die weißlichen Keime aus einem Bohnensamen sprießen, nicht harte Stoppeln, sondern bleiche Keime in dem Tod ihres Gesichts, dann, Ingles, mußt du sie fest in deine Arme nehmen und sie an dich pressen und sie auf den Mund küssen, und dann wirst du wissen. - Ernest Hemingway, Wem die Stunde schlägt. Frankfurt am Main 1978 (zuerst 1940)

Küssen (10)   1801 verbrachte Jean Paul sechs Sommerwochen im »architektonischen Universum« Berlin. Er entdeckte die »herrliche Insel Pickelswerder« (Pichelswerder bei Spandau), verkehrte im Salon der Henriette Herz, Königin Luise schenkte ihm ein silbernes Tafelservice, die ihm zugedachte Domherrenstelle erhielt er freilich nicht. Dafür wurde er im Salon von Johann Daniel Sander in der Breiten Straße (Mitte) von Karoline Mayer geküßt, worauf er sich mit ihr verlobte, sie heiratete und nach Meiningen  ging. - Fred Oberhauser, Nicole Henneberg, Literarischer Führer Berlin. Frankfurt am Main 1998 (it 2177)

Küssen (11)   Der Wurm verließ die Augen und kroch zum halboffenen Mund. Darin verschwand er; doch sah man hin und wieder das Oberteil seines Rückens, woran zu erkennen war, daß er innen die Lippen entlangglitt, daß er das Zahnfleisch küßte. Bisweilen verhielt er und schmiegte sich an die weichen Schleimhäute, und dann geriet Lucrezia in höchste Erregung und krallte ihre Finger zusammen, als wolle sie ihn auffordern, so weiterzumachen. Das Tier ging wieder hinab, diesmal hinter den Ohren herum, wo es ein wenig verweilte; am Hals glitt es die drei Venusbänder entlang, die ihn stolz schmückten, umging das Schulterblatt, begab sich in die Achselhöhle und dann zum Busen. Mit seinem Köpfchen schien er die Empfindsamkeit der Brustspitzen zu erproben; irgend etwas in Lucrezias Benehmen bestimmte es dazu, die linke Brust zu bevorzugen. - Tommaso Landolfi, Das Meer der Schaben, nach (land)

Küssen (12)   Vielerlei sah und erlebte er in den Nächten seiner Agonie, alles grauenhaft absurde Dinge. Zuerst schien es wie eine ungeheuere Masse zu sein, die das ganze Zimmer füllte, welches trotz alledem eigentümlich leer war und sich in der tiefen Dunkelheit ringsum ebenso verdeutlichte, wie sich eine Leere in einer anderen Leere verdeutlichen kann, ähnlich gewissen Löchern in der Schwärze des kosmischen Raums; an ihr ein Gewimmel von Fortsetzungen oder Füßen oder Tentakeln, die sich schier unter der Macht eines okkulten Windes krümmten und wieder reckten. Dann verformte sich plötzlich diese negative Masse, diese Blase aus Leerheit zu etwas extrem Dünnem, Intensivem, Eindringlichem, das sich in tausend Rinnsale zerteilte, alles und jedes und ihn selber in der Art eines kapillaren Kreislaufes durchdrang. Oder es verbreitete sich im Zimmer ein dünner süßlich-fauliger Geruch, der unbegreifliche Bilder, nie gesehene Landschaften hervorrief. Oder es war nur ein Empfinden, eher einer flüchtigen Erinnerung ähnlich, das mit unbegreifbar erschreckender Wirkung sich selber vorwegzunehmen oder alles, jedes wahrscheinliche Erlebnis hinter sich zu lassen oder auch dem Unförmigen, gar Nichtexistenten die Stirn zu bieten schien. Und wieder unterdrücktes Lachen, eisiges reixen, leise Berührungen wie Schauder; und ein bitterer Geschmack, der doch nur durch die ganze Körperoberfläche wahrgenommen wurde.

Doch indessen waren die Stunden des Notars gezählt. In der letzten Nacht tat sich vor seinen Augen (denen des Körpers und denen der Seele) eine riesige umgekehrte Schlucht auf, ein graugetönter Abgrund, einer Gebärmutter oder einem Muschelgehäuse vergleichbar; stand über ihm und rief ihn aus der höchsten Höhe der Spirale. Seine ausgetrocknete und schuppig gewordene Haut bekam zugleich eine fahle Phosphoreszenz, die kein Zeichen von Leben, sondern von Auflösung war: die, aus welcher sich Irrlichter erheben. Er sah sich als Fisch der Tiefe, mattschimmernd im schwarzen Abgrund; und nun besaß er kein Blut mehr, statt dessen dies schwache Licht, das im nächsten Augenblick ebenfalls verlöschen würde; es war das Ende. Er gab sich hin; und vielleicht widerfuhr es ihm in jenem letzten Augenblick, als Lohn für seine Hingabe, derjenigen ins Gesicht zu schauen, die ihn aus dem Leben gesaugt hatte und ihm nun den allerletzten Kuß entriß.

Er war. Ende. Das unbekannte Wesen erhob sich von der leeren sterblichen Hülle und durchzog die Welt. - Tommaso Landolfi, Der Kuß, nach (land)

Küssen (13)  Unter uns Christen sind sehr viel Gatten und Liebhaber, die in keinem Sinne den Türken gleichen wollen, weil sie nämlich kein Vergnügen daran haben, den Schoß der Frauen zu betrachten; wie oben erwähnt, hat dieser ja nach ihrer Meinung keine Form; wir Christen im Gegenteil haben, sagen sie, große Befriedigung daran, ihn genau zu betrachten und sich an solchem Anblick zu laben. Man begnügt sich nicht allein mit dem Ansehn, sondern er bekommt auch Küsse, was viele Damen ihre Liebhaber lehrten und entdeckten; so antwortete einmal eine spanische Dame ihrem Liebhaber, der sie eines Tages grüßte und zu ihr sagte: »Bezo las manos y los pies, señora!« »Señor, en el medio esta la mejore stacion«; womit sie sagen wollte, er könne ihren Schoß ebensogut küssen wie ihre Füße und Hände. Manche Damen sagen, für ihre Gatten und Liebhaber sei dies ein großes und köstliches Vergnügen und sie würden darum noch feuriger. Dies hörte ich auch von einem sehr großen Fürsten, dem Sohn eines großen Königs von irgendwo, der eine sehr große Prinzessin zur Geliebten hatte. Niemals berührte er sie, ohne daß er sie da betrachtete und verschiedene Male küßte. Das erste Mal, als er es tat, geschah es auf das Zureden einer sehr vornehmen Dame, einer Favoritin des Königs; als sie eines Tages alle dreie beisammen waren und jener Fürst seiner Dame den Hof machte, fragte sie ihn, ob er denn noch niemals die schöne Partie gesehen habe, die er genösse. Er antwortete: »Nein.« »Dann habt Ihr noch nichts vollbracht«, sagte sie, »und wißt nicht, was Ihr liebt; Euer Vergnügen ist unvollständig. Ihr müßt es sehn!« Als er nun versuchen wollte und die Dame sich widerspenstig zeigte, kam die andre von hinten, packte sie und warf sie rückwärts aufs Bett und hielt sie so lange fest, bis der Prinz sie bequem betrachtet und nach Herzenslust geküßt hatte, so schön und artig fand er es. Daher fuhr er auch später damit fort.  - (brant)

Küssen (14)  Ich seufzte. Ich nahm den Revolver aus meiner Tasche, starrte auf die Sandbank, auf der Bobby und Myra lagen.

Ich zögerte, fragte mich, ob ich einen Felsbrocken auf sie werfen sollte. Damit sie eine Chance hätten, wissen Sie, wie bei der Jagd, wenn man ein Karnickel sieht.

Aber sie waren keine Kaninchen. Er jedenfalls nicht. Und wenn ich sie jetzt nicht erwischen würde, müßte ich sie später erledigen. Und für mich blieb keine Zeit mehr übrig. Dies war mein letzter Abend in Freiheit. Daher hob ich den Revolver und zielte.

Ich wartete eine Sekunde. Zwei oder drei Sekunden. Plötzlich wandte er den Kopf und küßte sie. Und dann, genau in dem Moment, drückte ich ab.

Ich glaube, sie starben glücklich.  - (thom)

Küssen (15)  Er gab ihr auf den Mund, in den Mund einen langen Kuß, einen außerordentlich langen Kuß, einen Kuß von zweieinhalb Kilometer Länge (die Küsse in der Eisenbahn werden nach Kilometern berechnet), einen Kuß, der sie betäubte. Ihre Augen verschleierten sich sehnsüchtig, und ihr Körper fühlte das Bedürfnis, sich gegen Luciano zu pressen.

Der gab ihr einen neuen sehr langen Kuß, währenddessen der Zug eine Brücke, zwei Weichen und einen Bahnhof passierte.

Susanna stöhnte.

Luciano hatte immer geglaubt, die Frauen ließen unter dem Küssen dieses Stöhnen nur aus guter Erziehung hören. Statt dessen sieht man, daß es ganz ernst gemeint ist.  - Pitigrilli, Betrüge mich gut. In: P., Betrüge mich gut. Reinbek bei Hamburg 1988 (rororo 12179, zuerst 1922)

Küssen (16)  

Die Vortrefflichkeit der Küsse

 1.

Nectar und zucker und safftiger zimmet /
Perlen-thau / honig und Jupiters safft /
Balsam / der über der kohlen-glut glimmet /
Aller gewächse versammlete krafft /
Schmecket / zu rechnen / mehr bitter / als süsse /
Gegen dem nectar der zuckernen küsse.
2.
Hyble wird gerne der blumichten brüste /
Rosen / narcissen und liljen verschmähn /
Wird er die freuden-geschwägerte lüste
Zweyer sich küssender seelen ansehn.
Da sich stets honig einsammlende bienen
Finden um ihre geküßte rubinen.
3.
Marmel und kisel und eiserne wercke /
Diamant und unzerbrüchlicher stein /
Stählerne / noch alabasterne stärcke /
Schliessen so feste / wie küsse / nichts ein.
Küsse verknüpffen mit nährenden flammen
Zwischen zwey lippen zwey herzen zusammen.
4.
Schätzt ihr nicht küssende küsse für winde /
Welche nicht über den lippen-pfad gehn?
Meynet ihr / münde beküssen nur münde?
Nimmermehr wirds euch die liebe gestehn.
Wisset / ihr eiß-kaltgesinnete / wisset /
Hier wird die küssende seele geküsset.
5.
Küsse bewurzeln sich schwerlich so feuchte;
Meynen die lippen / daß küssen nur rauch?
Lippen und mund zwar empfinden das feuchte /
Den mit der wärme verschwisterten hauch.
Aber die seele bekömmet das beste /
Von dem mit liebe beseeleten weste.
6.
Küsse sind schweigende reden der lippen /
Seuffzer der seelen und strahlen der gunst;
Welche von ihren corallenen klippen
Sämen ins herze die quelle der brunst;
Derer gebraucht sich der wütende schütze /
Daß er mit ihnen gemüther zerritze.
7.
O der unendlich-erquickenden schmerzen /
Wenn man die küsse mit seuffzern vermengt!
Bald die lieb-äugelnden sternen und kerzen
Auff die geküssten rosen versenckt /
Wenn sich gemüthe / gedancken und leben
Haben auff äuserste lippen begeben.
8.
Lachet ihr lippen / ihr pförtner des lachens /
Schöpffer der worte / du perlerner mund /
Schieß-platz der liebe / des feurigen drachens /
Köcher der pfeile / durch die man wird wund.
Höle / wo Cypripor wangen erröthet /
Herzen uns stiehlet / und seelen uns tödtet.
9.
Lippen / die scharlach und rosen bedecken /
Welche der marmel der wangen umflicht /
Rühret von purpurnem schaume der schnecken
Euere göttliche liebligkeit nicht?
Nein / nein / ihr habt euch in thränen und aschen /
Und in dem blute der buhler gewaschen.
10.
Erstlich zwar wolten die milchernen wangen
Geben an farbe dem munde nicht nach;
Aber seit purpur die milch hat umfangen /
Und das vor lauter- und schneerne dach
Ward von halbfarbichter röthe besämet /
Stehet die prahlende hoffart beschämet.
11.
Wo denn die blutige wärme der glieder
Selber der wagen der seelen soll seyn /
Auch sie sich nirgend nicht schöner läst nieder /
Als in der lippen beblümeten schein /
Kan man die seele gewisser nicht finden /
Als auff mit blute beseeleten münden.
12.
Prüfet man ferner der lippen ihr kosen /
Muß man gezwungen bekennen / man schau
Säugende bienen / und säugende rosen /
Winckende nelcken / und tränckenden thau;
Die wohl mit thaue die lippen beküssen /
Aber nach anderen dürsten auch müssen.
13.
Zwar in der augen gestirntem gerüste
Wird die uns martende liebe gezeugt.
In den bemilcheten liljen der brüste
Wird sie mit feuer und flammen gesäugt /
Biß sie mit reiffender saate wird gelbe /
Zwischen der schooß alabaster-gewölbe.

........

- Daniel Casper von Lohenstein

Küssen (17)   Wie ein Verklärter an eine Verklärte neigte er sich zurückgezogen an ihren heiligen Mund und nahm in einem leisen, andächtigen Kusse, in dem die schwebenden Seelen nur von ferne mit aufgeschlagenen Flügeln zitternd einander entgegenwehten, mit leiser Berührung von den zerflossenen weichen Lippen die Versiegelung ihrer reinen Liebe.  - Jean Paul, Hesperus

Küssen (18)   

Kuß

- Joel-Peter Witkin

Küssen (19)   

Küssen (20)  

Der Menschheit größter Hochgenuß
ist ohne Zweifel wohl der Kuß.
Er ist beliebt, er macht vergnügt,
ob man ihn gibt, ob man ihn kriegt.
Er kostet nichts, ist unverbindlich
und er vollzieht sich immer mündlich.
Hat man die Absicht, daß man küßt,
so muß man erst mit Macht und List
den Abstand zu verringern trachten
und dann mit Blicken zärtlich schmachten.
Die Blicke werden tief und tiefer,
es nähern sich die Unterkiefer.
Man pflegt dann mit geschloss'nen Augen
sich aneinander festzusaugen.
Jedoch nicht nur der Mund allein
braucht eines Kusses Ziel zu sein.
Man küßt die Wange und die Hände
und auch noch and're Gegenstände,
die ringsherum mit Vorbedacht
sämtlich am Körper angebracht.
Auch wie man küßt, das ist verschieden,
im Norden, Osten, Westen, Süden.
So mit Bedacht und mit Gefühl,
der eine heiß, der and're kühl.
Der eine haucht, der and're schmatzt,
als ob ein alter Reifen platzt.
Hingegen wiederum der Keusche
vermeidet jegliche Geräusche.
Der eine kurz, der and're länger,
den längsten nennt man Dauerbrenner.
Ein Kuß ist, wenn zwei Lippenlappen
in Liebe aufeinanderklappen
und dabei ein Geräusch entsteht,
als wenn die Kuh durch Matsche geht.

- Gerrit Engelke

Küssen (21)

- Pablo Picasso

Küssen (22)  Meine früheste Erinnerung ist, daß ich meine Kusine Madame Pison du Galland, die Frau des geistvollen Abgeordneten der verfassunggebenden Versammlung, in die Wange oder in die Stirn gebissen habe. Ich sehe sie noch vor mir, eine fünfundzwanzigjährige Frau, etwas füllig und stark geschminkt:. Offenbar hatte mir dieses Schminkrot in die Augen gestochen. Sie saß mitten auf der Wiese, dem sogenannten Glacis der Porte de Bonne, und ihre Wange war gerade auf gleicher Höhe wie ich.

»Gib mir einen Kuß, Henri«, sagte sie zu mir. Ich wollte nicht; da wurde sie böse, und ich biß fest zu. Ich weiß alles noch ganz genau, aber wahrscheinlich nur, weil man mit mir sofort arg ins Gericht ging und mir meine Schandtat in einem fort vorhielt.   - Stendhal, Das Leben des Henry Brulard. München 1956 (entst. 1835 ff.)

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